Infos

Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Wirtschaft.

September 2010
M D M D F S S
« Mai    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930  

Archiv der Kategorie Wirtschaft

Mann sein

Mann sein ist nicht leicht.

Beispiel: Klamotten. Ein Mann interessiert sich eigentlich nicht für Klamotten. Rein in den Laden, das Erstbeste gegriffen, raus aus dem Laden. So macht das der echte Mann.

Und da fängt es an. Das merkt man auch daran, dass ich, um die Verästelungen dieses Problems zu erläutern, gleich schon in den Konjunktiv wechseln muss. Das heißt: Schluss mit dem schnörkellosen Stakkato des rechten Mannes.

Es muss nämlich heißen: So würde es der echte Mann machen, wenn man ihn denn ließe. Das tut man aber nicht, denn Hemd, Hose, Jacke, ja, sogar - man glaubt es kaum - die Socken sind keineswegs nur Bekleidung, also Gegenstände zum Verhüllen unvorteilhafter Ausbuchtungen des Körpers, sondern sie sind Status-Symbole.

Diese aber sind erforderlich, wenn man seine Position in der Hierarchie finden und halten will. Das will der echte Mann.  Und so hat er ein Problem, eins zusätzlich. Ein echter Mann interessiert sich weniger für Herrenmode als seine Frau. Also muss er seine Frau zum Einkaufen mitnehmen. Das kostet wertvolle Lebenszeit. Zum Glück ist der echte Mann leidensfähig, wenn es ums Große und Ganze geht. Nur eine Frau weiß, was feine Qualität ist.

Doch damit ist das Problem noch längst nicht gelöst. Schließlich muss der echte Mann anderen echten Männern u. a. mit seinen Klamotten signalisieren, dass er zu recht seine Position innerhalb der Hierarchie besetzt. Wo kämen wir denn da hin, wenn ein Untergebener ein teureres Jackett trüge. Manche sind ja so schamlos. Also muss das Jackett jenseits seiner Preisklasse liegen. Versteht sich. Da muss ein Jackett her, dass sich die da unten nicht leisten können.

Nun sind aber auch die Tretminen in der Hierarchie unter dem echten Mann ihrerseits echte Männer, die von Klamotten nichts verstehen. Feines Tuch können die auch nicht von Zeltbahnen unterscheiden. Zwar gibt es Sekretärinnen, aber die halten sich zurück, solange sie nicht unter sich sind. Die Ehefrauen kann man aber nicht mitbringen. Also müssen die Klamotten des echten Mannes ihren Wert in einer Weise demonstrieren, die auch andere echte Männer verstehen.

Zu diesem Zweck wurden die Marken-Klamotten geschaffen. Sie sind noch deutlich teurer, als die Klamotte ohnehin wäre aufgrund ihrer Qualität - es lohnt sich aber, dieses zusätzliche Geld auszugeben. Das schafft nämlich Klarheit - und Klarheit liebt der echte Mann.

Dummerweise gibt es auch Fälschungen von Markenartikeln. Ob das Krokodil wohl echt ist? Ja, dem echten Mann schlägt Misstrauen entgegen - nicht nur in diesem Bereich. Es ist nicht leicht, ein echter Mann zu sein. Da hat es die echte Frau viel leichter, denn sie liebt ja die Zauberwelt der Mode. Als ausgleichende Gerechtigkeit werden ihrer modischen Phantasie Grenzen gesetzt, wenn sie selbst im Geschäftsleben steht. Doch der Ausgleich ist nur ein bescheidener, denn die echte Frau betrachtet die Business-Kleidung als Herausforderung ihrer Kreativität und Gewitzheit.

Da kann der echte Mann, dem außer der Marke nichts bleibt, natürlich nur staunen. Doch Neid ist nicht am Platze. Die modische Idiotie des Mannes erspart ihm viel Zeit, die für viel wichtigere Anliegen aufgewendet werden kann, zum Beispiel im Reich der Automobile. Doch davon, liebe Kinder, erzähle ich euch in der nächsten Märchenstunde.

Schöne Wirtschaft

Was nütze es denn, wenn Deutschland Export-Weltmeister sei, wird gefragt - und wenn es den kleinen Leuten im Lande dennoch immer schlechter gehe? Die Binnen-Nachfrage müsse angekurbelt werden. Die Leute müssten endlich wieder Geld in der Tasche haben, damit sie nicht jeden Pfennig umdrehen müssten. Immer mehr Menschen würden sich zu Geizkragen entwickeln und seien sogar stolz darauf. Die archaischen Leidenschaften der Steinzeit würden wieder durchbrechen. Die Menschen mutierten zu Schnäppchen-Jägern und Gebrauchtwaren-Sammlern. Das sei Gift für die Wirtschaft.

Ja, Kinder, was ist denn das für eine Wirtschaft, die nur dann richtig funktioniert, wenn die Leute ihre sauer verdienten Groschen für überflüssigen Kram herauswerfen, der u. U. sogar gesundheitsschädlich ist und die Umwelt belastet?

Unsinn, sagen die Strategen der staatstragenden Parteien. Wenn die Leute etwas kaufen wollen, dann können sie es auch gebrauchen - was sinnvoll sei, könnten die Konsumenten nur selber entscheiden, da dürfe sich der Staat nicht einmischen. Man müsse dem freien Markt nur seinen Lauf lassen, dann würde sich schon alles bestens entwickeln.

Bestens. Sicher. Fragt sich nur, für wen? Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf. Die Reichen werden immer reicher, die Armen im Vergleich dazu immer ärmer. O. K, sagst du, das ist in Ordnung so, denn die Eliten, die Leistungsträger müssen motiviert werden, nicht nachzulassen in ihrem edlen Bestreben, die Wirtschaft voranzubringen.

Klar. In die Mehrheit der kleinen Leute schaut in die Röhre. Die sind eben nicht Elite, waren es nie und werden es auch nie werden. Denn wer Elite ist, bestimmt die soziale Herkunft. Wenn Vater und Mutter Elite waren, dann sind die Sprößlinge auch Elite. Waren aber die Eltern kleine Leute, dann werden aus ihren Kindern ebenfalls kleine Leute. Da können sie sich abrackern wie sie wollen. Es gibt sicher Ausnahmen, doch die sind so selten wie Schnee im August.

Ach, machen wir uns nichts vor: Die Kluft zwischen Arm und Reich wuchs noch nie so schnell wie heute - und das sind die Nachwirkungen der Politik eines gewissen Schröder und eines gewissen Noname, der einmal Super-Minister war. Kurz: dafür ist die SPD verantwortlich, diese Arbeiterpartei aus Tradition. Die Arbeiter, die kleinen Leute, die SPD wählen, entscheiden sich völlig richtig, wenn sie die Eliten fördern wollen.

Die kurbeln die Wirtschaft an, und wenn für die kleinen Leute ein paar Brosamen abfallen, dann nicht vergessen… Kauft nutzloses Zeug, damit die Wirtschaft weiter brummt! Ihr braucht das ja, sonst würdet ihr es nicht kaufen, und damit ihr es auch weiterhin kaufen könnt, müsst ihr jede sauer verdiente Mark (ähh Euro) dafür herausschmeißen. Und natürlich Eliten wählen, sonst geht gar nichts.

Schöne Wirtschaft.

Wie effizient ist die Psychotherapie?

Die Gmünder Ersatzkasse (GEK) setzt sich in ihrem neuen GEK-Report mit dem Schwerpunkt “Psychotherapie” auseinander.

Zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2006 nahm die Zahl der ambulant Behandelten in der Psychotherapie um 61 Prozent zu. Dabei, …, zeigen die Daten der GEK für die ambulante Kurzzeitpsychotherapie keine deutlich nachweisbaren positiven Wirkungen”, heißt das nüchterne Fazit der empirischen Untersuchung, die von einem wissenschaftlichen Institut im Auftrag der GEK verwirklicht wurde.

Der Erlanger Diplom-Psychologe und Psychologische Psychotherapeut Dr. Rudolf Sponsel unterzieht diese Studie in seiner Web Site einer harschen Kritik. Gleichzeitig regte er in der Usenet-Newsgroup de.sci.psychologie (Message-ID firamn$cp0$1@news1.nefonline.de) eine Diskussion darüber an. Ich beteiligte mich mit folgendem Beitrag (Message-ID pan.2007.12.01.13.57.05.714781@ppsk.de) an dieser Auseinandersetzung:

Hallo Rudolf,

du schreibst: “Der Ansatz ‘positive Wirkungen’ über die Anzahl von
Arztkontakten zu messen ist vollkommen falsch…” Dem stimme ich
weitgehend zu, allenfalls störe ich mich an dem Begriff der “vollkommenen
Falschheit”.

Dennoch ist die Frage, wie effektiv Psychotherapien eigentlich sind,
natürlich legitim und, nicht nur angesichts der Kosten, auch notwendig.
Aus der bisherigen Psychotherapieforschung ergeben sich vier grundlegende
Einsichten, die durch eine Vielzahl von Studien erhärtet wurden:

1. Psychotherapie-Patienten geht es im Schnitt besser als
Vergleichsgruppen, die nicht behandelt wurden. Dieser Effekt ist
statistisch signifikant (Wampold, B. E. (2001). The Great Psychotherapy
Debate. Models, Methods, and Findings. Mahwah, N. J. & London, Lawrence
Erlbaum Ass, Pub.)

2. Die klinische Signifikanz dieser Verbesserungen ist jedoch nur
moderat. ‘Klinische Signifikanz’ ist ein Maß dafür, wie sehr sich die
behandelten Klienten von der jeweils relevanten Normal-Population (den
sog. Gesunden) unterscheiden (siehe z. B. Jacobson, N. (1995). The
overselling of therapy. Family Therapy Networker, 19, 41-41.).

3. Hinsichtlich des Therapieerfolgs spielen die eingesetzten Methoden (die
Therapieschulen) nur eine höchst untergeordnete Rolle, die aus
praktischer Sicht vernachlässigt werden kann (Wampold, a.a.O.).

4. Desgleichen haben die Therapieausbildungen der Therapeuten keinen
Einfluss auf den Therapieerfolg. Laientherapeuten sind nicht weniger
efffektiv, mitunter haben sie sogar den größeren Erfolg (Christensen, A.
& Jacobson, N. (1994). Who (or what) can do psychotherapy: The status and
challange of nonprofessional therapies. Psychological Science, 5, 8-14).

Man wird sich wohl damit abfinden müssen, dass die Erfolge der
Psychotherapie nur mittelmäßig, also alles andere als berauschend sind.
Angesichts dessen, was wir über psychische Störungen und über die
Psychologie der Veränderung (sie braucht Zeit) wissen, ist dies nicht
anders zu erwarten und wird sich auch durch eine “Verbesserung” der
Methoden nicht ändern, denn diese haben ja kaum Einfluss.

Deswegen das Kind mit dem Bade auszuschütten und ganz auf Psychotherapie
zu verzichten, wäre mit Sicherheit die falsche Lösung, denn ein
moderater Erfolg ist immerhin besser als gar keiner und kann im Extremfall
über Leben oder Tod entscheiden.

Unter dem gegebenen Bedingungen aber stellt sich selbstverständlich die
Frage der Kosteneffizienz. Könnte man den erreichbaren moderaten Erfolg
auch mit geringeren Kosten erreichen?

Punkt 4 meiner Aufzählung weist in die Richtung, in der eine sinnvolle
Antwort gefunden werden könnte. Sie lautet: Förderung der Selbsthilfe
und Senkung der völlig überzogenenen, aberwitzigen
Qualifikationsanforderungen für Psychotherapeuten.

Es ist nicht weiter erstaunlich, nachvollziehbar und verzeihlich, wenn
sich Psychotherapeuten mit Kassenzulassung an den Status Quo klammern.
Doch steter Tropfen höhlt den Stein. Wissenschaftliche Untersuchungen,
die auf unterschiedlich hohem Niveau die Unhaltbarkeit des gegenwärtigen
Zustandes enthüllen, werden das Kartenhaus der gegenwärtigen
Psychotherapie früher oder später zum Einsturz bringen.

Die Frage ist, was übrig bleibt. Wenn Psychotherapeuten aus
wirtschaftlichen Interessen weiter mauern und vor der Realität die Augen
verschließen, dann prophezeie ich einen Kahlschlag. Öffentlichkeit,
Politik und Kosten- bzw. Leistungsträger werden sich irregeführt fühlen
und eine radikale “Lösung” des leidigen Problems fordern bzw.
durchsetzen: Kahlschlag.

Eine andere Lösung bestünde darin, dass sich alle Verantwortlichen schon
jetzt zu Maßnahmen zur Steigerung der Kosteneffizienz durchringen.
Es sollte sich also die alte Einsicht durchsetzen, dass es das Klügste sei,
sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen, wenn man sie nicht aufhalten kann.

Mit dem Erstarken der Neuro-Wissenschaften ist der Psychotherapie ohnehin
eine neue Konkurrenz erwachsen, der man mit wohlgesetzten Argumenten
allein nicht begegnen kann. Auch wenn die Psychoanalyse, die alte Einsicht
beherzigend, sich als Neuro-Psychoanalyse an die Spitze der Bewegung zu
stellen versucht, sollte man dennoch nicht die Augen davor verschließen,
dass die “Logik” der Neuro-Wissenschaften den psychopharmakologischen
Ansatz begünstigt (und das hat die Pillenwirtschaft
forschungsförderungsmäßig wohl auch schon richtig erkannt).

Der Konkurrenzkampf zwischen Pille und Therapie (der im Bereich der
Psychosen und weitgehend auch der Depressionen schon verloren wurde) wird
eben nicht nur auf dem Schlachtfeld des Marketings ausgefochten, sondern
vielmehr auch auf dem der Kosteneffizienz.

Junge Menschen, die am Psychotherapeuten-Beruf interessiert sind, müssen
sich heute fragen, ob sie die Kosten der aufwändigen Ausbildung sowie der
beständigen Weiterbildungen jemals erwirtschaften können - zumal ja auch
damit zu rechnen ist, dass die Vergütung weiter sinkt (ebenso wie der
Glaube an die Effizienz der Psychotherapie bei Kostenträgern). Auch mit
diesem Hebel kann man das Angebot reduzieren und Kahlschlag-Politik
betreiben.

Mein Vorschlag:

Eine kostenneutrale Verbesserung der Situation aus Sicht der Kostenträger
und der Patienten könnte darin bestehen, die Personalkosten des
Psychotherapiesektors zu senken, um bei unveränderten Gesamtausgaben eine
größere Zahl von Psychotherapien zu finanzieren.

Ein halbjähriger Lehrgang für unbescholtene, umgängliche Menschen mit
mindestens Hauptschulabschluss und einer abgeschlossenen Berufsausbildung
könnte passable Psychotherapeuten hervorbringen, die hochdotierten
ärztlichen und nicht ganz so gut, aber doch immer noch recht ordentlich
bezahlten psychologischen Psychotherapeuten in nichts nachstehen würden.
Das Arbeitsamt könnte diese Lehrgänge, beispielsweise als
Umschulungsmaßnahme, bezahlen. Diese neue Klasse von Psychotherapeuten
hätte also weitaus weniger Vorleistungen zu erbringen und könnte und
würde daher auch wesentlich kostengünstiger arbeiten.

Im Grunde könnte man auf den Lehrgang sogar verzichten, weil
Psychotherapieausbildungen, wie wir aus der empirischen Forschung wissen,
ja hinsichtlich des Therapie-Erfolgs nichts bringen. Dennoch plädiere ich für diesen Kurs, der hohe Ansprüche stellen sollte, um die Spreu vom
Weizen zu trennen und die wirklich Motivierten auszuwählen.

Wie würden die Klienten darauf reagieren? Am Anfang gäbe es vielleicht
einige Verwirrung. Manche würden glauben, sie sollten nun mit einem
Billigangebot abgespeist werden. Andere, ja sogar eine wachsende Gruppe
von Hilfsbedürftigen geht schon heute zu Leistungsanbietern, die den von
mir beschriebenen Voraussetzungen entsprechen, die also als Heilpraktiker
oder als sonstige Psycho-Werkler ihren Lebensunterhalt bestreiten. Deren
Berufstätigkeit wurde damit auf eine solide Basis gestellt, so dass sie
in geringerem Maß als bisher sich gezwungen fühlen würden, mit
unseriösen Mitteln auf Kundenfang zu gehen. Entsprechende gesetzliche
Regelungen würden ihr Übriges tun.

Desweiteren wäre natürlich die Selbsthilfe zu fördern. Damit meine ich
nicht nur Selbsthilfegruppen, sondern jede Form der Selbsthilfe,
beispielsweise die Lektüre eines Psycho-Ratgebers. Wer statt eines
Besuchs beim Arzt oder Psychotherapeuten wegen eines psychischen Problems
eine Selbsthilfemaßnahme ergreift und den Erfolg durch einen Test
nachweist, bekommt einen Bonus. Der volkspädagogische Effekt einer
solchen Lösung kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden.

Eine Utopie? Natürlich. Angesichts der gegebenen Situation schon fast
eine Satire. Das Tragische besteht darin, dass die Fakten, aus denen sich
diese Satire herleitet, unumstößlich wahr sind. Sie wurden durch
Jahrzehnte intensiver Psychotherapieforschung erhärtet.

Gruß
Ulrich

Die Stachanow-Mutter

mixa_walter_bischof.jpgDer katholische Bischof Walter Mixa zog vom Leder: Der Absicht der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die Kleinstkinderbetreuung aufwändig auszubauen, degradiere die Frauen zu Gebämaschinen. Diese Politik sei „vorrangig darauf ausgerichtet, junge Frauen als Arbeitskräfte-Reserve für die Industrie zu rekrutieren“. Es ginge gar nicht um das Kindeswohl und um Familienförderung, sondern darum, die “Doppelverdiener-Familie” zum “ideologischen Fetisch” zu erheben.

Ursula von der Leyen selbst scheint jedoch der beste Beweis dafür zu sein, dass sich Kinder und Familie durchaus mit einer anspruchsvollen beruflichen Karriere der Mutter vereinbaren lassen. Straft ihr Beispiel den Bischof Lügen?
Überdies ist sie ja nicht die einzige Mutter, die Kinder und Karriere unter einen Hut gebracht hat. Widerlegen diese Frauen und ihr wohlgeratener Nachwuchs nicht Mixas Behauptung, die Politik der Bundesfamilienministerin sei schädlich für Kinder und Familien.

Nach Meinung von Experten kommt heute bereits ein Drittel der Kinder mit erheblichen Defiziten, vor allem im sprachlichen Bereich in die Schule. Wäre es da nicht sinnvoll, wenn die Erziehung dieser Kinder möglichst früh in professionelle Hände gelegt wird? Oder ist umgekehrt die dem Zeitgeist entsprechende Entwertung des Mutterseins mitverantwortlich für die durch mangelnde oder falsche Erziehung bedingten Defizite vieler Kinder?

Die Frage würde sich erübrigen, wenn zwischen der Zeit, die eine Mutter ihren Kindern widmet, um dem Erziehungsergebnis ein eindeutiger, quantitativer Zusammenhang bestünde. Für eine derartige Korrelation gibt es in der einschlägigen Forschung keinerlei Anzeichen. Frauen, die ihre Kinder wie eine Glucke intensiv behüten, pflegen und umsorgen, sind keineswegs die besseren Mütter als die jene angeblichen “Rabenmütter”, die auf der Karriereleiter aufsteigend sich nicht zwangsläufig über die Interessen ihrer Kinder hinwegsetzen müssen.

Was sind das für Frauen, die Kinder und Karriere miteinander vereinbaren können? Powerfrauen? Beweise für die natürliche Überlegenheit des weiblichen Geschlechts? Hilft diesen Frauen das neuerdings viel gerühmte weibliche Talent, viele Dinge zur gleichen Zeit tun zu können? Neuere Studien lassen allerdings Zweifel an diesem Talent aufkommen. Frauen z. B., die während des Telefonierens mit dem Handy in einem Fahrsimulator fahren, können immer noch ganz passabel das Fahrzeug lenken - allerdings nur auf dem Niveau von mittelschwer Betrunkenen.

Man kann dieses Experiment wohl sinngemäß auch auf die Kindererziehung übertragen. Wenn Frauen Karrieren und Erziehung gleichermaßen und synchron meistern, dann sind dafür wohl eher nicht irgend welche übernatürlich anmutenden Fähigkeiten verantwortlich. Um dieses Phänomen zu erklären, dürfte ein Beispiel aus der Geschichte hilfreich sein:

Alexei Grigorjewitsch Stachanow förderte am 31. August 1935 in einer Kohlegrube als Hauer im Donbass in einer Schicht 102 Tonnen Kohle. Er übertraf damit die gültige Arbeitsnorm um das 13fache. Stachanow wurde von der sowjetischen Propaganda zum Helden erklärt und anderen Arbeitern als Vorbild vorbehalten. Was die Propaganda allerdings verschwieg: Stachanow hatte sieben Zuarbeiter an seiner Seite.

Mit sieben Zuarbeiterinnen und Zuarbeitern an ihrer Seite kann eine Powersuperfrau selbstverständlich auch sieben und noch viel mehr supergut geratenen Prachtkindern den Weg ins Leben ebnen. Doch allein: Wer kann sich das leisten? Wer sich das nicht leisten kann, läuft Gefahr, dass die Karriere der Mutter Stück für Stück zu Lasten des Wohls der Kinder geht - oder umgekehrt. Da möge sich niemand etwas vormachen.

Nun könnte man auf die Idee kommen, dass dann staatlich finanzierte Krippen für Kleinstkinder doch auch weniger gut betuchten Müttern helfen würden, im Beruf den Anschluss nicht zu verlieren. Nun ja: Auch die Arbeiter in der Sowjetunion, die sich der Stachanow-Bewegung anschlossen, mussten feststellen, dass ihnen die Staat keineswegs die sieben Helferlein des Helden der Arbeit zur Seite stellte. Das ganze war eine Mogelpackung.

Und so steht zu erwarten, dass die massenhaften Kinderkrippen für die ganz Kleinen bestenfalls schlechter Ersatz für mütterliche Zuwendung und schlimmstenfalls Experimente zur Umkrempelung von gerade entstehenden Kinderseelen im Sinne der jeweils herrschenden Ideologien sein werden. Die solide mit Staatsknete unterfütterte “Jungenarbeit” z. B. zeigt, wo’s langgeht.

Holcaust-Leugnung als Gesellschaftsspiel

Nun brüllen sie wieder. Sie brüllen laut, lauter, am lautesten und sie sind braun, brauner, am braunsten. Sie reklamieren für sich, was sie als erstes abschaffen würden, wenn sie an die Macht kämen. Sie fordern: Freiheit für Zündel.
Der 67jährige Ernst Zündel wurde unlängst vom Landgericht Darmstadt zur Höchststrafe von fünf Jahren verurteilt, weil er auf seiner Homepage in 14 Fällen den Völkermord an den Juden systematisch geleugnet und durch antisemitische Hetze zum Hass gegen die jüdische Bevölkerung aufgestachelt habe.

Die Leugnung des Holocausts wird in Deutschland nicht durch die grundgesetzlich geschützte Meinungsfreiheit gedeckt, weil - so entschied das Bundesverfassungsgericht - die Holocaust-Leugnung

eine Tatsachenbehauptung sei, die nach ungezählten Augenzeugenberichten und Dokumenten, den Feststellungen der Gerichte in zahlreichen Strafverfahren und den Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft erwiesen unwahr sei (Az. 1 BvR 23/94, veröffentlicht in BVerfGE 90, 241).

Die Holocaust-Leugner behaupten natürlich, die Augenzeugen seien Lügner oder litten an “falschen Erinnerungen”, die Dokumente seien gefälscht, die Urteile der Gerichte Ausdruck von Siegerjustiz und die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft bestätigten nur die alte Weisheit, dass die Geschichtsschreibung immer die Geschichtsschreibung der Sieger sei.

Die Holocaust-Leugnung ist außer in der Bundesrepublik auch noch in einer Handvoll anderer Staaten eine Straftat, in der übrigen Welt jedoch nicht. Dies gibt den Holocaust-Leugnern Auftrieb: Es sei nicht plausibel, dass beispielsweise ein Däne straflos die Vergasung von Juden bezweifeln dürfe, ein Deutscher aber nicht.

Wer in einer kapitalistischen Massengesellschaft Produkte verkaufen oder politisch Einfluss gewinnen will, muss “auf Teufel komm raus” auf sich aufmerksam machen. Leider gelingt es zunehmend leichter mit Geschmacklosigkeiten und Monstrositäten, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Und auch das Volk findet offenbar Gefallen daran. Der weitverbreiteten Sensationsgier kann nichts pervers genug sein.  Und so liegt es nahe, mit der Holocaust-Leugnung zumindest zu kokettieren, wenn man mit anderen Mitteln das gewünschte Interesse nicht zu erregen vermag. Diese Koketterie ist beinahe zu einem Gesellschaftsspiel geworden. Manche gefallen sich bereits in Spekulationen darüber, wie weit man von den “sechs Millionen” (nach unten oder vielleicht auch nach oben) abweichen dürfe, ohne einen Prozess zu riskieren.

Und wer sich nicht zur Holocaust-Leugnung versteigen will, kann durch ein paar sorgfältig kalkulierte, abfällige Bemerkungen über Juden hart am Rande der Volksverhetzung vorbeischrammen und sich des Interesses der Medien sicher sein. Gern nimmt man echte oder angebliche Verfehlungen von Juden zum Anlass, um die entsprechenden Vorurteile zu bedienen. Man muss dann auch nicht lange warten, bis die zuständigen Interessengruppen mit der angemessenen Empörung das Medieninteresse weiter anheizen. Nicht nur die Koketterie mit Holocaust-Leugnung und antijüdischen Vorurteilen, sondern das damit unweigerlich verbundene öffentliche Gezerre und Gezeter hat einen widerwärtigen antisemitischen Touch.

Es fragt sich, ob die einschlägige deutsche Gesetzgebung tatsächlich einen Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus leistet oder eher das Gegenteil. Meines Wissens gibt es in Deutschland jedenfalls nicht weniger Antisemiten als in Staaten, in denen die Holocaust-Leugnung und andere antisemitische Volksverhetzungen nicht unter Strafe stehen. Sicher: Es gibt ein gewichtiges moralisches Argument: Andere Staaten haben ja auch keinen systematischen Massenmord an Juden betrieben. Das waren die Deutschen. Daher, so könnte man argumentieren, muss in Deutschland in jedem Fall verboten sein, was anderswo erlaubt sein mag.

Doch dieses Argument, so sympathisch es mir auch ist, hat meines Erachtens keinen juristischen Tiefgang. Gesetze müssen aus meiner Sicht an erster Stelle so sehr als möglich Bürger vor Unrecht schützen. Schützt das Verbot der Holocaust-Leugnung tatsächlich jüdische Mitbürger vor Unrecht? Oder gibt es notorischen Antisemiten vielmehr die willkommene Gelegenheit, ihresgleichen als Märtyrer, als Kämpfer für Meinungsfreiheit und wissenschaftliche Wahrheit zu stilisieren?

Heroinprogramme

Sie wurden mit sündhaft teuren Forschungsprogrammen evaluiert. Es kam heraus, was ohnehin schon bekannt war: Heroinprogramme funktionieren. Man kann mit ihnen Heroinsüchtigen, die auf Methodonprogramme nicht angemessen ansprechen, besser helfen als mit Methadonprogrammen. Wer hätte das gedacht?

Die Wissenschaft spricht also dafür, Heroinsüchtigen die Droge auf Krankenschein zu verschreiben. Vermutlich aber wird das Modellprojekt nach Abschluss des Modellprojekts keine Fortsetzung dieser Form der Hilfe geben. Die CDU/CSU-Fraktion ist dagegen. Deren drogenpolitische Sprecherin, Maria Eichhorn fürchtet nämlich eine “Enttabuisierung harter Drogen”, wenn das Betäubungsmittelgesetz entsprechend geändert und die Behandlung mit Heroin zugelassen würden. Der Hauptkritikpunkt sind aber die Kosten. Die Heroinprogramme seien viermal so teuer wie die Methadon-Substitution.

Hilf Himmel: Die Kosten! Als hätten jemals die Kosten eine Rolle gespielt. Da werden Unsummen in die sog. Abstinenztherapie für Drogenabhängige gepumpt, obwohl deren Ergebnisse mit “kläglich” noch beschönigend umschrieben würden. Die Strafverfolgung von Dealern und Süchtigen verursacht gigantische Kosten, ohne dass die Drogensucht so in den Griff zu bekommen wäre. Im Gegenteil: Die Kriminalisierung der Drogenabhängigen und die Drogenprohibition führen zur Beschaffungskriminalität, verschlechtern die gesundheitliche Situation der Betroffenen und verursachen somit zusätzliche, vermeidbare Kosten für das Gesundheitssystem.

Mit einem Federstrich, nämlich durch die Legalisierung aller Drogen könnte viel Geld für sinnvolle Maßnahmen gegen die Drogensucht gespart werden. Mit diesen Mitteln könnte man an den Ursachen ansetzen, statt, wie bisher, erfolglos an den Symptomen herumzupfuschen. Was wurde nicht gerätselt, wer oder was an der Drogensucht schuld sei: der Erziehungsstil der Eltern, sexueller Missbrauch, mangelnde Autorität der Lehrer, fehlende Lehrstellen, Kulturzerfall, Verlust der religiösen Orientierung oder die Gene, Geburtsschäden und was weiß ich nicht noch alles. Kaum eine gesellschaftliche Interessengruppe fühlte sich nicht berufen, mehr Geld für ihr Thema als Allheilmittel gegen die Drogensucht zu verkaufen.

Dabei ist längst bekannt, welche Kräfte die Drogensucht antreiben. Es sind - oft unbewusste, verdrängte, mental abgewehrte und kompensierte - Ängste und depressive Verstimmungen. Legalisierung wir also die Drogen, sparen wir dadurch viel, viel Geld und nehmen dieses Geld zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Ängste und depressive Verstimmungen schüren. Die Erfolge würden sich in kürzester Zeit zeigen. Gehen wir mit offenen Augen durch die trostlosen Wohngebiete an der Peripherie unserer Großstätte, gönnen wir uns ein paar Körnchen Phantasie und denken darüber nach, welche Wunder man mit ein bisschen Geld hier wirken könnte, indem man die Kids auf andere Gedanken bringt.

Mein Gott, wie blöd sind wir doch alle geworden durch die Antidrogen-Propaganda, die wir nun seit Jahrzehnten den Amerikanern nachbeten und durch die wir in beständig schlimmere Schwierigkeiten geraten. Lassen wir die Amerikaner ihre “Wars” doch alleine führen, auch den “War on Drugs”. Sorgen wir für menschenwürdige Lebensbedingungen, gewähren wir Chancen zum gesunden Aufwachsen, Lernen und Spaß Haben. So helfen wir den Kindern in unserem Lande am besten. Vielleicht ist ja der “War on Drugs” die beste Lösung für amerikanische Kinder; für unsere Kinder sicher nicht.

Komplexität

justicelady.gifPolitiker lassen das Privatleben missliebiger Kritiker ausforschen; Firmen bestechen Sachbearbeiter, um Aufträge an Land zu ziehen; politische Entscheidungen werden durch Parteispenden beeinflusst; Menschen werden mit peinlichen Enthüllungen oder gar dem Tod bedroht, um sie zum Schweigen zu bringen.

Es vergeht kaum ein Tag, an den die Medien nicht über Vorfälle dieser Art berichten. Stets ist die Empörung groß, die Strafen jedoch sind, sofern es überhaupt zu einer Verurteilung kommt, in vielen Fällen erstaunlich milde. Die Korruption wird als Krebsgeschwür unserer Gesellschaft bezeichnet, eine weltweit tätige Organisation “Transparency international“, die sich die Korruptionsbekämpfung auf die Fahnen geschrieben hat, genießt höchstes Ansehen, auch in den Chefetagen der Wirtschaft und Politik.

Dennoch gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass ein entscheidender Schlag gegen die Korruption gelingen könnte. Auch die politische und wirtschaftliche Erpressung wird offiziell geächtet, dessen ungeachtet jedoch höchst professionell praktiziert. Geheimdienste sind darauf spezialisiert, und jeder Machthaber hält sich ein paar Männer (oder Frauen) fürs Grobe, die diese Schmutzarbeit für ihn erledigen.

Zyniker behaupten, dass Soziologen, die moderne Gesellschaften erklären möchten, dazu im Grunde nur zwei Kategorien benötigen, nämlich Erpressung und Bestechung. Dies mag überspitzt sein, aber man kann wohl kaum ernsthaft daran zweifeln, dass sich moderne Gesellschaften dem Verständnis entziehen, wenn man auf diese Kategorien zu verzichten versucht. Man kommt daher ja auch nicht ohne die verpönten Verschwörungstheorien aus - dass diese verpönt sind, liegt zweifellos im Interesse aller Bestecher und Erpresser.

Wer wollte bestreiten, dass Erpressung und Bestechung höchst unerwünschte Folgen nach sich ziehen. Firmen mit teureren Angeboten erhalten zu Lasten der Steuerzahler Aufträge vom Staat, weil sie Politiker und Beamte gut geschmiert haben. Betriebsräte verraten die Kumpel, weil ihnen ihr Unternehmen allerlei Vergünstigungen gewährt hat. Journalisten schweigen über Verbrechen, weil sie um ihr Leben und das Wohlergehen ihrer Familien fürchten. Angesichts solcher Konsequenzen fragt man sich, Bestechung und Erpressung nicht mit aller Entschlossenheit bekämpft werden.

Moderne Industriegesellschaften leiden unter einem Übermaß an Komplexität. Die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Prozesse sind vielschichtig, vielfach verzweigt und undurchsichtig. Wer steuernd in diese Prozesse eingreifen will, muss Komplexität reduzieren. Maßnahmen, die sich den Spielregeln der Demokratie und den Gesetzen des Rechtsstaats unterwerfen, sind häufig jedoch nicht in der Lage, Komplexität zu reduzieren - im Gegenteil. Durch sie wird alles noch komplizierter.

Durch Erpressung und Bestechung werden die Dinge, für jene, auf die es ankommt, schlagartig überschaubar. Der Sachbearbeiter muss nicht die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Angebote abwägen; er erteilt den Auftrag jenen, die am besten schmieren. Der Journalist muss nicht mehr prüfen, ob der Korruptionsverdacht gegen einen Politiker zutrifft; er orientiert sich an der Meinung seines Verlegers und behält den Job.

Bestechung und Erpressung sind also die vorherrschenden Mechanismen der Reduktion von Komplexität in modernen Industriegesellschaften. Wer Entscheidungen beeinflussen will und muss, kann offenbar nicht auf sie verzichten. Dies könnte er nur, wenn ein anderer Mechanismus der Komplexitätsreduktion stark genug wäre, nämlich das Vertrauen - das Vertrauen darauf, dass Erpresser und Bestecher mit hoher Wahrscheinlichkeit bestraft werden und dass die Gesetzestreuen und die Demokraten sich allgemeiner Wertschätzung erfreuen.

Letzteres wäre natürlich zu wünschen, aber es spricht einiges dafür, dass dieses Wunschdenken an der Realität scheitert. Erpressen und bestechen können nämlich jene am besten, die bereits Macht und Geld besitzen. Je mehr Geld und Macht sie haben, desto erfolgreicher können sie erpressen und bestechen. Wer sich an den Reichen und Mächtigen orientiert, wird daher geneigt sein, Erpressung und Bestechung zwar nicht für legal, wohl aber für legitim, für durch Erfolg legitimiert zu halten.

Und so sind Erpressung und Bestechung zu einem Teil unserer Wirklichkeit geworden, den man hinnimmt wie ein naturgesetzliches Geschehen.

Liberal-sozialer Nationalkapitalismus

Schon als Kind war ich Sozialist im Herzen. War es nicht ungerecht, wenn manche hundertmal mehr verdienen als andere, ohne hundertmal mehr zu leisten? Sobald das Denken in mir erwachte, wurde ich Anhänger der freien Marktwirtschaft, auch wenn ich dies mir selbst und anderen ungern eingestand. Die Marktwirtschaft ist eine feine Sache, in Reinform. Viele mehr oder weniger kleine Wirtschaftseinheiten konkurrieren miteinander um die Gunst der Kunden und wer den Bedarf der Konsumenten am besten befriedigt, hat die Nase vorn. Das ist doch wirklich ideal, eine tagtägliche Demokratie, die freie Wahl zwischen Waren und Dienstleistungen.

Die Sache hat leider einen Haken, weil die Großen die Kleinen fressen. Ein Wesensmerkmal jeder Marktwirtschaft ist ein beständiges Auf und Ab - und manche bleiben, warum auch immer, auf der Strecke. Dies führt unweigerlich dazu, dass überall da, wo der Markt dies zulässt, Oligopole entstehen. Nur noch eine Handvoll potenter Firmen teilen sich den Markt auf.

Dagegen ist auf den ersten Blick nichts einzuwenden. Schaut man aber genauer hin, dann stellt man fest, dass diese Oligopolisten den freien Markt zu ihren Gunsten aushebeln - und damit geht auch der Vorteil dieser Wirtschaftsform für den Kunden verloren. Es müssen nicht immer direkte, verbotene Preisabsprachen sein (obwohl es diese natürlich auch gibt); es genügt, wenn sich die kleine Zahl der Oligopolisten in einer Branche preispolitisch am Marktführer orientiert. Dann können alle Oligopolisten einen Monopolpreis für ihre Produkte realisieren, der über dem Preis liegt, der sich einpendeln würde, wenn die freie Konkurrenz nicht außer Kraft gesetzt worden wäre.

Die Oligopole realisieren also einen - nicht selten satten - Monopolprofit, obwohl de jure kein Monopol existiert. Und so werden die Oligopole reicher und reicher - so reich, dass sie sich mühelos ganze Armeen von Wirtschaftsprofessoren, ja sogar ausgewachsene Regierungen kaufen könnten, wenn sie nicht zu moralisch für diesen demokratiefeindlichen Missbrauch ihrer Macht wären (was in einen Blog mit dem Titel “Blaue Augen” natürlich vorausgesetzt werden muss.)

Schon als junger Mann war ich mit dem Herzen Sozialist, mit dem Verstand aber Liberaler. Lange Zeit hielt ich beide Positionen für unvereinbar und fühlte mich innerlich zerrissen. Inzwischen aber habe ich entdeckt, dass dieser Widerspruch in Wirklichkeit gar nicht existiert. Nur in ideologisch verkleisterten Gehirnen erscheint widersprüchlich, was sich in der Realität wundersam ergänzt. Die Lösung besteht darin, die Oligopole nicht etwa abzuschaffen, sondern zu verstaatlichen. Sie würden weiterarbeiten wie bisher, sie würden quasimonopolistische Gewinne erwirtschaften wie bisher, aber sie würden geführt von Managern, die auf der Gehaltsliste des Volkes stehen (und marktfähige Gehälter erhielten).

Der Staat würde die Monopolgewinne einstreichen und könnte mit ihnen, nach der Methode des früher hochgelobten, in neoliberalen Zeiten aber beinahe verpönten Keynes Staatsaufträge zur Ankurbelung der Wirtschaft finanzieren. Da es keine privaten Oligopole mehr gäbe, die querschießen könnten, wäre dann endlich auch eine effiziente Wirtschaftspolitik des Staates möglich.

chavez.jpgNun höre ich schon: “Ja aber das Ausland, ja aber die Amerikaner…”. Klar, ihr Ja-Aber-Leute, nur Politiker mit Mut zu einer handfesten nationalen Politik könnten diesen Plan verwirklichen, keine Frage. Deutschland braucht einen Chávez. Deutschland braucht eine Kombination aus Sozialismus, Liberalismus und Nationalismus.

Spiritualität

Was ist eigentlich Spiritualität? Es hat den Anschein, dass “Spiritualität” heute überwiegend als Ersatzbegriff für “Religion” verwendet wird. Dieser Ersatzbegriff wurde von religiösen Marketing-Experten populär gemacht. Aus gutem Grund: Es ist ja nicht zu übersehen, dass Religion bei einigen wesentlichen Zielgruppen des Heiligen Geschäfts ein sehr schlechtes Image hat:

  • Der christliche Glaube steht z. B. für Konservativismus und mehr oder weniger gut kaschierte Frauenfeindlichkeit.
  • Der Islam ist mit fundamentalistischem Terrorismus und religiöser Intoleranz verbunden.
  • Der jüdische Glaube löst bei Nicht-Juden häufig unbewusste antisemitische Reflexe und infolge dessen meist bewusstes Unbehagen aus.
  • Sogar der zart gewirkte, friedliche Buddhismus wird von einigen Kritikern mit okkulten, destruktiven Praktiken in Verbindung gebracht.

Kurzum: Religion gehört in der Erfahrungswelt vieler Menschen zur geistigen Realität mächtiger Männer und trägt daher die Mitverantwortung für deren Untaten. Religion bedeutet organisierter Glaube: Bürokratie, Geld und Macht. Demgegenüber denkt man beim Begriff der Spiritualität eher nicht an Kirchen und weltliche Machtgefüge, an das höchst fehlbare “Bodenpersonal”, sondern an höhere Mächte, verborgene Kräfte und an der Verkörperungen auf Erden: entrückte Mystiker.

Selbstverständlich schreckt der Begriff der “Religion” die hartgesottenen, meist schon in früher Kindheit religiös abgerichteten Gläubigen nicht. Doch deren Zahl wird immer kleiner. Das religiöse Marketing muss sich heute auch für jene Zielgruppen etwas einfallen lassen, die den kirchlichen Traditionen entfremdet sind.
Spirituelle Angebote unterbreiten längst nicht mehr nur jene Newcomer im religiösen Business, die Hirne mit Räucherstäbchen, sondern auch jene, die sie mit dem althergebrachten Weirauchschwenker umnebeln.
Weil auch die Kirchen immer häufiger den Begriff der “Spiritualität” verwenden, wird er natürlich früher oder später verbraucht sein. Er wird dann als gleichbedeutend mit “Religion” erfahren. Man darf gespannt sein, welches neue Substitut sich die Marketing-Experten einfallen lassen. Es wird ja bereits mit einigen Kandidaten experimentiert: Achtsamkeit zählt dazu.

Peak Oil

“Peak Oil” bezeichnet das Maximum der Erdölproduktion. Der Begriff kann sich auf eine einzelne Ölquelle beziehen, auf ein Land oder auf den gesamten Erdball. Experten sind sich einig, das global Peak Oil vor dem Jahr 2020 erreicht werden wird - also schon bald. Peak Oil steht unmittelbar bevor. Die Weltwirtschaft hängt vom Erdöl ab. “Peak Oil” bedeutet also den unausweichlichen Beginn einer weltweiten Energiekrise. Die Politik und die Kriege des Imperiums versteht man besser, wenn man an “Peak Oil” denkt.

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser, der einer breiteren Öffentlichkeit durch seine Enthüllungen über das NATO-Terrornetzwerk “Gladio / Stay Behind“ bekannt wurde, hat eine Organisation gegründet, die sich der Erforschung von “Peak Oil” widmet: ASPO - Association for the Study of Peak Oil. Eine lesenswerte Lektüre.

PS: Es regt durchaus die politische Phantasie an, sich gleichzeitig mit Gladio und Peak Oil zu befassen - darum setze ich hier die Links zu beiden Themen.