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14.12.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Nein, sicher nicht!
Dies ist der erste Gedanke, der einem halbwegs aufgeklärten Menschen aus dem alten Europa durch den Kopf schießt. Nein, das ist billigste Verschwörungstheorie, mit den üblichen braunen Rändern, die schnell in hirnrissige UFO-Gläubigkeit oder kriminell widerlichen Antisemitismus ausufert.
Der zweite Gedanke, der den halbwegs aufgeklärten Alteuropäer beschleicht, weist in eine andere Richtung. Gab es da nicht diese “Propaganda Due”, jene freimaurerische Geheimorganisation, die während des Kalten Kriegs die italienische Politik steuerte? Hatte diese Loge nicht beste Kontakte zur CIA, die durch klingende Münze orchestriert wurde? Gab es nicht Verbindungen zur ultrageheimen Partisanen-Organisation “Gladio”, die der NATO unterstand und deren operative Geschäfte von der CIA und anderen westlichen Geheimdiensten (einschließlich BND) geführt wurden? Plante die Propaganda Due nicht gar einen Staatsstreich, um die Demokratie in Italien abzuschaffen?
Natürlich! Der dritte Gedanke des halbwegs aufgeklärten Alteuropäers schließt sich nahtlos an. Natürlich, das sind Fakten. Und Fakten, nicht Ideologien oder andere Vorurteile sollten unser Denken bestimmen. Die Propaganda Due gab es wirklich, Gladio gab es wirklich. Schlimm genug. Doch das waren Betriebsunfälle der Demokratie, die durch die Hysterie und Paranoia des Kalten Krieges zu erklären sind.
Dann atmet der halbwegs aufgeklärte Alteuropäer erst einmal durch, um dann seinen vierten Gedanken zu zelebrieren. Die dummen Amis, denkt er, sind ja so furchtbar ungebildet und blasen jede Halbwahrheit schnell zu einer ausgewachsenen Verschwörungstheorie auf. Wir halbwegs aufgeklärten Alteuropäer sollten uns auf unsere Kultur des Denkens besinnen. Haben uns nicht die alten Griechen die Logik geschenkt - dieses unschätzbar wertvolle Instrument, mit dem wir erkennen können, welche Schlüsse aus vorhandenen Fakten zulässig sind und welche nicht?
In aller Regel lehnt sich der halbwegs aufgeklärte Alteuropäer nun in seinen Sessel zurück und verbirgt seinen Kopf hinter einem Nachrichtenmagazin oder einer Zeitung für die gebildeten Stände. Es gibt allerdings auch den einen oder anderen Desperado unter den halbwegs gebildeten Alteuropäern, dessen Atem nach vier aufeinander folgenden Gedanken noch nicht erschöpft ist. Er fragt sich,welchen Erklärungswert die Vokabeln “Hysterie”, “Paranoia” und “Kalter Krieg” denn eigentlich besitzen.
Sind das die Fakten, aus denen die logisch zulässigen Schlüsse gezogen wurden, so dass kein anderes Urteil legitim erscheint als jenes, dass die große Illuminaten-Verschwörung eine haltlose Theorie sei? Oder handelt es sich hier nur um Impressionen, um Wertungen auf schwammiger Fakten-Basis?
Wir leben in einer Demokratie. Die Bürger dürfen regelmäßig zur Wahl gehen und die politischen Geschicke ihres Landes in die Hände von Menschen legen, denen sie vertrauen oder denen sie zumindest die damit verbundenen, erforderlichen Leistungen zutrauen. In einer Demokratie, freilich, sind Verschwörer ein Störfaktor, der mit polizeilichen und juristischen Mitteln zu bekämpfen ist - und wenn Verschwörer dennoch zu einigem Einfluss gelangen, dann handelt es sich um einen Betriebsunfall.
Das ist die eine Seite. Die andere Seite besteht darin, dass der Reichtum in den Demokratien höchst ungleich verteilt ist. Einer kleinen Zahl von Menschen mit gigantischem Vermögen steht die überwiegende Mehrheit des Volkes gegenüber. Einigen geht es recht gut, viele Leben in bescheidenen Wohlstand, doch eine steigende Zahl von Menschen hat kaum das Nötigste zum Leben.
Allerdings: Geld, wir wissen es, ist Macht. Viel Geld ist viel Macht. Gigantische Vermögen bedeuten gigantische Macht. Werden die Menschen mit gigantischer Macht tatsächlich die Geschicke ihres Landes vertrauensvoll in die Hände jener Politiker legen, die von der Mehrheit der Habenichtse gewählt wurden? Oder werden sie versuchen, ihre gigantische Macht zu nutzen, um die politischen Verhältnisse in ihrem Lande in ihrem Sinne zu beeinflussen - unabhängig davon, was die Mehrheit will oder nicht will?
Ich zweifele keine Sekunde daran, dass die Mehrheit der Superreichen echte Demokraten sind. Auch für sie hat die Demokratie reale Vorteile - solange das Volk sich als Souverän wähnt und dennoch den Reichtum der Superreichen nicht antastet. Es wäre also höchst unklug, die gigantische Macht zu nutzen, um offen in die politischen Verhältnisse einzugreifen. Das Volk ist ja nicht dumm, o nein; so plump will es nicht betrogen werden. Da müssen sich die Superreichen schon etwas Intelligenteres einfallen lassen.
Gut, das es die Illuminaten gibt. Gäbe es sie nicht, könnte man auf den Gedanken kommen, es wären die Superreichen selbst, die sich verschworen haben. Aber nein, Gott bewahre, man möge doch die netten Leutchen in ihren schlichten Häuschen am Hang zufrieden lassen. Die sind doch so bescheiden, dass wir sie kaum zu Gesicht bekommen. Wer verirrt sich schon einmal in den Ghettos der Superreichen?
Die Illuminaten sind für die Verschwörung zuständig. Und die kommen von einem anderen Stern oder sie stammen aus dem braunen Phantasiereich der Antisemiten. Nachdem der durchschnittliche, halbwegs aufgeklärte Alteuropäer nach dem vierten Gedanken selig in seinem Sessel einschlummerte, ist nun auch der Desperado des Gebetsmühlengeklappers seiner anarchischen Gedanken überdrüssig und macht die Klappe dicht.
Klar, sagt er sich, es gibt Netzwerke hinter den Kulissen, Geheimgesellschaften, Illuminaten. Die sind so geheim, dass wir uns kein klares Bild von ihnen machen können. Ein klares Bild brauchen wir aber auch nicht, weil wir - wie einst Louis Renault in “Casablanca” - die üblichen Verdächtigen verhaften können.
Doch wäre dieser Schluss wirklich die letzte Weisheit, die wir aus unserer alteuropäischen Geistestradition herauspressen können? Sollten wir nicht vielmehr dem Prinzip der Sparsamkeit folgen? Sollten wir nicht auf Annahmen verzichten, die durch die Fakten nicht erzwungen werden? Sollten wir nicht vor allem keine Begriffe verwenden, die sich nur dem Klang, aber nicht dem Inhalt nach von bereits eingeführten Begriffen unterscheiden.
Ein eingeführter Begriff ist die “Bourgeoisie”. Auf Deutsch heißt das Bürgertum. In einer Demokratie sind natürlich wir alle Bürger. Das aber ist nicht damit gemeint. Bürger in Sinne des “Bourgeois” sind Menschen, die so reich sind, dass sie ihr Leben frei und unabhängig gestalten können - die arbeiten können, wenn sie es möchten, die aber nicht arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der harte Kern der Bourgeoisie sind die Superreichen, also jene Bürger mit gigantischer Macht. Warum sollten wir diese Bürger Illuminaten nennen? Widerspricht dies nicht einer guten alteuropäischen Tradition, dem Prinzip der gedanklichen Sparsamkeit?
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27.1.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Drei Gestalten überfallen eine Bank. Sie tragen Donald-Duck-Masken. Die Bankangestellten händigen ihnen ein paar tausend Euros aus und die Täter verschwinden mit kreischenden Reifen. Die Polizei erscheint am Tatort. Die Angestellten werden verhört. Sie müssen die Täter beschreiben. Schließlich wird ein Phantombild angefertigt. In den nächsten Tagen und Wochen suchen Polizeibeamte, ausgerüstet mit dem Phantombild, an den Tümpeln, Teichen und Seen des näheren Umfelds der Bank nach verdächtigen Enten.
Können Sie sich das vorstellen? Die Geschichte taugt allenfalls für eine Comedy-Show - und das wäre dann eine schlechte.
Erschreckenderweise tragen sich ähnliche Geschichten immer wieder zu - und zwar weltweit. Menschen berichten, sie seien als Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs und physischer Misshandlung geworden, man habe mit Geheimdienstmethoden ihre Gehirne gewachsen und sie in geistige Sklaven verwandelt. Die Täter hätten schwarze Roben getragen und satanistische Rituale vollzogen.
Überall und immer, wo dies bisher geschah, suchte die Polizei nach Satanisten - und konnte keine Teufelsanbeter entdecken, die für die Tat in Frage kamen. Die Folge war, dass die Glaubwürdigkeit der mutmaßlichen Opfer erschüttert wurde. Was wäre geschehen, wenn die angeblichen Täter keine Satansroben, sondern Donald-Duck-Masken getragen hätten?
In der Tat: Das wäre wirklich dümmer, als die Polizei erlaubt. Warum gestattet sich die Polizei aber derartige Dummheiten, wenn die Täter angeblich Satanisten waren. Klar: Satanisten sind böse. Sie sind unmoralisch. Sind sie deswegen aber auch verdächtig, kleine Kinder zu vergewaltigen, zu foltern, unter Drogen zu setzen, mit Elektroschocks zu traktieren, um sie geistig zu versklaven?
In der wissenschaftlichen Literatur zum Satanismus, den es natürlich unbestreitbar gibt, findet sich kein Beleg dafür, dass diese religiösen Bewegungen kleine Kinder einer Gehirnwäsche mit Folter, Drogen und Hypnose unterziehen. In der wissenschaftlichen Literatur zum amerikanischen Geheimdienst CIA finden sich jedoch bestens dokumentierte Berichte über Gehirnwäsche-Projekte. Diese hatten das Ziel, sog. “Manchurian Candidates” zu kreieren. Dabei handelte es sich um Menschen, die durch Folter, Drogen und Hypnose in willenlose Werkzeuge ihrer Herren verwandelt werden sollten.
Aber die Polizei sucht weiter bei den Satanisten. Auch manche Experten und Psychotherapeutinnen werden nicht müde, die Satanisten anzuklagen. Ist denn die ganze Welt verrückt geworden? Was soll das? Warum hält man sich nicht zunächst einmal an das Naheliegende. Liegt es nicht nahe, dass sich die Täter nur als Satanisten getarnt haben, wie die Bankräuber in meinem Beispiel als Enten?
Diese Tarnung hätte nämlich viele Vorteile für die Täter. Man könnte die Berichte der Opfer nämlich nur zu leicht als Hirngespinste abtun. Es handele sich dabei, so könnte man behaupten, um die Phantastereien irgend welcher fundamentalistischen christlichen Sekten aus Amerika, die überall Teufelswerk wittern. Es handele sich dabei, so könnte man unterstellen, um die Niedertracht von durchgeknallten Feministinnen, die ja bekanntlich dazu neigen, Männer zu dämonisieren.
Doch welches Motiv sollten Geheimdienste haben, Menschen in Mandschurische Kandidaten zu verwandeln, also in mentale Sklaven, die jeden Befehl ausführen, und koste es auch das eigene Leben? Denken wir z. B. an die Zeit des Kalten Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Der Gedanke daran ist natürlich mit der Assoziation eines Atomkriegs verbunden, in dem sich die beiden Imperien mit Langstreckenraketen gegenseitig auslöschen.
Doch so war das gar nicht geplant. Ein Szenario ging beispielsweise davon aus, im Falle eines sowjetischen Vormasches über die deutsch-deutsche Grenze mit taktischen Nuklearwaffen zurückzuschlagen. Entlang der Grenze hatte man dementsprechend auch schon Vorrichtungen für atomare Landminen installiert. Dabei handelte es sich um nukleare Sprengsätze mit geringer Reichweite, um die nukleare Verseuchung zu begrenzen. Sie wären aber nur effektiv gewesen, sind sich die sowjetischen Panzer in unmittelbarer Nähe befunden hätten.
Braucht man viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass man für so einen Krieg Himmelfahrtskommandos benötigte. Man brauchte Himmelfahrtskommandos, die sich aus Menschen zusammensetzten, die auf Kommando auf den Zünder der Landminen drückten, obwohl dies ihren sicheren Tod bedeutet hätte.
Alles Spekulationen? Sicher. Natürlich. Die Welt ist voller Spekulationen. Vielleicht sind Banräuber mitunter sogar Enten. Wer weiß?
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4.4.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Am 7. Januar 2007 berichtete die britische Sunday Times, dass Israel einen Plan ausgearbeitet habe, die iranischen Atomanlagen mit taktischen Nuklearwaffen, sog. Bunker-Busters anzugreifen. Israelische Piloten würden die Verwirklichung dieses Plans bereits trainieren. Bunker-Busters sind Bomben, die sich einige Meter tief in den Boden bohren und erst dann ihren nuklearen Sprengsatz zünden. Dies soll die atomare Verseuchung einschränken. Experten warnen jedoch davor, dass dennoch gewaltigen Mengen verstrahlten Materials in die Atmosphäre freigesetzt werden.
“Sobald grünes Licht gegeben wurde, gibt es eine Mission, einen Schlag und das iranische Nuklearprojekt wird zerstört sein”, sagte eine der Quellen, auf die sich das britische Blatt beruft. Laut Sunday Times vermuten Militär-Experten, diese Enthüllung sei ein Instrument der psychologischen Kriegsführung Israels. Zu den möglichen Zielen zählten, (1) den Iran einzuschüchtern, (2) die Welt auf einen israelischen Atomschlag vorzubereiten (3) oder die Amerikaner zum Handeln zu überreden.
Die beiden erstgenannten Ziele halte ich für überaus unwahrscheinlich. Denn (1) wird in Israel niemand so naiv sein, sich ernsthaft einzubilden, die Fanatiker in Teheran ließen sich durch eine Atomdrohung zur Einstellung ihres Nuklearprojektes bewegen. Und (2) kann ich mir kaum vorstellen, dass Israel Atombomben einsetzt, solange es nicht unausweichlich dazu gezwungen wird. Denn in diesem Fall würde Israel eine überaus wertvolle Waffe der psychologischen Kriegsführung verlieren, nämlich den Opfer-Status. Also bleibt eigentlich nur die dritte Option. Falls die Quellen der Sunday Times wirklich echt waren, dann könnte es sich um einen Versuch handeln, die Amerikaner zum Atomschlag gegen den Iran zu animieren.
Im März 2006 erschien in der “London Review of Books” ein vielbeachteter und heftig geschmähter Artikel über die “Israel Lobby”. Er stammt von den amerikanischen Professoren John Mearsheimer und Stephen Walt. Die Autoren behaupten, dass die gegenwärtige Israel-Politik der Vereinigten Staaten den nationalen Interessen der USA schade und nur Israel nutze. Der Grund dafür sei eine überaus erfolgreiche Israel-Lobby, der nicht nur einflussreiche Juden, sondern auch mächtige Neocons gehörten.
Ein Artikel mit diesem Tenor ruft natürlich beinahe automatisch Antisemitismus-Vorwürfe hervor. Diese Vorwürfe sind nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn die Kritik Mearsheimers und Walts richtet sich nicht speziell gegen bestimmte israel-freundliche Institutionen, sondern gegen ein loses, informelles Netzwerk von Leuten und Gruppen, die sich für Israel stark machen. Und so werde ich den Verdacht nicht los, dass hier nur ein Sündenbock gesucht wird.
Die Israel-Lobby, so schreiben die Autoren, habe den zweiten Irakkrieg vom Zaun gebrochen. Nicht das Öl und auch nicht der Terrorismus oder die angeblichen Massenvernichtungswaffen seien der Grund für diesen Krieg gewesen. Vielmehr sei es ausschließlich darum gegangen, Israel sicherer zu machen. Kaum sei der irakische Diktator gestürzt gewesen, habe die Israel-Lobby George Bush gedrängt, nun gegen den Iran loszuschlagen.
Dass in Amerika niemand begeistert wäre, wenn der Iran sich Atombomben zulegte, steht außer Zweifel. Die USA haben aber auch keine Freudenfeste veranstaltet, als sich die Sowjetunion mit Nuklearwaffen ausstattete. Mearsheimer und Walt betonen zu recht, dass die USA weltweit den Besitz von Atomwaffen tolerieren, wenngleich zähneknirschend, und jetzt sogar das Nukleararsenal des Schurkenstaats Nordkorea akzeptieren. Es liegt also nahe, das gegenwärtige Säbelrasseln gegenüber dem Iran auf den Einfluss der Israel-Lobby zurück zu führen. Es wäre schließlich selbstmörderisch, wenn ein atomar aufgerüsteter Iran die USA angriffe - er könnte sich aber Hoffnungen machen, einen Nuklearkrieg gegen Israel zu gewinnen.
Doch was bei oberflächlicher Betrachtung naheliegt, muss nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Die offensichtlichen Erfolge israelischer Lobbyisten haben den amerikanischen Patrioten Mearsheimer und Walt vielleicht den Blick dafür verstellt, dass in dieser Welt die Macht letztlich immer noch aus den Gewehrläufen kommt. In letzter Instanz bestimmen nicht die Lobbyisten den Gang der Geschichte, sondern jene, die militärisch am stärksten sind. An den Schalthebeln der militärischen Macht Amerikas, der einzigen verbliebenen Supermacht auf diesem Planeten, sitzt aber nicht die Israel-Lobby, dort sitzen auch nicht die “reichen Juden”, denen die Nazis alles Böse zuschreiben. Dort sitzt die Machtelite der amerikanischen Bourgeoisie, zu der natürlich auch ein paar Juden zählen.
Aus diesem Blickwinkel betrachtet, erscheint es mir lächerlich anzunehmen, dass die Israel-Lobby in Amerika über Krieg und Frieden entscheide. Eher halte ich es für denkbar, dass die Supermacht USA die Bedrohung Israels als Instrument der psychologischen Kriegsführung benutzt. Die scheinbar selbstlose Unterstützung eines Staats, dessen Menschen bzw. deren Vorfahren in der Geschichte so viel Unrecht erdulden mussten, soll den Blick dafür trüben, dass die offenen und verdeckten Kriege der Vereinigten Staaten nur ein Ziel verfolgen: die Weltherrschaft.
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23.3.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Ron Chiste war 1979 als GI in Deutschland. Er erinnert sich an ein sog. EDP-Briefung, also eine Lagebesprechung zur Einnahme der Kriegsposition. EDP bedeutet: Emergency Deployment Position. Das Briefing war streng geheim, die Fenster wurden abgedunkelt und Wachen standen vor den Türen. Am Ende der Lagebesprechung waren Fragen erlaubt. Chistie sagt, er müsse damals wohl noch sehr naiv gewesen sein. Er fragte nämlich, wie viel Zeit das Batallion denn habe, um in Stellung zu gehen. Die älteren Offiziere trauten ihren Ohren nicht. Der Instrukteur antwortete cool: “Sie werden keine Zelte mitnehmen, keine Feldküchen oder irgend etwas dergleichen. Die C- und B-Batterien werden über die Fulda rasen und die A-Batterie wird in Reserve gehalten. Wir rechnen nicht damit, dass C und B zurückkehren werden.”
Ron Chiste betitelte seinen Bericht mit der Überschrift: “The EDP Briefing or Suicide Mission at the Fulda Gap.” Die Geschützgruppen, die in Position gebracht werden sollten, waren nuklearfähig. Im Fulda-Gap erwartete man einen Angriff sowjetischer Panzerverbände. Im diesen abzuwehren, benötigte man offensichtlich Himmelfahrtskommandos.
Dass die amerikanischen Streitkräfte seit Gründung dieser glorreichen Nation immer schon todesmutige Soldaten in ihren Reihen hatten, will ich nicht bestreiten. Aber es ist doch etwas anderes, ob man fürs Vaterland in Tod riskiert, aber eine Überlebenschance besitzt, oder ob man beim Einsatz von taktischen Atomwaffen den eigenen, sicheren und womöglich qualvollen Tod in Kauf nimmt. Und so kann ich mir kaum vorstellen, dass die amerikanischen Streitkräfte genug geborene Selbstmord-Soldaten besaßen, um erfolgreich einen taktischen Nuklearkrieg in Deutschland zu führen.
Eher könnte ich mir vorstellen, dass normale Soldaten, gleich welcher Nation, in einer solchen Situation kaum in der Lage gewesen wären, diszipliniert ihre Aufgaben zu erfüllen, geschweige denn, kühlen Mutes in den sicheren, qualvollen Tod zu gehen.
Ob es wohl die regulären Truppen gewesen wären, die im Ernstfall die Codes und Zündschlüssel für die “tactical nukes” erhalten hätten - oder Spezialeinheiten, die in Deutschland für den Fall aller Fälle bereitstanden? Vielleicht gab es ja “Soldaten” mit einer speziellen Ausbildung für die suizidalen Einsätze des Atomkriegs.
Eine Spekulation über die Art dieser Ausbildung ist mein Roman “Ein Slave der Freiheit“.
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19.3.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Wer früher, also in den guten, alten Zeiten des Kalten Kriegs in Westdeutschland den Kapitalismus im Allgemeinen und das US-Imperium im Besonderen kritisierte, erntete nicht selten die hingerotzte Replik: “Geh doch rüber!” Gegen dieses Argument war im Grunde nicht viel auszurichten. Man konnte von den Greueln des Vietnamkriegs sprechen, von Neofaschismus, Arbeitslosigkeit, Entfremdung, Ausbeutung - diesem knappen, bequemen und unsäglich denkfaulen Argument “Geh doch rüber!” war letztlich kein Einwand gewachsen.
Denn was war drüben? Im Ostblock war Stalinismus in allen erdenklichen Varianten - vom Massenmord bis hin zu fehlenden Bananen und sauren Zitronen. Man konnte sich winden und wenden wie man wollte, man konnte sich selbst und andere belügen, bis sich die Balken bogen - an der simplen und schlichten Tatsache, dass im Westen nicht alles gut, drüben aber fast alles noch erheblich schlechter war, kam man einfach nicht vorbei.
Wer einräumte, dass drüben eben der perfekte Sozialismus noch nicht erreicht, dass dort sogar Arbeiterverräter am Werke seien, durfte mit etwas mehr Verständnis rechnen: Der Sozialismus, so hieß es, sei eine gute Sache, die sich nur nicht verwirklichen ließe. Er scheitere an der menschlichen Natur Der beste Beweis dafür seien die Staaten des Ostblocks.
Dass schönste Ideal wurde von den Mahlsteinen der häßlichen Wirklichkeit pulverisiert und taugte nicht zur Grundlegung einer überzeugenden Kapitalismus- und Imperialismuskritik. Sie war auf Sand gebaut.
Und heute? Heute haben es die Befürworter des Kapitalismus und des Imperiums nicht mehr so leicht. “Geh doch rüber!” funktioniert natürlich nicht mehr - und die Aufforderung: “Konvertier’ doch” ist Kabarett. Seit dem Untergang des Ostblocks müssten eigentlich bessere Zeiten für Kritiker des Kapitalismus und des Imperiums angebrochen sein. Die menschliche Natur ist zwar immer noch unverändert, aber wenigstens sind die schlechten Beispiele verschwunden: Aus den Augen, aus dem Sinn.
Und in der Tat: Die Kritiker des Kapitalismus haben es heute etwas leichter. Obwohl mit den Schalmeienklängen des Neoliberalismus im boomenden PR-Gewerbe viele Millionen Euro verblasen werden, wächst die Bereitschaft vieler Menschen, ihre Seele der antikapitalistischen Botschaft zu öffnen. Wer volkstümlich erscheinen möchte, ob Politiker, Journalist oder Kirchenmann, kritisiert Fehlentwicklungen, Auswüchse und Missstände.
Allerdings darf bei dieser Kritik der Hinweis nicht fehlen, dass man angesichts der weltwirtschaftlichen Verflechtungen an den Nebenwirkungen des Kapitalismus hier im Lande nichts Wesentliches ändern und erst recht diesen nicht abschaffen könne.
Die “internationalen Verpflechtungen” werden allerdings durch die Interessen des US-Imperiums geformt, das die Welt militärisch, wirtschaftlich und kulturell dominiert oder zu beherrschen anstrebt. Die Kritik am Kapitalismus ist also ohne gleichzeitige Imperialismus-Kritik eine Kritik ohne Arsch und Eier.
Die schärfste Kritik am US-Imperialismus wird heute nicht mehr von Kommunisten, sondern von Islamisten vorgetragen. Und immer noch, wie einst in den guten, alten Zeiten des Kalten Kriegs, kann man sich drehen und wenden wie man will, kann man sich selbst und andere belügen, bis sich die Balken biegen - trotz Todesstrafe, Folter, trotz völkerrrechtswidriger Kriege sind Lebensart, Kultur und politisches System der USA zweifellos dem Islamismus, also der Scharia, der religiösen Intoleranz, der Frauenunterdrückung, der allgemeinen und umfassenden Rückschrittlichkeit vorzuziehen.
Selbst der phantasiebegabteste Verschwörungstheoretiker hätte diese Realität nicht besser erfinden können: erst der stalinistisch versaute Kommunismus, dann der miefig reaktionäre Islamismus! Könnte man der antikapitalistischen und antiimperialistischen Kritik wirkungsvoller jede Grundlage entziehen? In den paranoiden Momenten zwischen Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsängsten fällt es schwer, sich vor dem Glauben an eine Illuminatenverschwörung zu wappnen.
Haben etwa doch jene durchgeknallten Verschwörungstheoretiker recht, die behaupten, ein allmächtiger Geheimbund habe Nationalsozialismus, Kommunismus und nun auch den Islamismus absichtlich hervorgerufen, um in den Volksmassen den Wunsch nach einer Weltregierung zu nähren, die durch einen einheitlichen Weltstaat, einer Weltreligion und einer globalen Leitkultur allen Zerwürfnissen auf diesem Planeten ein Ende bereitet?
“Das Schwerste überhaupt ist es, sich in die Stimmung eines Kriegers zu versetzen”, sagte Don Juan zu seinem Schüler Carlos Castaneda. “Es hat keinen Sinn, traurig zu sein und zu klagen, und sich dazu berechtigt zu fühlen, im Glauben, dass immer jemand uns irgend etwas antut. Niemals tut uns irgend jemand etwas an, am wenigsten einem Krieger. Du bist hier bei mir, weil du hier sein willst. Du hättest bereits die volle Verantwortung übernehmen sollen, dann würde sich die Vorstellung, dass du ein Blatt im Winde bist, für dich verbieten.” (Carlos Castaneda: Reise nach Ixtlan. Frankfurt a. M.: Fischer, 1975, 112)
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15.3.2007 von Hans Ulrich Gresch.
George Bush sagte, auf die Frage, ob er gegen Irans Atomanlagen notfalls auch Atombomben einsetzen würde: “Alle Optionen sind auf dem Tisch”. Die Metapher mit dem Tisch gebrauchten in der Folgezeit auch andere hochrangige amerikanische Politiker der Demokraten und der Republikaner.
Die Iraner haben ihre Atomanlagen tief in die Erde eingegraben. Experten meinen: Es ist möglich, sie mit konventionellen Waffen zu zerstören. Dies wird aber nur mit einer Wahrscheinlichkeit kleiner 1 beim ersten Versuch gelingen. Wenn Bush sicher gehen will, muss er taktische Atomwaffen einsetzen.
Nicht nur der Iran, sondern auch islamistische Terrornetzwerke drohen mit fürchterlicher Rache, wenn die Amerikaner die persischen Atomanlagen angreifen sollten. Experten meinen, dass der Iran vielleicht noch nicht, mit Sicherheit aber Bin Ladens Terrornetzwerk über Nuklearwaffen verfüge, über sog. Kofferbomben. Al-Qaeda soll 1998 Atomwaffen in Afghanistan gekauft haben, die aus der Ukraine stammten.
Alle Optionen sind auf dem Tisch. Das Bundeskriminalamt soll laut Zeitungsberichten die Bundesregierung aufgefordert haben, die Gefährdungsstufe in Deutschland heraufzusetzen. Die Gefahr islamistischer Terroranschläge sei in Deutschland so groß wie nie zuvor und mit der Situation in den Vereinigten Staaten bzw. Großbritannien vergleichbar.
Alle Optionen sind auf dem Tisch. Auch Kofferbomben. Stehen wir am Rande eines Atomkriegs?
Plant Amerika wirklich einen Atomschlag gegen Iran? Besitzen islamistische Terroristen tatsächlich Kofferbomben? Wenn nein, wer lanciert dann solche Lügen und warum?
Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass interessierte Kreise das Gerücht streuen, die Terroristen hätten atomare Atombomben, um die Amerikaner zu einem atomaren Erstschlag und nachfolgender Durchsetzung polizeistaatlicher Verhältnisse im eigenen Land und anderswo zu provozieren. Es wäre aber auch denkbar, dass Kreise mit andersartigen Interessen die Falschinformation in die Welt setzen, die USA planten einen atomaren Erstschlag gegen den Iran, um überall in der Welt Moslems zu radikalisieren und Selbstmord-Attentäter zu rekrutieren (die dann evtl. auch bereit wären, sich mit atomaren Kofferbomben, sofern vorhanden, in die Luft zu sprengen).
Verschwörungstheorien? Na klar. Wie sagte doch George Bush: “Alle Optionen liegen auf dem Tisch!” Es stinkt nach Verschwörung. Da braucht man keine Theorie.
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