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März 2010
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Eine göttliche Partei und die freiwillige Wehrpflicht

Dass die SPD eine göttliche Partei ist, wissen wir spätestens, seitdem Helmut Schmidt als Stellvertreter des Weltgeistes die Staatsgeschäfte in Deutschland führte. Heute zeigt sich die Göttlichkeit allerdings nicht mehr personifiziert - sie wurde zur Parteilinie. Wie der Weltgeist steht diese über den Niederungen der klassischen Logik - und nur dies bedenkend vermögen wir zu begreifen, wie man zugleich sozialdemokratisch und neoliberal sein kann - außerhalb von Gummizellen. Nun blitzte und donnerte der göttliche Funke erneut über der SPD-Parteizentrale und der Widerhall und Widerschein formte sich zu einer Forderung, deren göttlicher Ursprung uns nicht klarer vor Augen treten könnte: die freiwillige Wehrpflicht.

Die Idee der freiwilligen Wehrpflicht wäre so göttlich nicht, sondern recht menschlich und irdisch, wenn man aus der Pflicht im Sinne eines Gesetzes eine moralische Verpflichtung machte. Junge Männer eilen freiwillig zu den Fahnen, um einer moralischen Verpflichtung gegenüber dem Vaterland gerecht zu werden. Doch dies wäre nur dann mehr als eine hohle Phrase, wenn die Bundeswehr ausschließlich ein Garant der äußeren Sicherheit unseres Landes wäre - und keinesfalls ein williges Instrument der militärischen Abenteuer des Imperiums.

Doch eine göttliche Partei wie die SPD wird vermutlich immer gern “god’s own country” an ihrer Seite wissen - ganz gleich, wohin der Weltgeist marschiert. Vielleicht kreiert sie ja für diese Treue zum Freunde aus der Zeit des Kalten Krieges ein neues Wort im Stil des sozialdemokratischen Neoliberalismus und der freiwilligen Wehrpflicht: “Autonome Abhängigkeit” oder “souveränes Vasallentum”. Das Reich der Ideen schwebt bekanntlich über den Niederungen schnöder Realitäten. Was soll’s. Hauptsache, man ist rasiert und gewaschen.

Penisverlängerung, Ergussverzögerung, Potenzsteigerung, ewiger Wohlstand

Nerven Sie auch die eMails in Ihrer Box, die Ihnen eine neue, garantiert erfolgreiche Penisverlängerung um 250 Prozent anpreisen. Solche virtuellen sexuellen Belästigungen sind ja nicht nur ärgerlich, wenn man keinen oder aber einen ohnehin schon übergroßen Penis hat. Nicht besser sind Anzeigen für Viagra und ähnliche Mittelchen zur Massierung der männlichen Lendenkraft. Als wenn man das nötig hätte!? Und dann erst jene Anzeigen mit Titeln wie: “Ihre Freundin wird begeistert sein!” Was, Sie haben gar keine Freundin? Dann helfen vielleicht jene Anzeigen, die Ihnen ewigen Wohlstand versprechen, wenn Sie dieses oder jenes tun?

In der Tat. Was tun? Was tun, um diese lästigen virtuellen Schmeißfliegen loszuwerden, die offenbar ihre Brutplätze in unseren Mailboxen eingerichtet haben? Sicher: Es gibt gute Spam-Filter. Googlemail z. B. leistet hervorragende Arbeit. Doch, seitdem ich hin und wieder neben zahllosen Unerträglichkeiten auch einige wichtige eMails in den Netzen gefunden habe, weiß ich: Man muss, um sicher zu gehen, auch den Spam-Ordner regelmäßig durchsehen… und damit relativiert sich der Vorteil erheblich.

Was also, was tun? Wo liegt das Problem. Liegt es darin, dass wir unseren Computer mit Viren und Würmern verseuchen, weil wir die Anhänge anklicken, die häufig mehr oder weniger gut als harmlos getarnt, den unsäglichen eMails anhaften wie Kaugummis auf Straßenbahnsitzen. Nein, natürlich nicht, so dumm, darauf zu klicken, sind wir doch seit Jahren nicht mehr. Was also?

Ja was denn? Es ist der Ärger, dieser gewaltige, dieser sinnliche Ärger, diese hilf- und heillose Wut darüber, dass niemand diesem Wahnsinn, dieser Schande des Internets wirksam Einhalt zu gebieten vermag. Doch halt, mein Freund. Wer wird denn gleich in die Luft gehen. Abonniere Lyrikmail. Dann geht alles wie von selbst. Wer diesen kostenlosen Service nutzt, findet jeden Morgen in seiner Mailbox ein Gedicht… meist ein großes oder kleines Meisterwerk, mitunter auch lyrisches Pupertätsgeheul… immer aber findet der Abonnent ein Gegengift zum alltäglichen Spam… und der Tag wird gut.

Meinungsfreiheit

Die Deutschen lieben die Meinungsfreiheit nicht. Sie haben sie noch nie geliebt. Sie haben auch ihre Obrigkeit selten geliebt, nur wenn sie besonders entschlossen und brutal die Meinungsfreiheit unterdrückte, dann liebten sie sie. Sie liebten Hitler nicht, weil er sie mit geraubtem Reichtum bestach. Dafür bewunderten sie ihn. Sie liebten ihn auch nicht, weil er die Juden umbringen ließ. “Das hätte er nicht tun dürfen!” sagten sie später achselzuckend. Sie liebten ihn auch nicht, weil er Kriege führte. Kein Mensch, auch kein Deutscher, mit Ausnahme der Staatenlenker, will Krieg, weil er dabei letztendlich nichts gewinnen, aber viel, vielleicht sogar sein Leben verlieren kann.

Die Deutschen liebten Hitler, weil er besonders gemein und niederträchtig die Meinungsfreiheit unterdrückte. Die Deutschen kuscheln sich für ihr Leben gern zusammen in der Kuhlstallwärme übereinstimmender Meinungen. Ist es da ein Wunder, dass sie jetzt ganz Europa beglücken wollen mit Einschränkungen der Meinungsfreiheit? An deutschem Wesen soll wieder einmal die Welt - und wenn nicht die Welt, so doch das Gemeinsame Haus Europa - genesen.

“Bundesjustizministerin Brigitte Zypries will die Europäische Union erstmals auf gemeinsame Mindeststandards im Kampf gegen Rassismus und Fremdenhass verpflichten”, heißt es heute in den Medien. Nun bin ich kein Rassist und auch kein Fremdenhasser. Es könnte mir also gleich sein, ob einem Antisemiten die Holocaustleugnung oder einen Antiislamisten die Verunglimpfung von Moslems verboten werden. Es ist mir aber nicht gleich: Zwar bin ich Deutscher, glühender Patriot, Nationalist sogar - aber diese deutsche Untugend, dieser Hass auf die Meinungsfreiheit ist mir dennoch fremd.

Freud lehrte, dass die Verdrängung verpönter Wünsche und Gedanken zur Widerkehr des Verdrängten führt, und zwar oft in Form von allerlei psychischen Störungen oder gar körperlichen Krankheiten. Die Verdrängung, wird sie im Übermaß betrieben, ist ein krankmachender Prozess. Was für den Einzelnen gilt, trifft auch auf die Gesellschaft zu. Überall in der Welt, und so auch in Deutschland gibt es in beachtlicher Zahl Rassisten und Fremdenhasser. Es sind zehn bis zwanzig Prozent, die aus ihrer Einstellung keinen Hehl machen. Und vermutlich kommen noch einmal zehn bis zwanzig Prozent dazu, denen der Unmut unausgesprochen auf der Zunge liegt.

Wenn wir diesen Menschen nun einen Maulkorb flechten aus den stählernen Bändern des Gesetzes und der politischen Korrektheit, dann wird sie diese Einschränkung nicht vom Rassismus, nicht von der Fremdenfeindlichkeit heilen. Das Ressentiment wird dadurch noch tiefer in ihrer Seele gepresst, es wird noch böser, noch destruktiver.

Deutsche Rassisten und Fremdenfeinde hätten nichts lieber als einen neuen Hitler, der Andersdenkenden die freie Äußerung ihrer Meinung verbietet. Sie möchten sich in der Kuhlstallwärme übereinstimmender rassistischer und fremdenfeindlicher Meinungen mit ihren Landleuten verbrüdern. Deutsche Antirassisten und Fremdenfreunde sind ganz begeistert von den Vorstößen wohlmeinender Demokraten, die Andersdenkenden die freie Äußerung ihrer Meinung verbieten. Sie möchten sich in der Kuhlstallwärme ihrer politisch korrekten Gesinnung mit ihren Landsleuten verschwestern.

Es ist zum Kotzen. Wer den freien Geist nicht bedingungslos achtet, der liebt auch die Menschen nicht als Menschen, der liebt das Menschliche am Menschen nicht - der liebt nicht das, was den Menschen potenziell vom dressierten Hund unterscheidet.

Katz und Maus

Wär’s nicht so traurig, könnt’ man’s possierlich nennen. Das Spiel läuft immer nach dem gleichen Schema ab. Jemand rührt an das Nazi-Holocaust-Antisemitismus-Tabu. Rührt er zu stark, nimmt er Schaden. Rührt er zu schwach, merkt es keiner. Es kommt darauf an,  so stark zu rühren, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland protestiert, aber keineswegs zu stark, damit einen nicht die Nazi-Holocaust-Antisemitismus-Keule trifft.

Das Spiel ist beliebt unter Politikern, Künstlern und anderen Selbstdarstellern. Es wird immer beliebter, weil man mit einigem Geschick ohne großes Risiko sich bundesweites mediales Interesse sichern kann. Die Beerdigung Hans Filbingers war eine schöne Gelegenheit, dieses Spiel zu spielen… und alles lief nach Schema F ab.

Dieses Spiel gehört zu den dumpfen, düsteren Ritualen bundesdeutscher Behäbigkeit und Verlogenheit. Wer es spielt, gewinnt nicht nur Aufmerksamkeit, er darf auch prickelnde Angstlust genießen, wie in einem Horrorfilm, nur intensiver. Manche werden süchtig danach, wenige verbrennen daran. Wer es spielt, verhöhnt die von den Nazis gemeuchelten Juden ebenso wie das deutsche Volk, die deutsche Nation.

Die schwarze Magie des Anti

Den meisten Mitbürgern dürfte dieser Begriff überhaupt nichts sagen: Antideutsche Kommunisten. Ein Karnevalsscherz? Keineswegs. Für die antideutschen Kommunisten ist Deutschland die Heimstatt des Bösen. Die deutsche Geschichte musste, aus dieser Sicht, zwangsläufig in einem einzigartigen und unerklärlichen Verbrechen, dem Holocaust gipfeln. Seither seien in diesem Lande, so heißt es, keine Gedichte mehr möglich.

Die Gegengifte zur Bekämpfung des Deutschen in all seinen bösartigen Facetten seien Proamerikanismus, Proisraelismus und Antiislamismus. Die Antideutschen halten jede Kritik an amerikanischer Politik für eine kaschierte Form des Antisemitismus. Antisemit ist auch, wer vor dem Islam kapituliert, indem er z. B. für moslemische Wut auf Amerika und Israel Verständnis äußert oder Toleranz gegenüber den kulturellen Eigenarten des Islams fordert.

Diese politische Strömung mag manchem Grünen des ehemals linken Spektrums dieser Partei geholfen haben, einen gesichtswahrenden Weg ins Lager der Anhänger des US-Imperiums zu finden. Sie hatte also, trotz ihrer Unsichtbarkeit für die meisten Mitbürger, einen beachtlichen, untergründigen Einfluss auf die deutsche Politik zu Zeiten der rot-grünen Koalition.

Dies ändert natürlich nichts an der Absurdität dieser Position. Man denke beispielsweise an die ärgsten Antisemiten, die unverbesserlichen alten und neuen Nazis. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint die antideutsche These, Antiamerikanismus und Antisemitismus seien zwei Seiten einer Medaille, natürlich wie angegossen auf Hitlers Erben zuzutrefen. Doch gemach: Der Antiamerikanismus der Rechtsradikalen war während des Kalten Krieges vielfach eine Kaschierung des Antisemitismus und eine Exkulpierung Amerikas.

Die Nazis machten nämlich für alles, was ihnen an Amerika nicht gefiel, die amerikanischen Juden verantwortlich. Die “arischen” Amerikaner waren, so meinten die Nazis, nicht nur unschuldig, sondern Verbündete im Kampf gegen den Kommunismus (für den ebenfalls die Juden verantwortlich gemacht wurden). Während des Kalten Krieges waren die Nazis also - jenseits aller Camouflage - hartbeinige Proamerikaner. Nur so ist es zu erklären, warum viele Nazis das freundliche Angebot der Amerikaner annahmen, sich in amerikanischen und anderen westlichen Geheimdiensten nützlich zu machen.

Aus diesem Grunde war auch die Amerika-Kritik der Nazis während des Kalten Krieges insgesamt moderat. Paranoider Antikommunismus besänftigte zunehmend den ursprünglich noch vorhandenen Hass auf die Besatzer. Nach dem Niedergang des Kommunismus werden allerdings auch in diesen Kreisen die Stimmen wieder lauter, die den “American Way of Life” im Allgemeinen und amerikanische Kriegspolitik im Besonderen geißeln.

Und so hat sich auch die Haltung unserer Regierenden gegenüber den Nazis geändert. Hielt man früher die rechtsradikale Gefahr für ein linkes Hirngespinst, braune Terroristen für Einzeltäter und paramilitärische Nazitruppen für skurile Sportfreunde, so möchte man heute am liebsten alles mit Stumpf und Stil verbieten, was “national” auch nur zu lispeln vermag.

Die schwarze Magie des Anti, das stumpfsinnige Gegenüberstellen von Pro und Kontra ist ungebrochen. Politisches Denken scheint mit Schwarz-Weiß-Malerei identisch zu sein. Während Kritik und Wissenschaft und Kunst ein Motor des Fortschritts ist, polarisiert sie in der Politik, führt zu Erstarrung und Niedergang.

Atemberaubend sind auch die fliegenden Wechsel: Wer gestern noch den US-Imperialismus verdammte, sieht heute in den Vereinigten Staaten einen Zivilisationsträger und und Beschützer vor islamischer Barbarei. Wer gestern noch der RAF hofierte, verteidigt heute die NPD. Wer gestern noch Wehrsportübungen für ein schweißtreibendes Hobby hielt, wittert heute hinter jeder zackigen Bewegung nationalsozialistische Symbolik. Und das Tollste: Viele, die im rasanter Kreiselbewegung rotieren, vermögen gar keinen Widerspruch zu erkennen zwischen ihren Positionen von gestern und heute. Selbstverständlich seien sie sich im Kern treu geblieben.

Schwarz-Weiß-Malerei und ein rascher Wechsel zwischen Verteufelung und Vergötterung sind die Leitsymptome einer schweren Persönlichkeitsstörung, dem Borderline-Syndrom. Die Zahl der Betroffenen steigt angeblich ständig. Ich frage mich, ob die schwarzmagischen Inszenierungen unserer Politik dafür verantwortlich sind, dass immer mehr Menschen dieser Krankheit erliegen. Oder ist es vielleicht umgekehrt?

Korruptionsbekämpfung durch Emotionen

Eine neue britische Studie hat festgestellt, dass die Berichterstattung der Medien in den letzten Jahren viel emotionaler geworden sei. Manche deuten dies als Ausdruck der Feminisierung westlicher Gesellschaften, sehen das kritische Denken und dadurch die Demokratie in Gefahr. Die “Feminisierung” als Ursache auszumachen, liegt natürlich nahe, ist aber aus meiner Sicht zu vordergründig. Zwar sauge ich Argumente, die den Feminismus für alle Unbill unserer bösen Welt verantwortlich machen, meist widerstandslos auf wie ein Schwamm, aber in diesem Falle muss ich dieser lustvollen Neigung, so leid es mir tut, widerstehen. Der Grund für diese Tendenz zur Emotionalisierung ist diesmal ausnahmsweise ein anderer: die Männer sind schuld, tatsächlich. Denn die meisten Experten sind immer noch Männer.

Unsere moderne Welt ist so komplex, genauer, unser Wissen über die moderne Welt ist so vielschichtig, so kompliziert geworden, dass die meisten von uns selbst die Themen, die uns unmittelbar angehen, selbst die Sachverhalte unseres alltäglichen Lebens nicht mehr verstehen. Wir müssen also, um uns zurecht zu finden, diese Komplexität verringern. Der naheliegende Mechanismus zur Reduktion von Komplexität ist, wie Luhmann einst in seiner gleichnamigen Schrift analysierte, das Vertrauen.

Doch die Experten, denen wir vertrauen könnten, haben sich heillos kompromittiert. Sie waren vielleicht schon immer korrupt, aber wahrscheinlich nicht so korrupt wie heute. Jedenfalls ist den Menschen in den letzten Jahren immer klarer geworden, dass sie den Experten nicht vertrauen können, weil die meisten gut geschmiert sind und es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Und so ersetzt zunehmend die Emotionalisierung das Vertrauen als Mechanismus zur Reduktion von Komplexität. An die Stelle der Experten treten die Betroffenen. Denn Komplexität müssen wir reduzieren: Wenn das Vertrauen fehlt, bleibt nur die Emotionalisierung.

Es entsteht eine neue Klasse der Betroffenheits-”Experten”. An die Stelle von Wissenschaft, Logik und Fakten treten persönliche Erfahrung, das “uralte Wissen” der Vorfahren und die emotionale Intensität. Diese neuen “Experten” sind übrigens meistens Frauen.

Christian Klar

rosa_luxemburg.jpgChristian Klar sitzt seit 1982 im Gefängnis. Er ist ein vielfacher Mörder. Nun erwägt der Bundespräsident seine Begnadigung. Im Januar wandte sich Klar mit einer Erklärung an die Rosa-Luxemburg-Konferenz. Der Stil dieser Erklärung ist ungenießbar, er erzeugt Magengrimmen. Die Substanz dieses Statements lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Die linken Regierungen in Lateinamerika beenden den verheerenden Sozialabbau ihrer neoliberalen Vorgänger und geben ihren Völkern eine neue Perspektive.
  2. Europäische Staaten haben sich mit den USA zusammengeschlossen. Sie führen Krieg gegen Länder, die sich diesem Bündnis widersetzen.
  3. Die Aggressoren bezahlen PR-Agenturen, die diese militärischen Aktionen als berechtigt darstellen sollen.
  4. Die europäische Linke muss die vom sozialen Abstieg bedrohten Gesellschaftsschichten dem Einfluss der Rechtsradikalen entreißen.
  5. Nur so kann sie die Pläne des Kapitals durchkreuzen und den Weg für eine positive Zukunft öffnen.
  6. Die Welt sei geschichtlich reif dafür, jungen Menschen die volle Entfaltung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten ohne Entfremdung zu bieten.

Im “Stern” kommentiert der Journalist Niels Kruse Klars Erklärung: Diese “verwirrten Ausführungen über den bösen Kapitalismus” zeigten eigentlich nur, wie “erschreckend debil der Ex-RAF-Terrorist” geworden sei. Der bayerische Innenminister und baldige Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein meinte, der “aggressive Ton” und die “ideologische Botschaft” der Stellungnahme Klars machten deutlich, dass es sich bei ihm um einen “unverbesserlichen terroristischen Verbrecher” handele. CSU-Generalsekretär Markus Söder forderte, Klar müsse bis ans Ende seines Lebens hinter Gitter bleiben. Auch der liberale Parteichef Guido Westerwelle lehnt eine Begnadigung des Ex-Terroristen strikt ab. “Wer Gnade vor Recht erbittet, aber unsere Grundordnung nicht anerkennt, hat keine Gnade verdient”, sagte Westerwelle.

Auf Deutsch: Wer Hugo Chávez gut findet, wer die Kriegspolitik der Vereinigten Staaten und ihrer europäischen Verbündeten ablehnt, wer Hartz-IV-Empfänger gegen Rechts beeinflussen und für eine bessere Zukunft für unsere Kinder kämpfen will, der verdient keine Gnade, der soll im Knast verrecken.

Es gibt gute Gründe, Christian Klar nicht zu begnadigen. Sein Offener Brief an die Rosa-Luxemburg-Konferenz gehört sicher nicht dazu. Man muss nur dessen Kern vom fauligen Fruchtfleisch befreien, um dies zu erkennen. Hier ringt ein vom Knast zermürbter Mann verbal um seine persönliche Identität, die ihm vollends abhanden zu kommen droht - seine Inhalte unterscheiden sich kaum von linken Mainstream-Positionen - zumindest jene nicht, die er in seinem Statement präsentiert. Allein seine Sprache erinnert in leisen Anklängen an die Tiraden der RAF. Das blecherne Getöse verhallt schal in den leeren, kalten Räumen der nützlichen Idiotie, die das Konzept und die Taten der Stadtguerilla immer schon kennzeichnete.

Manche meinen, dass Klar keine Reue zeige, beweise die Tatsache, dass er immer noch den Kapitalismus und “imperialistische Bündnisse” geißele. Als ob Reue wegen terroristischer Morde und eine linke Geisteshaltung unvereinbar seien!
Und vor allem müsste jedes fühlende Wesen eigentlich empfinden, dass dieser Mann, Christian Klar offenbar sein Ringen um persönliche Identität nur in verstaubten politischen Formulierungen auszudrücken vermag. Freiheit, sagte Rosa Luxemburg, sei immer die Freiheit des Andersdenkenden. Wer will diesen Aphorismus umdrehen. Sollen nur noch die Konformisten “frei” sein?

Implikationen

Implikationen sind logisch zwingende Schlussfolgerungen aus Aussagen. Politiker lieben versteckte Implikationen. Das sind logisch zwingende Schlussfolgerungen, die nicht unmittelbar auffallen, die sich aber dennoch im Unbewussten festsetzen und das Denken beeinflussen. Politiker arbeiten gern mit derartigen versteckten Implikationen, wenn sie verhindern möchten, dass die Adressaten ihrer Botschaften über die damit verbundenen Konsequenzen nachdenken.

Ein schönes Beispiel für verdeckte Implikationen produzierte unlängst unser Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Er zeigt keinerlei Schuldbewusstsein im Fall “Kurnaz”. Im Gegenteil: Heute vor die Wahl gestellt, sagt er, würde er wieder so handeln. Und nun kommt die Begründung als verdeckte Implikation: Kurnaz sei nach damaliger Einschätzung der deutschen Behörden ein Sicherheitsproblem gewesen. “Man muss sich ja nur vorstellen, was geschehen würde, wenn es zu einem Anschlag gekommen wäre, und nachher stellte sich heraus: Wir hätten ihn verhindern können.”

Ist das nicht ehrenwert? Minister Steinmeier wollte die deutsche Bevölkerung vor Terror beschützen. Kurnaz war ein mutmaßliches Sicherheitsproblem, also musste er in Guantánomo bleiben. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Welcher aufrechte Deutsche könnte Steinmeier verargen, dass er sich im Zweifel für die Sicherheit unseres Volkes entschieden hat?

Doch gemach. Was impliziert diese Aussage. Sie impliziert: Guantánamo ist ein geeigneter Ort, um das “Sicherheitsproblem Kurnaz” aufzubewahren. Nun ist Guantánamo jedoch keine nette Haftanstalt mit Freigang und Multimedia auf der Zelle, sondern ein Gefängnis, in dem Gefangene entrechtet und gefoltert werden. Und so impliziert Steinmeiers Aussage weiterhin: Um Anschläge zu verhindern, sind Entrechtung und Folter im Stile von Guantánamo gerechtfertigt.

Minister Steinmeier würde vermutlich weit von sich weisen, dass er Entrechtung und Folter, wie die Amerikaner, als legitime Mittel im “war on terror” betrachtet - dies ist aber die unabweisbare Konsequenz seiner Äußerungen zum Fall “Kurnaz”. Dabei stellt sich die Frage, ob er hier bewusst und absichtlich mit einer verdeckten Implikation operiert oder ob ihm die grausigen Konsequenzen seiner Einlassungen nicht klar waren.

Fakt ist, dass Folter in Deutschland unbedingt verboten ist. Kein Deutscher darf sich, wo auch immer, mit welcher Begründung auch immer, an Folter beteiligen oder sie auch nur durch unterlassene Hilfeleistung ermöglichen oder fördern. Dies gilt natürlich auch für Minister Steinmeier, denn der deutsche Außenminister steht bekanntlich nicht über dem Gesetz.

Es mag sich in manchen deutschen Köpfen während des Kalten Kriegs die Vorstellung eingenistet haben, dass man insgeheim gegen die Menschenrechte verstoßen dürfe, wenn man damit den Amerikanern dienstbar sei. Derartige Einnistungen sollten schleunigst ausgemistet werden. Das Volk sollte entsprechend gestrickten Politikern unmissverständlich klarmachen, dass diese Zeiten nun endgültig vorbei sind.

Frohe Weihnachten, liebe Neger

weihnachtsmann.jpgIn Amerika ist es inzwischen verpönt, Kunden oder Mitarbeitern “Merry Christmas” zu wünschen. Auch aus den Werbekampagnen sind die Weihnachtswünsche verschwunden. Ersatzweise heißt es: “Seasons Greetings” oder “Happy Holidays”. Schließlich möchte man die amerikanischen Moslems, Buddhisten, Hinduisten, Anhänger sonstiger Glaubensgemeinschaften sowie natürlich auch die Freidenker und Atheisten nicht kränken. Meinungsumfragen haben zwar ergeben, dass 95 Prozent der Amerikaner Weihnachten feiern - und zwar unabhängig vom Glaubens- oder Unglaubensbekenntnis - aber wer meint, “political correctness” habe etwas mit realer Diskriminierung zu tun, der hat die ganze Chose nicht verstanden.

Weihnachten ist weltweit kein ausschließlich christliches Fest mehr. Es ist noch nicht einmal ein religiöses Fest. Das ist auch den Kirchen nicht verborgen geblieben. Sie beklagen die zunehmende Kommerzialisierung. Eigentlich könnte also jeder wissen, dass Weihnachten nur noch eine Minderheit in erster Linie die Geburt Jesu feiert. Und so ist es auch rational nicht nachvollziehbar, warum “Frohe Weihnachten” diskriminierend sein soll.

Die Weihnachtsideal besteht heute darin, im Familienkreis zusammenzukommen, sich zu beschenken, gut zu essen und zu trinken, alte Freundschaften zu pflegen. Zuvor muss man sich heftig abrackern, damit man dann, wenn der Stress nach der Bescherung nachlässt, mit besonderem Genuss ein paar Tage die Seele baumeln lassen kann. Mit Religion hat dieses Ideal erkennbar nichts zu tun. Natürlich kann, wer mag, Religiöses mit Weihnachten verbinden - wer nicht mag, muss deswegen aber auf Weihnachten nicht verzichten. Das ist hier in Deutschland so und in Amerika nicht anders.

Was stößt mir hier so böse, so sauer auf an dieser “political correctness”? Es geht offenbar nicht um die Menschen. Es geht offenbar nicht um den Schutz von Minderheiten. Es geht offenbar nicht um die Achtung von Gefühlen. Es geht um die Dressur von Menschen um der Dressur willen. Die Menschen sollen sich in immer weiteren Bereichen ihres Lebens willig abrichten lassen, ohne nach dem Sinn zu fragen. Früher wurden solche Dressuren religiös legitimiert oder auch nationalistisch. Ein guter Christ (Jude, Moslem etc.) oder ein guter Deutscher (Amerikaner, Brite etc.) tat dieses oder jenes nicht. Doch heute, in der multikulturellen Gesellschaft, geht die Allgemeinverbindlichkeit der religiösen und nationalen Imperative zunehmend verloren. Daher braucht man die “politische Korrektheit” als verbindliche Leerformel zur Abrichtung menschlicher Tanzbären.

Nun gut, ich räume ein, dass manche politisch korrekten Formulierungen tatsächlich Kränkungen vermeiden. Manche Neger beispielsweise fühlen sich wirklich von diesem alten deutschen Wort beleidigt, obwohl es nicht anders bedeutet als Schwarzer. Und manche Frauen sind indigniert, wenn man statt LehrerIn einfach nur Lehrer schreibt, um sich auf den Berufsstand insgesamt zu beziehen.

Doch wenn man sich die Natur dieser Kränkungen genauer anschaut, dann springt deren Künstlichkeit ins Auge. Sage ich zu einem anderen in kränkender Absicht: “Du Schwein”!, dann muss der sein Gekränktsein nicht aus einem Wust von Ideologien ableiten - er weiß spontan, dass ich ihn kränken wollte. Das spontane Wissen stammt erstens aus der sprachlichen Tradition, denn “Schwein” wird im Deutschen seit altersher als Schimpfwort gebraucht; und zweitens ergibt es sich aus dem Kontext unserer Kommunikation.

Fühlt sich eine Frau aber missachtet, weil ich Lehrer, statt LehrerIn schreibe, dann kann sie dieses Gefühl weder aus der sprachlichen Tradition ableiten oder aus dem Kontext. Dasselbe gilt für “Neger” und für “Frohe Weihnachten”. Dies bedeutet nicht, dass unserer Kultur die Diskriminierung von Farbigen, Frauen und Andersgläubigen fremd wäre, keineswegs. Doch diese Diskriminierung haust nicht in den Wörtern oder Phrasen, sondern in der handfesten Realität. Das Sein aber ändert man nicht im Zeichen. An der Lage eines Lehrlings ändert sich nichts dadurch, dass man ihn Azubi nennt.

Also, liebe LehrerInnen, liebe NegerInnen (ich weiß, dass ist nicht ganz korrekt, aber hier stoße ich an Grenzen, SchwarzeInnen, geht das?), euch besonders, aber auch allen anderen wünsche ich von Herzen frohe Weihnachten.

PS: Puuh, mein Gott, zum Glück ist “Herz” sächlich.

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