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8.4.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Jede Kultur ist durch tiefsitzende Grundannahmen gekennzeichnet. Die meisten Menschen teilen sie und verteidigen Sie auch wider besseres Wissen. Sie sind fundamentaler als jede Religion und im Widerstreit zwischen ihnen und der Logik zieht die Logik den Kürzeren.
Wer diesen Grundannahmen widerspricht, wird schnell zum Außenseiter, es sei denn, es gehöre gleichsam zu seinen Berufspflichten, Dogmen zu widersprechen. Ein Kabarettist, ein Schriftsteller kann davon kommen, normal Sterbliche aber eher nicht.
Eine dieser zentralen Grundannahmen unserer Kultur lautet: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer etwas wirklich will und gut ist, wer die persönlichen Voraussetzungen besitzt und beharrlich sein Ziel anstrebt, wer sich nicht entmutigen oder einschüchtern lässt, der wird auch bekommen, was er sich wünscht.
Es mag diese Grundannahme auch in anderen Kulturen geben, aber für unsere deutsche Nationalkultur ist sie so wichtig wie kaum eine andere. Wir können nicht von ihr lassen, auch wenn sie offensichtlich den Tatsachen widerspricht, auch wenn sie viele mit Minderwertigkeitsgefühlen erfüllt oder gar depressiv macht. Wir können noch nicht einmal angesichts unserer grauenvollen Geschichte von ihr lassen. Denn diese Grundannahme war das Credo Hitlers und der führenden Nationalsozialisten. Dieses Glaubensbekenntnis war der Motor, der Hitler motivierte, die aberwitzigsten Pläne sich auszudenken und bedenkenslos in Angriff zu nehmen. Dieses Glaubensbekenntnis war gleichermaßen einer der Gründe dafür, warum ihn die Deutschen gewähren ließen, warum sie ihm nicht in den Arm fielen.
Die Deutschen glaubten und glauben nach wie vor, dass diese Glücksschmiede über jeder Moral stünden, weil sie nur dann Erfolg haben und weil der Erfolg der Guten, Mutigen und Willensstarken über jeder Moral stehe.
Und so ertragen sie auch die allergrößten Schurken in Politik und Wirtschaft ohne ernsthafte Anzeichen der Gegenwehr. Sie nörgeln zwar und mosern und manche wählen gar Protest; dass man am deutschen Sumpf aber etwas ändern, dass man ihn gar trocken legen könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn. Nicht wirklich. Trotz Linkspartei.
Und der wohl wichtigste Grund dafür ist der ungebrochene Glaube an die Glücksschmiederei. Denn dieser hat natürlich seine Kehrseite. Wer seine Ziele nicht erreicht, der war eben nicht gut und nicht willensstark genug. Er muss sich schämen. Er ist minderwertig. Er hat kein Recht, sich gegen die Erfolgreichen, also die Guten und Willensstarken aufzulehnen .- ganz gleich, wie moralisch verkommen diese auch sein mögen.
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7.3.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Eine neue britische Studie hat festgestellt, dass die Berichterstattung der Medien in den letzten Jahren viel emotionaler geworden sei. Manche deuten dies als Ausdruck der Feminisierung westlicher Gesellschaften, sehen das kritische Denken und dadurch die Demokratie in Gefahr. Die “Feminisierung” als Ursache auszumachen, liegt natürlich nahe, ist aber aus meiner Sicht zu vordergründig. Zwar sauge ich Argumente, die den Feminismus für alle Unbill unserer bösen Welt verantwortlich machen, meist widerstandslos auf wie ein Schwamm, aber in diesem Falle muss ich dieser lustvollen Neigung, so leid es mir tut, widerstehen. Der Grund für diese Tendenz zur Emotionalisierung ist diesmal ausnahmsweise ein anderer: die Männer sind schuld, tatsächlich. Denn die meisten Experten sind immer noch Männer.
Unsere moderne Welt ist so komplex, genauer, unser Wissen über die moderne Welt ist so vielschichtig, so kompliziert geworden, dass die meisten von uns selbst die Themen, die uns unmittelbar angehen, selbst die Sachverhalte unseres alltäglichen Lebens nicht mehr verstehen. Wir müssen also, um uns zurecht zu finden, diese Komplexität verringern. Der naheliegende Mechanismus zur Reduktion von Komplexität ist, wie Luhmann einst in seiner gleichnamigen Schrift analysierte, das Vertrauen.
Doch die Experten, denen wir vertrauen könnten, haben sich heillos kompromittiert. Sie waren vielleicht schon immer korrupt, aber wahrscheinlich nicht so korrupt wie heute. Jedenfalls ist den Menschen in den letzten Jahren immer klarer geworden, dass sie den Experten nicht vertrauen können, weil die meisten gut geschmiert sind und es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Und so ersetzt zunehmend die Emotionalisierung das Vertrauen als Mechanismus zur Reduktion von Komplexität. An die Stelle der Experten treten die Betroffenen. Denn Komplexität müssen wir reduzieren: Wenn das Vertrauen fehlt, bleibt nur die Emotionalisierung.
Es entsteht eine neue Klasse der Betroffenheits-”Experten”. An die Stelle von Wissenschaft, Logik und Fakten treten persönliche Erfahrung, das “uralte Wissen” der Vorfahren und die emotionale Intensität. Diese neuen “Experten” sind übrigens meistens Frauen.
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17.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Ist Nationalstolz berechtigt? Diese Frage würde in den meisten Staaten der Welt wohl eher mit einem Kopfschütteln quittiert, in Deutschland vermag sie immer noch heiße Debatten zu entfachen. Meine Antwort: Es kommt darauf an, was man unter “Nationalstolz” versteht. Es gibt zwei Lesarten:
Ob der Nationalstolz im Sinne der zweiten Variante berechtigt ist, entzieht sich jeder vernünftigen Diskussion. Nur ein charakterlich völlig verrotteter Mensch könnte bestreiten, dass Deutschland, trotz der Untaten Hitlers und seiner Spießgesellen, viel Edles, Hilfreiches und Gutes hervorgebracht hat.
Schwieriger ist die Frage des Nationalstolzes hinsichtlich der ersten Variante zu beantworten. Der Begriff des Stolzes bezieht sich ja auf eine lobens- bzw. liebenswerte Tat, z. B. auf eine wissenschaftliche, künstlerische oder praktische Leistung. Wer also ein Recht zu haben glaubt, stolz darauf sein zu dürfen, dass er ein Deutscher sei, muss für sich die Teilhabe an den positiven Taten Deutschlands beanspruchen. Die passive Teilhabe allein genügt allerdings nicht. Sonst könnte einer ja behaupten, er sei zu recht stolz, ein Deutscher zu sein, weil mit seinen Steuergroschen z. B. irgendwo in der Welt ein Bewässerungsprojekt finanziert oder eine Polizeitruppe geschult worden sei. Diese Form des Stolzes würde nur durch eine freiwillige Leistung bzw. einen Verzicht gerechtfertigt. Und auch diese zusätzliche Bedingung reichte nicht aus für den Stolz in der Variante 1. Die freiwillige Leistung, der freiwillige Verzicht müsste auch noch im Namen oder im Geiste Deutschlands erbracht worden sein und nicht etwa (nur) aus christlicher Nächstenliebe oder aufgrund anderer, nicht-nationaler Glaubensbekenntnisse.
Bei genauerem Hinsehen entlarvt sich der Stolz in der Variante 1 nur zu oft als Überschätzung der eigenen Bedeutung angesichts der Geschichte und Größe unseres Volkes. Dies erklärt auch, warum sensible Menschen die PR-Kampagne mit dem Slogan “Du bist Deutschland” als vollends lächerlich empfunden haben. Dieser Gefahr entgeht der Nationalstolz in der zweiten Version. Sie rückt nicht das eigene Ego, das individuelle Selbstwertgefühl in den Mittelpunkt. Unproblematisch ist allerdings auch diese Variante nicht. Sicher, man kann stolz sein auf den großen Bruder, weil er das Abitur mit Auszeichnung bestanden hat. Man kann stolz sein auf einen Sportler, weil er höher gesprungen oder schneller gelaufen ist als andere. Doch kann man auch stolz sein auf ein Abstraktum, auf Deutschland? Wurden die edlen, hilfreichen und guten Taten, die zu Stolz berechtigen, tatsächlich von Deutschland begangen? Oder sind die Urheber heroische, geniale Menschen oder Eliten?
Manche patriotisch gestimmte Sportler bekunden, nachdem sie vom Siegertreppchen bestiegen sind, im Gespräch mit den Reportern, sie hätte ihren Sieg fürs Vaterland errungen. Manche räumen auch ein, dass ihre Leistung ohne die Unterstützung ihres Staates nicht möglich gewesen sei. Diese Äußerungen mögen ehrlich gemeint sein. In Gesellschaften, die dem Kult des Individualismus frönen, gewinnen Sieger im Allgemeinen jedoch für sich selbst und schreiben sich selbst die Gründe für ihren Erfolg zu. Ist es unter diesen Bedingungen nicht lächerlich, beispielsweise stolz auf Deutschland zu sein, weil unsere Fußballelf bei der Weltmeisterschaft gut abgeschnitten hat?
Stolz auf die eigene Nation ist eigentlich nur dann vernünftig begründbar, wenn das Vaterland als überindividuelle Dimension der eigenen Identität bzw. wenn das Ich als Identifizierung der nationalen Geschichte begriffen wird. Ein derartiger Nationalstolz wäre unabhängig von individuellen Zuschreibungen der Ursachen für Leistungen und Fehlleistungen. Er wäre freilich in einer Vernunft begründet, die den Raum der klassischen Logik verlässt und in der dialektischen Logik fußt. Dieser Nationalstolz wurzelt in einem Wirgefühl, das dem Ichbewusstsein vorausgeht.
Menschen anderer Völker schwimmen in diesem Nationalgefühl wie Fische im Wasser. Sie müssen darüber nicht nachdenken. Sie lieben ihr Vaterland, ohne über dieses Gefühl reflektieren zu müssen, um es in sich hervorzurufen.
In Deutschland ist dies nicht so einfach. Die Verbrechen des Hitlerismus - der weder national, noch sozialistisch, sondern rassistisch, räuberisch und elitär-größenwahnsinnig war - haben es den jungen Menschen, die nach dem Kriege in der Bundesrepublik aufwuchsen, schwer gemacht, Gefühle des Stolzes für ihr Vaterland zu entwickeln. Die Vaterlandsliebe degenerierte einerseits zu einer rechtsradikalen Perversität. Andererseits wurde das Triebschicksal der Vaterlandsliebe durch staatstragende konservative Tendenzen masochistisch geformt. Seinen edelsten Ausdruck, hieß es, fände die Liebe zu Deutschland in der Unterwerfung unter das Imperium. Das Imperium verwandelte unser Land in ein Lagerhaus für Atomwaffen und spielte mit dem Gedanken, den Atomkrieg gegen die Sowjetunion auf deutschem Boden zu gewinnen. Auch in der Deutschen Demokratischen Republik wurde die Vaterlandsliebe mit der Liebe zu einer fremden Macht identifiziert. Die Konsequenzen für das Seelenleben der Menschen waren in beiden Teilen Deutschlands verheerend.
Werfen wir das Ruder herum!
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31.1.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Vertrauen ist wertvolles Kapital. Man gewinnt es nicht im Handstreich - wie Geld im Lotto oder durch einen kühnen Börsen-Coup. Aber man kann es verlieren wie durch einen Blitzschlag. Das Vertrauen der Bürger ist ein wertvolles Gut. Unser Wohlergehen, unsere Zukunft hängen davon ab. Es geht hier nicht darum, dass die Bürger den Oberen alles glauben sollten wie fromme Kirchenschafe an die unbefleckte Empfängnis. Dies bedeutet auf nicht, dass kritischer Bürgersinn den gesellschaftlichen Frieden gefährden würden. Entscheidend ist das Grundvertrauen, die nicht nur verstandesmäßig begründete, sondern die gefühlte Gewissheit, dass die Regierung unsere zentralen Grundwerte achtet.
Selbst in den wüstesten Zeiten des RAF-Terrorismus, selbst in der bleiernen Zeit des Deutschen Herbstes war die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, dass die deutschen Staatsorgane nicht foltern und auch nicht foltern lassen. Zwar streuten eine Handvoll von Sympathisanten Gerüchte, die einsitzenden RAF-Terroristen seien in Wüstencamps ausgeflogen und dort gefoltert worden. Und sie klagten die Haftbedingungen als Isolationsfolter an. Doch in der Bevölkerung fanden sie mit diesen unglaubwürdig klingenden Anklagen wenig Widerhall. Das Vertrauen darauf, dass unser Staat nach den schrecklichen Erfahrungen der Nazizeit nicht schon wieder die Grenze zur Staatsbarbarei überschreiten würde, war fest verankert.
Die Menschen wussten zwar, was die Amerikaner in Vietnam, in Süd- und Mittelamerika und in anderen Weltgegenden anstellten, sie wussten auch, dass die Israelis nicht zimperlich waren - dass aber deutsche Sicherheitsdienste mit ihren politischen Freunden auch in der Folterfrage eines Sinnes sein könnten, schien den meisten von uns unvorstellbar. Deutschland, so dachten viele, war ein Rechtsstaat, der sich an seinen eigenen, humanen und liberalen Gesetze hielt. Und wenn dennoch, was niemand ausschließen mochte, einzelne Beamte diese Grenzen überschritten, dann handelten sie nicht in staatlichem Auftrag und wurden, sofern die Missgriffe ruchbar wurden, angemessen bestraft.
Man mag sich darüber streiten, ob dieses Vertrauen jemals gerechtfertigt war. Unstrittig ist, dass es heute, im Lichte der Affäre “Steinmeier” und ähnlicher Vorgänge, schmilzt wie der Schnee in der Sonne. Ich brauche keine Meinungsumfragen zu diesem Thema, um einen rapiden Vertrauensverlust in Sachen “Folter” zu konstatieren. Und, da Vertrauen vor allem ein Gefühl ist, hat der Vertrauensverlust eine starke emotionale Komponente… Das heißt: Er beschränkt sich nicht nur auf die momentane Situation und auf die Behandlung mutmaßlicher Islamisten. Er tendiert, wie alle emotionalen Prozesse, zur Generalisierung. Wer einmal von einem Hund gebissen und in Panik versetzt wurde, neigt später dazu, sich vor allen Hunden zu fürchten, selbst vor den ganz kleinen.
Menschen, die sich noch an den RAF-Terrorismus erinnern können, beginnen sich zu fragen, ob vielleicht doch etwas dran gewesen sein könnte an dem einen oder anderen Vorwurf der RAF-Sympathisanten. Wenn Amis heute Leute entführen, in Foltercamps verschleppen und sich einen Dreck um nationales und internationales Recht scheren, ja, wer garantiert uns denn, dass sie nicht immer schon so gehandelt haben? fragt sich der nachdenkliche Bürger.
Früher wurden Zweifel an der Treue des deutschen Rechtsstaats zu seinen eigenen Normen schnell verdrängt durch die Mechanik des Grundvertrauens; doch heute knirscht und knarzt diese verrostete Mechanik und weckt uns auf aus der staatsgläubigen Trance.
Was wäre die rechte Kur gegen diesen Vertrauensverlust? Soll Steinmeier zurücktreten? Sollen deutsche Spezialeinheiten sich aus den amerikanischen Geheimkriegen zurückziehen? Oder glauben die Verantwortlichen, auf das Vertrauen des Volkes verzichten zu können? Ist dieses Vertrauen im Zeichen neuer militärischer und geheimdienstlicher Herausforderungen obsolet geworden? Ist der Mechanismus des Vertrauens zu schwach, um die Zumutungen zu bewältigen, die zukünftig auf das deutsche Volk zukommen? Mit welchen neuen Formen der Bewusstseinskontrolle müssen wir rechnen? Auf welchen Schutz vor Staatswillkür dürfen wir vertrauen?
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28.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Es gibt im Prinzip nur zwei Sichtweisen, um historische bzw. gesellschaftliche Prozesse zu betrachten, nämlich die personale und die strukturelle. Aus struktureller Perspektive wird die Gesellschaft von ökonomischen oder politischen Systemen determiniert, wie z. B. dem Kapitalismus oder dem Parlamentarismus. Aus personaler Sicht aber wird die Geschichte von großen Männern bestimmt. Beide Sichtweisen sind unvereinbar. Und dies nicht aus logischen Gründen, denn man könnte sich durchaus eine gedanklich stimmige Synthese beider Sichtweisen vorstellen. Sie schließen einander aus, weil die personale Position eine romantische, die strukturelle eine rationalistische Sichtweise ist. Romantik und Rationalismus sind aber wie Feuer und Wasser. Sie sind psychologisch unvereinbar.
Es versteht sich von selbst, dass in den zentralen Fragen der geschichtlichen Entwicklung und des gesellschaftlichen Lebens heftiger Streit zwischen diesen beiden Positionen entbrennen muss. Geistiger Streit gebiert stets charakteristische Kampfbegriffe… und einer der aussagekräftigsten in der Auseinandersetzung zwischen Romantikern und Rationalisten ist der Begriff der “Verschwörungstheorie”.
Die romantische Position ist ohne Verschwörungstheorien nicht denkbar. Die großen Männer grenzen sich nun einmal von den Massen ab, über die sie sich erhaben fühlen, sie bilden elitäre Zirkel, in denen sie sich zu geschichtsmächtigem Treiben verabreden. Dem Rationalisten stehen angesichts derartiger Theorien die Haare zu Berge. Zwar bestreitet er nicht, dass der Geschichtsprozess auf individuellen Entscheidungen beruht. Die Systeme aber absorbieren aus dieser Sicht die Einzelentscheidungen und wandeln sie ihrer inneren Logik entsprechend um. So gewinnen die Systeme eine von den Individuen losgelöste Eigendynamik und ordnen sich sogar die Willenskraft großer Männer unter.
Es ist unmöglich, mit empirischen Methoden festzustellen, welche der beiden Positionen die überlegene, welche wahr und welche falsch sei. Mit der Geschichte kann man schließlich ebenso wenig experimentieren wie mit der Gesellschaft. Daher sind die rationalistische nicht minder als die romantische Perspektive Glaubensbekenntnisse - was ihre Verfechter allerdings in aller Regel nicht davon abhält, sie mit großer Inbrunst für wissenschaftlich wahr zu halten.
In Deutschland verläuft die Trennungslinie zwischen Romantikern und Rationalisten ziemlich genau parallel zum Rechts-Links-Kontinuum. Dies führt zu bezeichnenden Verzerrungen der politischen Weltbilder. So haben z. B. auch ansonsten kritische und konsequent denkende Geister auf der Linken bemerkenswerte blinde Flecken in Sachen “Geheimdienste”. Sie setzen sich allenfalls mit Bespitzelung und politischer Verfolgung durch Geheimdienste auseinander - vor allem, sofern sie selbst davon betroffen sind. Mit der sehr viel weiter reichenden gesamtgesellschaftlichen Bedeutung von Geheimdiensten und anderen verdeckt operierenden Organisationen beschäftigen sie sich so gut wie überhaupt nicht, reagieren auf diese Thematik sogar mit einer latenten Feindseligkeit. Und sehr schnell vergegenständlicht sich das Unbehagen holzhammerartig zum Kampfbegriff “Verschwörungstheorie”.
Auf der anderen Seite tun sich die Romantiker schwer, ihre Geheimgesellschaften im realen Leben, also in den tatsächlich existierenden sozio-ökonomischen Systemen zu verorten. Lieber sehen sie die “Illuminaten” als kaschierte Außerirdische denn als Charaktermasken kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Repression und Ausbeutung werden als Ausdruck finsterer Pläne und Machenschaften gedeutet; dass diese die unausweichliche Folge bestimmter Eigentumsverhältnisse sein könnten, kommt den Romantikern nicht in den Sinn.
Das Leben sei, schrieb einst Lenin, allemal schlauer als die klügsten Theoretiker. Und so schafft es auch immer wieder Synthesen zwischen strukturellen und personalen Prozessen, die, mehr oder weniger offensichtlich, die Konfrontation zwischen Romantikern und Rationalisten Lügen strafen. Ein schlagendes Beispiel dafür ist der Komplex Gladio / Propaganda Due. Die geheime Partisanenorganisation “Gladio” ist als unausweichlicher Bestandteil der NATO-Strategie während des Kalten Krieges eindeutig strukturell zu erklären. Der maurerische Geheimbund “Propaganda Due” aber scheint wie aus dem Lehrbuch der Verschwörungstheorie entsprungen. Dennoch sind beide Elemente historisch untrennbar miteinander verbunden.
Bisher hat sich noch kein kühner Geist gefunden, der in der Lage gewesen wäre, die psychologischen Barrieren zu überwinden und die reale Synthese gedanklich nachzuvollziehen. Dieser Nachvollzug könnte paradigmatisch sein für andere Bereiche und Phänomene, die nicht so offensichtlich sind.
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