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9.2.2009 von Hans Ulrich Gresch.
Als sich die Psychologen im vorigen Jahrhundert aus ihren Lehnstühlen erhoben, sich den Staub philosophischer Wälzer aus dem Gesicht wischten und begannen, in psychologischen Laboren mit Menschen zu experimentieren, da wurde dies als großer Fortschritt der Wissenschaft gefeiert. Mit naturwissenschaftlichen Methoden wollte man den Durchbruch in der psychologischen Forschung erzwingen. Harte Fakten sollten an die Stelle unverbindlicher Spekulation treten. Charakteristisch für diese Geisteshaltung ist ein Satz, mit dem der Psychologe Hermann Ebbinghaus auf dem internationalen Kongress für Psychologie im Jahre 1900 in Paris viel Beifall erntete, dass nämlich die Psychologie eine lange Vergangenheit, aber eine kurze Geschichte habe. Damit wurden alle geisteswissenschaftlichen Bemühungen zur Erkundung der menschlichen Seele in die Vorgeschichte verwiesen. Die Geschichte der Psychologie begann erst mit dem Experiment.
Inzwischen gilt das psychologische Experiment als der Goldstandard psychologischer Erkenntnis. Die Logik, die diesem Erkenntnisweg zugrunde liegt, entspricht dabei dem Grundgedanken jeder experimentellen Wissenschaft, sei es die Physik, die Chemie oder z. B. die Molekularbiologie. Um den Einfluss eines Faktors X auf einen Prozess P zu analysieren, variiert man diesen und versucht, alle anderen Einflüsse konstant zu halten. In den klassischen Naturwissenschaften hat die Anwendung dieses Grundprinzipps gigantische Fortschritte ermöglicht.
Doch hat der Psychologie stößt die experimentelle Strategie auf ein Problem. Dieses Problem ist so gravierend, dass es die Mehrheit der Forscher schamhaft verschweigt. Zwar hört man in wissenschaftstheoretischen oder methodischen Grundlagenseminaren gelegentlich die Begriffe “externe Validität” oder auch “ökologische Validität” - aber wenn es dann darum geht, die Befunde der experimentellen psychologischen Forschung den Medien oder Auftraggebern außerhalb des Wissenschaftsbetriebs zu verkaufen, dann tauchen diese Begriffe nicht mehr auf. Und erst recht ist dann das Problem, auf das sie sich beziehen, kein Thema mehr.
Es gibt allerdings auch Ausnahmen, Nestbeschmutzer. Über deren Motive könnte man trefflich streiten. Leute, denen das Thema nicht behagt, streiten sich gern über die Motive. Es scheint mir aber konstruktiver zu sein, sich mit den Argumenten auseinander zu setzen - und nicht mit den Beweggründen derer, die sie vertreten.
Einer dieser Nestbeschmutzer ist der amerikanische Kriminalpsychologe Prof. Dr. Christopher J. Ferguson. In einem Interview mit der Web Site “Gamespot” behauptete er, dass die Qualität psychologischer Forschung im Allgemeinen sehr schlecht sei. Es könne sich dabei durchaus um 90 bis 95 Prozent der Studien handeln.
“The way that we study questions, the way that we support our hypotheses are not very scientific, quite frankly. And social science is kind of an oxymoron, to some extent.”
Ein “Oxymoron” ist ein Widerspruch in sich. In gewissem Maße… Welches Maß meint der Professor?
Ferguson illustriert seine Behauptung mit der Forschung zur Frage, ob Computerspiele gewalttätiges Verhalten förderten. In den entsprechenden Experimenten werden die Versuchspersonen üblicherweise in zwei Gruppen geteilt, die Versuchsgruppe und die Vergleichsgruppe. Die Versuchsgruppe spielt eine Weile Computerspiele, die Vergleichsgruppe beschäftigt sich in demselben Zeitraum mit neutralen, also nicht mutmaßlich aggressionsfördernden Tätigkeiten. Danach werden beide Gruppen aufgefordert, ein bestimmtes aggressives Verhalten zu zeigen. In einer Reihe von Studien bestand dieses Verhalten darin, Mitarbeiter des Versuchsleiters mit lauten Tönen zu beschallen.
Wenn die Computerspieler sich bei diesem Tests aggressiver zeigten, wurde daraus geschlossen, dass Computerspiele die Gewaltbereitschaft stimulierten.
“There is a big difference between such an action and the sort of school shootings or other violent outbursts that concerned groups try to pin on violent games.”
Allerdings. Wer Menschen mit Lärm pisackt, nimmt deswegen nicht auch eine Knarre und legt seine Mitschüler um. In diesem Falle können die Ergebnisse des Experiments also allein schon darum nicht auf das reale Leben außerhalb des psychologischen Labors übertragen werden, weil es im Labor aus ethischen Gründen nicht möglich ist, das reale Leben in einem Ausmaß zu simulieren, das durch die Forschungsfrage erforderlich wäre. Aus erkenntnistheoretischer und methodologischer Sicht muss also davon gesprochen werden, dass die ökologische Validität von Experimenten dieser Art eingeschränkt sei.
Doch nicht nur ethische Momente bedrohen die ökologische Validität - auch solche, die mit der Natur psychologischer Experimente an sich zusammenhängen. Die Übertragbarkeit experimenteller Resultate ist ja immer in Frage gestellt, wenn sich die Bedingungen des Experiments gravierend von denen im realen Leben unterscheiden. Ein psychologisches Experiment ist eine Form menschlicher Interaktion. Die Versuchsperson befolgt die Anweisungen des Versuchsleiters.
Menschliche Interaktionen werden determiniert durch ein Wechselspiel von Variablen, die in der Person liegen, und solchen, die von außen auf sie einwirken. Es sind also nicht nur die objektiven Gegebenheiten allein, die menschliches Verhalten steuern, sondern auch die subjektiven Verarbeitungen dieser äußeren Reize haben einen erheblichen Einfluss. Denken wir beispielsweise daran, dass sich Versuchspersonen in einem Experiment auch selbst als Versuchspersonen definieren und dass sie Hypothesen entwickeln, was mit dem Experiment bezweckt werden soll. Kurz: Im Experiment wirken Einflussgrößen auf das Verhalten ein, die es im realen Leben außerhalb des Labors nicht gibt - und umgekehrt.
Die amerikanische Psychologin Elizabeth F. Loftus versuchte experimentell zu überprüfen, ob man Versuchspersonen falsche Erinnerungen einpflanzen kann. In dem berühmten “Shopping Mall Experiment” suggerierte sie den Teilnehmern, sie seien in ihrer Kindheit in einem Einkaufszentrum verloren gegangen. Loftus bezeichnete diese Erfahrung als “mildly traumatic”.
Studien dieser Art verfolgen natürlich nicht nur rein akademische Zwecke. Sie stehen im Zusammenhang mit einer politischen Debatte über die Glaubwürdigkeit von Frauen, die behaupten, sexuell missbraucht worden zu sein. In den Vereinigten Staaten und inzwischen auch anderswo haben sich Interessenverbände gebildet, die propagieren, diesen Frauen seien von ihren Therapeutinnen falsche Erinnerungen eingepflanzt worden. Als Beweis für diese These berufen sich diese Verbände dann auf Studien im Stil des “Shopping Mall Experiments”.
Über die Motive dieser Interessengruppen möchte ich nicht spekulieren. Konzentrieren wir uns auf das Argument, dass man Menschen falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch einpflanzen könne und dass dies experimentell bewiesen sei. Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass es einen gravierenden Unterschied macht, ob man in einem Einkaufszentrum von der Mutter vergessen oder ob man vom Vater sexuell missbraucht wurde. Es dürfte heute nicht mehr möglich sein, sich ein Experiment genehmigen zu lassen, in dem Versuchspersonen suggeriert wird, sie seien in der Kindheit sexuell missbraucht worden. Und erst recht ist es undenkbar, Kinder in einem Experiment sexuell zu missbrauchen, um dann hinterher festzustellen, ob sie diese Erfahrung vergessen und erst später, beispielsweise während einer Psychotherapie, wiedererinnern können.
Daher ist die ökologische Validität - auch von Experimenten zum Thema “sexueller Missbrauch” - immer eingeschränkt, und dies auch in diesem Fall nicht nur aus ethischen Gründen. Die Interaktion in einem psychologischen Labor unterscheidet sich nun einmal grundsätzlich von der Interaktion im Behandlungszimmer eines Psychotherapeuten. Die Versuchspersonen im Labor machen sich Gedanken, was der Versuchsleiter mit seinem Experiment wohl bezwecken will. Die Klienten einer Psychotherapie machen sich Gedanken, was der Psychotherapeut mit seiner Therapie wohl bezwecken will. Versuchspersonen und Klienten dürften in der Regel zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Und diese unterschiedlichen Ergebnisse werden ihr Verhalten und Erleben auch unterschiedlich beeinflussen.
Dies muss zumindest vermutet werden, und daher ist die Übertragbarkeit von Laborstudien auf das reale Leben immer in Frage gestellt. Betrachtet man also das Experiment als den Königsweg zur psychologischen Erkenntnis und entwertet alle anderen Ansätze als mehr oder weniger unwissenschaftlich, dann stellt man die Psychologie auf eine überaus fragwürdige Grundlage.
Man möge mich nicht missverstehen: Ich halte Experimente in der Psychologie keineswegs für wertlos. Sie sind nur kein eigenständiger Weg zur psychologischen Erkenntnis - und wenn Experimentatoren dies vorgeben, dann täuschen sie nicht nur die Öffentlichkeit, sondern sie hemmen auch den Erkenntnisfortschritt.
Eine Erzählung hat einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss. Ein psychologisches Experiment beginnt damit, dass ein Forscher mit einem wissenschaftlichen Problem konfrontiert wird und sich dazu eine Hypothese einfallen lässt. Nun denkt er sich einen Versuchsplan aus, um die Hypothese zu überprüfen. Er setzt den entsprechenden Versuchsplan um und dokumentiert das Verhalten seiner Versuchspersonen. Schließlich wertet er seine Datenbasis aus und veröffentlicht seine Ergebnisse. In einem Kriminalroman wird der Detektiv mit einer Leiche konfrontiert. Er lässt sich eine Hypothese einfallen, wer der Täter sein könnte. Nun dokumentiert er das Verhalten seiner Verdächtigen, wertet das Ergebnis seiner Investigation aus und präsentiert seinen mutmaßlichen Täter schließlich dem Staatsanwalt. Das psychologische Experiment ist also eine Story. Es gehört nicht zum Genre der Kriminalromane, es ist ein Genre sui generis. Aber es ist eine Erzählung - und nur wenn man es als Erzählung versteht und interpretiert, kann es zur psychologischen Erkenntnis beitragen.
Nicht nur psychologische Experimentatoren, wir alle sind Geschichtenerzähler. Wir alle versuchen, unserem Leben Sinn zu geben, indem wir uns und anderen Storys über uns selbst und unsere Welt erzählen. Diese Geschichten sind die Leitschnur unseres Verhaltens und Erlebens - bewusst und unbewusst. Nach wie vor beherrschen die pseudo-naturwissenschaftlichen Experimentatoren das Feld in der sog. wissenschaftlichen Psychologie, aber die Kritiker gewinnen an Einfluss. Zu den Forschern, für die Erzählungen der Stoff sind, aus dem die Seele gemacht ist, zählen die Anhänger der Narrativen Psychologie. Eine gute Einführung in dieses Wissensgebiet stammt aus der Feder der amerikanischen Psychologin Michele L. Crossley.
“Drawing on some of dominant theories in this area, it has argued that human life carries within it a narrative structure to the extent that the the individual, at the level of tacit, phenomenological experience, is constantly projecting backwards and forwards in a manner that maintains a sense of coherence, unity, meaningfulness and identity.”
Indem der psychologische Experimentator durch sein Experimentieren seine Identität als Naturwissenschaftler begründet und seinen Ergebnissen einen naturwissenschaftlichen Charakter zuschreibt, erzählt er eine nicht authentische, eine irreführende, eine entfremdete Geschichte über sich selbst und seine Welt.
Psychologie - alles Schrott? Oder zu 90 bis 95 Prozent, wie Ferguson behauptet? Die heutige empirische Psychologie gleicht in der Tat einem riesigen Schrottplatz. Unter einem Haufen Müll verbirgt sich jedoch mancher Wertgegenstand, der eine Geschichte erzählt, die nachzuerzählen es sich durchaus lohnt. Aber ist nicht jedes Experiment eine Geschichte? Durchaus, allerdings werden heute Forschungsberichte über derartige Experimente so verfasst, dass ihr Geschichten-Charakter möglichst verhüllt wird. Sie werden dadurch zur Fiktion, indem sie alles Fiktive zu vermeiden versuchen und nur “Daten” präsentieren wollen. Sie werden zur Fiktion, weil sie dabei die Menschen aus dem Blick verlieren und den Eindruck erwecken, die Versuchspersonen seien mechanische Objekte, die durch eine Handvoll von Merkmalen hinlänglich beschrieben werden könnten. Aber das ist eine andere Geschichte…
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12.4.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Wär’s nicht so traurig, könnt’ man’s possierlich nennen. Das Spiel läuft immer nach dem gleichen Schema ab. Jemand rührt an das Nazi-Holocaust-Antisemitismus-Tabu. Rührt er zu stark, nimmt er Schaden. Rührt er zu schwach, merkt es keiner. Es kommt darauf an, so stark zu rühren, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland protestiert, aber keineswegs zu stark, damit einen nicht die Nazi-Holocaust-Antisemitismus-Keule trifft.
Das Spiel ist beliebt unter Politikern, Künstlern und anderen Selbstdarstellern. Es wird immer beliebter, weil man mit einigem Geschick ohne großes Risiko sich bundesweites mediales Interesse sichern kann. Die Beerdigung Hans Filbingers war eine schöne Gelegenheit, dieses Spiel zu spielen… und alles lief nach Schema F ab.
Dieses Spiel gehört zu den dumpfen, düsteren Ritualen bundesdeutscher Behäbigkeit und Verlogenheit. Wer es spielt, gewinnt nicht nur Aufmerksamkeit, er darf auch prickelnde Angstlust genießen, wie in einem Horrorfilm, nur intensiver. Manche werden süchtig danach, wenige verbrennen daran. Wer es spielt, verhöhnt die von den Nazis gemeuchelten Juden ebenso wie das deutsche Volk, die deutsche Nation.
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11.4.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Den meisten Mitbürgern dürfte dieser Begriff überhaupt nichts sagen: Antideutsche Kommunisten. Ein Karnevalsscherz? Keineswegs. Für die antideutschen Kommunisten ist Deutschland die Heimstatt des Bösen. Die deutsche Geschichte musste, aus dieser Sicht, zwangsläufig in einem einzigartigen und unerklärlichen Verbrechen, dem Holocaust gipfeln. Seither seien in diesem Lande, so heißt es, keine Gedichte mehr möglich.
Die Gegengifte zur Bekämpfung des Deutschen in all seinen bösartigen Facetten seien Proamerikanismus, Proisraelismus und Antiislamismus. Die Antideutschen halten jede Kritik an amerikanischer Politik für eine kaschierte Form des Antisemitismus. Antisemit ist auch, wer vor dem Islam kapituliert, indem er z. B. für moslemische Wut auf Amerika und Israel Verständnis äußert oder Toleranz gegenüber den kulturellen Eigenarten des Islams fordert.
Diese politische Strömung mag manchem Grünen des ehemals linken Spektrums dieser Partei geholfen haben, einen gesichtswahrenden Weg ins Lager der Anhänger des US-Imperiums zu finden. Sie hatte also, trotz ihrer Unsichtbarkeit für die meisten Mitbürger, einen beachtlichen, untergründigen Einfluss auf die deutsche Politik zu Zeiten der rot-grünen Koalition.
Dies ändert natürlich nichts an der Absurdität dieser Position. Man denke beispielsweise an die ärgsten Antisemiten, die unverbesserlichen alten und neuen Nazis. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint die antideutsche These, Antiamerikanismus und Antisemitismus seien zwei Seiten einer Medaille, natürlich wie angegossen auf Hitlers Erben zuzutrefen. Doch gemach: Der Antiamerikanismus der Rechtsradikalen war während des Kalten Krieges vielfach eine Kaschierung des Antisemitismus und eine Exkulpierung Amerikas.
Die Nazis machten nämlich für alles, was ihnen an Amerika nicht gefiel, die amerikanischen Juden verantwortlich. Die “arischen” Amerikaner waren, so meinten die Nazis, nicht nur unschuldig, sondern Verbündete im Kampf gegen den Kommunismus (für den ebenfalls die Juden verantwortlich gemacht wurden). Während des Kalten Krieges waren die Nazis also - jenseits aller Camouflage - hartbeinige Proamerikaner. Nur so ist es zu erklären, warum viele Nazis das freundliche Angebot der Amerikaner annahmen, sich in amerikanischen und anderen westlichen Geheimdiensten nützlich zu machen.
Aus diesem Grunde war auch die Amerika-Kritik der Nazis während des Kalten Krieges insgesamt moderat. Paranoider Antikommunismus besänftigte zunehmend den ursprünglich noch vorhandenen Hass auf die Besatzer. Nach dem Niedergang des Kommunismus werden allerdings auch in diesen Kreisen die Stimmen wieder lauter, die den “American Way of Life” im Allgemeinen und amerikanische Kriegspolitik im Besonderen geißeln.
Und so hat sich auch die Haltung unserer Regierenden gegenüber den Nazis geändert. Hielt man früher die rechtsradikale Gefahr für ein linkes Hirngespinst, braune Terroristen für Einzeltäter und paramilitärische Nazitruppen für skurile Sportfreunde, so möchte man heute am liebsten alles mit Stumpf und Stil verbieten, was “national” auch nur zu lispeln vermag.
Die schwarze Magie des Anti, das stumpfsinnige Gegenüberstellen von Pro und Kontra ist ungebrochen. Politisches Denken scheint mit Schwarz-Weiß-Malerei identisch zu sein. Während Kritik und Wissenschaft und Kunst ein Motor des Fortschritts ist, polarisiert sie in der Politik, führt zu Erstarrung und Niedergang.
Atemberaubend sind auch die fliegenden Wechsel: Wer gestern noch den US-Imperialismus verdammte, sieht heute in den Vereinigten Staaten einen Zivilisationsträger und und Beschützer vor islamischer Barbarei. Wer gestern noch der RAF hofierte, verteidigt heute die NPD. Wer gestern noch Wehrsportübungen für ein schweißtreibendes Hobby hielt, wittert heute hinter jeder zackigen Bewegung nationalsozialistische Symbolik. Und das Tollste: Viele, die im rasanter Kreiselbewegung rotieren, vermögen gar keinen Widerspruch zu erkennen zwischen ihren Positionen von gestern und heute. Selbstverständlich seien sie sich im Kern treu geblieben.
Schwarz-Weiß-Malerei und ein rascher Wechsel zwischen Verteufelung und Vergötterung sind die Leitsymptome einer schweren Persönlichkeitsstörung, dem Borderline-Syndrom. Die Zahl der Betroffenen steigt angeblich ständig. Ich frage mich, ob die schwarzmagischen Inszenierungen unserer Politik dafür verantwortlich sind, dass immer mehr Menschen dieser Krankheit erliegen. Oder ist es vielleicht umgekehrt?
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28.3.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Im Auftrag des Magazins “Stern” befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa in der Zeit zwischen dem 22. und dem 23. März 2007 insgesamt 1003 Bundesbürger zum Thema “Weltfrieden”. 48 % der Befragten glauben, dass von den USA eine größere Bedrohung für den Weltfrieden ausgehe als vom Iran. Nur 31 % halten die Muslim-Republik für gefährlicher als die Vereinigten Staaten.
Der politische Mainstream zeigte sich entsetzt und machte für dieses Meinungsbild den angeblich in Deutschland grassierenden Antiamerikanismus verantwortlich. Allein Forsa-Chef Manfred Güllner widersprach. Die Ergebnisse seien die Folge einer Ablehnung der Politik von George Bush und keineswegs auf einen allgemeinen Antiamerikanismus zurückzuführen.
Diese Einschätzung könnte zutreffen. In einem Artikel aus der “Zeit” vom 19. 6. 2006 heißt es: “Die amerikakritischen Deutschen geben laut einer … Befragung des Pew Research Centers zu fast 70 Prozent dem Präsidenten die Schuld an den negativen Auswirkungen der US-Politik - und nicht den Vereinigten Staaten selbst. Bush-Bashing ist ein beliebtes Hobby der Deutschen.”
Die besorgten Deutschen hoffen, dass Friede, Freude und Eierkuchen die Welt beherrschen werden, sobald der ungeliebte Texaner das Amt des Präsidenten abgibt. Diese Haltung scheint wieder einmal die alte Weisheit zu bestätigen, dass der treueste Verbündete aggressiver Staaten das schlechte Gedächtnis der Menschen sei. Als hätte es z. B. nie den Vietnamkrieg gegeben!
Amerika ist keine Demokratie, sondern eine Plutokratie - und die beiden großen US-Parteien sind die Interessenvertretung einer Oberschicht, die rund 1 Prozent der Bevölkerung umfasst. Macht es wirklich einen Unterschied, ob nun ein Republikaner als Vertreter der Ölindustrie oder ein Demokrat als Gewährsmann Hollywoods im Weißen Haus sitzt? Mehr als die Hälfte der wahlberechtigten US-Bürger machen diesen Zirkus nicht mehr mit und bleiben den Urnen bei Präsidentschaftswahlen fern.
Allein viele Deutsche glauben immer noch, der amerikanische Präsident sei der mächtigste Mann der Welt und bestimme die Politik der USA wie ein Kaiser auf Zeit.
In seinem neuen Buch “Nemesis: The Last Days of the American Republic” beziffert Chalmers Johnson die Zahl der amerikanischen Militärbasen im Ausland auf 737. Grundlage dieser Zahl sind Angaben der amerikanischen Regierung aus dem Jahre 2005. Johnson vermutet, dass die tatsächliche Zahl der Basen größer sei. Die amtlichen Unterlagen seien unvollständig.
Dieses Militärimperium wurde nicht von George W. Bush geschaffen und es wird auch nicht mit ihm verschwinden. Allenfalls wird sich die immer noch vom Kalten Krieg geprägte Struktur verändern. 2004 kündigte Bush in einer Rede vor Kriegsveteranen an, dass er mehr Truppen ins eigene Land verlagern wolle, damit sie schnell auf unerwartete Bedrohungen überall in der Welt reagieren könnten. Man brauche eine agilere, flexiblere Truppe, die in jedem Winkel des Universums vom Kampf bis zur Friedensstiftung alle notwendigen Aufgaben erledigen könne. Die angestrebten Veränderungen könnten allerdings während seiner Amtzeit nicht abgeschlossen werden.
Die Deutschen sollten sich also keiner Illusion hingeben: Amerika wird auch noch dem Ende der “Ära Bush” bedrohlicher für den Weltfrieden sein als der Iran. Dabei spielt es keine Rolle, ob dem wiedergeborenen Christen Bush ein liberaler Demokrat nachfolgt oder wieder ein Republikaner. Es ist auch unerheblich, ob der neue Präsident eine Frau ist oder ein Neger. Auch eine schwarze, lesbische Frau mit einem Buckel und abstehenden Ohren würde nichts an der Tatsache ändern, dass die Vereinigten Staaten von Amerika die Weltherrschaft anstreben und dass sie deswegen die größte Gefahr für den Weltfrieden darstellen.
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7.3.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Eine neue britische Studie hat festgestellt, dass die Berichterstattung der Medien in den letzten Jahren viel emotionaler geworden sei. Manche deuten dies als Ausdruck der Feminisierung westlicher Gesellschaften, sehen das kritische Denken und dadurch die Demokratie in Gefahr. Die “Feminisierung” als Ursache auszumachen, liegt natürlich nahe, ist aber aus meiner Sicht zu vordergründig. Zwar sauge ich Argumente, die den Feminismus für alle Unbill unserer bösen Welt verantwortlich machen, meist widerstandslos auf wie ein Schwamm, aber in diesem Falle muss ich dieser lustvollen Neigung, so leid es mir tut, widerstehen. Der Grund für diese Tendenz zur Emotionalisierung ist diesmal ausnahmsweise ein anderer: die Männer sind schuld, tatsächlich. Denn die meisten Experten sind immer noch Männer.
Unsere moderne Welt ist so komplex, genauer, unser Wissen über die moderne Welt ist so vielschichtig, so kompliziert geworden, dass die meisten von uns selbst die Themen, die uns unmittelbar angehen, selbst die Sachverhalte unseres alltäglichen Lebens nicht mehr verstehen. Wir müssen also, um uns zurecht zu finden, diese Komplexität verringern. Der naheliegende Mechanismus zur Reduktion von Komplexität ist, wie Luhmann einst in seiner gleichnamigen Schrift analysierte, das Vertrauen.
Doch die Experten, denen wir vertrauen könnten, haben sich heillos kompromittiert. Sie waren vielleicht schon immer korrupt, aber wahrscheinlich nicht so korrupt wie heute. Jedenfalls ist den Menschen in den letzten Jahren immer klarer geworden, dass sie den Experten nicht vertrauen können, weil die meisten gut geschmiert sind und es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Und so ersetzt zunehmend die Emotionalisierung das Vertrauen als Mechanismus zur Reduktion von Komplexität. An die Stelle der Experten treten die Betroffenen. Denn Komplexität müssen wir reduzieren: Wenn das Vertrauen fehlt, bleibt nur die Emotionalisierung.
Es entsteht eine neue Klasse der Betroffenheits-”Experten”. An die Stelle von Wissenschaft, Logik und Fakten treten persönliche Erfahrung, das “uralte Wissen” der Vorfahren und die emotionale Intensität. Diese neuen “Experten” sind übrigens meistens Frauen.
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22.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Der katholische Bischof Walter Mixa zog vom Leder: Der Absicht der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die Kleinstkinderbetreuung aufwändig auszubauen, degradiere die Frauen zu Gebämaschinen. Diese Politik sei „vorrangig darauf ausgerichtet, junge Frauen als Arbeitskräfte-Reserve für die Industrie zu rekrutieren“. Es ginge gar nicht um das Kindeswohl und um Familienförderung, sondern darum, die “Doppelverdiener-Familie” zum “ideologischen Fetisch” zu erheben.
Ursula von der Leyen selbst scheint jedoch der beste Beweis dafür zu sein, dass sich Kinder und Familie durchaus mit einer anspruchsvollen beruflichen Karriere der Mutter vereinbaren lassen. Straft ihr Beispiel den Bischof Lügen?
Überdies ist sie ja nicht die einzige Mutter, die Kinder und Karriere unter einen Hut gebracht hat. Widerlegen diese Frauen und ihr wohlgeratener Nachwuchs nicht Mixas Behauptung, die Politik der Bundesfamilienministerin sei schädlich für Kinder und Familien.
Nach Meinung von Experten kommt heute bereits ein Drittel der Kinder mit erheblichen Defiziten, vor allem im sprachlichen Bereich in die Schule. Wäre es da nicht sinnvoll, wenn die Erziehung dieser Kinder möglichst früh in professionelle Hände gelegt wird? Oder ist umgekehrt die dem Zeitgeist entsprechende Entwertung des Mutterseins mitverantwortlich für die durch mangelnde oder falsche Erziehung bedingten Defizite vieler Kinder?
Die Frage würde sich erübrigen, wenn zwischen der Zeit, die eine Mutter ihren Kindern widmet, um dem Erziehungsergebnis ein eindeutiger, quantitativer Zusammenhang bestünde. Für eine derartige Korrelation gibt es in der einschlägigen Forschung keinerlei Anzeichen. Frauen, die ihre Kinder wie eine Glucke intensiv behüten, pflegen und umsorgen, sind keineswegs die besseren Mütter als die jene angeblichen “Rabenmütter”, die auf der Karriereleiter aufsteigend sich nicht zwangsläufig über die Interessen ihrer Kinder hinwegsetzen müssen.
Was sind das für Frauen, die Kinder und Karriere miteinander vereinbaren können? Powerfrauen? Beweise für die natürliche Überlegenheit des weiblichen Geschlechts? Hilft diesen Frauen das neuerdings viel gerühmte weibliche Talent, viele Dinge zur gleichen Zeit tun zu können? Neuere Studien lassen allerdings Zweifel an diesem Talent aufkommen. Frauen z. B., die während des Telefonierens mit dem Handy in einem Fahrsimulator fahren, können immer noch ganz passabel das Fahrzeug lenken - allerdings nur auf dem Niveau von mittelschwer Betrunkenen.
Man kann dieses Experiment wohl sinngemäß auch auf die Kindererziehung übertragen. Wenn Frauen Karrieren und Erziehung gleichermaßen und synchron meistern, dann sind dafür wohl eher nicht irgend welche übernatürlich anmutenden Fähigkeiten verantwortlich. Um dieses Phänomen zu erklären, dürfte ein Beispiel aus der Geschichte hilfreich sein:
Alexei Grigorjewitsch Stachanow förderte am 31. August 1935 in einer Kohlegrube als Hauer im Donbass in einer Schicht 102 Tonnen Kohle. Er übertraf damit die gültige Arbeitsnorm um das 13fache. Stachanow wurde von der sowjetischen Propaganda zum Helden erklärt und anderen Arbeitern als Vorbild vorbehalten. Was die Propaganda allerdings verschwieg: Stachanow hatte sieben Zuarbeiter an seiner Seite.
Mit sieben Zuarbeiterinnen und Zuarbeitern an ihrer Seite kann eine Powersuperfrau selbstverständlich auch sieben und noch viel mehr supergut geratenen Prachtkindern den Weg ins Leben ebnen. Doch allein: Wer kann sich das leisten? Wer sich das nicht leisten kann, läuft Gefahr, dass die Karriere der Mutter Stück für Stück zu Lasten des Wohls der Kinder geht - oder umgekehrt. Da möge sich niemand etwas vormachen.
Nun könnte man auf die Idee kommen, dass dann staatlich finanzierte Krippen für Kleinstkinder doch auch weniger gut betuchten Müttern helfen würden, im Beruf den Anschluss nicht zu verlieren. Nun ja: Auch die Arbeiter in der Sowjetunion, die sich der Stachanow-Bewegung anschlossen, mussten feststellen, dass ihnen die Staat keineswegs die sieben Helferlein des Helden der Arbeit zur Seite stellte. Das ganze war eine Mogelpackung.
Und so steht zu erwarten, dass die massenhaften Kinderkrippen für die ganz Kleinen bestenfalls schlechter Ersatz für mütterliche Zuwendung und schlimmstenfalls Experimente zur Umkrempelung von gerade entstehenden Kinderseelen im Sinne der jeweils herrschenden Ideologien sein werden. Die solide mit Staatsknete unterfütterte “Jungenarbeit” z. B. zeigt, wo’s langgeht.
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19.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
1972 erschien die deutsche Ausgabe eines Buchs, dessen Titel den damaligen Zeitgeist widerspiegelte: “Der Tod der Familie”. Der Autor war der britische “Anti-Psychiater” David Cooper. Er schrieb: “Die Macht der Familie liegt in ihrer sozialen Mittlerfunktion. Sie untermauert die effektive Macht der herrschenden Klasse in jeder Ausbeutungsgesellschaft, indem sie für jede gesellschaftliche Institution eine äußerst kontrollierbare paradigmaitsche Form liefert. So wiederholt sich die Familie ihrer Form nach in den Sozialstrukturen der Fabrik, der Gewerkschaft, der Volks- und Oberschule, der Universität, der Handelsgesellschaft, der Kirche, der politischen Parteien und des Regierungsapparates, der Streitkräfte, der Krankenhäuser im Allgemeinen und der Nervenkliniken im Besonderen.”
Damals, als junger Mann von 21 Jahren, verschlang ich dieses Buch mit wachsender Begeisterung. Klar, die Familie war die Ursache der emotionalen Verkrüppelung der Menschen und ihrer selbstzerstörerischen Neigung zur Unterwerfung. Sie musste sterben! Wer noch halbwegs bei Trost ist, erkennt natürlich, dass die Familie genau das Gegenteil ist, nämlich die Grundlage für jede Persönlichkeitsentwicklung zur emotionalen und mentalen Reife - aber welcher 21jährige ist halbwegs bei Trost in Zeiten ideologischer Raserei?
Natürlich: Jeder Wahnsinn hat einen rationalen Kern. Es stimmt schon, dass die familiären Beziehungen einen Menschen fürs Leben prägen können und dass sie ihn, falls sie kaputt sind, auch fürs Leben zerstören können. Die Familie abzuschaffen, hieße allerdings, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Alternative zu dysfunktionalen Familien lautet nicht, den Tod der Familie zu beschwören, sondern die Bedingungen für ein gesundes Familienleben zu schaffen.
Damals, als junger Mann, glaube ich noch an eine säuberliche Trennung in Gut und Böse und daran, dass Menschen, die Familie und Staat kritisierten, die Guten seien und dass es klug sei, deren Lied zu singen. Heute, mit Mitte 50, glaube ich dies nicht mehr so ohne weiteres und reagiere höchst empfindlich, wenn Leute zu unser aller Besten an der Familie herumbasteln.
Unsere Familienministerin Ursula von der Leyen - Karrierefrau und Mutter von sieben Kindern - hat sich dafür ausgesprochen, die Zahl der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren bis zum Jahr 2013 auf 750.000 zu verdreifachen. Kosten: drei Milliarden Euro. Vor allem führende CSU-Politiker warnen die CDU, die Förderung berufstätiger Mütter in den Mittelpunkt zu rücken. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass eine Frau, die sich nicht der Karriere, sondern hauptberuflich der Kindererziehung widme, ein Auslaufmodell des 19. Jahrhunderts sei.
Von der Leyen und ihre Mitstreiterinnen halten dieser Kritik entgegen, dass Eltern die Wahl zwischen Familienmodellen haben sollten. Das klingt natürlich gut und plausibel. Man sollte allerdings bedenken, dass mit dieser gesteigerten Wahlfreiheit in diesem Bereich die Wahlfreiheit in anderen Bereichen womöglich um drei Milliarden Euro vermindert wird. Denn schließlich ist der Vorstoß unserer Familienministerin nicht kostenneutral und man kann den Kuchen bekanntlich nur einmal verteilen.
Es mag bösartig klingen, aber - mit meiner Erinnerung an meine Lieblingslektüre aus den siebziger Jahren im Hinterkopf - kann ich es mir nicht verkneifen, an ein zweites Steckenpferd Ursula von der Leyens zu erinnern: Gender Mainstreaming. Ich könnte mir gut vorstellen, dass viele Bürger gar nicht wissen, was das ist. Um diesem Bildungsnotstand abzuhelfen, hat das Familienministerium eine schicke Web Site zu diesem Thema ins Netz gestellt.
Der Begriff “Gender Mainstreaming” bezeichnet den Versuch, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen. Das klingt gut. Es wäre allerdings nur dann wirklich gut, wenn die Geschlechter auch tatsächlich auf allen Ebenen gleich wären. Dies ist umstritten. Manche meinen, es gäbe biologisch verankerte Unterschiede zwischen den Geschlechtern und daher müsse sich auch das Aufgabenspektrum der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen unterscheiden. Andere sind davon überzeugt, dass diese Unterschiede das Produkt der Sozialisation, also auf Lernprozesse zurückzuführen seien.
Die Anhänger des “Gender Mainstreaming” glauben, dass - nicht in jedem Aspekt, aber doch im Wesentlichen - das Geschlecht eine soziale Konstruktion sei. Es liegt nun nahe, im Interesse des “Gender Mainstreaming” in die Sozialisationsprozesse einzugreifen. Es geht dabei um mehr also nur darum, kleinen Jungen beizubringen, im Sitzen zu pinkeln.
Sozialisationsprozesse finden gleichermaßen im privaten Raum der Familie und in gesellschaftlichen Institutionen wie Horten, Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen, Vereinen usw. statt. Die Prozesse in staatlichen oder staatlich finanzierten Einrichtungen kann der Staat selbstredend wesentlich leichter steuern als die Abläufe in der Familie - und so könnten natürlich interessierte Kreise auf die Idee kommen, sich den “Tod der Familie” zu wünschen, und wenn nicht gleich den Tod, so doch ein Herabsinken zur Bedeutungslosigkeit.
Die Damen und Herren der CSU, die Frau von der Leyens Pläne zur Betreuung von Kleinstkindern kritisieren, haben diesen mutmaßlichen Zusammenhang mit dem “Gender Mainstreaming” bisher noch nicht zur Sprache gebracht. Erkennen sie ihn nicht, oder trauen sie sich nicht? Die Hassprediger gegen die Familie in meiner Jugend gerierten sich überwiegend links. Linksradikalismus war damals “in”. Heute gibt es keine Hassprediger gegen die Familie mehr und die Linke ist gemäßigt geworden, keine Spur von Radikalismus. Die Angriffe gegen die Familie zum Zwecke der Menschheitsbeglückung und der Neugestaltung des Menschheitsgeschlechts sind heute schleichend, gut versteckt verbal gemäßigt. Die Umbrüche, die zu befürchten sind, sind umso radikaler.
Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, wie oft sich doch - trotz oberflächlicher Gegensätze - die politischen Konzepte der Rechten und der Linken einander ähneln. Dies liegt wohl daran, dass Leute, die dem Wahn der grenzenlosen Machbarkeit verfallen sind, in letzter Instanz die gleichen Lösungen bevorzugen. Ist wirklich alles machbar? Können wir sogar die Unterschiede zwischen den Geschlechtern planieren? Ist alles gut, wenn 50 Prozent der Mediziner Ärztinnen, 50 % der Ingenieure Frauen, 50 % der Feuerwehrmänner weiblichen Geschlechts sind? Ist das machbar und, wenn ja, soll das gemacht werden?
Oder können Frauen und Männer einander in wechselseitiger Wertschätzung begegnen, obwohl man sie sich so entwickeln lässt, wie sie nun einmal sind - auch wenn sie sich, aus biologischen und geschichtlichen Gründen, voneinander unterscheiden sollten? Es geht um mehr als um Betreuungsplätze für Kleinstkinder. Es geht um mehr als um die Wahlfreiheit für Eltern. Für uns Bürger geht es darum, wie groß die Bereiche sein sollen, die wir dem Zugriff des Staates öffnen. Sicher, wenn eine Frau sich beruflich weiterentwickeln und Kinder haben möchte, dann ist sind Betreuungsplätze für die lieben Kleinen sehr hilfreich, unter den bestehenden Bedingungen vielfach auch die einzige Lösung, um Beides unter einen Hut zu bringen.
Doch, verdammt nochmal, was sind denn das für Bedingungen, unter denen eine Frau, die Nachwuchs haben und Karriere machen will, ihre Kinder in zartestem Alter der Betreuung durch andere Hände anvertrauen muss. Was muten wir den Müttern, was muten wir da den Kindern zu? Was soll denn da noch alles planiert werden? Nur die Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Oder gleich alles, was der totalen Verwertbarkeit durch den globalisierten Kapitalismus widerstrebt? Heimat, Nation, Familie, Weiblichkeit und Männlichkeit - wird das alles kastriert, weil es die globalisierte Vernutzung menschlicher Kräfte und Ressourcen stört?
Es ist doch natürlich, dass Frauen Kinder bekommen und dass sie sich in der Gesellschaft nützlich machen und so im Beruf erfolgreich sein wollen. Es ist doch natürlich, dass Frauen ihre Kinder eigenhändig erziehen möchten. Das sind doch ganz natürliche Instinkte. Wenn das aber so ist, dann ist eine Gesellschaft zu fordern, die all dies ermöglicht, ohne Frauen und Kinder zu benachteiligen. Und die Männer würden sich mit Sicherheit auch wohler fühlen, wenn ihre Kindern in der sensibelsten Zeit ihrer Entwicklung ausschließlich von ihren Ehefrauen (und hin und wieder einmal von der Großmutter) erzogen werden, und nicht von fremden Leuten.
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15.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Fußball, angeblich die schönste Nebensache der Welt, ist knallharte Politik. In den Vereinen und Verbänden finden wir regelmäßig in Schlüsselpositionen Leute mit allerbesten Polit-Connections. Manche der Funktionäre sind selbst (ehemalige) Politiker. Mitunter übertreiben diese Politik-Fans ihren Enthusiasmus und kommen wegen Bestechung und/oder Bestechlichkeit mit dem Gesetz in Konflikt.
Bei wichtigen Spielen lassen es sich Minister und sogar Regierungschefs nicht nehmen, der Mannschaft vor und nach dem Spiel in der Kabine beizustehen. Gern geben sie vor laufender Kamera den Bundestrainern Ratschläge zur Spielgestaltung und wetteifern mit den Sportreportern in der hohen Kunst des Fußballkommentars. Hier dürfen sie so reden, dass sie - was sie sonst tunlichst vermeiden - von den Zuschauern auch wirklich verstanden werden.
Für manche Zeitgenossen ist die Politik ohnehin eine Grauzone, in der die Unterschiede zwischen den Ämtern des Bundestrainers und des Bundeskanzlers zu verschwimmen scheinen - und ob der erste Teamchef nach dem Weltkrieg Sepp Adenauer oder Konrad Herberger hieß, muss man nun wirklich nicht so genau wissen. Gespielt wird auf dem Platz.
Was ist schon eine schnöde Kneipenschlägerei verglichen mit dem Krieg im Stadion? Wer in der Fußballarena in die Schlacht zieht, kann sicher sein, dass die Kameras blitzen und surren. Und dies nicht nur bei Spitzenspielen. Ist die Randale frech und blutig genug, dann schweben die Geier der Medien auch über den Kampfbahnen der Dorfvereine.
Unter den gegebenen Bedingungen ist es nicht weiter erstaunlich, dass Politiker am lautesten tönen mit Vorschlägen, wie der Gewalt in den Stadien zu begegnen sei. Spiele sollten ohne Zuschauer stattfinden, und wenn das nicht genüge, müsse man Spiele halt verbieten, fordern sie. Die Funktionäre und Muftis der Fanprojekte stimmen diese Vorschläge skeptisch und geben zu bedenken, ob nicht noch mehr Staatsknete für ihre menschenfreundliche Sozialarbeit die effektivere Lösung sei.
Natürlich verstehe ich gut, dass man angesichts der widerlichen Exzesse dieser kriminellen Hooligans einschneidende Maßnahmen fordert. Aber leider ist es ein Irrglaube, dass viel viel hilft. Das ist nicht nur bei Medikamenten so, sondern auch bei der Gewaltvorbeugung. Wie bei Medikamenten muss man sich langsam von unten am die optimale Dosis herantasten.
Als erste Maßnahme schlage ich vor: Kameraverbot für Politiker in Sachen Fußball. Wenn dies nicht reicht: Stadionverbot. Die nächste Stufe der Eskalation bestünde darin, Fernsehübertragungen zu verbieten. Spätestens dann, so vermute ich, werden die meisten Hooligans, vor allem die gut durchgebräunten, das Interesse an ihren Kleinkriegen in Fußballarenen verlieren. In Italien geht man leider den falschen Weg. Man sperrt die Zuschauer aus und überträgt die Spiele im TV. Umgekehrt wird ein Schuh draus.
Sperrt man die Zuschauer aus, so suggeriert man fälschlicherweise, dass die Gefahr von diesen ausgehe. In Wirklichkeit ist aber die überwiegende Mehrheit der Fußballfans friedlich. Die Gefahr wird durch die Publizität erzeugt. Das ist genauso wie beim Terrorismus. Terroristen legen auch den allergrößten Wert darauf, dass ihre Schandtaten weltweit ausgestrahlt werden, am besten mit Enthauptungsvideo.
Mancher mag einwenden, dass es bei den Spitzenspielen, die im Fernsehen kommen, meist verhältnismäßig ruhig bleibe; wohingegen die Ausschreitungen in der Fußballprovinz stattfinden. Dieses Argument sticht nicht, denn erstens sichert die Gewalt den Spielen nachträgliches Medieninteresse und zweitens verleiht das Medieninteresse, ganz gleich bei welchen Spielen, dem Fußball erst jene (politische) Bedeutung, die ihn interessant macht für Gewalttäter - und nicht nur für braune.
Je präsenter eine Sportart in den Medien ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit gewalttätiger Auseinandersetzungen. Diese Erfahrungstatsache kann man nicht ernsthaft bestreiten, und daher ist mein Lösungsvorschlag auch nicht von der Hand zu weisen. Er hat aber dennoch keine Durchsetzungschance, weil Politiker einfach nicht davon ablassen können, beim Fußball ihre Fratzen in die Kameras zu halten. Wer Wertsachen öffentlich herumliegen lässt, darf sich über Diebstahl nicht wundern. Wer Fußball im Fernsehen zelebriert, lockt Hooligans an wie eine offene Limonade die Wespen.
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26.1.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Politiker lassen das Privatleben missliebiger Kritiker ausforschen; Firmen bestechen Sachbearbeiter, um Aufträge an Land zu ziehen; politische Entscheidungen werden durch Parteispenden beeinflusst; Menschen werden mit peinlichen Enthüllungen oder gar dem Tod bedroht, um sie zum Schweigen zu bringen.
Es vergeht kaum ein Tag, an den die Medien nicht über Vorfälle dieser Art berichten. Stets ist die Empörung groß, die Strafen jedoch sind, sofern es überhaupt zu einer Verurteilung kommt, in vielen Fällen erstaunlich milde. Die Korruption wird als Krebsgeschwür unserer Gesellschaft bezeichnet, eine weltweit tätige Organisation “Transparency international“, die sich die Korruptionsbekämpfung auf die Fahnen geschrieben hat, genießt höchstes Ansehen, auch in den Chefetagen der Wirtschaft und Politik.
Dennoch gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass ein entscheidender Schlag gegen die Korruption gelingen könnte. Auch die politische und wirtschaftliche Erpressung wird offiziell geächtet, dessen ungeachtet jedoch höchst professionell praktiziert. Geheimdienste sind darauf spezialisiert, und jeder Machthaber hält sich ein paar Männer (oder Frauen) fürs Grobe, die diese Schmutzarbeit für ihn erledigen.
Zyniker behaupten, dass Soziologen, die moderne Gesellschaften erklären möchten, dazu im Grunde nur zwei Kategorien benötigen, nämlich Erpressung und Bestechung. Dies mag überspitzt sein, aber man kann wohl kaum ernsthaft daran zweifeln, dass sich moderne Gesellschaften dem Verständnis entziehen, wenn man auf diese Kategorien zu verzichten versucht. Man kommt daher ja auch nicht ohne die verpönten Verschwörungstheorien aus - dass diese verpönt sind, liegt zweifellos im Interesse aller Bestecher und Erpresser.
Wer wollte bestreiten, dass Erpressung und Bestechung höchst unerwünschte Folgen nach sich ziehen. Firmen mit teureren Angeboten erhalten zu Lasten der Steuerzahler Aufträge vom Staat, weil sie Politiker und Beamte gut geschmiert haben. Betriebsräte verraten die Kumpel, weil ihnen ihr Unternehmen allerlei Vergünstigungen gewährt hat. Journalisten schweigen über Verbrechen, weil sie um ihr Leben und das Wohlergehen ihrer Familien fürchten. Angesichts solcher Konsequenzen fragt man sich, Bestechung und Erpressung nicht mit aller Entschlossenheit bekämpft werden.
Moderne Industriegesellschaften leiden unter einem Übermaß an Komplexität. Die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Prozesse sind vielschichtig, vielfach verzweigt und undurchsichtig. Wer steuernd in diese Prozesse eingreifen will, muss Komplexität reduzieren. Maßnahmen, die sich den Spielregeln der Demokratie und den Gesetzen des Rechtsstaats unterwerfen, sind häufig jedoch nicht in der Lage, Komplexität zu reduzieren - im Gegenteil. Durch sie wird alles noch komplizierter.
Durch Erpressung und Bestechung werden die Dinge, für jene, auf die es ankommt, schlagartig überschaubar. Der Sachbearbeiter muss nicht die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Angebote abwägen; er erteilt den Auftrag jenen, die am besten schmieren. Der Journalist muss nicht mehr prüfen, ob der Korruptionsverdacht gegen einen Politiker zutrifft; er orientiert sich an der Meinung seines Verlegers und behält den Job.
Bestechung und Erpressung sind also die vorherrschenden Mechanismen der Reduktion von Komplexität in modernen Industriegesellschaften. Wer Entscheidungen beeinflussen will und muss, kann offenbar nicht auf sie verzichten. Dies könnte er nur, wenn ein anderer Mechanismus der Komplexitätsreduktion stark genug wäre, nämlich das Vertrauen - das Vertrauen darauf, dass Erpresser und Bestecher mit hoher Wahrscheinlichkeit bestraft werden und dass die Gesetzestreuen und die Demokraten sich allgemeiner Wertschätzung erfreuen.
Letzteres wäre natürlich zu wünschen, aber es spricht einiges dafür, dass dieses Wunschdenken an der Realität scheitert. Erpressen und bestechen können nämlich jene am besten, die bereits Macht und Geld besitzen. Je mehr Geld und Macht sie haben, desto erfolgreicher können sie erpressen und bestechen. Wer sich an den Reichen und Mächtigen orientiert, wird daher geneigt sein, Erpressung und Bestechung zwar nicht für legal, wohl aber für legitim, für durch Erfolg legitimiert zu halten.
Und so sind Erpressung und Bestechung zu einem Teil unserer Wirklichkeit geworden, den man hinnimmt wie ein naturgesetzliches Geschehen.
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23.1.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Der britische Fernsehsender BBC beauftragte das Meinungsforschungsinstitut Globe Scan mit einer Erhebung zur Beurteilung des Einflusses der US-Politik. Befragt wurden rund 26.000 Erwachsene in 25 Staaten im November und Dezember 2006. Die Ergebnisse sind niederschmetternd. Die Mehrheit der Weltbevölkerung lehnt nicht nur den Irakkrieg (73 %), sondern auch die Behandlung der Gefangenen in Guantánamo (67 %) sowie die US-Politik zum israelischen Libanon-Hisbollah-Krieg (65 %), zum iranischen Atomprogramm (60 %), zur globalen Erwärmung (56 %) und zum nordkoreanischen Atomprogramm (54 %) ab.
Nur 29 % aller Befragten meinen, dass die USA-Politik überwiegend positiv sei; jeder Zweite (49 %) hält sie für im Wesentlichen negativ. Nur in fünf der 25 befragten Staaten ist der Gesamteindruck positiv, in zwei unentschieden. Die am positivsten eingestellten Völker sind die Nigerianer (72 % überwiegend positiv) und die Bürger der Philippinen (ebenfalls 72 %). Auf die stärkste Ablehnung stößt die Politik der Amerikaner in Deutschland (74 % überwiegend negativ) und in Indonesien (71 %).
Die deutschen Ergebnisse im Einzelnen:
Irakkrieg: 88 % Ablehnung
Behandlung der Gefangenen in Guantánamo: 89 % Ablehnung
US-Politik zur globalen Erwärmung: 84 % Ablehnung
US-Politik zum Israel-Hisbollah-Krieg: 74 % Ablehnung
US-Politik zum iranischen Atomprogramm: 64 % Ablehnung
US-Politik zum nordkoreanischen Atomprogramm: 56 % Ablehnung.
73 % der Deutschen glauben, dass die USA eine destabilisierende Kraft im Mittleren Osten sind.
Gegenüber früheren Befragungen hat sich die Einstellung zur Politik der USA weltweit deutlich verschlechtert. Auch die amerikanische Bevölkerung wird zunehmend skeptischer: Nur noch 57 % glauben, dass die amerikanische Politik einen überwiegend positiven Einfluss auf die Welt habe. Vor einem Jahren waren es noch 63 % und vor zwei Jahren 71 %.
Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse kann im Netz heruntergeladen werden.
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