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12.3.2009 von Hans Ulrich Gresch.
Nun wird wieder gerätselt über die Motive des Amokläufers in Winnenden, über Ursachen und die Möglichkeiten der Prävention. Die üblichen Verdächtigen werden verhaftet: Computerspiele, Mobbing, Verfügbarkeit von Waffen, unfähige Lehrer, zu wenig Schulpsychologen usw.
Man könnte diese Liste nach Belieben verlängern, ohne dass man aus diesen Mosaiksteinen ein stimmiges Bild zusammensetzen könnte. Leider sind Psychologie und Psychiatrie heute dem Neuro-Wahn verfallen und an psychologisch stimmigen Bildern nicht mehr interessiert. Man möchte wissen, an welchen Signalen man im “Vorfeld” potenzielle Amokläufer erkennen könne - als ob der Mensch ein Motor sei, bei dem verdächtige Geräusche verraten, dass etwas nicht stimmt mit ihm.
Das Problem mit diesem Ansatz besteht darin, dass die Signale in aller Regel nicht eindeutig sind und so die Gefahr der Fehleinschätzung recht groß ist. Man muss sogar damit rechnen, dass junge Menschen, die aufgrund solcher “Signale” als potenzielle Amokläufer identifiziert werden, im Sinne der Etikettierungstheorie erst zu dem gemacht werden, was man mit diesem Ansatz eigentlich vermeiden will.
Ich rate dazu, bei seltenen Ereignisse nicht zu fragen, welche Ursachen ihnen zugrunde liegen, sondern darüber nachzudenken, warum sie so selten sind. Warum beginnt der Unterricht heutzutage nicht üblicherweise mit einem Schusswechsel?
Dies klingt natürlich zynisch. Dennoch ist die Frage legitim. Denn von all den heute diskutierten Gründen für den Amoklauf sind eine Unzahl von Schülern betroffen - und nur eine winzige Minderheit wird zum Täter.
Außerdem sind Menschen niemals Monster, selbst wenn sie fürchterliche Dinge tun - auch Amokläufer sind Menschen wie du und ich. Darum empfehle ich bei Fragen wie diesen auch, darüber nachzudenken, unter welchen Bedingungen vergleichbare Verhaltensweisen normal sind und darum auch gehäuft auftreten. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, eilten Zehntausende junger Menschen im Alter des Amokläufers von Winnenden zu den Fahnen, um sich auf dem Felde der Ehre zu bewähren. Sie nahmen dabei ihren Tod billigend in Kauf, ja, manche ersehnten den Heldentod sogar.
Dieser Vergleich mag makaber klingen, aber man sollte sich von diesem Klang nicht abschrecken lassen, die Sache entlang dieser Argumentationslinie weiter zu verfolgen. Man könnte fündig werden. Der Krieg ist kein Computerspiel - sondern ein menschliches Unternehmen, bei dem zwei Parteien versuchen, sich gegenseitig umzubringen, und zwar nicht nur virtuell, sondern ganz real. Die jungen Männer, die damals an die Front drängten, waren nicht durch Computerspiele verdorben. Die gab es damals noch nicht.
Die jungen Frontkämpfer des 1. Weltkriegs trugen natürlich die Liebe zu Deutschland im Herzen und waren erfüllt von nationalistischer Ideologie. Und selbstverständlich waren sie hoch erfreut, die Langeweile und Spießigkeit des kaiserlichen Deutschlands zu entkommen. Das Abenteuer lockte. Doch was erklärt das? Recht wenig. Ein Krieg ist nicht wie Rafting oder Bergsteigen.
Hier geht es ums Ganze. Auch beim “School Shooting” geht es ums Ganze. Ums Ganze des eigenen Lebens, des eigenen Daseins. Der Mensch ist kein Ding unter Dingen, sondern ein Ding, das gegenüber allen anderen Dingen ausgezeichnet ist. Der Mensch unterliegt dem existenziellen Zwang, sein Selbst und den Sinn seines Daseins zu bestimmen. Er bestimmt ihn durch Geschichten über sich selbst und seine Welt. Doch er kann sich nicht selbst beschreiben in diesen Geschichten wie er andere Dinge in Geschichten beschreiben könnte. Er muss in seinen Geschichten existieren. Existierend muss er sich der Wahrheit seiner Geschichten selbst vergewissern. Nur so kann er seinem Dasein einen Sinn geben.
Um sich existierend der Wahrheit seiner Geschichten über sich selbst gewahr zu werden, braucht der Mensch Gipfelerfahrungen. Gipfelerfahrungen sind weit über dem Alltag stehende, intensierte Erfahrungen, in denen die grundlegenden Fundamente des Daseins in einer nicht nur intellektuellen Weise erfasst werden. Sie durchdringen uns gleichsam von den Zehen- bis in die Haarspitzen. Es gibt Gipfelerfahrungen des Mutes und der Angst, der Liebe und des Hasses.
Gerade jungen Menschen suchen Gipfelerfahrungen, weil sie in ihrer Erwicklung zum Erwachsenen eine Folge existenzieller Krisen durchlaufen und durchlaufen müssen, in denen sie gezwungen sind, den Sinn ihres Daseins und den Inhalt ihres Selbsts immer wieder neu zu bestimmen. Zehntausende junger Männer eilten zu Beginn des 1. Weltkriegs freiwillig und begeistert zu den Fahnen, mit einer glühenden Liebe zu Deutschland im Herzen und der Suche nach Gipfelerfahrungen im Sinn - den eigenen Tod vor Augen. Das ist die Essenz der Gipfelerfahrung, dass es in ihr immer um Leben und Tod geht - wenn nicht physisch, so doch spirituell.
Zurück zu den Amokläufern. Dies ist natürlich eine falsche Bezeichnung, die ich hier nur verwende, damit mich die Suchmaschinen finden, wenn Interessierte diese falsche Bezeichnung für “school shootings” eingeben. Amok ist immer spontan, die Schulschützen handeln aber in aller Regel mit Vorsatz und geplant.
Eingangs sprach ich davon, dass nun wieder einmal die Zeit der Spekulationen angebrochen ist über Motive der so genannten Amokläufer und die Ursachen ihres Verhaltens. Ich will mich an diesen Spekulationen nicht beteiligen. Der Sinn eines Verhaltens erschließt sich letztlich nur aus der Innensicht. Und dieser Blick ging endgültig verloren, als das Auge des Schulschützen von Winnenden brach. Ich gebe nur zu bedenken, dass nach meiner festen Überzeugung dieser junge Mann ein Gipfelerlebnis suchte und fand - in einer fürchterlichen Form mit mörderischem Ausgang. So wie Zehntausende ihr Gipfelerlebnis im 1. Weltkrieg fanden, in einer fürchterlichen Form mit mörderischem Ausgang.
Die Psychologie und Psychiatrie sind heute dem Neuro-Wahn verfallen. Sie betrachten den Menschen nur noch von außen, beobachten sein Verhalten und korrelieren es mit neuronalen Mustern, mit der Aktivität seines Nervensystems. Sie haben das, was den Menschen ausmacht, nämlich sein Dasein aus den Augen verloren. Sie haben uns nichts mehr zu sagen.
Geschrieben in Amokläufer, Amoklauf, School Shooting, Psychologie, Psychiatrie | Drucken | 5 Kommentare »