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März 2010
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Der rationale Kern der Magie

Mitunter werde ich gefragt, ob ich, wenn nicht gleich vorausgesetzt wird, dass ich an außersinnliche Wahrnehmung, Geistheilungen und feinstoffliche Energien glaube. Schließlich bin ich Psychologe, und Psychologen, diese windigen Gesellen, glauben nun einmal an so etwas, denkt man. Und wer sich wie ich mit Hypnose, Trance-Psychologie und Meditation beschäftigt, der muss doch einfach auch esoterisch angehaucht sein. Oder etwa nicht?

Nein, nicht. Auf den spirituellen Hauch reagiere ich in etwa so wie auf den spirituösen: Ich kann ihn nicht riechen. Ebenso wie alkoholische Getränke verschmähe ich geistliches Gebräu, das besoffen macht. Mich interessieren Fakten und die logischen Schlüsse, die man aus ihnen ziehen kann oder muss. Was die Lehren der Heiligen Männer, Weisen Frauen, Gurus, Swamis, Hexern, Zauberer und sonstigen Oberpriester betrifft, so halte ich es mit Gautama, dem Buddha, der einst sagte: “Glaubt keinen Lehren. Glaubt auch meiner Lehre nicht. Prüft alles selber nach. Wägt und behaltet, was gut ist.”

Während ich dies niederschreibe, ist mir sehr wohl bewusst, dass ich hier nur die halbe Wahrheit zu Papier bringe. Bezogen auf das, was man überhaupt zu Papier bringen, also in Worte fassen kann, ist es zwar die ganze Wahrheit, sofern ich diese zu ermessen vermag. Doch wer sagt, dass alles, was die menschliche Existenz betrifft, zu Papier gebracht werden könne? Schließlich ist ein erkenntnistheoretisches Dilemma  Kern der “Conditio Humana”. Es besagt, dass wir im Prinzip alles objektivieren, also versachlichen, analysieren, erforschen können - nur nicht uns selbst während des Objektivierens. Es bleibt immer ein subjektiver Rest.

Natürlich: Auch das Subjektive können wir in einen Gegenstand der Forschung verwandeln. Wir vergegenstädnlichen es dann, betrachten es von außen. Die Innerlichkeit der Subjektivität muss uns dabei zwangsläufig entgehen. Während wir das Subjektive analysieren, rückt die Subjektivität des Analysierens in einen Blinden Fleck, wird unsichtbar. Wie im Großen, so im Kleinen. Wir können nicht wissen, wie das Universum unabhängig von unserem Bewusstsein ist. Denn Wissen setzt Bewusstsein voraus. Und ebenso wenig können wir wissen, wie und was unsere Subjektivität ist, denn wenn wir Subjektivität betrachten, ist der Betrachter selbst, das Subjekt nämlich, nicht Gegenstand der Betrachtung. Das Auge kann sich nicht selber sehen, nur sein Spiegelbild.

Und so gibt es eine Innenwelt, die weder ein Abbild der Außenwelt ist, noch so behandelt werden könnte wie die Außenwelt. Diese Innenwelt, dieser innere Bezirk unseres Daseins ist kategorial verschieden von der Außenwelt. Dies bedeutet natürlich auch, dass in diesem Bereich die Naturgesetze ebenso wenig gelten wie die Logik, die ja nichts anderes ist als eine Ordnung von Objekten, also von Entitäten, die wesensgemäß der Außenwelt zugehören. Der innere Bezirk ist das Andere. wir können ihn”betreten”, aber nicht beschreiben.

Darum gehen mir diese “Esoteriker” ja auch so fürchterlich auf die Nerven, weil sie beschreiben, was sich nicht beschreiben lässt. Was dabei herauskommt, ist unsägliches Geschwalle - und als solches entweder Ausdruck wohlmeinender Naivität oder  mehr oder weniger gewieftes Marketing. Der innere Bezirkt ist pure Erfahrung, über die man weder direkt, noch in Bildern und Metaphern sprechen oder schreiben kann.

Beschreiben allerdings kann man die Gestelle, die sich vor dem Tor zum inneren Bezirk auftürmen. Betreten kann den inneren Bezirk natürlich jener, denn er ist ja “Conditio Humana”. Er ist niemandem verschlossen - und im Prinzip könnte jeder durch dieses Tor ein- und ausgehen, so wie er sich ins Bett legen, schlafen und wieder aufwachen kann. Doch für viele ist dieser Weg verbaut, durch Gestelle, die den Weg heillos verstellen. Es handelt sich dabei um falsche Vorstellungen zur “Conditio Humana”, zur Rationalität, zur Objektivität und Subjektivität.

Die Gestelle werden also von uns Menschen selbst erstellt. Wir verstellen uns den Weg selbst. Wir tun dies unbewusst. Und so haben wir den Eindruck, die Gestelle seien von einer fremden Macht dorthin gestellt worden. Wir können dieser fremden Macht verschiedene Namen geben: Wissenschaft, Vernunft, Rationalität, sogar “Gott”, denn auch Gott, zumindest manche Versionen Gottes wollen ja nicht, dass man vom Baum der Erkenntnis isst.

Doch mit diesen Namen bezeichnen wir nur einen Teil unserer Seele. Es ist der unbewusste Anteil unseres Ichs. Dieses Ich-Teil handelt zielstrebig, erwartungsgesteuert und absichtlich. Doch da wir uns dessen nicht bewusst sind, erscheinen uns die Handlungen des unbewussten Ichs wie Automatismen, die sich unserer Kontrolle entziehen.

Methoden, diese Kontrolle zurückzugewinnen, scheinen Wunder zu wirken. Seit altersher heißen diese Methoden Magie.

Weg zur Freiheit

Ein Leser meiner Web Site “psychoscripte” schrieb mir: “Herr Gresch, Sie sind so furchtbar negativ. Sie verdammen Glauben und Religion, Psychotherapie und Psychotherapeuten. Sie verunglimpfen jede Form der Hilfe, gleich welche, und lassen nur die Selbsthilfe gelten. Wenn einer sich nicht selber helfen kann, dann soll er doch verrecken! Finden Sie, das ist human?”

Meine Antwort: Meine Position mag grausam klingen, sie ist es aber nicht. Sie mag unmenschlich klingen, aber sie ist das Gegenteil. Ebenso wenig, wie wir Hilfe von Höheren Mächten erwarten dürfen, können uns die Erben früherer Priesterherrschaft, die Psychotherapeuten oder Psychiater Aufgaben abnehmen, die nur und nur wir selbst meistern können.

Manchmal rufen mich Menschen an, schwankend zwischen Verzagtheit und Wut, weil ein geliebter Mensch, sei es der Ehepartner, sei es ein Kind, in die “Fänge einer Sekte” geraten ist.

Bestimmt, so lautet oft die Klage, sei der geliebte Mensch durch Hypnose, Gehirnwäsche gar abhängig gemacht, seines freien Willens beraubt worden. Ob ich nicht helfen könne.

Wäre ich geldgierig, dann würde ich den Ratsuchenden ein Wundermittel verkaufen, und, ob dies nun hilft oder nicht, sie wären zufrieden. Denn meist sind sie ja aus demselben Holz geschnitzt wie jene, um die sie sich sorgen. Sie wollen glauben, egal, an was.

Oft entscheide ich mich, die Aussicht auf die schnelle Mark in den Wind zu schreiben und den Ratsuchenden den Bittersaft der Wahrheit einzuschenken. Und also frage ich: “Sind Sie Christ, sind Sie christlich erzogen worden, sind Ihr Kind, Ihre Ehefrau christlich erzogen worden?”
Meist werden diese Fragen bejaht, nicht immer uneingeschränkt, aber im Prinzip.

Dann sage ich: “Dann wurde also bei Ihnen und bei Ihren Lieben schon früh jenes Immunsystem ruiniert, das uns vor den Sekten und allen anderen Verführern schützt. Dann wurde Ihre Kritikfähigkeit und die Ihrer Lieben schon von Kindesbeinen an untergraben. Und da wundern Sie sich?”

Wenn sie nicht sofort auflegen, behaupten die Anrufer meistens, das sei doch übertrieben.

Nein, das ist nicht übertrieben. Die Zerstörung unserer Kritikfähigkeit gegenüber Höheren Mächten und deren Stellvertretern auf Erden, sei es in der traditionellen Variante in Form von Priestern, sei es in der weltlichen Form der Psychotherapie, schwächt unsere Selbstheilungskräfte und unser Vertrauen in die Macht unseres unabhängigen menschlichen Geistes.

Wenn die Ratsuchenden dann wider Erwarten doch noch einen Rat von mir wollen, dann lautet dieser: Kämpfen Sie nicht gegen Windmühlenflügel. Rennen Sie nicht mit dem Kopf vor die Wand. Entwickeln und pflegen Sie lieber Ihren eigenen Unglauben. Dann steigen die Säfte und Kräfte in Ihnen auf, die sie drigend benötigen, um Ihr Problem zu lösen.

Little Feller

Seit geraumer Zeit sind in den deutschen Medien Scharfmacher unterwegs. Ihr Objekt: der Islam und seine Anhänger. Ihr Stil: kühl berechnet, emotionalisierend. Ihr Ziel: Werbung für harte Maßnahmen gegen islamische Staaten.

Dem Feindbild “Islam” stellen die Scharfmacher gleich zwei Gelobte Länder gegenüber: Israel und die Vereinigten Staaten. Es ist sicher nicht verwerflich, Israel und die Vereinigten Staaten zu lieben. Von Israelis bzw. Amerikanern erwarte ich dies sogar. Nur sollte die Liebe dem geliebten Land nicht schaden.

Die Sache hat einen Haken, der selbst politisch Verblödeten in die Augen springt. Die proamerikanischen und proisraelischen Scharfmacher spielen mit ihrer Islam-Verunglimpfung den Neonazis in die Hände. Sie schürt Fremdenfeindlichkeit - Wasser auf die Mühlen aller Rassisten und Ewiggestrigen.

Die Scharfmacher sind nicht dumm genug, dies nicht zu bemerken. So verblendet kann nicht einmal ein national Verliebter sein. Sie nehmen diesen Effekt ihrer Propaganda also billigend in Kauf - als Kollateralschaden.

Vermutlich halten die Scharfmacher den politischen Islam und seine Anhänger für gefährlicher als die deutschen Nazis. Mitunter hat man den Eindruck, sie halten ihn für atombombenreif.
Schon Konrad Adenauer betrachtete Atombomben mit geringer Sprengkraft, heute auch als Mini-Nukes bezeichnet, für eine Weiterentwicklung der Artillerie. Man dürfe sie keineswegs mit den strategischen Nuklearwaffen vergleichen, die den Weltuntergang herbeiführen könnten. Streitkräfte in aller Welt verstehen ohnehin nicht, warum so viel Aufhebens mache wegen der kleinen Atombomben. Ihr Einsatz sei doch in erster Linie eine Frage der taktischen Effektivität. Politik und Ideologie seien da nicht sehr hilfreich.

Kritiker warnen: Man habe keine praktischen Erfahrung mit diesen Bomben. Niemand könne wissen, ob sie im Feld tatsächlich so harmlos seien, wie sie am Grünen Tisch erschienen. Nun ja. Blicken wir in die Geschichte zurück:

Nevada, ein Testgelände und Exerzierplatz in der Wüste, 17. Juli 1962, Pacific Daylight Time. Hoher Besuch. Justizminister Robert F. Kennedy war da, begleitet von seinem Freund General Maxwell D. Taylor, einem der Meisterdenker des amerikanischen Heeres. Die beiden schwitzten, aber nicht nur wegen der Temperatur (fast 30 Grad Celsius), sondern auch wegen der Aufregung. Fast 1000 Soldaten standen für eine Übung bereit, an die sie noch Jahrzehnte später erinnert werden sollten (sofern sie dann noch lebten), aber das wussten sie damals noch nicht.

Um 9.30 Uhr begann der Countdown zum Abschuss der Waffe, die getestet werden sollte. Es handelte sich um eine Rakete, die mit einer Art Panzerfaust abgeschossen wurde. Der Raketenwerfer befand sich auf einem gepanzerten Personen-Transporter. Punkt 10.00 Uhr wurde die Waffe abgefeuert und explodierte in einer Entfernung von 2.853 Metern.

Nicht Besonderes, möchte man meinen. Nach dem Abschuss (Codename “Little Feller”) trainierten die Soldaten im Staub der Wüste und der Explosion. Den hohen Besuch rechtfertigte die Tatsache, dass es sich nicht um eine Rakete wie jede andere handelte, sondern um eine Davy Crockett, benannt nach einem amerikanischen Kriegshelden, von dem das Wort überliefert wurde: “Be always sure you are right, then go ahead.”

Die “Davy Crockett” trägt einen W54-Sprengkopf. Heute würde man ihn als Mini-Nuke bezeichnen. Varianten dieses Sprengkopfs befinden sich in den amerikanischen Kofferbomben, die während des Kalten Kriegs auch in Deutschland deponiert waren - ebenso wie das Davy Crockett Weapon System. Nachdem die atomare Ladung von 18 Tonnen (Hiroshima ca. 15 Kilotonnen) explodiert war, robbten die Soldaten durch die verstrahlte Wüste, um sich an einen taktischen Nuklearkrieg zu gewöhnen (der damals in den Sechzigern übrigens sehr wahrscheinlich war und vermutlich in Deutschland stattgefunden hätte). Um 10.26, so heißt es in einem Bericht des amerikanischen Verteidigungsministeriums, erhielten die Truppen den Befehl, in ihre Fahrzeuge einzusteigen und in das Gebiet des Atombombentests zu fahren.
Viele Jahre später setzte der damalige US-Präsident Bill Clinton ein Beratergremium ein, das die Strahlenexperimente der Regierung und auch die Atombomben-Manöver in Nevada untersuchen sollte. 1995 legte das Kommitee seinen Bericht vor. Dort heißt es abschließend über die “Atomic Veterans” der Nevada Test Site: “Wenn sonst nichts, lehrt uns unsere Erfahrung, den Unterschied zwischen technischen, analytischen Daten und der Realität menschlichen Erlebens anzuerkennen. Die verfügbaren Daten … deuten darauf hin, das die durchschnittlichen Strahlenbelastung der Bombentest-Teilnehmer gering war. Doch jene, die glauben, dass sie als Konsequenz dieser Strahlen-Exposition gelitten hätten, meinen nicht, dass diese Risiken so geringfügig waren, wie die Daten nahelegen. … Sowohl die Öffenlichkeit als auch die Wissenschaft müssen erkennen, dass - wenn die Daten ein geringes Risiko anzeigen - die Gefährdung nicht notwendigerweise Null ist, und dass ein seltenes Ereignis durchaus eintreten kann. Die Risikoanalyse könnte nur indizieren, es sei unwahrscheinlich, dass derartige Ereignisse mit einer signifikanten Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit eintreten.”

Na also, ihr (Atombomben-)Scharfmacher. Was sagt ihr dazu? Die Risiken sind gering… und Null-Risiko, wer hat das schon? Der Testschuss der Davy Crockett explodierte überirdisch, wohingegen die modernen Bunker-Buster-Nukes sich immerhin metertief in den islamischen Boden eingraben. Wollt ihr das? Eine saubere Sache? Inschallah.

Anti-Islamismus angeboren?

Und also schrieb George Bush: “Mohammeds ganze Lebengeschichte macht deutlich, dass Fanatismus, Ehrgeiz und Lust seine dominanten Leidenschaften waren.” Der Religionsstifter sei nicht willens gewesen, seine korrupten Neigungen zu zügeln und habe für sie die vornehmen menschlichen Tugenden wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Freundschaft in Humanität unterdrückt.

Dies brachte Reverend George Bush zu Papier, ein Cousin des Großvaters von George W. Bush, dem gegenwärtigen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Information entstammt einem überaus lesenswerten Aufsatz von Michael Carmichael über psychologische Kriegsführung. George Bush (1796 - 1859) war der Autor eines höchstgradig islamfeindlichen Buches mit dem Titel: Das Leben Mohammeds: Stifter der Religion des Islams und des Reiches der Sarazenen.”

George W. Bush will offenbar nicht in die Fußstapfen seines rigorosen Vorfahren treten. Er sagt z. B.: “Islam is a vibrant faith. Millions of our fellow citizens are Muslim. We respect the faith. We honor its traditions. Our enemy does not. Our enemy doesn’t follow the great traditions of Islam. They’ve hijacked a great religion.”

Amerikas Feinde sind also gar keine Moslems, sondern - hmm, verwenden wir doch einfach jenes Wort, dass des Präsidenten Vorfahr so gern und nachdrücklich auf Mohammed anwandte, sie sind “Impostors”, also Betrüger, Gaukler, Hochstapler, Schwindler. Bush unterscheidet die guten Moslems von den bösen Mohammedanern.

Der Herr wird die Seinen schon erkennen. Wir Sterblichen können uns nur die Iraq Body Count Database anschauen und uns fragen, wie viele dieser Toten unschuldige gute moslemische Kolateralschäden oder böse Mohammedaner waren.

Geh doch rüber!

Wer früher, also in den guten, alten Zeiten des Kalten Kriegs in Westdeutschland den Kapitalismus im Allgemeinen und das US-Imperium im Besonderen kritisierte, erntete nicht selten die hingerotzte Replik: “Geh doch rüber!” Gegen dieses Argument war im Grunde nicht viel auszurichten. Man konnte von den Greueln des Vietnamkriegs sprechen, von Neofaschismus, Arbeitslosigkeit, Entfremdung, Ausbeutung - diesem knappen, bequemen und unsäglich denkfaulen Argument “Geh doch rüber!” war letztlich kein Einwand gewachsen.

Denn was war drüben? Im Ostblock war Stalinismus in allen erdenklichen Varianten - vom Massenmord bis hin zu fehlenden Bananen und sauren Zitronen. Man konnte sich winden und wenden wie man wollte, man konnte sich selbst und andere belügen, bis sich die Balken bogen - an der simplen und schlichten Tatsache, dass im Westen nicht alles gut, drüben aber fast alles noch erheblich schlechter war, kam man einfach nicht vorbei.

Wer einräumte, dass drüben eben der perfekte Sozialismus noch nicht erreicht, dass dort sogar Arbeiterverräter am Werke seien, durfte mit etwas mehr Verständnis rechnen: Der Sozialismus, so hieß es, sei eine gute Sache, die sich nur nicht verwirklichen ließe. Er scheitere an der menschlichen Natur Der beste Beweis dafür seien die Staaten des Ostblocks.

Dass schönste Ideal wurde von den Mahlsteinen der häßlichen Wirklichkeit pulverisiert und taugte nicht zur Grundlegung einer überzeugenden Kapitalismus- und Imperialismuskritik. Sie war auf Sand gebaut.
Und heute? Heute haben es die Befürworter des Kapitalismus und des Imperiums nicht mehr so leicht. “Geh doch rüber!” funktioniert natürlich nicht mehr - und die Aufforderung: “Konvertier’ doch” ist Kabarett. Seit dem Untergang des Ostblocks müssten eigentlich bessere Zeiten für Kritiker des Kapitalismus und des Imperiums angebrochen sein. Die menschliche Natur ist zwar immer noch unverändert, aber wenigstens sind die schlechten Beispiele verschwunden: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Und in der Tat: Die Kritiker des Kapitalismus haben es heute etwas leichter. Obwohl mit den Schalmeienklängen des Neoliberalismus im boomenden PR-Gewerbe viele Millionen Euro verblasen werden, wächst die Bereitschaft vieler Menschen, ihre Seele der antikapitalistischen Botschaft zu öffnen. Wer volkstümlich erscheinen möchte, ob Politiker, Journalist oder Kirchenmann, kritisiert Fehlentwicklungen, Auswüchse und Missstände.
Allerdings darf bei dieser Kritik der Hinweis nicht fehlen, dass man angesichts der weltwirtschaftlichen Verflechtungen an den Nebenwirkungen des Kapitalismus hier im Lande nichts Wesentliches ändern und erst recht diesen nicht abschaffen könne.

Die “internationalen Verpflechtungen” werden allerdings durch die Interessen des US-Imperiums geformt, das die Welt militärisch, wirtschaftlich und kulturell dominiert oder zu beherrschen anstrebt. Die Kritik am Kapitalismus ist also ohne gleichzeitige Imperialismus-Kritik eine Kritik ohne Arsch und Eier.

Die schärfste Kritik am US-Imperialismus wird heute nicht mehr von Kommunisten, sondern von Islamisten vorgetragen. Und immer noch, wie einst in den guten, alten Zeiten des Kalten Kriegs, kann man sich drehen und wenden wie man will, kann man sich selbst und andere belügen, bis sich die Balken biegen - trotz Todesstrafe, Folter, trotz völkerrrechtswidriger Kriege sind Lebensart, Kultur und politisches System der USA zweifellos dem Islamismus, also der Scharia, der religiösen Intoleranz, der Frauenunterdrückung, der allgemeinen und umfassenden Rückschrittlichkeit vorzuziehen.

Selbst der phantasiebegabteste Verschwörungstheoretiker hätte diese Realität nicht besser erfinden können: erst der stalinistisch versaute Kommunismus, dann der miefig reaktionäre Islamismus! Könnte man der antikapitalistischen und antiimperialistischen Kritik wirkungsvoller jede Grundlage entziehen? In den paranoiden Momenten zwischen Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsängsten fällt es schwer, sich vor dem Glauben an eine Illuminatenverschwörung zu wappnen.

Haben etwa doch jene durchgeknallten Verschwörungstheoretiker recht, die behaupten, ein allmächtiger Geheimbund habe Nationalsozialismus, Kommunismus und nun auch den Islamismus absichtlich hervorgerufen, um in den Volksmassen den Wunsch nach einer Weltregierung zu nähren, die durch einen einheitlichen Weltstaat, einer Weltreligion und einer globalen Leitkultur allen Zerwürfnissen auf diesem Planeten ein Ende bereitet?

“Das Schwerste überhaupt ist es, sich in die Stimmung eines Kriegers zu versetzen”, sagte Don Juan zu seinem Schüler Carlos Castaneda. “Es hat keinen Sinn, traurig zu sein und zu klagen, und sich dazu berechtigt zu fühlen, im Glauben, dass immer jemand uns irgend etwas antut. Niemals tut uns irgend jemand etwas an, am wenigsten einem Krieger. Du bist hier bei mir, weil du hier sein willst. Du hättest bereits die volle Verantwortung übernehmen sollen, dann würde sich die Vorstellung, dass du ein Blatt im Winde bist, für dich verbieten.” (Carlos Castaneda: Reise nach Ixtlan. Frankfurt a. M.: Fischer, 1975, 112)

Menschenopfer

Maya-Priester in Guatemala haben angekündigt, eine ihnen heilige Stätte nach dem Besuch des amerikanischen Präsidenten durch ein Ritual von dessen aggressiver Energie zu reinigen.
Es kam, wie es kommen musste. Kaum raschelte der Blätterwald mit dieser Nachricht, krochen amerikanische Patrioten aus den Büschen und füllten die virtuellen Seiten ihrer Blogs mit dem hämischen Hinweis, dass die Mayas früher an dieser heiligen Stätte Menschen den Göttern geopfert und das Fleisch der Getöteten gegessen hätten.

Das ist allerdings wahr, aber auch verdammt lange her. Die Mayas hielten es damals für notwendig, um die Götter zu versöhnen und eine gute Maisernte zu garantieren. Dumme Indianer.

Dumme Indianer? Die amerikanischen Militärs hielten es 1945 für notwendig, Atombomben  auf Hiroshima und Nagasaki zu werfen. Rund 200.000 Menschen, meist Zivilisten wurden getötet. Dumme Amerikaner. Heute wissen wir - und führende Historiker meinen, dies sei auch damals dem amerikanischen Präsidenten bekannt gewesen - dass die Japaner dieser Lektion gar nicht bedurften und ohnehin zur Kapitulation bereit waren.

Der amerikanische Historiker Gar Alperovitz ist davon überzeugt, dass Harry Truman, der das Kommando zu den Atombomben-Einsätzen gab, damit nicht in erster Linie Japan besiegen, sondern vor allem die Russen beeindrucken wollte. Es handelte sich also gar nicht um das letzte große Bombardement des Zweiten Weltkrieges, sondern um das erste des Kalten Krieges. Wurden also 200.000, manchen meinen sogar 300.000 Japaner dem blutgierigen Gott der nationalen Sicherheit und der Paranoia des Kalten Krieges geopfert?

Wie auch immer, das ist lange her. Inzwischen streiten sich die Experten, ob Iran mit einem Atomschlag rechnen muss und wer als erster taktische Nuklearwaffen zur Zerstörung persischer Atomanlagen einsetzt: Israel oder die USA? Wieder einmal stellt sich die Frage, ob ein solcher Atomschlag notwendig sei - und wer damit beeindruckt werden soll.

Mögen die Mayas ihr Ritual vollziehen, es wird nichts nützen.

Bindung

Der Psychologe Gordon Neufeld und der Arzt Gabor Maté haben ein sensationelles Buch geschrieben, das ausschließlich auf Selbstverständlichkeiten beruht. Aufgrund der heutigen ideologischen Dauerberieselung mit turbokapitalistischen Indoktrinationen kommen die meisten Menschen nicht von allein auf diese Selbstverständlichkeiten; erst wenn sie ein Buch wie “Unsere Kinder brauchen uns!” der oben genannten Autoren lesen, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen.

Die steile These lautet: Kinder, vor allem kleine Kinder, können nicht zur gleichen Zeit zwei andersartige Bindungen aufbauen. Entweder sie binden sich an ihre Eltern (bzw. stellvertretende Erwachsene) - oder sie binden sich an Gleichaltrige. Wenn sie sich an Gleichaltrige binden, dann erziehen sie sich gegenseitig und nehmen nur noch ungern Lehre von ihren Eltern an. Kinder, vor allem kleine Kinder sind jedoch als Erzieher denkbar ungeeignet. Allgemein menschliche und gesellschaftliche Werte können sie nicht vermitteln, auch keine Maßstäbe für gesittetes Verhalten.

Diese These würde gar nicht als steil, sondern als höchst flach, höchst trivial empfunden, wenn uns nicht jedes natürliche Empfinden in dieser Frage wegtrainiert worden wäre. Wie auch immer: Die Folge dieser Gleichaltrigenorientierung sind, so behaupten Neufeld und Maté, im Grunde alle Schwierigkeiten, die wir heute mit Kindern haben: Die Probleme im sprachlichen Bereich, die Konflikte mit elterlicher Autorität, die Kinder-Suizide… man könnte diese Liste beliebig verlängern. All diese Probleme sind die Folge der unzulänglichen Bindung an die Eltern. Und diese unzulängliche Bindung ist das Resultat von Krippen, Kindergärten und des Niedergängs der häuslichen Erziehung von Kleinkindern. Diese wiederum wird begünstigt durch ökonomische Zwänge und die dazu gehörigen turbokapitalistische Ideologien, deren aggressivste der Feminismus (heute: “Gender Mainstreaming”) ist.

Ich bin kein Christ, obwohl katholisch getauft. Wenn ich ehrlich bin: Das Christentum geht mir gegen den Strich. Diese Unterwerfungsreligion ist nichts für mich. Und so bin ich immer wieder überrascht, aus christlichem Munde dennoch richtige Einsichten zu vernehmen. Dazu zählt Bischof Mixas Rede von den “Gebärmaschinen”. Mir ist nicht klar, ob der Bischof weiß, warum er recht hat, aber recht hat er schon, der Bischof. Wie bereits erwähnt, beruft er sich nur auf Selbstverständlichkeiten. Jede, oder doch fast jede Mutter, deren natürlicher Bindungsinstinkt noch nicht wegtrainiert wurde, möchte den Bindungsaufbau zu ihrem Kind nicht Krippenerzieherinnen oder, beinahe unvermeidlich, den gleichaltrigen Hosenscheißern in der Krippe überlassen.

Erzieherinnen mögen ein ausgezeichneter Mutterersatz sein, wenn sie die Zeit dazu haben. Doch solche Krippen mit ausreichend Zeit für jede Rotznase sind nicht finanzierbar. Auch das ist eine Selbstverständlichkeit, auch das wissen wir alle. Aber wir wollen es nicht wahrhaben. Das passt uns nicht in den Kram. Mutter muss ja Geld verdienen, Vaters Gehalt allein reicht nicht, und außerdem: Wer weiß, wie lange die Ehe hält mit dem Lebensabschnittspartner? Da muss Mutter dann für später schon Karriere machen, damit das Geld stimmt, wenn Vater nicht mehr zahlen muss.

Die Vielfalt der Zwangslagen verstehe ich gut und es liegt mir fern, über irgendwen den Stab zu brechen… Auch nicht über Bischof Mixa, dessen Kirche ich, auch aufgrund persönlicher, höchst schlechter Erfahrungen, nun wirklich nicht besonders schätze. Bischof Mixa mag ja ein fürchterlich reaktionäres Menschen- und Frauenbild haben. Doch das muss angesichts des hier verhandelten Problems nicht unbedingt auf die falsche Fährte führen. Denn hier geht es ja in erster Linie um die Instinkte von Kleinstkindern, und die sind uralt, viel älter als die reaktionärsten Menschen- und Frauenbilder. Darum mag das, was im Umgang mit Kindern sinnvoll ist, wie ein alter Hut von gestern erscheinen.

Natürlich dürfen wir wirtschaftliche Zwänge ebenso wenig ignorieren wie die berechtigten Interessen von Frauen und Müttern. Wenn wir aber die Instinkte, die natürlichen Entwicklungstendenzen und Reaktionsmuster von Kindern missachten, dann zerstören wir unsere Zukunft. Wo er recht hat, der Bischof, da hat er recht. Wir müssen uns entscheiden, was wichtiger ist: unsere momentanen Interessen oder die Grundlagen dafür, dass unsere Interessen auch in Zukunft befriedigt werden.

PS: Ich bezweifele nicht, dass es viele prächtige Menschen gibt, die unsere Welt in Krippen und Kindergärten kennengelernt haben. Die Menschen sind halt unterschiedlich. Manche vertragen ein hohes Mass an deformierenden Einflüssen, ohne verbogen zu werden, andere nicht.

Mixa, der Aufmischer

nachttopf.jpgVielleicht liegt’s ja am schlechten Gedächtnis, aber ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, dass jemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Vertreter der Politik und der Verbände so gleichsinnig über einen Kirchenmann, einen leibhaftigen katholischen Bischof gar, hergefallen wären wie jetzt über Walter Mixa. Der Mixa hat sie alle aufgemischt. Die Argumente seiner Kritiker sind eher nicht moderat und auch nicht besonders einfallsreich, sondern oft alte Klamotten aus der Kirchenfresserecke: Der Bischof habe es als Zölibatär gerade nötig, sich in die Angelegenheiten junger Familien einzumischen, er wolle die Frau wieder auf die durch Kinder, Küche und Kirche charakterisierte antiquierte Rolle festlegen und er gehöre einer Institution an, die Frauen schon seit zweitausend Jahren unterdrücke. Man empört sich darüber, dass Mixa die Frau als Gebärmaschine betrachte - obwohl er sie genau vor dieser Funktionalisierung in Schutz nehmen wollte. Christliche Politiker oder Kirchenvertreter äußerten sich in der Regel zwar etwas zurückhaltender, aber in der Tendenz kommt letztlich dasselbe dabei heraus.

Bischof Mixa hat also, wie die Reaktionen beweisen, den Finger in die Wunde gelegt. Die Wunde ist wieder einmal die eiternde Schwäre der Dummheit, die mit ihren Giften und fauligen Säften unsere Republik lähmt. Diese Dummheit ist nicht die Folge von Intelligenzmangel, sondern von Trägheit. Sie ist das unvermeidliche Resultat der hartnäckigen Weigerung, wenn Not tut auch einmal über Bande zu denken, die Komplexität von Problemen zur Kenntnis zu nehmen.
Da stellt man fest, dass die Deutschen immer weniger Kinder zeugen. Hilft Himmel! Wer soll denn dann unsere Rente bezahlen. Mehr Kinder müssen her. Gute Idee. Gute Idee? Wenn die heute gezeugten Kinder als Erwachsene in Arbeit und Brot kommen, schon. Sonst nicht. Sonst leben sie von staatlichen Transferzahlungen und können wohl kaum für die Rente ihrer älteren Mitbürger aufkommen. Nun führt aber der technische Fortschritt in Tateinheit mit neoliberaler Wirtschaftspolitik unausweichlich zu mehr Arbeitslosen.

Da stellt man fest, dass es in Deutschland einen Mangel an Krippenplätzen für Kleinstkinder gibt. Mütter, die arbeiten möchten, finden keinen Hort für die lieben Kleinen. Hilf Himmel! Diese Mütter werden dann vielleicht keine Kinder zur Welt bringen und verhüten oder abtreiben. Wer soll denn dann später einmal die Rente bezahlen? Mehr Krippenplätze müssen her. Es schickt sich schließlich für eine demokratische Gesellschaft, Eltern die Wahlfreiheit einzuräumen, ob sie ihre Kinder lieber in die Krippe geben oder zu Hause aufziehen. Gute Idee! Gute Idee? Eine immer größere Zahl von Eltern haben diese Wahl allerdings nur theoretisch, weil nämlich weder der Mann, noch die Frau genug Geld verdienen, um die Familie allein ernähren zu können. Sie haben nicht die Wahl zwischen Krippe und mütterlichem Do-it-yourself, sondern sie können sich entscheiden zwischen Kinderverzicht oder Hartz, weil kein Krippenplatz zur Verfügung steht. Daraus folgt logisch, dass die Erhöhung der Krippenplätze für diese Eltern nur dann die Wahlmöglichkeit vergrößern würde, wenn man Hartz als legitime Alternative zum Kinderverzicht einkalkuliert. Sonst würde für diese Zahl der armen Eltern die hausliche Betreuung der Kleinstkinder unweigerlich zur Abhängigkeit von Sozialleistungen führen.

Dass die Menschen immer weniger verdienen, ist nun auch eine Folge unserer neoliberalen Wirtschaftspolitik. Da man diese beibehalten will, scheint die Forderung nach mehr Krippenplätzen auf der Hand zu liegen: Man fördert die Gebärfreudigkeit, sichert die Rente, ohne dass man höhere Löhne bzw. Gehälter zahlen müsste.

Diese Rechnung geht nicht auf. Diese Rechnung geht schon allein darum nicht auf, weil mehr Kinder nicht automatisch Renten sichern. Und außerdem sind gute Krippenplätze teuer. Aus der einschlägigen Forschung wissen wir, dass die Resultate der Krippenbetreuung in entscheidendem Maße von der Qualität der Krippe abhängen. Die Frage lautet, ob man nicht eventuell Geld sparen würde, wenn man Mütter mit dem unnatürlichen Begehren, ihre Kleinstkinder selbst zu betreuen, von Staats wegen mit den dafür erforderlichen Mitteln ausstatten würde. Klar, Krippen können billiger sein. Weiß man doch: Massenproduktion ist immer kostengünstiger! Ist sie wirklich auch hier immer kostengünstiger?

Vor einigen Jahren, als wir uns noch nicht an die rechtsradikale Gewalt, vor allem in Ostdeutschland gewöhnt hatten, wurde öffentlich heftig über deren Ursachen nachgedacht. Prof. Christian Pfeiffer, der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen brachte die ostdeutsche Volksseele zum Kochen. Er schrieb:

“Ein Buch - ‘Kinder-Erziehung in der DDR’ und das schlug ich zu Hause auf und sah ein Bild, was mich irrtierte: lauter kleine Kinder im Alter von 12 Monaten sichtlich, 13, 14, 15 Monate, die alle gleichzeitig auf ihren Töpfen saßen unten drunter stand ‘Topfzeit’ und dann wurde erläutert: ‘Erst die Pflicht und dann das Vergnügen’ und dann wurde detailliert beschrieben für die Eltern, wie man Kinder dazu erziehen kann, dass sie im Alter von 12 Monaten so eine Leistung bringen.”

Pfeiffer meinte, dass dieser Gruppenzwang in den Krippen der DDR eine der Ursachen für ostdeutschen Rechtsradikalismus sei. Darüber mag man streiten. Worüber man nicht streiten kann: Je billiger die Horte sein sollen, desto weniger Zeit haben die Erzieherinnen, auf die Individualität der Kinder einzugehen, desto genormter wird ihr Vorgehen und desto härter wird der Gruppenzwang sein. Mir graust vor den Ergebnissen, auch wenn diese nicht in rechtsradikalen Gewalttätern bestehen sollten. Volkswirtschaftlich betrachtet sind Krippen vielleicht doch nicht in jedem Fall die kostengünstigere Lösung.
Es wundert mich nicht, dass Gregor Gysi von der Linkspartei Ursula von der Leyens Vorstoß verteidigt und dabei nicht unerwähnt lässt, dass die DDR durchaus in dem einen oder anderen Aspekt auch ein Vorbild für das heutige Deutschland sein könne. Das mag sein, doch die “Topfzeit” gehört mit Sicherheit nicht zu diesen vorbildlichen Aspekten.

Die Ergebnisse der Krippenforschung sind uneinheitlich. Einige Untersuchungen sprechen dafür, dass Kinder mit frühen Gruppenerfahrungen zwar hilfreicher und kooperativer, aber auch weniger höflich, streitsüchtiger und aggressiver seien als andere Kinder. Ich bezweifele nicht, dass kenntnisreiche Befürworter der gesundheitsministeriellen Krippenpolitik aus dem vorliegenden Forschungsbrei Rosinen herauspicken könnten, die obiger These widersprechen. Sie passt zwar hervorragend zur Pfeiffer-Logik, aber vermutlich ist die Sache doch komplexer. Wie auch immer: Aus meiner Sicht ist dies ohnehin in erster Linie keine empirische Frage, es geht vielmehr - und dies führt mich zu Bischof Mixa zurück - um das Menschenbild.

Wie soll das gesellschaftliche Leitbild aussehen: Soll es die traditionelle Familie sein? Mit dem Mann als Alleinverdiener und seiner Frau als Hausfrau und Mutter? Soll es die Doppelverdienerehe sein mit Krippenerziehung und einem aufs Wochenende reduzierten Familienleben? Oder gibt es Alternativen. Kibbuz? In Israel scheint sich der Kibbuz weg von seinen ursprünglichen Ideen zu einem ganz normalen Dorf mit ganz normalen Kleinfamilien zu entwickeln. Die Realität wird wohl in Zukunft in Doppelmodell hervorbringen, nämlich einerseits die Doppelverdienerfamilie und andererseits die Doppelarbeitslosenfamilie. Die klassische Familie, die dem Bischof Mixa wohl am Herzen liegt, hat vermutlich ausgedient. Das ist Fortschritt, das sind die modernen Zeiten.

Man muss glauben

Mit zarten Glücksgefühlen beobachte ich den Niedergang des Christentums in den Städten und hoffe inständig, dass es auch auf dem Lande in diesen Sog hineingezogen werden möge. In meinen Ohren klingt es wie Hohn, wenn das Christentum Nächstenliebe predigt, der biblische Gott aber die mitleidslose Ausrottung von Feinden fordert. In meinen Augen ist es eine Ungeheuerlichkeit, wenn das Christentum Hass und Gewalt anprangert, wohingegen hochverehrte Lehrer des christlichen Glaubens, allen voran Luther, sich in den widerlichsten antijüdischen Hasstiraden ergingen. Der Gestank der Hölle steigt mir in die Nase, wenn ich in verstaubten Folianten die Bannflüche allerchristlichster Geister gegen Frauen und Homosexuelle lese. Der Atem stockt mir beim Gedanken daran, dass Kirchenlehrer die bedingungslose Unterwerfung unter den Willen Gottes und seiner Stellvertreter und Sachwalter auf Erden fordern.

Jeder Kirchenaustritt bringt mein Herz zum Klingen. Aber in diesen hellen, lustigen Klang mischt sich die bange Frage: Was kommt danach? Wo bleibt die Moral ohne ein Fundament im Glauben? Wer sich in früheren Zeiten ehrenamtlich für die Gemeinschaft einsetzte, ja, aufopferte, der berief sich auf “Gott und Vaterland”. Mag mag sich vor solch religiös-nationaler Inbrunst fürchten, man mag sie als Relikt vergangener Zeiten belächeln. Aber, aus welchen Motiven sollte sich ein Mensch unentgeltlich, ohne egoistische Motive für die größere Gemeinschaft einsetzen, wenn ich für Gotteslohn und aus patriotischer Leidenschaft?

Darauf gibt es, so denke ich, nur eine Antwort, die dem nachforschenden Gedanken standhält: Wir müssen glauben. Und, zum Glück, können wir auch gar nicht anders. Wir können das religiöse Bedürfnis zwar verdrängen und verleugnen; die Wiederkehr des Verdrängten ist jedoch unvermeidlich. Wir haben die Wahl zwischen religiöser Neurose als Folge der Abwehr spiritueller Bedürfnisse und einer rationalen Auseinandersetzung mit dem Unausweichlichen.

Unter modernen Christen und anderen Begeisterten werden heutzutage Brainscans herumgereicht, die angeblich Gott im Gehirn verorten. Ich glaube kaum, dass es erforderlich ist, nach Hirnzentren oder neurophysiologischen Prozessen zu fahnden, um zu beweisen, dass uns ein religiöses Bedürfnis angeboren sei. Dieses ergibt sich zwangsläufig aus der “Conditio Humana”, aus unserer existenziellen Situation. Es ergibt sich aus der Dialektik zwischen der raum-zeitlichen Begrenzheit unseres physischen Körpers und der Ungegrenztheit unseres Vorstellungsvermögens.

Und das ist gut so. Wir brauchen einen guten Glauben, um gut zu handeln. Die meisten Menschen spüren dies, manche wissen es auch; aber immer weniger sind bereit, sich diesen Glauben von oben verordnen zu lassen. Sie stricken sich ihren Glauben selbst. Davor warnen Amtskirchen ebenso wie Skeptikervereine und staatliche Autoritäten.  Sie sprechen von Esoterik, warnen vor Ausbeute und Gehirnwäsche. Doch: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werden.

Fraglos gibt es unter den esoterischen Glaubensangeboten höchst zweifelhafte Gebilde. Es hat sich ein milliardenschwerer Markt entwickelt, der neben manchen Perlen auch viel Schrott feilbietet. Manches Produkt, dass auf diesem Basar der Weltanschauungen angeboten wird, ist auch gefährlich, ohne dass man dies auf den ersten Blick erkennen könnte. Dennoch, trotz aller Gefahren, trotz allem Widersinn, entspricht dieser Markt, wie jeder Markt, der Natur des Menschen, befriedigt ursprüngliche Bedürfnisse.

Es ist gut, dass es diesen Markt gibt. Es ist gut, dass die alten monotheistischen Unterwerfungsreligionen Konkurrenz bekommen. Vielfalt gewährt Freiheit. Jeder kann sich hier die passenden spirituellen Kleider aussuchen, um den Stürmen zu trotzen. Man nehme… man nehme z. B. den Glauben an die Wiedergeburt, damit wir dem Erdball und dem Universum verbunden bleiben. Dies hebt die Umwelt-Moral. Man nehme den Glauben an magische Kräfte. Dies fördert das Einfühlungsvermögen in die Natur menschlicher und außermenschlicher Beziehungen. Man nehme z. B. den Glauben an die Erneuerungskräfte des Vaterlandes. Dies stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

Es gibt viel zu glauben. Packen wir’s an.

Migration und Kriminalität

 Ausländer häufiger kriminell als Deutsche

Der aktuelle Sicherheitsbericht der Bundesregierung stellt einen Zusammenhang zwischen “Kriminalität und Migrationshintergrund” fest. Dieser Zusammenhang verschwindet auch dann nicht, wenn man statistische Störfaktoren aus den Daten herausrechnet, die sich zuungunsten der Ausländer auswirken. Die Erklärung der Bundesregierung für dieses Phänomen klingt politisch korrekt, dürfte aber dennoch zutreffen:

 ”Integrationsschwierigkeiten von Migranten führen zu sozialen Belastungsfaktoren, die die Gefahr einer Straffälligkeit erhöhen.”

Nun dürfte es ein Kriminalitätsopfer, das von Ausländern zusammengeschlagen wurde, wenig trösten zu wissen, Integrationsschwierigkeiten des Täters seien dafür verantwortlich, dass es nun mit Gehirnerschütterung und Rippenprellungen im Krankenhaus liegt. Es wird vermutlich auch vielen der hier friedlich lebenden Ausländer nicht einleuchten, warum ihnen - angeblich aufgrund von Integrationsschwierigkeiten - eine erhöhte Wahrscheinlichkeit der Straffälligkeit zugeschrieben werden muss.

Jugendliche, Kriminalität und Migration

Es liegt nahe zu vermuten, dass der von der Bundesregierung konstatierte Zusammenhang durch einen eingegrenzten Kreis von Migranten gestiftet wird.
Sind besonders jene Ausländer kriminalitätsanfällig, die unter sozial und ökonomisch schwierigen Bedingungen leben? Christian Pfeiffer und Peter Wetzels vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachen e. V. sind dieser Frage - bezogen auf Gewalttaten ausländischer Jugendlicher - nachgegangen. Die Daten zeigen zwar eine enge Korrelation zwischen dem sozio-ökonomischen Status und der Gewaltbereitschaft, aber dies ist noch nicht die ganze Wahrheit:

“Die bisher dargestellten Erkenntnisse könnten zu der Annahme verleiten, wir hätten damit bereits ausreichende Antworten auf die eingangs gestellten Fragen gefunden. Dann aber dürften sich im Vergleich der Gewaltraten der Jugendlichen, die sozial relativ privilegiert aufwachsen, nur geringe Unterschiede zeigen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Zwar verringert sich der Abstand etwas. Aber immer noch dominieren die jungen Türken mit einer im Vergleich zu den Deutschen etwa doppelt so hohen Rate (22,9 % zu 11,1 %). Es folgen die Jugendlichen aus dem früheren Jugoslawien mit deutlichem Abstand vor den anderen ethnischen Gruppen. Es muss also noch andere Belastungsfaktoren geben, die besonders bei türkischen Jugendlichen zum Tragen kommen (Christian Pfeiffer / Peter Wetzels: Junge Türken als Täter und Opfer von Gewalt).”

Die Statistik zeigt, dass insbesondere männliche türkische Jugendliche durch eine erhöhte Gewaltbereitschaft gekennzeichnet sind. Dieser Zusammenhang wird nicht durch den sozio-ökonomischen Status allein hervorgerufen:

“Wenn man auch bei ihnen die sozialen Faktoren kontrolliert, verringert sich im Vergleich zu den Deutschen zwar der Abstand in der Gewaltrate. Es bleibt aber dabei, dass männliche türkische Jugendliche mehr als doppelt so oft Mehrfachtäter von Gewalt sind wie Deutsche. Wir deuten das so: Ein beachtlicher Teil von ihnen ist stark durch ein traditionelles Männlichkeitskonzept geprägt, das sie in ihrer familiären und kulturellen Sozialisation erlernen und das ihre Gewaltbereitschaft deutlich erhöht. Die Forschungsergebnisse sehen wir damit als Ausdruck eines Kulturkonfliktes, der sich insbesondere für solche türkischen Familien ergibt, die sich nach der Einwanderung in Deutschland stark an diesen traditionellen Rollenmustern für Männer und Frauen orientieren. Dort wird die Vorherrschaft des Vaters, der den Gehorsam der Familienmitglieder notfalls mit Gewalt einfordern darf, zum Ausgangspunkt dafür, dass die Söhne in ihrer neuen Heimat in massive Gewaltkonflikte geraten.”

Alternativen zum Gefängnis

Wenn diese Einschätzung zutrifft - und die Daten sprechen dafür - dann ist das traditionelle Gefängnis mit Sicherheit der falsche Platz für Straftäter dieses Typs - vor allem dann, wenn man mit der Haft den Gedanken der Rehabilitation verbindet. Das falsche, Gewalt produzierende Rollenmuster ist in diesem Milieu eine nachgerade notwendige Überlebensstrategie.

royal.jpgDie französische Präsidentschaftskanditatin der Sozialisten, Ségolène Royal hatte eine Idee, die bei den Kollegen im Vorstand ihrer Partei weniger gut ankam als beim französischen Volk. Sie schlug vor, straffällig gewordene Jugendliche in militärisch betreuten Einrichtungen einen Beruf erlernen oder ein humanitäres Projekt ableisten zu lassen. So falsch, so unmenschlich, so unsozialistisch, wie sie auf den ersten Blick erscheint, ist diese Idee gar nicht. Sie ist vermutlich kein Allheilmittel für alle kriminellen Jugendlichen. Aber für solche Gewalttäter, die von zu Hause aus nur die harte Hand, nur die brutal autoritäre Erziehung und den Zwang zur Unterordnung kennen, ist konsequenter militärischer Drill vermutlich die beste Hilfe, auch, und vor allem im Interesse dieser Straftäter.

Es gibt ein erprobtes Modell, in dem dieser notwendige militärische Drill praktiziert werden könnte, die Therapeutische Gemeinschaft nach dem Modell der amerikanischen Drogenhilfsorganisation DAYTOP-Village. Dieses konsequente, harte Modell wird auch in Deutschland angewendet, allerdings in zunehmend weicherem Stil, weil sogar die meist geistig nicht sehr beweglichen deutschen Drogentherapeuten inzwischen erkennt haben, dass diese Behandlungsform für den heute vorherrschenden, mental und emotional desolaten Typ des Drogenabhängigen denkbar ungeeignet ist. Selbst die Amerikaner sind “softer” geworden als früher üblich. Aber für die oben beschriebenen jugendlichen Straftäter wäre die klassische, die rigorose Therapeutische Gemeinschaft, natürlich ergänzt durch die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen, das Mittel der Wahl.

Konservative Leser, die skeptisch sind, ob denn Kriminelle wirklich Therapie benötigen, sollten sich durch diesen Begriff nicht abschrecken lassen. Die echte “Therapeutische Gemeinschaft” hat mit Psychotherapie im Sinne verständnisvoller Seelenerkundung nichts zu tun. Ihr Ziel besteht darin, vorhandene, sozialschädliche Rollenmuster zu zertrümmern und durch sozialverträgliche zu ersetzen. So etwas darf man natürlich nur machen, wenn alle anderen Mittel versagen. Leider sind die Zeitungen voll von Berichten über Jugendliche, bei denen genau dies der Fall ist.