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2.2.2009 von Hans Ulrich Gresch.
Zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts überraschte der amerikanische Psychiater Joseph Biederman die Fachwelt mit der These, dass auch kleine Kinder häufig an einer bipolaren Störung erkranken könnten. Menschen mit bipolarer Störung leiden unter extremen Stimmungsschwankungen. Die Extrempole sind Hochstimmungen, verbunden u. a. mit Selbstüberschätzung, Übererregtheit und riskantem Verhalten auf der einen Seite, sowie düsteren Verstimmungszuständen u. a. mit Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und Selbstmordgedanken auf der anderen Seite… Weiterlesen…
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31.1.2009 von Hans Ulrich Gresch.
Früher galt der Alkoholismus als Sünde oder Charakterschwäche. Als ihn die Medizin dann zur Krankheit erklärte und die Justiz dieser Einstufung folgte, wurde dies von wohlmeinenden Menschen als wissenschaftlicher Fortschritt betrachtet. Seit vielen Jahrzehnten wird eine beständig wachsende Zahl von Substanzen mit bewusstseinsverändernden Wirkungen per Gesetz als Rauschmittel deklariert und verboten. Wer sie im Übermaß konsumiert, gilt als Süchtiger.
Früher glaubte man, Psychotiker seien von Dämonen besessen; mitunter meinte man auch, der göttliche Funke sei in sie eingeschlagen. Später wurden Menschen, die ihre außergewöhnlichen Erfahrungen nicht mehr unter Kontrolle hatten, als “Schizophrene” in psychiatrischen Lehrbüchern beschrieben und in diagnostische Manuale aufgenommen. Wohlmeinende Menschen begrüßten dies als wissenschaftlichen Fortschritt.
Und so wurde eine große und immer noch wachsende Zahl von Verhaltensmustern und Erlebnisweisen zu medizinischen Problemen erklärt. Die amerikanische Soziologie prägte für diesen Vorgang den Begriff “medicalization”. Die deutsche Übersetzung “Medikalisierung” ist dem Sachverhalt noch angemessener, weil er so unschön klingt, wie es die hässliche Sache verdient.
Nun werden die wohlmeinenden Menschen verständnislos mit dem Kopf schütteln. Schließlich würden heute, dank dieser Medikalisierung, arme, gequälte, leidende Menschen nicht mehr von Exorzisten traktiert oder in Zwangsjacken gesteckt, sondern von qualifizierten Fachkräften wissenschaftlich fundiert behandelt.
Dieses Argument klingt beim ersten Hinhören überzeugend. Man bleibt auch überzeugt, solange man die Nase nicht in die einschlägige Fachliteratur steckt. Dort nämlich finden sich, versteckt unter einem Wust von Lobhudeleien und Propaganda einschlägiger Interessengruppen, wissenschaftliche Studien zur Effizienz der üblichen Behandlungen für die sog. psychisch Kranken.
Die Methoden der Psychotherapien, heißt es da, gestützt auf eine Vielzahl empirischer Studien, seien für den Erfolg der Therapie unwichtig. Die Qualifikation des Therapeuten sei ebenso unerheblich, blutige Laien erzielten keine schlechteren Ergebnisse. Bedeutender schon seien die Persönlichkeit des Psychotherapeuten und sein Glaube an die Wirksamkeit der von ihm gewählten Methode. Einen größeren Einfluss habe auch die “Chemie” zwischen dem Psychotherapeuten und seinem Patienten. Doch all dies sei nicht entscheidend. Der therapeutische Wirkfaktor, der alle anderen Einflussgrößen weit in den Schatten stelle, sei die Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit des Patienten.
Nun, rufen einige aus dem Chor der wohlmeinenden Menschen, die Psychotherapie… das ist halt so eine Sache. Auf der anderen Seite habe die Psychopharmakologie gewaltige Fortschritte gemacht. Früher sei der Langzeit-Patient charakteristisch für die Nervenheilanstalten gewesen, heute betrage die durchschnittliche Verweildauer in modernen Kliniken nur noch wenige Tage.
Das ist aber erfreulich, antworte ich. Vielmehr, so korrigiere ich mich, das wäre ja erfreulich, wenn es denn stimmte. Ob es stimmt, steht allerdings in den Sternen, die, entgegen der Meinung vieler Astrologen, durchaus manchmal lügen. Man halte sich vor Augen, dass die Geschicke der Patienten psychiatrischer Anstalten vor dem Siegeszug der Psychopharmaka nicht systematisch statistisch erfasst wurden. Wir wissen daher gar nicht, ob sich die durchschnittliche Verweildauer tatsächlich verkürzt hat. Manche hätten es nur zu gern so, weil eine mutmaßliche Entwicklung dieser Art wunderbar im Einklang steht mit dem propagierten Fortschrittsglauben.
Doch viel gewichtiger als solche Zahlenspielereien ist die Tatsache, dass, nach einer Vielzahl von systematischen Meta-Evaluationen der Wirkung von Psychopharmaka, nüchtern festgestellt werden muss: Sie sind in der Regel kaum effektiver als Placebos. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich also keineswegs positiv von den Psychotherapien. Anders als diese aber haben sie teilweise gravierende, unerwünschte Neben- und Folgewirkungen. Und oft helfen sie, wenn überhaupt, nur kurzfristig; bei langfristiger Einnahme überwiegen die Nachteile oft eindeutig die Vorteile.
Vom Fortschritt der Medikalisierung bleibt also nicht viel übrig, wenn man die Dinge etwas genauer unter die Lupe nimmt. Natürlich: die Medikalisierung hat viele Ärzte und psychologische Psychotherapeuten in Arbeit und Brot gebracht, und auch die Pharma-Industrie verdient nicht schlecht daran. Doch - unabhängig vom segensreichen Wirken dieser Berufsstände und Branchen - leisten nach wie vor die Patienten die Hauptarbeit bei der Überwindung der sog. psychischen Störungen. Ganz gleich, ob man ihnen in der Psychopharmaka-Therapie bittere Pillen oder in der Psychotherapie bittere “Wahrheiten” zu schlucken gibt: Es hängt von ihrer Motivation und ihrer Kompetenz zur Selbstveränderung ab, ob die “Behandlung” erfolgreich ist oder nicht.
Doch die psychiatrische Propaganda verfehlt ihre Wirkung auf die Öffentlichkeit nicht. Betroffene und Nicht-Betroffene glauben mehrheitlich, dass psychische Krankheiten tatsächlich existierten und mit medizinischen Mitteln, wenn überhaupt, geheilt werden könnten. Dadurch werden nicht nur die Einkommen der beteiligten Berufsstände und Branchen legitimiert, sondern auch die Patienten entmündigt. Diese Entmündigung spricht natürlich den Tatsachen Hohn, denn wenn einer von ihnen “geheilt” wird, dann nicht trotz seiner Unmündigkeit, sondern dank seiner Mündigkeit.
Wenn ich die Existenz psychischer Krankheiten leugne, so bedeutet dies keineswegs, dass ich die Augen vor den Verhaltensweisen und Erlebnisformen verschließe, auf die sich diese Diagnosen beziehen. Zweifellos gibt es Menschen mit problematischem Verhalten. Man kann dieses Verhalten sicher auch als gestört auffassen, wobei man sich aber immer auch fragen sollte, wer da mehr gestört ist: der Patient oder seine Umwelt.
Die Störung beschränkt sich ja nicht auf die einzelne Person; vielmehr ist die Umwelt, in der sich der “Gestörte” bewegt, mehr oder weniger gestört. Wo liegen die Ursachen? Viele Menschen neigen dazu, die Ursache im sog. Patienten zu verorten. Diese Sichtweise wird ja auch durch die moderne Neuro-Psychiatrie bestärkt, die zu jeder dieser angeblichen psychischen Krankheiten ein Brain-Scan mit allerlei Absonderlichkeiten vorweisen kann. Ob diese Absonderlichkeiten nun aber die Ursache oder die Folge der Störung (die den Betroffenen und seine Umwelt einschließt) sind, vermag niemand zu beurteilen.
Jedenfalls können die Brain-Scans diese Frage nicht klären. Aber, so rufen die wohlmeinenden Menschen, es gäbe ja auch noch die Zwillingsforschung. Zeigt diese nicht, dass psychische Störungen zu einem großen Teil angeboren sind?
Die Zwillingsforschung zeigt dies schon, antworte ich ermattet, korrigiere mich dann aber wieder, der Vernunft gehorchend: Die Zwillingsforschung könnte dies u. U. zeigen, wenn sie die notwendigen methodischen Voraussetzungen erfüllen würde. Damit sie aussagekräftig ist, muss sie eineiige Zwillinge miteinander vergleichen, die getrennt aufgewachsen sind, und zwar in deutlich unterschiedlichen Milieus. Alle anderen Zwillingsstudien können aus logischen Gründen nur Ergebnisse hervorbringen, die man nicht eindeutig interpretieren kann. Nun gibt es aber nur wenige Zwillingspaare, die diese Voraussetzungen erfüllen, und noch weniger Zwillingspaare können für genetische Studien dieser Art rekrutiert werden. Und so ist die Zwillingsforschung beim gegenwärtigen Stand der Forschung keineswegs in der Lage nachzuweisen, dass psychische Störungen überwiegend auf den Erbanlagen beruhen.
Was bleibt also von den sog. psychischen Krankheiten? Offenbar nur, dass es sich um Normabweichungen handelt. Es ist aber keineswegs logisch zwingend, Normabweichungen als medizinische Probleme zu definieren. Ein simples Beispiel: Früher betrachtete die Psychiatrie die Homosexualität als psychische Krankheit - heute würde sich kein Psychiater mehr trauen, diverse Bürgermeister deutscher Städte oder andere hochrangige Politiker als Kranke einzustufen, nur weil sie mit Partnern des gleichen Geschlechts Sex haben.
Da also keineswegs bewiesen ist, dass psychische Störungen Krankheiten im medizinischen Sinne sind und da derartige Diagnosen offensichtlich auf sozialen Bewertungen beruhen, ist aus meiner Sicht eine Psychodiagnose eine Verleumdung des so Diagnostizierten.
Die störenden Verhaltensmuster und Erlebnisweisen sind natürlich da, keine Frage. Ich betrachte sie - wertfrei - als Strategien der Lebensbewältigung, die problematisch, gar riskant sein können, aber nicht müssen. Als Problemlösungsstrategien gehören sie zu Lebensstilen, die eine Lebenspraxis prägen. Diese Lebenspraxis aber vollzieht sich nicht im luftleeren Raum, sondern sie entfaltet sich gemäß der Möglichkeiten und Grenzen des jeweiligen Gesellschaftssystems.
Will man also die sog. psychischen Krankheiten verstehen, dann muss man die Lebensgeschichte des Betroffenen analysieren. Nur die Lebensgeschichte bezieht alle relevanten Faktoren ein - Brain-Scans können durchaus aufschlussreich sein, aber nur vor dem Hintergrund dieser Lebensgeschichte. Um die Lebensgeschichte eines Betroffenen analysieren zu können, muss man ihm zuhören, muss man den Storys lauschen, die er über sich und seine Welt zu erzählen weiß. Es mag ja sein, dass der Betroffene seine eigene Lebensgeschichte nur bruchstückhaft kennt und in der Erinnerung verzerrt. Aber wer würde sie denn besser kennen als er? Die Psychiater? Die diagnostischen Manuale? Die Lehrbücher? Sein Friseur?
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30.1.2009 von Hans Ulrich Gresch.
Dank rasanter Entwicklung bei den Computern und den Tomographen können die Psychiater, Neurologen und Psychologen dem Hirn bei der Arbeit zuschauen und die Bilder werden immer präziser. Der Hype begann in den Vereinigten Staaten und schwappt nun auch nach Deutschland über: Die traditionellen Psycho-Wissenschaften mutieren zur Neuro-Psychiatrie, Neuro-Psychologie, Neuro-Psychotherapie und Neuro-Psychoanalyse.
Die Biologisten sonnen sich im Aufwind. Was ihre Vorväter Ende des 19. Jahrhunderts bereits verkündeten, bestätigt offensichtlich die moderne Wissenschaft: Psychische Störungen sind Hirnerkrankungen. Ist doch klar, oder. Können Brain-Scans lügen?
Natürlich nicht. Für Leute, die nicht an eine unsterbliche Seele glauben (und deren Zahl nimmt erfreulicherweise zu)… für diese Leute steht fest, dass unser Verhalten und Erleben ein Effekt unseres Nervensystems ist. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich die Hirnaktivität von Menschen mit extremen Ängsten, abweichenden Gedanken, chronischer seelischer Verstimmung, Störungen der Aufmerksamkeit usw. systematisch von der Hirnaktivität der “Normalen” unterscheidet.
Wenn aber das Verhalten und Erleben grundsätzlich vom Nervensystem abhängt, dann sollte man erwarten, dass sich immer dann systematische Unterschiede zeigen, wenn Personengruppen durch unterschiedliche Lebenspraxis gekennzeichnet sind. Ein sog. Schizophrener, der beispielsweise früh verrentet wurde und seine Tage vor dem TV-Gerät oder im Patienten-Club einer wohltätigen Organisation verbringt, beschäftigt sich zwangsläufig mit anderen Dingen als beispielsweise ein Architekt, der von morgens bis abends Häuser entwirft. Ein Mensch mit Angst vor Menschen wird sich anders verhalten, anderes erleben als eine Betriebsnudel.
Solche Unterschiede der Aktivität finden sich aber nicht nur in Vergleichen zwischen den sog. psychisch Kranken und den Normalen. Nehmen wir z. B. Taxifahrer. Man mag von diesen Leuten ja halten, was man will, die Unterstellung, sie seien generell psychisch krank, wäre sicher abwegig. Nun haben britische Wissenschaftler Londoner Taxifahrer in die Röhre geschoben und ihr Gehirn durchleuchtet. Sie stellten fest, dass bei den “Black-Cab-Drivers” eine Hirnregion, der Hippocampus deutlich gegenüber der Normalbevölkerung vergrößert war.
Bedeutet dies, dass diese Normabweichung pathologisch ist, dass es sich beim Taxifahren in London um eine psychische Krankheit handelt? Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Wer in dieser Stadt Taxi fährt, brauch Seelenruhe und ein sonniges Gemüt. Neurophysiologische Normabweichungen berechtigen also nicht zu einer psychopathologischen Diagnose. Vor allem aber ist keineswegs klar, ob sie die Ursache oder die Folge des von der Norm abweichenden Verhaltens sind. Es wäre kaum plausibel anzunehmen, dass Menschen mit einem angeboren vergrößerten Hippocampus nicht eher ruhen, bis sie Taxifahrer in London geworden sind.
Die Marketing-Experten der Pharma-Industrie sollten sich durch solche rationalen Erwägungen aber nicht vom Kurs abbringen lassen. Schließlich zeigen die Befunde der Neuro-Marketing-Forschung eindeutig, dass der Konsument bei seiner Kaufentscheidung von seinen Emotionen beherrscht wird. Die fürs Emotionale zuständigen Hirnareale leuchten in den Brain-Scans auf wie Weihnachtsbäume, wenn Konsumenten in der Röhre zwischen Waren wählen sollen. Allein die Erwähnung einer Marke wirkt da Wunder. Was für Coca-Cola oder Mercedes gilt, sollte doch auch auf Psychopharmaka zutreffen. Warum also sollte man den Verstand der Konsumenten übermäßig beanspruchen, wenn die gefühlsmäßig schlichte Botschaft, ein Medikament entstöre das Gehirn, seine Wirkung nicht verfehlt?
Außerdem ist es unklug, wenn Werbung Dissonanzen zum herrschenden Zeitgeist erzeugt. Wir leben schließlich in einer individualistischen Gesellschaft, in der jeder seines Glückes Schmied ist. In einer solchen Gesellschaft stößt natürlich die Botschaft auf Unverständnis, dass die sog. psychischen Krankheiten Ursachen hätten, die von der Gesellschaftsstruktur abhängen. Nein, nein, das kann nicht sein. Wer psychisch gestört ist, bei dem stimmt etwas im Dachstübchen nicht. Wir sind OK, die sind nicht OK. Oder?
Die Wissenschaft hat’s bewiesen. Was soll man da noch lange diskutieren?
PS: Aber - wenn doch das Individuum das Maß aller Dinge ist, warum messen wir dann das Verhalten und Erleben der sog. psychisch Kranken an kollektivistischen Maßstäben, an der Norm?
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23.12.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Man glaubt es kaum, aber es ist so. Psychiater und Psychotherapeuten sind oftmals unfähig zu logischem Denken, zumindest partiell. Diesen Eindruck zumindest habe ich gewonnen durch zahlreiche Beratungsgespräche mit Klienten, die von Pontius zu Pilatus gelaufen und dann schließlich bei mir gelandet sind.
Diese Menschen hatten ungewöhnliche Erfahrungen gesammelt, genauer: durchlitten und waren nicht in der Lage oder willens, diese allein zu verkraften. Sie brauchten Unterstützung, um diese oft bedrohlichen, Angst und Stress auslösenden Erfahrungen zu meistern.
Und so gingen diese Menschen zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten - ach, was schreibe ich da? Sie brachten eine Odyssee hinter sich durch Praxen und Kliniken, um immer wieder dasselbe zu hören zu bekommen: Sie seien paranoid, sie würden sich das alles nur ausdenken, sie müssten diese oder jene Pille schlucken, dann würden sie von ihren Wahnideen erlöst. Irgend etwas mit ihrem Hirnstoffwechsel stimme nicht und das sei angeboren. Dumm gelaufen, eben.
Wenn nun der Gastwirt, der Friseur oder der Ehepartner in dieser Weise auf ungewöhnliche Erfahrungen reagieren würde, hätte ich dafür in Grenzen Verständnis. Manche dieser Erfahrungen klingen ja beim ersten Hinhören durchaus verrückt. Doch ein Psychiater, ein Psychotherapeut, ein Fachmann, eine Fachfrau?
Ein Experte sollte doch wissen, wie der Hase läuft. Nehmen wir einmal an, der Experte glaube ernsthaft daran, sein Klient oder Patient leide unter Wahnideen. Dann sollte ihm eigentlich klar sein, dass es völlig fruchtlos ist, diesen Menschen mit dieser “Wahrheit” zu konfrontieren, weil der “Paranoiker” dies nicht akzeptieren kann. Vielmehr wird er glauben, der Psycho-Experte sei selbst Teil der “Verschwörung”.
Glaubt der Psycho-Experte aber selbst nicht an seine eigene Diagnose, dann führt er sich erst recht ad absurdum, wenn er sie dennoch dem Patienten nahelegt. Denn eine Behandlung auf Basis einer wissentlich unglaubwürdigen Diagnose ist ja ein Widersinn.
Ich kann nur darüber spekulieren, warum schätzungsweise 98 Prozent der Psychiater und Psychotherapeuten bei Patienten, denen sie eine paranoide Psychose unterstellen, in der beschriebenen, höchstgradig unlogischen Weise reagieren.
Die erste, spontane Erklärung bestünde darin, dass es sich um eine Berufskrankheit handelt. Diese Leute sind einfach überfordert, stehen unter Stress - und wer gestresst ist, hat oft Probleme, logisch zu denken, weil die Emotionen durchbrechen.
Die zweite Erklärung wäre, dass diese Leute schon schwach in Logik waren, bevor sie ihren Beruf ergriffen. Vielleicht zieht dieses Gewerbe ja Menschen an, die von Haus aus nicht so versiert sind im folgerichtigen Denken.
Eine weitere, dritte Erklärung lautet: Man will, dass sich die Betroffenen defekt und minderwertig fühlen, oder dass sie angesichts dieser unerhörten Anschuldigung, paranoid zu sein, ausrasten, durchdrehen, sich “gemeingefährlich” aufführen. Derartige Reaktionen würden es den Psycho-Experten nämlich leichter machen, diesen Patienten Neuroleptika aufs Auge zu drücken, eventuell sogar zwangsweise.
Diese Neuroleptika, so liest und hört man immer wieder, sollen ja ein verdammt gutes Geschäft sein für die Pharmaindustrie.
Es geht natürlich auch anders. Die Lösung ist verblüffend einfach. Wie wäre es, wenn wir unsere Klienten mit ungewöhnlichen Erfahrungen einfach ernst nehmen und respektieren würden. So schlau jedenfalls bin ich wirklich nicht, dass ich eindeutig erkennen könnte, was Wahn, was Wirklichkeit sei. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich bin kein Philosoph, kein Detektiv. Ich begleite und berate Menschen, die Unterstützung brauchen, um seelische Probleme zu lösen, um ihre Persönlichkeit zu entfalten, um mehr Durchblick zu bekommen.
Die Erfahrungen meiner Klienten, wie ungewöhnlich sie auch immer sein mögen, deute ich nicht als Wahn oder Wirklichkeit, sondern als Ressourcen, als Hilfs- und Kraftquellen, die - gewusst natürlich wie - auf die Mühlen der eigenen Interessen geleitet werden können. So zu handeln, liegt selbstverstädnlich nicht nur im Interesse meiner Klienten, sondern auch in meinem eigenen. Mein eigenes Leben wird dadurch leichter. Ist das nicht schön? Was spricht dagegen?
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2.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Strammstehen unterm Atompilz
Man mag es kaum glauben, aber es stimmt: Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts mussten amerikanische Soldaten an Manövern teilnehmen, während über ihren Köpfen Atombomben gezündet wurden. Das amerikanische Verteidigungsministerium wollte u. a. wissen, wie die Soldaten auf die Explosion reagieren und man wollte ihnen die damals (wie heute) weit verbreitete Furcht vor radiaktiver Strahlung nehmen.
Einer der Teilnehmer, der Gefreite Bill Bires, hat eine Web Site ins Netz gestellt, die diese makabren Atombombenversuche mit atemberaubenden Fotos dokumentiert. Der frühere Präsident Bill Clinton hat sich zwar bei den Opfern dieser Experimente des Pentagons entschuldigt; aber mich beschleichen Zweifel, ob der Geist, der dahinter stand, nicht doch immer noch lebendig ist und bei passender Gelegenheit auszubrechen droht.
Unausweichliche Logik des Kalten Kriegs
Das Schauerlichste sind nicht diese Manöver unterm Atompilz an sich. Zum Verzweifeln finde ich die Tatsache, dass sie, der Logik des Kalten Krieges entsprechend, sinnvoll, ja, zwingend notwendig waren. Mit Soldaten, die aus Furcht vor Radioaktivität in Panik gerieten, war kein Krieg zu gewinnen. Die Amerikaner mussten sich also Maßnahmen überlegen, um die “combat readiness” auch im atomaren Zeitalter aufrecht zu erhalten.
Dies war allerdings nicht so einfach, wie die pragmatisch zupackenden US-Militärs und Politiker zunächst geglaubt hatten. Obwohl sie die Soldaten und die Zivilbevölkerung mit einer Sturzflut von Broschüren, Vorträgen, Filmen und Zeitungsberichten von der Harmlosigkeit der Strahlen überzeugen wollten, blieben die meisten amerikanischen Bürger skeptisch.
Man mag sich fragen, welche haarsträubenden Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Kampfbereitschaft sich die Amerikaner zudem ausgedacht haben, die bisher noch nicht aus dem Dunkel der Geheimhaltung aufgetaucht sind. Mir jedenfalls gehen mitunter die Augen über, wenn ich freigegebene Akten zu den Gehirnwäscheprojekten der CIA und anderer amerikanischer Behörden lese. Ein CIA-Dossier vom 25. Januar 1952 beschreibt z. B. die Ziele des Gehirnwäsche-Projekts Artischocke wie folgt:
(1) Evaluation und Entwicklung jeder Methode, durch die wir Informationen von einer Person gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen erhalten können.
(2) Wie können wir den oben genannten Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns angewendet werden?
(3) Können wir ein Individuum bis zu einem Punkt kontrollieren, an dem es
unsere Befehle gegen seinen Willen und sogar gegen so fundamentale
Naturgesetze wie den Selbsterhaltungstrieb ausführt?
(4) Wie können wir solchen Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns angewendet werden?”
(Memorandum for: Chief, Medical Staff, Subject: Project Artichoke, Evaluation of ISSO role, 25 January 1952, MORI ID 144686)
An der Front des Kalten Kriegs
Können wir ein Individuum bis zu einem Punkt kontrollieren, an dem es unsere Befehle gegen seinen Willen und sogar gegen so fundamentale Naturgesetze wie den Selbsterhaltungstrieb ausführt? fragten sich die Oberen der CIA und probierten alles aus, was die Arsenale der Psychiatrie, Psychologie und Pharmakologie zu bieten hatten: Drogen, Elektroschocks, Hypnose, sensorische Deprivation und auch Maßnahmen, die sie vornehm mit dem Begriff “physical duress” zu umschreiben pflegten (der im Klartext wohl “Abu Ghraib” bedeutet).
Nach gängiger Auffassung der Militärstrategen während des Kalten Kriegs wäre eine atomare Konfrontation zwischen dem Osten und dem Westen höchstwahrscheinlich in Deutschland ausgebrochen. Es läge eigentlich auf der Hand, dass Soldaten und Zivilbevölkerung auch in unserem Lande mit amerikanischen Methoden auf einen zukünftigen Atomkrieg vorbereitet wurden. Es läge eigentlich auf dem Hand, wenn nicht, ja wenn nicht… in Deutschland tut man so etwas nicht und in Deutschland beugt man sich keiner Logik, und sei es auch die des Kalten Kriegs.
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19.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Früher, damals, du weißt schon, als die Welt noch im Lot war, in den alten Zeiten gab es keine depressiven Männer. Gut, ein paar gab es schon. Sie hatten die Aufgabe, als Ausnahme die Regel zu bestätigen. Sie fielen nicht weiter auf, hielten sich zurück, denn depressiv zu sein galt als unmännlich - und damals wollte sich niemand als schwul outen.
Wer früher das Zeug zur Depression hatte und ein Mann war, ließ sich nichts anmerken. Er machte sich zwar nach Kräften bemerkbar, aber so, dass keiner etwas merkte. Es fing meist damit an, dass sich eine dumpf im Innern brodelnde Unzufriedenheit als verschärfte Kritik an anderen und den von diesen verursachten Zuständen Luft machte. Die Kritik wurde im Lauf der Zeit immer aggressiver geäußert - die Worte wurden schärfer und unter Umständen flogen auch schon einmal die Fäuste. Und dies vor allem dann, wenn die tief im Innern brodelnde Unzufriedenheit durstig machte - wenn also der Mann mit dem Zeug zur Depression öfter mal zu tief ins Glas schaute, um zu beweisen, dass er ein echter Mann war, der den Rausch kennt.
So ging das Leben dahin - und eigentlich hätte alles so bleiben können, wie es war. Doch dann… ja dann wurde der Mann, also, nicht dieser oder jener Mann, sondern der Mann schlechthin, der Mann an sich mit allerlei Zumutungen konfrontiert und brach zusammen. Jeder Mann hat nun einmal seinen Bruchpunkt. Die Frau, nicht diese, nicht jene Frau, die Frau an sich hatte gelernt, wie sie den Mann über seinen Bruchpunkt hinaustreiben kann - nämlich mit widersprüchlichen Botschaften: Männlich seien Männer, so hieß es plötzlich in auffordernden, nötigenden Tonfall, männlich seien Männer, die schon als Knaben geweint hätten, die nicht versuchen, Frauen zu verführen, die, ja lese und staune, im Sitzen pinkeln.
Als all das anfing, waren die meisten Männer geneigt, die so tönenden (oder eher in hohem Ton sirrenden) Frauen zu ignorieren, wie sie es immer getan hatten. Doch ach, so einfach war das nicht mehr… denn die Damen schützten keine Migräne mehr vor, wenn sie Lust auf Sex-Erpressung hatten - sie behaupteten vielmehr ganz unverblümt, der Mann dürfe nicht ran, weil er zu unsensibel sei. Er müsse erst sensibler werden, und dazu gehöre letzendlich auch, im Sitzen zu pinkeln.
Und so saßen sie da, die gestürzten Herren der Schöpfung, hörten es plumpsen und plätschern, und wurden depressiv. Sie hätten keine Lust zu gar nichts mehr, sie seien abgrundtief verzweifelt, nicht einmal das Bier schmecke ihnen.
John Wayne war niemals depressiv. Der haute drauf und soff sich einen.
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3.11.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Neuroleptika sind Medikamente gegen Schizophrenie. Man unterscheidet zwei Arten: die klassischen und die atypischen Neuroleptika. Die atypischen wurden entwickelt, weil die klassischen einige unerwünschte Eigenschaften besitzen: Sie führen in aller Regel zu Bewegungsstörungen, bei langfristigem Gebrauch können sogar irreversible motorische Abnormitäten auftreten. Diese Phänomene sind bei den atypischen Neuroleptika seltener und schwächer ausgeprägt.
Die Bewegungsstörungen bezeichnet die Psychiatrie als Nebenwirkungen. Doch das ist ein Etikettenschwindel. Es handelt sich vielmehr um die Hauptwirkung der klassischen Neuroleptika. Diese verwandeln den Patienten nämlich in einen Parkinson-Kranken. Für den Morbus Parkinson (Schüttellähmung) sind zwar die Bewegungsstörungen charakteristisch, diese Erkrankung ist aber auch mit anderen Symptomen verbunden, und zwar mit einer emotionalen Abstumpfung und als Folge mit einer starken Demotivation. Emotionale Abstumpfung und Demotivation sind die Hauptsymptome der Apathie. Die klassischen Neuroleptika machen apathisch, weil sie eine künstliche Parkinson-Erkrankung hervorrufen. Die antipsychotische Wirkung der klassischen und teilweise auch der atypischen Neuroleptika besteht darin, dass sie die Patienten gegenüber den zuvor beängstigenden Symptomen wie Halluzinationen, Stimmenhören und Wahnideen apathisch machen.
Die atypischen Neuroleptika verursachen in weitaus geringerem Maße einen Parkinsonismus. Sie haben statt dessen eine wesentlich stärkere sedierende Wirkung. Sie werden von den Betroffenen in der Regel etwas besser vertragen, aber sie haben dafür andere schwerwiegende Nebenwirkungen. Sie sind ein starkes Stoffwechselgift, führen schnell zu meist erheblicher Gewichtszunahme und können Diabetes hervorrufen. Außerdem stehen sie in Verdacht, das Leben aus bisher ungeklärter Ursache zu verkürzen.
Quelle: Bruce G. Charlton: Why are doctors still prescring neuroleptics?
Gibt es eine Alternative zu den Neuroleptika? Ich meine, ganz entschieden, ja!
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22.10.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Psychotherapie und die Behandlung mit Psychopharmaka sind kaschierte Formen der Selbstheilung. Kaschiert sind sie, weil den Psychotherapeuten bzw. den Psychopharmaka eine ursächliche Wirkung auf den Heilungsprozess zugeschrieben wird. Dies ist jedoch nicht der Fall. Keine Pille und auch keine psychotherapeutische Methode wirken kausal. Die eigene Seele kann man nur selbst verändern.
Warum aber sind dann Psychotherapie und Psychopharmaka (etwas) effektiver als Placebos oder keine Behandlung? Zunächst einmal sollte man bedenken, dass die Wirkung von Psychotherapie und Psychopharmaka zum größten Teil auf dem Placebo-Effekt beruht. Es bleibt aber eine Restwirkung, klein zwar, aber statistisch signifikant, die nicht mit dem Placeboeffekt erklärt werden kann.
Dieser kleine Rest ist aber auch nicht die Folge der psychotherapeutischen Kunst oder spezischer Methoden. Sie ist auch nicht das Ergebnis der bewusstseinsverändernden Wirkung von Psychopharmaka. Letztere ist zwar vorhanden, aber sehr unspezifisch. Dieser kleine Rest ist die Folge des Glaubens der Psychotherapeuten oder Psychiater an ihre Methode oder ihr Mittel. Die Begeisterung, die Heilsgewissheit, die Überzeugungskraft überträgt sich auf den Patienten oder Klienten. Doch der Patient muss auch offen dafür sein, er muss die Begeisterung des Helfers in eine eigene seelische Kraftquelle umwandeln. Fazit: Der Heiler ist der Patient. Leider kaschiert die Sprache des medizinischen Modells diesen offenkundigen Sachverhalt.
Die Überzeugung von der Wirksamkeit eines Medikaments kann ein Arzt in einer Doppel-Blind-Studie natürlich nicht entwickeln, denn er weiß ja, dass er an einem Placebo-Experiment teilnimmt und möglicherweise die Zuckerpille verschreibt.
In einer psychotherapeutischen Placebo-Studie ist die Sache noch etwas verwickelter. Diese kann ja nicht doppelblind sein. Der Psychotherapeut weiß also, ob er eine Placebo-Therapie anwendet oder nicht. Falls es sich um eine Placebo-Therapie handelt, wird sich seine Begeisterung in Grenzen halten.
Aus diesem Grunde sind Psychotherapien immer effektiver als Placebo-Therapien. Das ist gleichsam eingebaut. Demgegenüber kann sich ein Medikament durchaus als nicht wirksamer als ein Placebo erweisen - in einer Doppelblind-Studie. In der Praxis aber, wenn der Doktor glaubt, ein wirksames Medikament zu verschreiben, sieht die Sache schon wieder anders aus. Dasselbe Medikament, dass sich in einer Studie als gleich wirksam wie ein Placebo herausgestellt hat, wäre in der realen Behandlungssituation, kraft Begeisterung des Arztes, dann doch effektiver als ein Placebo.
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