Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Psychologie.
| M | D | M | D | F | S | S |
|---|---|---|---|---|---|---|
| « Feb | ||||||
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 |
| 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 |
| 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 |
| 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 |
| 29 | 30 | 31 | ||||
12.3.2009 von Hans Ulrich Gresch.
Nun wird wieder gerätselt über die Motive des Amokläufers in Winnenden, über Ursachen und die Möglichkeiten der Prävention. Die üblichen Verdächtigen werden verhaftet: Computerspiele, Mobbing, Verfügbarkeit von Waffen, unfähige Lehrer, zu wenig Schulpsychologen usw.
Man könnte diese Liste nach Belieben verlängern, ohne dass man aus diesen Mosaiksteinen ein stimmiges Bild zusammensetzen könnte. Leider sind Psychologie und Psychiatrie heute dem Neuro-Wahn verfallen und an psychologisch stimmigen Bildern nicht mehr interessiert. Man möchte wissen, an welchen Signalen man im “Vorfeld” potenzielle Amokläufer erkennen könne - als ob der Mensch ein Motor sei, bei dem verdächtige Geräusche verraten, dass etwas nicht stimmt mit ihm.
Das Problem mit diesem Ansatz besteht darin, dass die Signale in aller Regel nicht eindeutig sind und so die Gefahr der Fehleinschätzung recht groß ist. Man muss sogar damit rechnen, dass junge Menschen, die aufgrund solcher “Signale” als potenzielle Amokläufer identifiziert werden, im Sinne der Etikettierungstheorie erst zu dem gemacht werden, was man mit diesem Ansatz eigentlich vermeiden will.
Ich rate dazu, bei seltenen Ereignisse nicht zu fragen, welche Ursachen ihnen zugrunde liegen, sondern darüber nachzudenken, warum sie so selten sind. Warum beginnt der Unterricht heutzutage nicht üblicherweise mit einem Schusswechsel?
Dies klingt natürlich zynisch. Dennoch ist die Frage legitim. Denn von all den heute diskutierten Gründen für den Amoklauf sind eine Unzahl von Schülern betroffen - und nur eine winzige Minderheit wird zum Täter.
Außerdem sind Menschen niemals Monster, selbst wenn sie fürchterliche Dinge tun - auch Amokläufer sind Menschen wie du und ich. Darum empfehle ich bei Fragen wie diesen auch, darüber nachzudenken, unter welchen Bedingungen vergleichbare Verhaltensweisen normal sind und darum auch gehäuft auftreten. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, eilten Zehntausende junger Menschen im Alter des Amokläufers von Winnenden zu den Fahnen, um sich auf dem Felde der Ehre zu bewähren. Sie nahmen dabei ihren Tod billigend in Kauf, ja, manche ersehnten den Heldentod sogar.
Dieser Vergleich mag makaber klingen, aber man sollte sich von diesem Klang nicht abschrecken lassen, die Sache entlang dieser Argumentationslinie weiter zu verfolgen. Man könnte fündig werden. Der Krieg ist kein Computerspiel - sondern ein menschliches Unternehmen, bei dem zwei Parteien versuchen, sich gegenseitig umzubringen, und zwar nicht nur virtuell, sondern ganz real. Die jungen Männer, die damals an die Front drängten, waren nicht durch Computerspiele verdorben. Die gab es damals noch nicht.
Die jungen Frontkämpfer des 1. Weltkriegs trugen natürlich die Liebe zu Deutschland im Herzen und waren erfüllt von nationalistischer Ideologie. Und selbstverständlich waren sie hoch erfreut, die Langeweile und Spießigkeit des kaiserlichen Deutschlands zu entkommen. Das Abenteuer lockte. Doch was erklärt das? Recht wenig. Ein Krieg ist nicht wie Rafting oder Bergsteigen.
Hier geht es ums Ganze. Auch beim “School Shooting” geht es ums Ganze. Ums Ganze des eigenen Lebens, des eigenen Daseins. Der Mensch ist kein Ding unter Dingen, sondern ein Ding, das gegenüber allen anderen Dingen ausgezeichnet ist. Der Mensch unterliegt dem existenziellen Zwang, sein Selbst und den Sinn seines Daseins zu bestimmen. Er bestimmt ihn durch Geschichten über sich selbst und seine Welt. Doch er kann sich nicht selbst beschreiben in diesen Geschichten wie er andere Dinge in Geschichten beschreiben könnte. Er muss in seinen Geschichten existieren. Existierend muss er sich der Wahrheit seiner Geschichten selbst vergewissern. Nur so kann er seinem Dasein einen Sinn geben.
Um sich existierend der Wahrheit seiner Geschichten über sich selbst gewahr zu werden, braucht der Mensch Gipfelerfahrungen. Gipfelerfahrungen sind weit über dem Alltag stehende, intensierte Erfahrungen, in denen die grundlegenden Fundamente des Daseins in einer nicht nur intellektuellen Weise erfasst werden. Sie durchdringen uns gleichsam von den Zehen- bis in die Haarspitzen. Es gibt Gipfelerfahrungen des Mutes und der Angst, der Liebe und des Hasses.
Gerade jungen Menschen suchen Gipfelerfahrungen, weil sie in ihrer Erwicklung zum Erwachsenen eine Folge existenzieller Krisen durchlaufen und durchlaufen müssen, in denen sie gezwungen sind, den Sinn ihres Daseins und den Inhalt ihres Selbsts immer wieder neu zu bestimmen. Zehntausende junger Männer eilten zu Beginn des 1. Weltkriegs freiwillig und begeistert zu den Fahnen, mit einer glühenden Liebe zu Deutschland im Herzen und der Suche nach Gipfelerfahrungen im Sinn - den eigenen Tod vor Augen. Das ist die Essenz der Gipfelerfahrung, dass es in ihr immer um Leben und Tod geht - wenn nicht physisch, so doch spirituell.
Zurück zu den Amokläufern. Dies ist natürlich eine falsche Bezeichnung, die ich hier nur verwende, damit mich die Suchmaschinen finden, wenn Interessierte diese falsche Bezeichnung für “school shootings” eingeben. Amok ist immer spontan, die Schulschützen handeln aber in aller Regel mit Vorsatz und geplant.
Eingangs sprach ich davon, dass nun wieder einmal die Zeit der Spekulationen angebrochen ist über Motive der so genannten Amokläufer und die Ursachen ihres Verhaltens. Ich will mich an diesen Spekulationen nicht beteiligen. Der Sinn eines Verhaltens erschließt sich letztlich nur aus der Innensicht. Und dieser Blick ging endgültig verloren, als das Auge des Schulschützen von Winnenden brach. Ich gebe nur zu bedenken, dass nach meiner festen Überzeugung dieser junge Mann ein Gipfelerlebnis suchte und fand - in einer fürchterlichen Form mit mörderischem Ausgang. So wie Zehntausende ihr Gipfelerlebnis im 1. Weltkrieg fanden, in einer fürchterlichen Form mit mörderischem Ausgang.
Die Psychologie und Psychiatrie sind heute dem Neuro-Wahn verfallen. Sie betrachten den Menschen nur noch von außen, beobachten sein Verhalten und korrelieren es mit neuronalen Mustern, mit der Aktivität seines Nervensystems. Sie haben das, was den Menschen ausmacht, nämlich sein Dasein aus den Augen verloren. Sie haben uns nichts mehr zu sagen.
Geschrieben in Amokläufer, Amoklauf, School Shooting, Psychologie, Psychiatrie | Drucken | 5 Kommentare »
9.2.2009 von Hans Ulrich Gresch.
Als sich die Psychologen im vorigen Jahrhundert aus ihren Lehnstühlen erhoben, sich den Staub philosophischer Wälzer aus dem Gesicht wischten und begannen, in psychologischen Laboren mit Menschen zu experimentieren, da wurde dies als großer Fortschritt der Wissenschaft gefeiert. Mit naturwissenschaftlichen Methoden wollte man den Durchbruch in der psychologischen Forschung erzwingen. Harte Fakten sollten an die Stelle unverbindlicher Spekulation treten. Charakteristisch für diese Geisteshaltung ist ein Satz, mit dem der Psychologe Hermann Ebbinghaus auf dem internationalen Kongress für Psychologie im Jahre 1900 in Paris viel Beifall erntete, dass nämlich die Psychologie eine lange Vergangenheit, aber eine kurze Geschichte habe. Damit wurden alle geisteswissenschaftlichen Bemühungen zur Erkundung der menschlichen Seele in die Vorgeschichte verwiesen. Die Geschichte der Psychologie begann erst mit dem Experiment.
Inzwischen gilt das psychologische Experiment als der Goldstandard psychologischer Erkenntnis. Die Logik, die diesem Erkenntnisweg zugrunde liegt, entspricht dabei dem Grundgedanken jeder experimentellen Wissenschaft, sei es die Physik, die Chemie oder z. B. die Molekularbiologie. Um den Einfluss eines Faktors X auf einen Prozess P zu analysieren, variiert man diesen und versucht, alle anderen Einflüsse konstant zu halten. In den klassischen Naturwissenschaften hat die Anwendung dieses Grundprinzipps gigantische Fortschritte ermöglicht.
Doch hat der Psychologie stößt die experimentelle Strategie auf ein Problem. Dieses Problem ist so gravierend, dass es die Mehrheit der Forscher schamhaft verschweigt. Zwar hört man in wissenschaftstheoretischen oder methodischen Grundlagenseminaren gelegentlich die Begriffe “externe Validität” oder auch “ökologische Validität” - aber wenn es dann darum geht, die Befunde der experimentellen psychologischen Forschung den Medien oder Auftraggebern außerhalb des Wissenschaftsbetriebs zu verkaufen, dann tauchen diese Begriffe nicht mehr auf. Und erst recht ist dann das Problem, auf das sie sich beziehen, kein Thema mehr.
Es gibt allerdings auch Ausnahmen, Nestbeschmutzer. Über deren Motive könnte man trefflich streiten. Leute, denen das Thema nicht behagt, streiten sich gern über die Motive. Es scheint mir aber konstruktiver zu sein, sich mit den Argumenten auseinander zu setzen - und nicht mit den Beweggründen derer, die sie vertreten.
Einer dieser Nestbeschmutzer ist der amerikanische Kriminalpsychologe Prof. Dr. Christopher J. Ferguson. In einem Interview mit der Web Site “Gamespot” behauptete er, dass die Qualität psychologischer Forschung im Allgemeinen sehr schlecht sei. Es könne sich dabei durchaus um 90 bis 95 Prozent der Studien handeln.
“The way that we study questions, the way that we support our hypotheses are not very scientific, quite frankly. And social science is kind of an oxymoron, to some extent.”
Ein “Oxymoron” ist ein Widerspruch in sich. In gewissem Maße… Welches Maß meint der Professor?
Ferguson illustriert seine Behauptung mit der Forschung zur Frage, ob Computerspiele gewalttätiges Verhalten förderten. In den entsprechenden Experimenten werden die Versuchspersonen üblicherweise in zwei Gruppen geteilt, die Versuchsgruppe und die Vergleichsgruppe. Die Versuchsgruppe spielt eine Weile Computerspiele, die Vergleichsgruppe beschäftigt sich in demselben Zeitraum mit neutralen, also nicht mutmaßlich aggressionsfördernden Tätigkeiten. Danach werden beide Gruppen aufgefordert, ein bestimmtes aggressives Verhalten zu zeigen. In einer Reihe von Studien bestand dieses Verhalten darin, Mitarbeiter des Versuchsleiters mit lauten Tönen zu beschallen.
Wenn die Computerspieler sich bei diesem Tests aggressiver zeigten, wurde daraus geschlossen, dass Computerspiele die Gewaltbereitschaft stimulierten.
“There is a big difference between such an action and the sort of school shootings or other violent outbursts that concerned groups try to pin on violent games.”
Allerdings. Wer Menschen mit Lärm pisackt, nimmt deswegen nicht auch eine Knarre und legt seine Mitschüler um. In diesem Falle können die Ergebnisse des Experiments also allein schon darum nicht auf das reale Leben außerhalb des psychologischen Labors übertragen werden, weil es im Labor aus ethischen Gründen nicht möglich ist, das reale Leben in einem Ausmaß zu simulieren, das durch die Forschungsfrage erforderlich wäre. Aus erkenntnistheoretischer und methodologischer Sicht muss also davon gesprochen werden, dass die ökologische Validität von Experimenten dieser Art eingeschränkt sei.
Doch nicht nur ethische Momente bedrohen die ökologische Validität - auch solche, die mit der Natur psychologischer Experimente an sich zusammenhängen. Die Übertragbarkeit experimenteller Resultate ist ja immer in Frage gestellt, wenn sich die Bedingungen des Experiments gravierend von denen im realen Leben unterscheiden. Ein psychologisches Experiment ist eine Form menschlicher Interaktion. Die Versuchsperson befolgt die Anweisungen des Versuchsleiters.
Menschliche Interaktionen werden determiniert durch ein Wechselspiel von Variablen, die in der Person liegen, und solchen, die von außen auf sie einwirken. Es sind also nicht nur die objektiven Gegebenheiten allein, die menschliches Verhalten steuern, sondern auch die subjektiven Verarbeitungen dieser äußeren Reize haben einen erheblichen Einfluss. Denken wir beispielsweise daran, dass sich Versuchspersonen in einem Experiment auch selbst als Versuchspersonen definieren und dass sie Hypothesen entwickeln, was mit dem Experiment bezweckt werden soll. Kurz: Im Experiment wirken Einflussgrößen auf das Verhalten ein, die es im realen Leben außerhalb des Labors nicht gibt - und umgekehrt.
Die amerikanische Psychologin Elizabeth F. Loftus versuchte experimentell zu überprüfen, ob man Versuchspersonen falsche Erinnerungen einpflanzen kann. In dem berühmten “Shopping Mall Experiment” suggerierte sie den Teilnehmern, sie seien in ihrer Kindheit in einem Einkaufszentrum verloren gegangen. Loftus bezeichnete diese Erfahrung als “mildly traumatic”.
Studien dieser Art verfolgen natürlich nicht nur rein akademische Zwecke. Sie stehen im Zusammenhang mit einer politischen Debatte über die Glaubwürdigkeit von Frauen, die behaupten, sexuell missbraucht worden zu sein. In den Vereinigten Staaten und inzwischen auch anderswo haben sich Interessenverbände gebildet, die propagieren, diesen Frauen seien von ihren Therapeutinnen falsche Erinnerungen eingepflanzt worden. Als Beweis für diese These berufen sich diese Verbände dann auf Studien im Stil des “Shopping Mall Experiments”.
Über die Motive dieser Interessengruppen möchte ich nicht spekulieren. Konzentrieren wir uns auf das Argument, dass man Menschen falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch einpflanzen könne und dass dies experimentell bewiesen sei. Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass es einen gravierenden Unterschied macht, ob man in einem Einkaufszentrum von der Mutter vergessen oder ob man vom Vater sexuell missbraucht wurde. Es dürfte heute nicht mehr möglich sein, sich ein Experiment genehmigen zu lassen, in dem Versuchspersonen suggeriert wird, sie seien in der Kindheit sexuell missbraucht worden. Und erst recht ist es undenkbar, Kinder in einem Experiment sexuell zu missbrauchen, um dann hinterher festzustellen, ob sie diese Erfahrung vergessen und erst später, beispielsweise während einer Psychotherapie, wiedererinnern können.
Daher ist die ökologische Validität - auch von Experimenten zum Thema “sexueller Missbrauch” - immer eingeschränkt, und dies auch in diesem Fall nicht nur aus ethischen Gründen. Die Interaktion in einem psychologischen Labor unterscheidet sich nun einmal grundsätzlich von der Interaktion im Behandlungszimmer eines Psychotherapeuten. Die Versuchspersonen im Labor machen sich Gedanken, was der Versuchsleiter mit seinem Experiment wohl bezwecken will. Die Klienten einer Psychotherapie machen sich Gedanken, was der Psychotherapeut mit seiner Therapie wohl bezwecken will. Versuchspersonen und Klienten dürften in der Regel zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Und diese unterschiedlichen Ergebnisse werden ihr Verhalten und Erleben auch unterschiedlich beeinflussen.
Dies muss zumindest vermutet werden, und daher ist die Übertragbarkeit von Laborstudien auf das reale Leben immer in Frage gestellt. Betrachtet man also das Experiment als den Königsweg zur psychologischen Erkenntnis und entwertet alle anderen Ansätze als mehr oder weniger unwissenschaftlich, dann stellt man die Psychologie auf eine überaus fragwürdige Grundlage.
Man möge mich nicht missverstehen: Ich halte Experimente in der Psychologie keineswegs für wertlos. Sie sind nur kein eigenständiger Weg zur psychologischen Erkenntnis - und wenn Experimentatoren dies vorgeben, dann täuschen sie nicht nur die Öffentlichkeit, sondern sie hemmen auch den Erkenntnisfortschritt.
Eine Erzählung hat einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss. Ein psychologisches Experiment beginnt damit, dass ein Forscher mit einem wissenschaftlichen Problem konfrontiert wird und sich dazu eine Hypothese einfallen lässt. Nun denkt er sich einen Versuchsplan aus, um die Hypothese zu überprüfen. Er setzt den entsprechenden Versuchsplan um und dokumentiert das Verhalten seiner Versuchspersonen. Schließlich wertet er seine Datenbasis aus und veröffentlicht seine Ergebnisse. In einem Kriminalroman wird der Detektiv mit einer Leiche konfrontiert. Er lässt sich eine Hypothese einfallen, wer der Täter sein könnte. Nun dokumentiert er das Verhalten seiner Verdächtigen, wertet das Ergebnis seiner Investigation aus und präsentiert seinen mutmaßlichen Täter schließlich dem Staatsanwalt. Das psychologische Experiment ist also eine Story. Es gehört nicht zum Genre der Kriminalromane, es ist ein Genre sui generis. Aber es ist eine Erzählung - und nur wenn man es als Erzählung versteht und interpretiert, kann es zur psychologischen Erkenntnis beitragen.
Nicht nur psychologische Experimentatoren, wir alle sind Geschichtenerzähler. Wir alle versuchen, unserem Leben Sinn zu geben, indem wir uns und anderen Storys über uns selbst und unsere Welt erzählen. Diese Geschichten sind die Leitschnur unseres Verhaltens und Erlebens - bewusst und unbewusst. Nach wie vor beherrschen die pseudo-naturwissenschaftlichen Experimentatoren das Feld in der sog. wissenschaftlichen Psychologie, aber die Kritiker gewinnen an Einfluss. Zu den Forschern, für die Erzählungen der Stoff sind, aus dem die Seele gemacht ist, zählen die Anhänger der Narrativen Psychologie. Eine gute Einführung in dieses Wissensgebiet stammt aus der Feder der amerikanischen Psychologin Michele L. Crossley.
“Drawing on some of dominant theories in this area, it has argued that human life carries within it a narrative structure to the extent that the the individual, at the level of tacit, phenomenological experience, is constantly projecting backwards and forwards in a manner that maintains a sense of coherence, unity, meaningfulness and identity.”
Indem der psychologische Experimentator durch sein Experimentieren seine Identität als Naturwissenschaftler begründet und seinen Ergebnissen einen naturwissenschaftlichen Charakter zuschreibt, erzählt er eine nicht authentische, eine irreführende, eine entfremdete Geschichte über sich selbst und seine Welt.
Psychologie - alles Schrott? Oder zu 90 bis 95 Prozent, wie Ferguson behauptet? Die heutige empirische Psychologie gleicht in der Tat einem riesigen Schrottplatz. Unter einem Haufen Müll verbirgt sich jedoch mancher Wertgegenstand, der eine Geschichte erzählt, die nachzuerzählen es sich durchaus lohnt. Aber ist nicht jedes Experiment eine Geschichte? Durchaus, allerdings werden heute Forschungsberichte über derartige Experimente so verfasst, dass ihr Geschichten-Charakter möglichst verhüllt wird. Sie werden dadurch zur Fiktion, indem sie alles Fiktive zu vermeiden versuchen und nur “Daten” präsentieren wollen. Sie werden zur Fiktion, weil sie dabei die Menschen aus dem Blick verlieren und den Eindruck erwecken, die Versuchspersonen seien mechanische Objekte, die durch eine Handvoll von Merkmalen hinlänglich beschrieben werden könnten. Aber das ist eine andere Geschichte…
Geschrieben in Sozialwissenschaften, Philosophie, Psychologie | Drucken | 1 Kommentar »
5.2.2009 von Hans Ulrich Gresch.
Menschen handeln. Sie haben Absichten, setzen sich Ziele, wählen Mittel aus, bilden Erwartungen hinsichtlich der Ziele und der ausgewählten Mittel. Dies betrifft nicht nur das äußere, sichtbare Verhalten, sondern auch die geistigen Prozesse. Auch Stimmungen, Gefühle, Gedanken sind Handlungen oder Begleiterscheinungen von Handlungen. Angst z. B. begleitet die Absicht anzugreifen oder wegzulaufen. Angreifen und Weglaufen aber sind Handlungen: Sie haben ein Ziel, unterliegen einer Absicht usw. Wenn ich nachdenke, dann versuche ich, eine Frage zu beantworten. Das aber ist eine zielgerichtete, absichtsvolle, erwartungsgesteuerte geistige Operation, also eine Handlung.
Manchmal aber verhalten wir uns auch automatisch. Bedeutet dies, dass wir in diesem Falle Automaten sind? Bezogen auf das Seelenleben ist der Begriff des “Automatismus” nur eine Metapher, und zwar eine irreführende. Denn auch unsere automatischen Verhaltensweisen verfolgen absichtlich gewählte Ziele, sind von Erwartungen gesteuert - und wenn etwas schief läuft, dann tritt häufig wieder der bewusste Wille an die Stelle des unkontrollierten Ablaufs.
Wenn wir neue, unbekannte Probleme lösen, stehen die entsprechenden Handlungen im Brennpunkt unserer Aufmerksamkeit. Routineaufgaben erledigen wir “automatisch” - dies bedeutet nur, dass wir ihnen unsere Aufmerksamkeit teilweise oder vollständig entzogen haben. Wir können unsere Aufmerksamkeit auch einzelnen Elementen unserer Handlungen entziehen. Wenn wir z. B. die Absicht hinter unseren Handlungen aus dem Bewusstsein verbannen, dann hat unser Bewusstsein den Eindruck, es habe die Kontrolle über diese Handlung verloren. Unser Ich ist dann nicht mehr in der Lage, darüber zu reflektieren, dass ein Teil seiner selbst unbewusst die entsprechende Absicht zu dieser Handlung verfolgt.
Dies trifft natürlich auch auf die sog. psychischen Krankheiten zu. Diese sind immer mit einem erlebten Kontrollverlust verbunden. Nicht nur Zwänge oder Abhängigkeiten sind Ausdruck eines subjektiv erlebten Kontrollverlusts. Wer depressiv ist, der sieht sich außerstande, die dunklen Schatten aus seinem Bewusstsein zu verbannen. Wer übersteigerte Angst hat, der fühlt sich nicht mehr als Herr dieses Gefühls, sondern er glaubt, unter der Kontrolle seiner Angst zu stehen und von dieser zu Verhalten gezwungen zu werden, das er selbst gar nicht will.
Doch dieser Kontrollverlust ist eine Täuschung. Diese Täuschung wird dadurch hervorgerufen, dass wir den entsprechenden Absichten unsere Aufmerksamkeit entzogen haben. Auch der Entzug der Aufmerksamkeit, also der “Abwehrmechanismus”, die Verdrängung, ist eine Handlung. Sie beruht wie jede Handlung auf einer Absicht. Auch dieser Absicht können wir unsere Aufmerksamkeit entziehen. Logisch betrachtet, verwickeln sich Menschen bei diesem unendlichen Entzug von Aufmerksamkeit für ihre Absichten und ihre Absichten höherer Ordnung natürlich in Widersprüche. Daher ist es ein Wesenselement dieser menschlich-allzumenschlichen Form des Selbstbetrugs, sich in diesem Bereich außerhalb der Logik zu stellen.
Wer etwas von Hypnose versteht, wird hier unschwer erkennen, dass diese Verdrängung von Absichten aus Bewusstsein des Handelnden auffällige Ähnlichkeiten mit der Ausführung eines posthypnotischen Befehls aufweist. Dieser hat folgende Grundform: Ein Mensch wird hypnotisiert. Der Hypnotiseur gibt ihm folgenden Befehl: Sie werden wieder aus der Hypnose aufwachen, sobald ich das Zeichen A gebe. Sie werden sich dann nicht mehr an die Hypnose erinnern können. Wenn ich danach das Zeichen B gebe, werden Sie die Handlung XYZ vollziehen.” Der Hypnotiseur gibt das Zeichen A. Der Hypnotisand wacht auf. Der Hypnotiseur gibt nach einer Weile das Zeichen B. Der Hypnotiseur vollzieht die Handlung XYZ. Auf Befragen, warum er so gehandelt habe, wird er allerlei Rationalisierung vorbringen. Seine tatsächliche Absicht aber bleibt seinem Bewusstsein verborgen. Seine tatsächliche Absicht bestand ja darin, die Befehle des Hypnotiseurs zu befolgen, und zwar den Befehl, die Hypnose zu vergessen, und den Befehl, XYZ zu verwirklichen.
Bei den sog. psychischen Krankheiten verhält es sich ganz ähnlich wie im obigen Fall - mit dem Unterschied, dass im Regelfall keine formale Hypnotisierung im Spiel war. Aber auch bei sog. psychischen Krankheiten verfolgt der “Erkrankte”zwei Absichten, nämlich jene, die “Symptome” zu produzieren und zu “vergessen”, dass er selbst es ist, der diese Symptome produziert. Er wird sie vielmehr rationalisieren. Eine Möglichkeit zur Rationalisierung bieten ihm Psychiatrie und Psychotherapie an. Sie legen ihm nahe, sich als psychisch krank zu fühlen. Eine Störung in seinem Gehirn zwinge ihn zu dem symptomatischen Verhalten. Er sei krank, und daher für dieses Verhalten nicht voll verantwortlich. Er müsse sich in die Obhut des Psychiaters oder Psychotherapeuten begeben und sich willig den Anordnungen dieser Fachleute fügen, den Psycho-Experten also einen mehr oder weniger großen Teil seiner Verantwortung für sich selbst übertragen.
Und das ist wirklich unerträglich! Selbstbetrug ist keine Krankheit - auch dann nicht, wenn man sich den Selbstbetrug nicht bewusst machen und eingestehen kann.
Geschrieben in Psychologie, Psychiatrie | Drucken | 1 Kommentar »
27.12.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Wer Frauen mit Partnerschaftsproblemen berät, stößt fast unvermeidlich auf einen Grund, der für Männer nur schwer nachvollziehbar ist. Es handelt sich um eine Erwartung an den Partner, derer sich, trotz ihrer Allgegenwart, viele Ehemänner und Lebensgefährten gar nicht bewusst sind.
Viele Frauen mit Partnerschaftsproblemen erwarten von ihren Männern, dass diese die Bedürfnisse ihrer Ehefrau oder Lebensgefährtin erahnen. Die Männer sollen auf diese Wünsche eingehen, ohne dass sie ihnen eigens mitgeteilt werden müssten. Diese Frauen sind fest davon überzeugt, dass ein Mann, der sie wirklich liebe, dazu nicht nur willens, sondern auch in der Lage sei. Im Umkehrschluss bedeutet dies natürlich, dass ein Mann, der ihr nicht jeden Wunsch von den Augen abliest, sie auch nicht wirklich liebt.
Nun sind Männer in aller Regel weder Hellseher, noch mit besonders ausgeprägten intuitiven Gaben ausgestattet, die es ihnen ermöglichten, allzu tief in die Psyche der Frau an ihrer Seite einzudringen. Sogar Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, bekannte einmal, dass er nach mehreren Jahrzehnten der Erforschung weiblicher Seelen immer noch nicht die Frage beantworten könne, was die Frau eigentlich wolle.
Wer Männer mit Partnerschaftsproblemen berät, kommt also nicht umhin, diese darauf hinzuweisen, dass ihre Frauen sich möglicherweise von ihren Ehemännern oder Lebensgefährten aus dem genannten Grund nicht geliebt fühlen. In aller Regel reiben sich die so Aufgeklärten dann die Augen, blicken irritiert und ungläubig um sich, manchen kommen auch die Tränen wie überforderten kleinen Kindern. Ist alles verloren?
Nachdem diese Männer ihre Fassung halbwegs wiedergewonnen haben, wollen sie natürlich wissen, aus welchen Tiefen der weiblichen Seele diese Erwartung kommt und welchen - hilf Himmel! - welchen gottverdammten Grund es dafür geben mag, von Männern aus Fleisch und Blut titanenhafte Fähigkeiten zu erwarten.
Das erste, was uns Männern dazu einfällt, sind die Liebesfilme aus Hollywood und all die romantischen TV-Serien, in denen Erwartungen wie diese kultiviert werden.In solchen Streifen und Streifchen sind selbstverständlich die Partner vom Schicksal füreinander bestimmt, die Männer umsorgen und beschützen ihre Frauen rührend selbst unter den allerwidrigsten Umständen und die Frauen danken es ihnen durch eine bei aller Emanzipation letztlich bedingungslose Bereitschaft zur Unterordnung.
Mancher Mann atmet dann beruhigt auf. Der Schuldige ist dingfest gemacht. Handfeste Aufklärung über die Verlogenheit und Realitätsferne dieser Filme wird helfen. Doch gemach, lieber Mann. Für wie dumm hältst du deine Frau eigentlich? Glaubst du wirklich, deine Frau könne nicht erkennen, dass diese Filme verlogen und wirklichkeitsfern sind?
“Ja, aber warum sind sie dann so wild auf diese Filme?”
Rätsel über Rätsel. Und warum raucht mancher Mann, trinkt zu zu viel, isst zu viel - obwohl er genau weiß, wie schädlich das ist? Sein Verstand ist einsichtig, doch das Unbewusste macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Das Ich ist nicht der Herr im eigenen Haus.
Den Frauen geht es nicht anders. Diese Hollywood-Filme, diese romantischen TV-Serien erfüllen tief sitzende, unbewusste Bedürfnisse vieler Frauen. In ihrem Buch “Weiblicher Narzissmus” beschreibt Bärbel Wardetzki es als das Kern-Syndrom des weiblichen Hungers nach Anerkennung (Kösel-Verlag). Der Grund: Viele Frauen besitzen kein stabiles Selbstwertgefühl. Sie brauchen also immer wieder hochdosierte Anerkennung und Bestätigung - wie der Junkie die Spritze.
Die Liebesfilme sind also nicht die Ursache des Problems, aber sie verstärken es und sie behindern eine Lösung.
“Ja, wir Frauen sind aber so emotional, das können Männer nicht verstehen!”
Das habe ich auch schon bemerkt, liebe Frau. Viele Frauen sind sehr emotional, wie kleine Kinder. Das liegt aber nicht an der weiblichen Biologie, sondern daran, dass sie im Patriarchat ein Leben lang wie kleine Kinder bleiben sollten: hilfsbedürftig, niedlich, anhänglich, unselbständig, gefühlsinnig bis -duselig… und natürlich ohne kritisch rationales Bewusstsein.
Doch damit sollte jetzt eigentlich Schluss sein.
Geschrieben in Persönlichkeitsstörungen, Psychotherapie, Psychologie | Drucken | 1 Kommentar »
20.12.2008 von Hans Ulrich Gresch.
1962 verwirklichte der amerikanische Psychologe Stanley Milgram ein Experiment, das unter seinem Namen weltberühmt wurde. Es zeigte, dass die meisten seiner Versuchspersonen gute Versuchspersonen sein wollten. Um dies zu beweisen, folterten sie auf Anweisung des Experimentators und hörten damit auch nicht auf, als die Gefolterten vor Schmerzen aufschrieen und das Experiment abbrechen wollten. Die Versuchspersonen wussten nicht, dass die Folter nur vorgetäuscht war und die Schmerzen von den “Gefolterten” nur simuliert wurden. Damals wurde das Experiment in vielen Weltgegenden wiederholt, mit vergleichbaren Ergebnissen.
2006 wollte der amerikanische Psychologe Jerry M. Burger wissen, ob das Bedürfnis von Versuchspersonen, gute Versuchspersonen zu sein, heute noch unverändert stark ausgeprägt ist. Sein Experiment bestätigte Milgrams Befund. Zur Zeit berichten die Medien weltweit darüber, weil nun der entsprechende Forschungsbericht in der Fachzeitschrift “American Psychologist” vröffentlicht wird.
Erschütternd finde ich nicht diese auch nach Jahrzehnten unveränderten Ergebnisse, sondern das ungläubige Entsetzen, das sie auslösen. Als wäre es etwas Neues, dass Menschen - und nicht nur die Deutschen - willige Vollstrecker sind. Wozu sind derartige Experimente denn überhaupt erforderlich. Abu Ghraib. Guantanamo. Brutale Misshandlung in russischen Gefängnissen. Ich könnte dieses Blog überquellen lassen mit Stichworten zum Thema “Folter”.
Es müssen aber nicht immer glühende Eisen, Elektroschocker oder Streckbänke sein. Auch die alltägliche seelische Grausamkeit kann Menschen psychisch und physisch vernichten. Ich habe es am eigenen Leibe erlebt, wie ein ehemaliger Arbeitgeber, dem meine politische Gesinnung und mein Kampf gegen Folter-Gehirnwäsche nicht gefiel, Kollegen gegen mich instrumentalisierte: Bossing. Sie machten alle mit, selbst jene, die mir zuvor wohlgesonnen waren.
Ich will mich nicht beklagen. Ich habe oftmals Fälle beobachtet, in denen die Opfer ungleich härter betroffen waren als ich. Was mich am meisten erschüttert ist das Eingeständnis, dass ich selbst unter Umständen so missbraucht werden könnte - das auch ich wahrscheinlich im tiefsten Grunde meiner Seele nicht besser bin, in dieser Hinsicht, als andere Menschen.
Und so frage ich mich: Ist das die menschliche Natur? Oder sind es die Umstände?
Früher wäre es mir leicht gefallen, diese Frage zu beantworten: Klar, der Kapitalismus ist schuld. Er richtet die Menschen zu willigen Befehlsempfängern ab, damit er sie besser beherrschen und ausbeuten kann. So dachte ich als Heißsporn in meiner Jugend und ließ die rote Fahne flattern. Diese habe ich inzwischen wieder eingerollt, nachdem mich meine psychologischen Analysen menschlicher Geschichte eines Schlechteren belehrt haben. So einfach ist das nicht.
Menschen fürchten allzu große Komplexität. Wenn die Welt zu unübersichtlich wird, streben sie nach Komplexitätsreduktion. Vertrauen ist, wie Luhmann in einem gleichnamigen Werk beschrieb - Vertrauen ist ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität. Unterordnung unter den Willen anderer, die als überlegen betrachtet werden, ist ein anderer derartiger Mechanismus. Die individuelle Moral bleibt da leicht auf der Strecke. Auch sie reduziert Komplexität, gibt Verhaltenssicherheit, aber doch in weitaus geringerem Maße als der Befehl einer Autorität.
Daran müssen wir Menschen arbeiten. Wir müssen uns umerziehen. Die Zeit des Individuums ist noch nicht angebrochen. Die Morgenröte des Individualismus beleuchtet eine humane Welt.
Geschrieben in Geschichte, Philosophie, Psychologie | Drucken | 1 Kommentar »
7.9.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Persönlichkeit ist ein Repertoire von Verhaltensweisen, kombiniert mit einem System von Regeln. Dadurch unterscheiden sich Persönlichkeiten voneinander. Ein Beispiel für eine solche Verhaltensweisen wäre “Aufbrausen”. Die Regel dazu könnte lauten: “Wenn eine Provokation einen gewissen subjektiven Schwellenwert überschreitet, dann brause auf.”
Unter Aufmerksamkeit versteht man den Prozess der Konzentration unseres Geistes auf bestimmte Bereiche unseres Bewusstseins. Was im Brennpunkt der Aufmerksamkeit steht, erscheint klar und deutlich; alles andere gerät in den Hintergrund und wird dort weniger, kaum noch oder gar nicht beachtet.
Unsere Aufmerksamkeit ist also selektiv. Sie kann sich nach außen richten und Gegenstände oder Vorgänge einschließen, oder sie kann sich nach innen richten und sich unseren Gedächtnisinhalten widmen (Erinnerung). Bleiben gewisse äußere oder innere Zusammenhänge dauerhaft ausgepart, sprechen wir von Abwehr (Verdrängung, Verleugnung, Projektion, Dissoziation etc.).
Zu den Verhaltensweisen und Regeln, die unsere Persönlichkeit konstituieren, zählen auch Regeln und Verhaltensweisen, die der Aufmerksamkeit zuzurechnen sind. Ist beispielsweise ein Mann sehr sachorientiert, rational und nüchtern, dann wählt seine Aufmerksamkeit andere Brennpunkte als seine Ehefrau, wenn diese sehr beziehungsorientiert, emotional und überschwänglich ist. Die unausweichlicen Konflikte zwischen den Beiden sind also auch persönlichkeitsbedingt.
Wenn wir einen Menschen als multiple Persönlichkeit bezeichnen, dann verhält sich diese so, als wohnten mehrere Persönlichkeiten unter ihrer Schädeldecke. Der Grund dafür besteht darin, dass der betroffene Mensch mal das eine Repertoire von Verhaltensweisen mit den zugehörigen Regeln aktiviert und mal das andere. Da die jeweils aktivierte Persönlichkeit auch die Aufmerksamkeitssteuerung konfiguriert, kann es vorkommen, dass die jeweils aktivierte Persönlichkeit nichts von der Existenz der anderen unter der Schädeldecke des Betroffenen hausenden Persönlichkeiten weiß.
Es handelt sich hier also um ein Subjekt, dass auf der Bühne des Lebens unterschiedliche Charaktere verkörpert. Man kann eine multiple Persönlichkeit durchaus mit einem Schauspieler vergleichen, der völlig in seinen Rollen aufgeht. Heute steht er als King Lear auf der Bühne und es steht für ihn außer Frage, King Lear zu sein. Morgen gibt er den Faust und hat keinen Zweifel daran, dass er sich der Magie ergeben hat und mit dem Teufel spricht. Übermorgen wieder ist er der Hase Harvey, den es nach Grünzeug gelüstet. In seiner Freizeit ist er der Burgschauspieler Edelbert Liebtmich und nichts anderes.
Wird ein solcher fiktiver Schauspieler Realität, dann haben wir eine ausgeprägte multiple Persönlichkeit vor uns. Meist handelt es sich um einen Schauspieler wider Willen. Warum?
Weil er von geheimdienstlichen oder militärischen Organisationen durch Folter, Hypnose, Drogen und ein ausgefeiltes System der Dissoziativen Verhaltensmodifikation von Kindesbeinen an so abgerichtet wurde. Eine multiple Persönlichkeit ist das Opfer geheimdienstlicher oder militärischer Projekte.
Immer?
Immer dann, wenn die oben beschriebenen Selbstinszenierungen zwanghaften Charakter besitzen und den Symptomen einer komplexen Zwangserkrankung gleichen, dann kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der Betroffene ein Opfer derartiger Projekte geworden ist.
Wirklich immer?
Ja. So etwas entsteht nicht spontan. So etwas entsteht auch nicht durch einen selbstbestimmten Lernprozess. Es handelt sich hier vielmehr um das Ergebnis eines systematischen, wissenschaftlich fundierten Trainings.
Wozu?
Die multiple Persönlichkeit ist eine Marionette in den Händen ihrer Erzeuger. Sie führt bedenkenlos Befehle aus, und koste es auch das eigene Leben. Für jede Aufgabe wurde eigens eine “Persönlichkeit” geschaffen, deren Sinn im Leben darin besteht, die jeweilige Aufgabe zu meistern.
Wie funktioniert das?
Vor allem durch Folter. Jeder Mensch hat seinen Bruchpunkt. Zunächst leistet das Opfer, ein Kleinkind, Widerstand, doch wenn der Bruchpunkt überschrittet ist, dann wird es höchstgradig suggestibel und unterwürfig. Es tut dann alles, was der Folterer will. Dies ist eine genetisch programmierteReaktion für ausweglose Situationen, in denen die einzige Überlebenschance darin zu bestehen scheint, sich in dieser Weise zu verhalten. Inzwischen beginnt man, die neurophysiologischen Grundlagen dieses Prozesses durh empirische Befunde zu verstehen.
Was ist von den Tätern zu halten?
Sie stehen auf einer moralischen Stufe mit den Nazi-Ärzten, die in Nürnberg zum Tod durch den Strang verurteilt wurden.
Geschrieben in Persönlichkeitsstörungen, Satanisch Ritueller Missbrauch, Psychopathologie, Mind Control, Psychologie, Psychiatrie | Drucken | 1 Kommentar »
8.3.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Viele Hypnotiseure und Hypnotherapeuten leugnen oder verharmlosen die Gefahren der Hypnose. Sie behaupten, niemand könne gegen seinen Willen unter Hypnose zu Taten gezwungen werden, die er im Normalzustand nicht auch begehen würde. Sie unterstellen, dass fachgerecht ausgeführte Hypnose niemandem schaden könne. Sie ignorieren, dass wir im Reich der Hypnose immer wieder unbekanntes Terrain betreten, wo höchste Vorsicht geboten ist.
Über die Motive für diese Falschdarstellungen und Irreführungen kann man lange streiten. Unwissenheit mag im Spiel sein, falsch verstandene Geschäftsinteressen oder auch Loyalität gegenüber Geheimdiensten. Wer sich für den Stand der Forschung zu den Gefahren der Hypnose interessiert, sollte mein eBook “Unsichtbare Ketten” lesen, das zum kostenlosen Download in meiner Web-Präsenz bereit steht.
Einer der wenigen, der diesen durchsichtig-undurchsichtigen Hypnose-Schwindel nicht mitmacht, ist zugleich einer der talentiertesten und bekanntesten Bühnenhypnotiseure Deutschlands, Alexander Cain, a.k.a. Wolfgang Künzel. Es lohnt sich, seine Web Site zu besuchen. Künzel bietet auch Hypnose-Ausbildungen an. Nach meiner Erfahrung und Einschätzung können Sie bei guten Bühnen-Hypnotiseuren alleweile mehr lernen als bei vielen der akademisch wohlbestallten Professoren-Fuzzies, die Ihnen weismachen wollen, Hypnose sei ein harmloses Gesellschaftsspiel.
Geschrieben in Hypnose, Psychologie | Drucken | 3 Kommentare »
2.2.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Sie forschen numehr schon seit rund fünfzig Jahren - mit zunehmender wissenschaftlicher Raffinesse und immer dem gleichen Ergebnis. Durchforstet man die empirischen Studien zur Effektivität der Psychotherapie, so zeigt sich - nicht in jeder Studie, so doch in der Gesamtschau - dass keine der untersuchten Methoden sich als eindeutig überlegen erwiesen hat. Die große Ernüchterung hat einen Namen bekommen: Dodo-Bird-Effekt, benannt nach einer Episode aus “Alice in Wonderland”: “Alle haben gewonnen, alle müssen Preise bekommen.”
In der Tat: Psychotherapie ist effektiv. Den Klienten geht es hinterher ein bisschen besser als vorher. Nicht wenige Klienten werden angesichts dieser Wohltaten sogar zu leidenschaftlichen Therapie-Gläubigen und können nicht genug bekommen davon. Und sie schwören auf jene Therapie, die ihnen angeblich geholfen hat. Unisono mit ihren Therapeuten behaupten sie, diese und nur diese Therapie habe sie gerettet, alle anderen Therapien seien viel schlechter.
Die Forschung allerdings zeigt, dass die Methode keinen Einfluss hat auf den Therapie-Erfolg. Zum Glück lassen sich weder die Klienten, noch die Therapeuten von diesen nackten Zahlen allzu sehr beeindrucken. Denn ließen sie sich beirren, würde dies die Erfolgsquoten senken. Das klingt verwirrend, ist aber leicht zu erklären. Die Forschung beweist zwar, dass die Methoden unerheblich sind - sie belegt aber auch, dass der Glaube von Klienten und Therapeuten an die Methode ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist.
Es liegt also nahe zu vermuten, dass in Psychotherapien neben der offiziellen Methode - z. B. Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, was auch immer - eine weitere, verborgene Methode angewendet wird. Diese ist den Klienten nicht bewusst - und es ist wahrscheinlich, dass sie häufig auch von den Therapeuten nicht erkannt wird. Diese verborgene Methode hat das Ziel, den Glauben der Klienten und der Therapeuten an die offizielle Methode zu verstärken.
Gibt es Beweise für die Existenz und die Wirksamkeit der verborgenen Methode? Die Psychotherapieforschung hat sich zunächst auf die offiziellen Methoden konzentriert - unter der Vorannahme, das diese einen nennenswerten Einfluss auf das Ergebnis haben müssten. Als sich dies als falsch herausstellte, wandte man sich den sog. unspezifischen Wirkfaktoren zu, also solchen, die allen Methoden gemeinsam sind. Der Glaube von Therapeuten und Klienten an die Methode wurde als einer dieser Faktoren erkannt. Ob es eine offene oder verborgene Methode gibt, diesen Glauben zu verstärken, stand bisher nicht zur Debatte.
Aus meiner Sicht kann es sich nicht um eine offene Methode handeln, denn diese würde vermutlich das Gegenteil von dem erreichen, was angestrebt wird. Deren Botschaft würde nämlich lauten: “Es kommt gar nicht auf die offizielle Methode an, sondern nur darauf, dass ihr an sie glaubt. Es ist im Grunde Wurst, welche Methode wir anwenden, solange ihr euch nur von eurem Glauben daran motivieren und beflügeln lasst.”
Die glaubensverstärkende Methode hätte eindeutig dann die höchste Wirksamkeit, wenn sie dem Bewusstsein von Klienten und Patienten entzogen wäre. Und so kann ich nur hoffen, dass sich kein Psychotherapie-Klient und auch kein Psychotherapeut durch diese Zeilen zum erfolgreichen Nachdenken anregen lässt. Reflexion in Sachen “Psychotherapie” wäre nämlich eindeutig kontraproduktiv. Es ist ein Sakrileg, das Placebo zu entschleiern.
Geschrieben in Magie, Psychotherapie, Psychologie | Drucken | 1 Kommentar »
28.10.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Es kommt drauf an. Wenn mich einer fragt, warum sein Kind in der Schule nicht lernen oder sein Frau im Bett was weiß ich nicht machen wolle, ich müsse das doch wissen, ich sei schließlich Psychologe… wenn ich also Derartiges gefragt werde, dann kommt es ganz darauf an, was ich für Laune habe. Ist die schlecht, dann antworte ich: “Ach weißt du, jetzt bin ich schon verdammt alt geworden und ich sag dir, so aus Erfahrung, mein Lieber, die Psychologie, die kannst du in der Pfeife rauchen. Das ist doch nur eine Sammlung von bestenfalls Lebensweisheiten, meist auch nur Banalitäten, denen hochtrabende Begriffe angepappt wurden wie ein Etikett im Supermarkt.”
“Klar”, lautet dann meist die Antwort. “Hab ich mir auch schon oft gedacht und mich’s nur nicht zu sagen getraut. Also, ich will dir ja nicht zu nahe rücken…” - Mein Gesprächspartner kommt dann meist ganz dicht auf mich zu. - “Also, ich will dir ja wirklich nicht zu nahe rücken, aber, sag mal ehrlich, die meisten Psychologen haben doch selbst eine Klatsche. Ist es nicht so?”
“Zweifellos. Aber nicht nur die Psychologen. Auch die Psychiater. Die Psychotherapeuten, alle, kannst du alle in einen Sack stecken!”
“Ja, wie kommt denn das bloß?”
Wenn es die Zeit erlaubt, lade ich meinen Gesprächspartner an diesem Punkt des Geschehens gern auf ein Bier ein und bestelle selbst ein Mineralwasser. Das ist natürlich verdächtig, aber ich lasse ihm keine Chance, um dieses sprudelnde Getränk herumzuschleichen wie um den heißen Brei und fahre fort: “Schau mal, wenn du zum Hausarzt gehst und an der Haustür steht, die Praxis sei wegen einer Erkrankung des Arztes geschlossen, dann wechselt du doch auch auf der Stelle den Hausarzt wegen Unfähigkeit!”
“Quatsch, wieso das denn? Auch Ärzte können doch einmal krank werden.”
“Sicher, und jetzt erklär ich dir, warum die Psycho-Fuzzis alle einen an der Klatsche haben!”
“Ich bin ganz Ohr!”
“Pass auf! Von Psychologen, Psychiatern und Psychotherapeuten erwartet man, dass sie immer psychisch voll gesund sind, dass sie private und berufliche Probleme stets besser lösen als Normalsterbliche, dass ihre Kinder Musterkinder und ihre Ehepartner stets glücklich und folgsam sind.”
“Hmm ja, so betrachtet, also dein Beispiel mit dem Arzt und immer gesund…”
“Nun lass mich mal weitermachen! Also, muss man denn nicht wirklich einen an der Klatsche haben, wenn man sich freiwillig so einem Erwartungsdruck aussetzt? Wer zwingt dich denn dazu. Man könnte doch auch Rechtsanwalt werden oder Feuerwehrmann.”
Meist schweigt mein Gegenüber dann irritiert, ich lasse ihm keine Chance, weitere blöde Fragen zu stellen und galloppiere voran: “Nun fragst du dich bestimmt… also ich kann mir gut vorstellen, wie du dich jetzt tief im Innern fragst: ‘Also, du bist doch Psychologe, du musst das doch wissen, wieso haben die denn alle einen an der Klatsche, die Psychologen?’ Und ich antworte dann: ‘Hast du schon einmal was vom Helfersyndrom gehört?’”
“Na”, sagt mein Gegenüber dann meist, “das sagt doch schon der Name, was das ist. Da will einer immer nur helfen und helfen, übernimmt sich dabei und hinterher ist er vor lauter Helfen fix und foxy.”
“Falsch”, antworte ich mit wissendem Blick. “Ganz falsch. Helfer mit Helfersyndrom wollen in erster Linie gar nicht helfen, sondern sie wollen die Position des Überlegenen einnehmen und bewundert, gar vergöttert werden. Das Helfen benutzen sie nur als Instrument, um sich in diese konfortable Lage zu bringen.”
“Du meinst, die wären…”
“Richtig”, falle ich ihm ins Wort, damit er jetzt gar nichts Falsches sagt. “Genau, die sind Narzissten. Sie leiden an einer bösartigen, an einer höchst destruktiven Form des Narzissmus, die verharmlosend das Helfersyndrom genannt wird.”
“Igitt”, sagt mein Gegenüber, “gut das wir damit nichts zu tun haben”.
“Genau!” sagte ich, ganz entspannt im Hier und Jetzt.
Mein Gesprächspartner schweigt eine Weile. Dann sagt er: “Ey, sag mal, warum trinkst du denn heute nur Mineralwasser?”
“Das möchtest du wohl wissen, ey. Wir können ja darüber reden, ein Stück weit…”
Geschrieben in Psychotherapie, Psychologie, Psychiatrie | Drucken | 2 Kommentare »
6.9.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Wer auf sein Vaterland stolz sei, meinte einst der bekanntermaßen griesgrämige und scharfzüngige Philosoph Schopenhauer, sei ein erbärmlicher Tropf. Der Nationalstolz verrate “in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz seyn könnte, indem er sonst nicht zu Dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen theilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen (Parerga und Paralipomena I).”
Man könnte Schopenhauers bissige Sätze durchaus als Folie benutzen, um die aktuelle Forderung einiger Politiker der CDU und CSD einzuordnen, dass sich diese konservativen Parteien wieder verstärkt zu den sog. deutschen Tugenden bekennen sollten, als da sind: Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Disziplin, Treue und Anstand.
Ob diese, früher als Sekundärtugenden gering geschätzten, Eigenschaften tatsächlich Stolz begründen könnten, wäre zu diskutieren - dass sie nicht als Grundlage eines deutschen Nationalstolzes taugen, steht außer Frage, denn welches Volk auf diesem Erdball könnte nicht mit gleichem Recht (oder Unrecht) diese Tugenden für sich beanspruchen wie das deutsche.
Hinter derartigen Appellen verbirgt sich vermutlich die realistische Einsicht, dass die Stimme erbärmlicher Tröpfe an der Wahlurne ebenso viel zählt wie die jener, die bedeutende persönliche Vorzüge besitzen.
Dennoch halte ich den Nationalstolz für eine bedeutende politische Produktivkraft und ich fände es verheerend, wenn die Linke dieses hohe Gefühl den Rechten überließe, die, daran kommt man nicht vorbei, in deutscher Geschichte damit schon mehrfach schlimmen und schlimmsten Missbrauch getrieben haben.
Beim Nationalstolz lautet die kritische Frage nämlich nicht: “Stolz worauf?” sondern: “stolz wozu?” Ich wähle keine Politiker, die Stolz bekunden, weil sie zu einem Volk gehören, das sich seiner Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Disziplin, Treue und seines Anstandes rühmt. Ich wähle Politiker, von denen ich hoffe, dass sie zu stolz sind, sich vor dem Imperium in den Staub zu werfen und die Stiefel seiner Militärmacht zu lecken. Das nenne ich tätigen deutschen Nationalstolz. Sehe ich einen Deutschen stolz auf sein Land der Tyrannis widerstehen, dann höre ich klingendes Spiel und Marschmusik mit meinem inneren Ohr.
Geschrieben in Philosophie, Psychologie, Politik | Drucken | 2 Kommentare »