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22.12.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Mitunter werde ich gefragt, ob ich, wenn nicht gleich vorausgesetzt wird, dass ich an außersinnliche Wahrnehmung, Geistheilungen und feinstoffliche Energien glaube. Schließlich bin ich Psychologe, und Psychologen, diese windigen Gesellen, glauben nun einmal an so etwas, denkt man. Und wer sich wie ich mit Hypnose, Trance-Psychologie und Meditation beschäftigt, der muss doch einfach auch esoterisch angehaucht sein. Oder etwa nicht?
Nein, nicht. Auf den spirituellen Hauch reagiere ich in etwa so wie auf den spirituösen: Ich kann ihn nicht riechen. Ebenso wie alkoholische Getränke verschmähe ich geistliches Gebräu, das besoffen macht. Mich interessieren Fakten und die logischen Schlüsse, die man aus ihnen ziehen kann oder muss. Was die Lehren der Heiligen Männer, Weisen Frauen, Gurus, Swamis, Hexern, Zauberer und sonstigen Oberpriester betrifft, so halte ich es mit Gautama, dem Buddha, der einst sagte: “Glaubt keinen Lehren. Glaubt auch meiner Lehre nicht. Prüft alles selber nach. Wägt und behaltet, was gut ist.”
Während ich dies niederschreibe, ist mir sehr wohl bewusst, dass ich hier nur die halbe Wahrheit zu Papier bringe. Bezogen auf das, was man überhaupt zu Papier bringen, also in Worte fassen kann, ist es zwar die ganze Wahrheit, sofern ich diese zu ermessen vermag. Doch wer sagt, dass alles, was die menschliche Existenz betrifft, zu Papier gebracht werden könne? Schließlich ist ein erkenntnistheoretisches Dilemma Kern der “Conditio Humana”. Es besagt, dass wir im Prinzip alles objektivieren, also versachlichen, analysieren, erforschen können - nur nicht uns selbst während des Objektivierens. Es bleibt immer ein subjektiver Rest.
Natürlich: Auch das Subjektive können wir in einen Gegenstand der Forschung verwandeln. Wir vergegenstädnlichen es dann, betrachten es von außen. Die Innerlichkeit der Subjektivität muss uns dabei zwangsläufig entgehen. Während wir das Subjektive analysieren, rückt die Subjektivität des Analysierens in einen Blinden Fleck, wird unsichtbar. Wie im Großen, so im Kleinen. Wir können nicht wissen, wie das Universum unabhängig von unserem Bewusstsein ist. Denn Wissen setzt Bewusstsein voraus. Und ebenso wenig können wir wissen, wie und was unsere Subjektivität ist, denn wenn wir Subjektivität betrachten, ist der Betrachter selbst, das Subjekt nämlich, nicht Gegenstand der Betrachtung. Das Auge kann sich nicht selber sehen, nur sein Spiegelbild.
Und so gibt es eine Innenwelt, die weder ein Abbild der Außenwelt ist, noch so behandelt werden könnte wie die Außenwelt. Diese Innenwelt, dieser innere Bezirk unseres Daseins ist kategorial verschieden von der Außenwelt. Dies bedeutet natürlich auch, dass in diesem Bereich die Naturgesetze ebenso wenig gelten wie die Logik, die ja nichts anderes ist als eine Ordnung von Objekten, also von Entitäten, die wesensgemäß der Außenwelt zugehören. Der innere Bezirk ist das Andere. wir können ihn”betreten”, aber nicht beschreiben.
Darum gehen mir diese “Esoteriker” ja auch so fürchterlich auf die Nerven, weil sie beschreiben, was sich nicht beschreiben lässt. Was dabei herauskommt, ist unsägliches Geschwalle - und als solches entweder Ausdruck wohlmeinender Naivität oder mehr oder weniger gewieftes Marketing. Der innere Bezirkt ist pure Erfahrung, über die man weder direkt, noch in Bildern und Metaphern sprechen oder schreiben kann.
Beschreiben allerdings kann man die Gestelle, die sich vor dem Tor zum inneren Bezirk auftürmen. Betreten kann den inneren Bezirk natürlich jener, denn er ist ja “Conditio Humana”. Er ist niemandem verschlossen - und im Prinzip könnte jeder durch dieses Tor ein- und ausgehen, so wie er sich ins Bett legen, schlafen und wieder aufwachen kann. Doch für viele ist dieser Weg verbaut, durch Gestelle, die den Weg heillos verstellen. Es handelt sich dabei um falsche Vorstellungen zur “Conditio Humana”, zur Rationalität, zur Objektivität und Subjektivität.
Die Gestelle werden also von uns Menschen selbst erstellt. Wir verstellen uns den Weg selbst. Wir tun dies unbewusst. Und so haben wir den Eindruck, die Gestelle seien von einer fremden Macht dorthin gestellt worden. Wir können dieser fremden Macht verschiedene Namen geben: Wissenschaft, Vernunft, Rationalität, sogar “Gott”, denn auch Gott, zumindest manche Versionen Gottes wollen ja nicht, dass man vom Baum der Erkenntnis isst.
Doch mit diesen Namen bezeichnen wir nur einen Teil unserer Seele. Es ist der unbewusste Anteil unseres Ichs. Dieses Ich-Teil handelt zielstrebig, erwartungsgesteuert und absichtlich. Doch da wir uns dessen nicht bewusst sind, erscheinen uns die Handlungen des unbewussten Ichs wie Automatismen, die sich unserer Kontrolle entziehen.
Methoden, diese Kontrolle zurückzugewinnen, scheinen Wunder zu wirken. Seit altersher heißen diese Methoden Magie.
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2.2.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Sie forschen numehr schon seit rund fünfzig Jahren - mit zunehmender wissenschaftlicher Raffinesse und immer dem gleichen Ergebnis. Durchforstet man die empirischen Studien zur Effektivität der Psychotherapie, so zeigt sich - nicht in jeder Studie, so doch in der Gesamtschau - dass keine der untersuchten Methoden sich als eindeutig überlegen erwiesen hat. Die große Ernüchterung hat einen Namen bekommen: Dodo-Bird-Effekt, benannt nach einer Episode aus “Alice in Wonderland”: “Alle haben gewonnen, alle müssen Preise bekommen.”
In der Tat: Psychotherapie ist effektiv. Den Klienten geht es hinterher ein bisschen besser als vorher. Nicht wenige Klienten werden angesichts dieser Wohltaten sogar zu leidenschaftlichen Therapie-Gläubigen und können nicht genug bekommen davon. Und sie schwören auf jene Therapie, die ihnen angeblich geholfen hat. Unisono mit ihren Therapeuten behaupten sie, diese und nur diese Therapie habe sie gerettet, alle anderen Therapien seien viel schlechter.
Die Forschung allerdings zeigt, dass die Methode keinen Einfluss hat auf den Therapie-Erfolg. Zum Glück lassen sich weder die Klienten, noch die Therapeuten von diesen nackten Zahlen allzu sehr beeindrucken. Denn ließen sie sich beirren, würde dies die Erfolgsquoten senken. Das klingt verwirrend, ist aber leicht zu erklären. Die Forschung beweist zwar, dass die Methoden unerheblich sind - sie belegt aber auch, dass der Glaube von Klienten und Therapeuten an die Methode ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist.
Es liegt also nahe zu vermuten, dass in Psychotherapien neben der offiziellen Methode - z. B. Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, was auch immer - eine weitere, verborgene Methode angewendet wird. Diese ist den Klienten nicht bewusst - und es ist wahrscheinlich, dass sie häufig auch von den Therapeuten nicht erkannt wird. Diese verborgene Methode hat das Ziel, den Glauben der Klienten und der Therapeuten an die offizielle Methode zu verstärken.
Gibt es Beweise für die Existenz und die Wirksamkeit der verborgenen Methode? Die Psychotherapieforschung hat sich zunächst auf die offiziellen Methoden konzentriert - unter der Vorannahme, das diese einen nennenswerten Einfluss auf das Ergebnis haben müssten. Als sich dies als falsch herausstellte, wandte man sich den sog. unspezifischen Wirkfaktoren zu, also solchen, die allen Methoden gemeinsam sind. Der Glaube von Therapeuten und Klienten an die Methode wurde als einer dieser Faktoren erkannt. Ob es eine offene oder verborgene Methode gibt, diesen Glauben zu verstärken, stand bisher nicht zur Debatte.
Aus meiner Sicht kann es sich nicht um eine offene Methode handeln, denn diese würde vermutlich das Gegenteil von dem erreichen, was angestrebt wird. Deren Botschaft würde nämlich lauten: “Es kommt gar nicht auf die offizielle Methode an, sondern nur darauf, dass ihr an sie glaubt. Es ist im Grunde Wurst, welche Methode wir anwenden, solange ihr euch nur von eurem Glauben daran motivieren und beflügeln lasst.”
Die glaubensverstärkende Methode hätte eindeutig dann die höchste Wirksamkeit, wenn sie dem Bewusstsein von Klienten und Patienten entzogen wäre. Und so kann ich nur hoffen, dass sich kein Psychotherapie-Klient und auch kein Psychotherapeut durch diese Zeilen zum erfolgreichen Nachdenken anregen lässt. Reflexion in Sachen “Psychotherapie” wäre nämlich eindeutig kontraproduktiv. Es ist ein Sakrileg, das Placebo zu entschleiern.
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11.4.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Den meisten Mitbürgern dürfte dieser Begriff überhaupt nichts sagen: Antideutsche Kommunisten. Ein Karnevalsscherz? Keineswegs. Für die antideutschen Kommunisten ist Deutschland die Heimstatt des Bösen. Die deutsche Geschichte musste, aus dieser Sicht, zwangsläufig in einem einzigartigen und unerklärlichen Verbrechen, dem Holocaust gipfeln. Seither seien in diesem Lande, so heißt es, keine Gedichte mehr möglich.
Die Gegengifte zur Bekämpfung des Deutschen in all seinen bösartigen Facetten seien Proamerikanismus, Proisraelismus und Antiislamismus. Die Antideutschen halten jede Kritik an amerikanischer Politik für eine kaschierte Form des Antisemitismus. Antisemit ist auch, wer vor dem Islam kapituliert, indem er z. B. für moslemische Wut auf Amerika und Israel Verständnis äußert oder Toleranz gegenüber den kulturellen Eigenarten des Islams fordert.
Diese politische Strömung mag manchem Grünen des ehemals linken Spektrums dieser Partei geholfen haben, einen gesichtswahrenden Weg ins Lager der Anhänger des US-Imperiums zu finden. Sie hatte also, trotz ihrer Unsichtbarkeit für die meisten Mitbürger, einen beachtlichen, untergründigen Einfluss auf die deutsche Politik zu Zeiten der rot-grünen Koalition.
Dies ändert natürlich nichts an der Absurdität dieser Position. Man denke beispielsweise an die ärgsten Antisemiten, die unverbesserlichen alten und neuen Nazis. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint die antideutsche These, Antiamerikanismus und Antisemitismus seien zwei Seiten einer Medaille, natürlich wie angegossen auf Hitlers Erben zuzutrefen. Doch gemach: Der Antiamerikanismus der Rechtsradikalen war während des Kalten Krieges vielfach eine Kaschierung des Antisemitismus und eine Exkulpierung Amerikas.
Die Nazis machten nämlich für alles, was ihnen an Amerika nicht gefiel, die amerikanischen Juden verantwortlich. Die “arischen” Amerikaner waren, so meinten die Nazis, nicht nur unschuldig, sondern Verbündete im Kampf gegen den Kommunismus (für den ebenfalls die Juden verantwortlich gemacht wurden). Während des Kalten Krieges waren die Nazis also - jenseits aller Camouflage - hartbeinige Proamerikaner. Nur so ist es zu erklären, warum viele Nazis das freundliche Angebot der Amerikaner annahmen, sich in amerikanischen und anderen westlichen Geheimdiensten nützlich zu machen.
Aus diesem Grunde war auch die Amerika-Kritik der Nazis während des Kalten Krieges insgesamt moderat. Paranoider Antikommunismus besänftigte zunehmend den ursprünglich noch vorhandenen Hass auf die Besatzer. Nach dem Niedergang des Kommunismus werden allerdings auch in diesen Kreisen die Stimmen wieder lauter, die den “American Way of Life” im Allgemeinen und amerikanische Kriegspolitik im Besonderen geißeln.
Und so hat sich auch die Haltung unserer Regierenden gegenüber den Nazis geändert. Hielt man früher die rechtsradikale Gefahr für ein linkes Hirngespinst, braune Terroristen für Einzeltäter und paramilitärische Nazitruppen für skurile Sportfreunde, so möchte man heute am liebsten alles mit Stumpf und Stil verbieten, was “national” auch nur zu lispeln vermag.
Die schwarze Magie des Anti, das stumpfsinnige Gegenüberstellen von Pro und Kontra ist ungebrochen. Politisches Denken scheint mit Schwarz-Weiß-Malerei identisch zu sein. Während Kritik und Wissenschaft und Kunst ein Motor des Fortschritts ist, polarisiert sie in der Politik, führt zu Erstarrung und Niedergang.
Atemberaubend sind auch die fliegenden Wechsel: Wer gestern noch den US-Imperialismus verdammte, sieht heute in den Vereinigten Staaten einen Zivilisationsträger und und Beschützer vor islamischer Barbarei. Wer gestern noch der RAF hofierte, verteidigt heute die NPD. Wer gestern noch Wehrsportübungen für ein schweißtreibendes Hobby hielt, wittert heute hinter jeder zackigen Bewegung nationalsozialistische Symbolik. Und das Tollste: Viele, die im rasanter Kreiselbewegung rotieren, vermögen gar keinen Widerspruch zu erkennen zwischen ihren Positionen von gestern und heute. Selbstverständlich seien sie sich im Kern treu geblieben.
Schwarz-Weiß-Malerei und ein rascher Wechsel zwischen Verteufelung und Vergötterung sind die Leitsymptome einer schweren Persönlichkeitsstörung, dem Borderline-Syndrom. Die Zahl der Betroffenen steigt angeblich ständig. Ich frage mich, ob die schwarzmagischen Inszenierungen unserer Politik dafür verantwortlich sind, dass immer mehr Menschen dieser Krankheit erliegen. Oder ist es vielleicht umgekehrt?
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19.3.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Wer früher, also in den guten, alten Zeiten des Kalten Kriegs in Westdeutschland den Kapitalismus im Allgemeinen und das US-Imperium im Besonderen kritisierte, erntete nicht selten die hingerotzte Replik: “Geh doch rüber!” Gegen dieses Argument war im Grunde nicht viel auszurichten. Man konnte von den Greueln des Vietnamkriegs sprechen, von Neofaschismus, Arbeitslosigkeit, Entfremdung, Ausbeutung - diesem knappen, bequemen und unsäglich denkfaulen Argument “Geh doch rüber!” war letztlich kein Einwand gewachsen.
Denn was war drüben? Im Ostblock war Stalinismus in allen erdenklichen Varianten - vom Massenmord bis hin zu fehlenden Bananen und sauren Zitronen. Man konnte sich winden und wenden wie man wollte, man konnte sich selbst und andere belügen, bis sich die Balken bogen - an der simplen und schlichten Tatsache, dass im Westen nicht alles gut, drüben aber fast alles noch erheblich schlechter war, kam man einfach nicht vorbei.
Wer einräumte, dass drüben eben der perfekte Sozialismus noch nicht erreicht, dass dort sogar Arbeiterverräter am Werke seien, durfte mit etwas mehr Verständnis rechnen: Der Sozialismus, so hieß es, sei eine gute Sache, die sich nur nicht verwirklichen ließe. Er scheitere an der menschlichen Natur Der beste Beweis dafür seien die Staaten des Ostblocks.
Dass schönste Ideal wurde von den Mahlsteinen der häßlichen Wirklichkeit pulverisiert und taugte nicht zur Grundlegung einer überzeugenden Kapitalismus- und Imperialismuskritik. Sie war auf Sand gebaut.
Und heute? Heute haben es die Befürworter des Kapitalismus und des Imperiums nicht mehr so leicht. “Geh doch rüber!” funktioniert natürlich nicht mehr - und die Aufforderung: “Konvertier’ doch” ist Kabarett. Seit dem Untergang des Ostblocks müssten eigentlich bessere Zeiten für Kritiker des Kapitalismus und des Imperiums angebrochen sein. Die menschliche Natur ist zwar immer noch unverändert, aber wenigstens sind die schlechten Beispiele verschwunden: Aus den Augen, aus dem Sinn.
Und in der Tat: Die Kritiker des Kapitalismus haben es heute etwas leichter. Obwohl mit den Schalmeienklängen des Neoliberalismus im boomenden PR-Gewerbe viele Millionen Euro verblasen werden, wächst die Bereitschaft vieler Menschen, ihre Seele der antikapitalistischen Botschaft zu öffnen. Wer volkstümlich erscheinen möchte, ob Politiker, Journalist oder Kirchenmann, kritisiert Fehlentwicklungen, Auswüchse und Missstände.
Allerdings darf bei dieser Kritik der Hinweis nicht fehlen, dass man angesichts der weltwirtschaftlichen Verflechtungen an den Nebenwirkungen des Kapitalismus hier im Lande nichts Wesentliches ändern und erst recht diesen nicht abschaffen könne.
Die “internationalen Verpflechtungen” werden allerdings durch die Interessen des US-Imperiums geformt, das die Welt militärisch, wirtschaftlich und kulturell dominiert oder zu beherrschen anstrebt. Die Kritik am Kapitalismus ist also ohne gleichzeitige Imperialismus-Kritik eine Kritik ohne Arsch und Eier.
Die schärfste Kritik am US-Imperialismus wird heute nicht mehr von Kommunisten, sondern von Islamisten vorgetragen. Und immer noch, wie einst in den guten, alten Zeiten des Kalten Kriegs, kann man sich drehen und wenden wie man will, kann man sich selbst und andere belügen, bis sich die Balken biegen - trotz Todesstrafe, Folter, trotz völkerrrechtswidriger Kriege sind Lebensart, Kultur und politisches System der USA zweifellos dem Islamismus, also der Scharia, der religiösen Intoleranz, der Frauenunterdrückung, der allgemeinen und umfassenden Rückschrittlichkeit vorzuziehen.
Selbst der phantasiebegabteste Verschwörungstheoretiker hätte diese Realität nicht besser erfinden können: erst der stalinistisch versaute Kommunismus, dann der miefig reaktionäre Islamismus! Könnte man der antikapitalistischen und antiimperialistischen Kritik wirkungsvoller jede Grundlage entziehen? In den paranoiden Momenten zwischen Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsängsten fällt es schwer, sich vor dem Glauben an eine Illuminatenverschwörung zu wappnen.
Haben etwa doch jene durchgeknallten Verschwörungstheoretiker recht, die behaupten, ein allmächtiger Geheimbund habe Nationalsozialismus, Kommunismus und nun auch den Islamismus absichtlich hervorgerufen, um in den Volksmassen den Wunsch nach einer Weltregierung zu nähren, die durch einen einheitlichen Weltstaat, einer Weltreligion und einer globalen Leitkultur allen Zerwürfnissen auf diesem Planeten ein Ende bereitet?
“Das Schwerste überhaupt ist es, sich in die Stimmung eines Kriegers zu versetzen”, sagte Don Juan zu seinem Schüler Carlos Castaneda. “Es hat keinen Sinn, traurig zu sein und zu klagen, und sich dazu berechtigt zu fühlen, im Glauben, dass immer jemand uns irgend etwas antut. Niemals tut uns irgend jemand etwas an, am wenigsten einem Krieger. Du bist hier bei mir, weil du hier sein willst. Du hättest bereits die volle Verantwortung übernehmen sollen, dann würde sich die Vorstellung, dass du ein Blatt im Winde bist, für dich verbieten.” (Carlos Castaneda: Reise nach Ixtlan. Frankfurt a. M.: Fischer, 1975, 112)
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14.3.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Maya-Priester in Guatemala haben angekündigt, eine ihnen heilige Stätte nach dem Besuch des amerikanischen Präsidenten durch ein Ritual von dessen aggressiver Energie zu reinigen.
Es kam, wie es kommen musste. Kaum raschelte der Blätterwald mit dieser Nachricht, krochen amerikanische Patrioten aus den Büschen und füllten die virtuellen Seiten ihrer Blogs mit dem hämischen Hinweis, dass die Mayas früher an dieser heiligen Stätte Menschen den Göttern geopfert und das Fleisch der Getöteten gegessen hätten.
Das ist allerdings wahr, aber auch verdammt lange her. Die Mayas hielten es damals für notwendig, um die Götter zu versöhnen und eine gute Maisernte zu garantieren. Dumme Indianer.
Dumme Indianer? Die amerikanischen Militärs hielten es 1945 für notwendig, Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zu werfen. Rund 200.000 Menschen, meist Zivilisten wurden getötet. Dumme Amerikaner. Heute wissen wir - und führende Historiker meinen, dies sei auch damals dem amerikanischen Präsidenten bekannt gewesen - dass die Japaner dieser Lektion gar nicht bedurften und ohnehin zur Kapitulation bereit waren.
Der amerikanische Historiker Gar Alperovitz ist davon überzeugt, dass Harry Truman, der das Kommando zu den Atombomben-Einsätzen gab, damit nicht in erster Linie Japan besiegen, sondern vor allem die Russen beeindrucken wollte. Es handelte sich also gar nicht um das letzte große Bombardement des Zweiten Weltkrieges, sondern um das erste des Kalten Krieges. Wurden also 200.000, manchen meinen sogar 300.000 Japaner dem blutgierigen Gott der nationalen Sicherheit und der Paranoia des Kalten Krieges geopfert?
Wie auch immer, das ist lange her. Inzwischen streiten sich die Experten, ob Iran mit einem Atomschlag rechnen muss und wer als erster taktische Nuklearwaffen zur Zerstörung persischer Atomanlagen einsetzt: Israel oder die USA? Wieder einmal stellt sich die Frage, ob ein solcher Atomschlag notwendig sei - und wer damit beeindruckt werden soll.
Mögen die Mayas ihr Ritual vollziehen, es wird nichts nützen.
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14.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Mit zarten Glücksgefühlen beobachte ich den Niedergang des Christentums in den Städten und hoffe inständig, dass es auch auf dem Lande in diesen Sog hineingezogen werden möge. In meinen Ohren klingt es wie Hohn, wenn das Christentum Nächstenliebe predigt, der biblische Gott aber die mitleidslose Ausrottung von Feinden fordert. In meinen Augen ist es eine Ungeheuerlichkeit, wenn das Christentum Hass und Gewalt anprangert, wohingegen hochverehrte Lehrer des christlichen Glaubens, allen voran Luther, sich in den widerlichsten antijüdischen Hasstiraden ergingen. Der Gestank der Hölle steigt mir in die Nase, wenn ich in verstaubten Folianten die Bannflüche allerchristlichster Geister gegen Frauen und Homosexuelle lese. Der Atem stockt mir beim Gedanken daran, dass Kirchenlehrer die bedingungslose Unterwerfung unter den Willen Gottes und seiner Stellvertreter und Sachwalter auf Erden fordern.
Jeder Kirchenaustritt bringt mein Herz zum Klingen. Aber in diesen hellen, lustigen Klang mischt sich die bange Frage: Was kommt danach? Wo bleibt die Moral ohne ein Fundament im Glauben? Wer sich in früheren Zeiten ehrenamtlich für die Gemeinschaft einsetzte, ja, aufopferte, der berief sich auf “Gott und Vaterland”. Mag mag sich vor solch religiös-nationaler Inbrunst fürchten, man mag sie als Relikt vergangener Zeiten belächeln. Aber, aus welchen Motiven sollte sich ein Mensch unentgeltlich, ohne egoistische Motive für die größere Gemeinschaft einsetzen, wenn ich für Gotteslohn und aus patriotischer Leidenschaft?
Darauf gibt es, so denke ich, nur eine Antwort, die dem nachforschenden Gedanken standhält: Wir müssen glauben. Und, zum Glück, können wir auch gar nicht anders. Wir können das religiöse Bedürfnis zwar verdrängen und verleugnen; die Wiederkehr des Verdrängten ist jedoch unvermeidlich. Wir haben die Wahl zwischen religiöser Neurose als Folge der Abwehr spiritueller Bedürfnisse und einer rationalen Auseinandersetzung mit dem Unausweichlichen.
Unter modernen Christen und anderen Begeisterten werden heutzutage Brainscans herumgereicht, die angeblich Gott im Gehirn verorten. Ich glaube kaum, dass es erforderlich ist, nach Hirnzentren oder neurophysiologischen Prozessen zu fahnden, um zu beweisen, dass uns ein religiöses Bedürfnis angeboren sei. Dieses ergibt sich zwangsläufig aus der “Conditio Humana”, aus unserer existenziellen Situation. Es ergibt sich aus der Dialektik zwischen der raum-zeitlichen Begrenzheit unseres physischen Körpers und der Ungegrenztheit unseres Vorstellungsvermögens.
Und das ist gut so. Wir brauchen einen guten Glauben, um gut zu handeln. Die meisten Menschen spüren dies, manche wissen es auch; aber immer weniger sind bereit, sich diesen Glauben von oben verordnen zu lassen. Sie stricken sich ihren Glauben selbst. Davor warnen Amtskirchen ebenso wie Skeptikervereine und staatliche Autoritäten. Sie sprechen von Esoterik, warnen vor Ausbeute und Gehirnwäsche. Doch: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werden.
Fraglos gibt es unter den esoterischen Glaubensangeboten höchst zweifelhafte Gebilde. Es hat sich ein milliardenschwerer Markt entwickelt, der neben manchen Perlen auch viel Schrott feilbietet. Manches Produkt, dass auf diesem Basar der Weltanschauungen angeboten wird, ist auch gefährlich, ohne dass man dies auf den ersten Blick erkennen könnte. Dennoch, trotz aller Gefahren, trotz allem Widersinn, entspricht dieser Markt, wie jeder Markt, der Natur des Menschen, befriedigt ursprüngliche Bedürfnisse.
Es ist gut, dass es diesen Markt gibt. Es ist gut, dass die alten monotheistischen Unterwerfungsreligionen Konkurrenz bekommen. Vielfalt gewährt Freiheit. Jeder kann sich hier die passenden spirituellen Kleider aussuchen, um den Stürmen zu trotzen. Man nehme… man nehme z. B. den Glauben an die Wiedergeburt, damit wir dem Erdball und dem Universum verbunden bleiben. Dies hebt die Umwelt-Moral. Man nehme den Glauben an magische Kräfte. Dies fördert das Einfühlungsvermögen in die Natur menschlicher und außermenschlicher Beziehungen. Man nehme z. B. den Glauben an die Erneuerungskräfte des Vaterlandes. Dies stärkt das Gemeinschaftsgefühl.
Es gibt viel zu glauben. Packen wir’s an.
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19.1.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Warum kleben Politiker an ihren Posten? Um an die Macht zu kommen und sich dort zu halten, müssen sie dem Wahlvolk, vor allem aber ihren Spießgesellen suggerieren, sie seien einzigartig und daher unersetzlich. Wer dies auf Dauer überzeugend rüberbringen will, kommt nicht umhin, mit der Zeit selbst daran zu glauben.
Ein übersteigertes Selbstwertgefühl ist also eine Berufskrankheit von Politikern. Dieses grandiose Selbstbild führt dann zu Verhaltensweisen, die absurd anmaßend erscheinen müssten, wenn dieses Selbstbild als unangemessen, als maßlos übersteigert durchschaut würde. Der Politiker, der sich die narzisstische Berufskrankheit seiner Zunft zugezogen hat, muss sein grandioses Selbstbild also mit Klauen und Zähnen verteidigen. Er muss sich magische Kräfte zuschreiben.
In seinem Unbewussten nagt jedoch die Furcht, dass nach seinem Abgang die Dinge nicht schlechter, vielleicht sogar besser laufen würden als unter seiner Führung. Da Zeichen von Furcht jedoch mit seinem magischen Selbstbild unverträglich wären, muss er sie verdrängen und kann sie demzufolge auch nicht reflektieren. Er ist also in einem mentalen Teufelskreis gefangen. Darum klammern sich die Unersetzlichen an ihre Ämter.
Warum aber durchschauen sie dieses Spiel nicht? Warum verdrängen sie die Realität? Sie haben den Ablauf doch schon oft genug bei anderen studiert. Die Vorgänge sind schließlich so offensichtlich, dass man davor die Augen nicht verschließen kann. Sobald sie sich selbst von ihrer Einzigkeit und ihrer magischen Macht überzeugt haben, glauben sie fest daran, dass es bei ihnen anders sei, dass jene, die in einer jämmerlichen Posse untergingen, sich nur eingebildet hätten, unersetzlich zu sein.
Gibt es ein Gegengift? Ja. Politiker, die zugleich mit einem Mangel an Eitelkeit und einem Übermaß an Pflichtbewusstsein gesegnet sind, schaffen häufig einen geordneten Rückzug, wenn die Zeit gekommen ist. Doch diese Politiker sind selten. Noch seltener ist es, dass sie in Spitzenpositionen gewählt werden. Sie sind dann meistens Verlegenheitslösungen. Sie gelangen an die Macht, weil alle anderen aussichtsreichen Kandidaten sich gegenseitig lahmgelegt haben.
Warum will das Volk Politiker in Spitzenämtern, die sich selbst für einzigartig und unersetzlich halten? Einzeln befragt, würde jeder Wähler selbstverständlich einräumen, dass die politischen Führer keineswegs Übermenschen seien. Doch beim Gang zur Urne vermassen diese Einzelnen; die kollektive Sehnsucht nach einem mythischen Helden erfüllt sie - und sie wählen bevorzugt jene, die diesem Urbild am besten entsprechen.
Das Ganze ist also ein Schwindel, vom Anfang bis zum Ende. Und dann geht es wieder von vorne los.
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14.1.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Ein Süchtiger ist ein Mensch, der zu viel säuft, raucht, Heroin spritzt oder anderen Lust erzeugenden Verhaltensweisen im Übermaß frönt. Früher nannte man diese Menschen charakterlos oder sah sie gar mit dem (Sauf-)Teufel im Bunde. Heute jedoch ist sich die Fachwelt einig, dass Süchtige krank seien. Deshalb nennt man sie nunmehr Abhängigkeitskranke.
Weniger einig ist man sich allerdings hinsichtlich der Ursachen. Die einen meinen, der Süchtige leide an einem Sozialisationsdefizit. Daher sei sein Gewissen nicht stark genug entwickelt. Andere behaupten, die Sucht sei die Folge frühkindlicher Traumatisierung. Wieder andere führen die Abhängigkeit auf einen Defekt im Gehirn zurück.
Keine dieser Theorien ist empirisch bewiesen, was jedoch ihre Anhänger nicht davon abhält, inbrünstig an sie zu glauben. Die Wahrheit dieser Theorien ist allerdings auch ohne Belang. Denn erstens haben die angeblich aus diesen Theorien abgeleiteten Behandlungsmethoden keinerlei Einfluss auf den ohnehin eher mäßigen Erfolg. Und zweitens werden die Süchtigen, unabhängig von den Theorien, immer noch so behandelt, als seien sie charakterlos und/oder vom Saufteufel besessen.
Im Grunde verfolgen alle Suchttherapien ein Ziel: Bekehrung. Methodisch orientiert man sich dabei an jenen Spezialisten, die mit Bekehrung die meiste Erfahrung haben, nämlich die Pfaffen. Das geht so: Zunächst macht man den zu Bekehrenden ein fürchterlich schlechtes Gewissen wegen ihres bisherigen verwerflichen Lebenswandels. Meist bedient man sich dabei eines bewährten Mittels, das schon in den frühchristlichen Gemeinden seine Wirkung nicht verfehlte: Gruppendruck. So erzeugt man extremen Stress. Extremer Stress macht bekanntlich suggestibel. In diesem Zustand wird der zu Bekehrende mit der Frohen Botschaft überflutet.
Die moderne Suchttherapie verzichtet bei diesem Bekehrungsprozess auf das religiöse Beiwerk und bietet “Gehirnwäsche pur”. Zur Rechtfertigung der mitunter doch recht brutalen Behandlung müssen pseudo-psychologische Theorien herhalten. Zeitweilig waren auch humanistische Ansätze beliebt, die zwecks Verklärung Räucherstäbchen abfackelten, geheimnisvollen Mantras murmelten und allerlei anderen fernöstlichen Firlefanz zelebrierten.
Nunmehr zeichnet sich jedoch ein neuer Trend ab: Suchteinrichtungen christlicher Träger unterbreiten den Süchtigen spirituelle Angebote. Diese heißen “spirituell”, damit nicht jeder gleich merkt, dass es sich um den alten Wein in neuen Schläuchen handelt. Diese Behandlungen werden selbstverständlich als medizinische Rehabilitation Suchtkranker bezeichnet und von den Rentenversicherungsträgern bzw. den Krankenkassen oder Sozialhilfeträgern bezahlt. Man muss halt nur den Arztkittel über die Soutane ziehen…
Man mag dies für verwerflich halten und die Leistungsträger tadeln, weil sie christliche Mission als medizinische Leistung finanzieren. Doch dies wäre aus meiner Sicht zu streng geurteilt: Die sog. Suchttherapie war schon immer Bekehrung nach christlichem Vorbild, trotz psychotherapeutischer Fassade. Es ändert sich also nicht allzu viel, wenn die Süchtigen nun zusätzlich noch ein bisschen mit Weihwasser besprüht werden.
Doch ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Eine große Zahl von Drogenabhängigen sind ja nicht freiwillig in diesen Einrichtungen. Ein Richter hat sie vor die Alternative gestellt: Therapie oder Strafe. Und nun kommen diese Leute in die Suchteinrichtung, werden, wie üblich, zusammen geschissen wegen ihres verwerflichen Lebenswandels und wenn sie dann ganz am Boden und zerknirscht sind, hörten sie ein zartes Stimmchen. Es ruft: Hosiannah! So etwas hat dann schon das Odium der zwangsweisen Bekehrung von Heiden.
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11.11.2006 von Hans Ulrich Gresch.
In der Straßenbahn. Es ist ein trüber, düsterer Tag. Und ich fahre zu einem unangenehmen Treffen. Meine Laune ist mies.
Die Tram rattert wie Presslufthämmer.
Ein Mann unbestimmten Alters setzt sich neben mich. Er trägt eine eigentümliche Kappe und hat einen Rauschebart. Seine Kleidung ist grau und wirkt zerschlissen. Ich schaue gelangweilt aus dem Fenster.
“Dort draußen ist das Paradies!” sagt der Mann, als sei er ein vertrauter Begleiter.
“Das Paradies stelle ich mir anders vor!”
“Doch”, wiederholt er, “dort draußen ist das Paradies!”
Wir schweigen einige Minuten. Doch dann: “Sie sehen es nur nicht, das Paradies.”
Der Kerl ist offenbar hartnäckig. Um die Sache abzukürzen, sage ich: “Mit Jesus müssen Sie mir nicht kommen. Dagegen bin ich immun.”
“Doch, Jesus steckt Ihnen in den Knochen. Sie wissen es nur nicht.”
“Das ist mir neu!” erwidere ich amüsiert.
“Sie sagen doch selbst, dass Sie das Paradies nicht sehen. Und das ist der Grund: die Jesus-Seuche!”
Das Gespräch hat eine seltsame Wendung genommen, mit der ich nicht gerechnet hatte. Und so schaue ich mir den Menschen genauer an. Er sieht aus wie ein Penner. Aber er stinkt nicht - nicht nach Alkohol, auch nicht nach Schweiß.
“Sie sehen es wohl, das Paradies?” frage ich.
“Bei Satan, ja!”
“Sind Sie etwa Satanist?” lache ich. “Und es sind wohl satanische Kräfte, durch die Sie das Paradies sehen können.”
“Nein, das Paradies zu sehen, ist der Normalzustand. Sie sehen das Paradies nicht, weil sie eine zerstörerische Kraft daran hindert.”
Die Fahrgäste um uns herum sitzen wie erstarrt auf ihren Bänken,und ich spüre, wie sie innerlich von uns abrücken. Für Sekunden spiele ich mit dem Gedanken, an der nächsten Haltestelle auszusteigen, um diesem Irren zu entkommen.
Doch dann will ich es wissen:”Und welche Kraft soll das sein?”
“Es ist das Gewissen!”
Die Straßenbahn hält. Der Mann steigt kurz nickend wortlos aus und verschwindet im Gedränge.
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9.11.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Der berühmte Schriftsteller und Erfinder des größten Indianerschwindels seit Karl May, Carlos Castaneda hatte einmal ein unheimliches Erlebnis mit einem Yogameister. Der Arzt Claudio Naranjo, der seine Patienten mit halluzinogenen Drogen zu behandeln pflegte, hatte das Gespräch zwischen Castaneda und dem Guru arrangiert.
Castaneda versuchte, Parallelen zwischen seinen Erfahrungen und den Lehren des spirituellen Lehrers zu entdecken. Aber die Konversation beschränkte sich auf Belanglosigkeiten und umständliche Rituale.
Gegen Ende des Gesprächs ergriff der Meister einen Gegenstand, der wie ein Wäschesprenger aus Metall aussah. Er begann, Castaneda mit einer Flüssigkeit zu besprühen, die ihm ganz und gar nicht gefiel. Danach zog sich der Guru zurück.
Der Schriftsteller fragte einen der Jünger des Meisters, womit ihn dieser besprüht habe. Zunächst wurde ihm nur beschieden, dass er sich glücklich schätze dürfe, der Göttliche habe ihm eine große Ehre erwiesen. Doch Castaneda bestand darauf zu erfahren, was das Gefäß enthielt.
Schließlich räumte man ein, dass man alle Ausscheidungen des Meisters aufbewahre: „Alles, was aus ihm kommt, ist heilig!“
(Quelle: Graciela Corvalan: Der Weg der Tolteken. Ein Gespräch mit Carlos Castaneda. Frankfurt a. M., Fischer Verlag. 1987)
Aus dieser Geschichte lernen wir, dass wir den Segnungen der Gurus besser nicht blind vertrauen sollten.
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