Am Stammtisch
Am 2. Februar strahlte die ARD einen Fernsehfilm über einen Bundeswehrsoldaten aus, der nach seiner Rückkehr vom Einsatz in Afghanistan unter schweren psychischen Problemen leidet. Am folgenden Tag wurde ich zufällig Ohrenzeuge eines Stammtischgesprächs, in dem ältere Herren sich gegenseitig in der Ansicht bestätigten, dass nur Feiglinge oder Schwächlinge an der Front zusammenbrechen.
Vermutlich hatten diese Männer nie einen Krieg erlebt – von Kampferfahrung ganz zu schweigen. Doch auch Kriegsteilnehmer neigen nicht selten zu solchen Ansichten. Das liegt nicht allein daran, dass nur eine Minderheit der Soldaten an der Front war. Der Grund dafür ist auch die sattsam bekannte Neigung des Menschen zum Selbstbetrug und zur Verlogenheit.
An der Front
Die Mythos vom Kriegshelden hält den Tatsachen nämlich nicht stand. In seinem Buch „The Painful Field“ hat der amerikanische Historiker Richard A. Gabriel Fakten zusammengetragen, die eindeutig belegen, dass es keine Kriegshelden gibt. Ich referiere die wichtigsten Einsichten aus seinem lesenswerten Buch:
Während des 2. Weltkriegs feuerten gerade einmal 15 Prozent der amerikanischen Frontsoldaten ihre Waffen ab - unabhängig davon, ob sie angriffen oder angegriffen wurden. Die meisten Soldaten hatten einfach zu viel Angst, so dass sie nichts anderes taten als in ihren Schützenlöchern auszuharren.
Nahezu alle Soldaten, die mehr als einen Monat dem Stress der Front ausgesetzt sind, entwickeln psychiatrische Symptome. Die Vorstellung, dass nur Feiglinge zusammenbrechen, ist ein Mythos, der durch militärpsychologische und militärpsychiatrische Studien eindeutig widerlegt wird. Und diese Erfahrungen beziehen sich vor allem auf Kriege, die erheblich weniger intensiv waren als ein moderner konventioneller Krieg.
Während des Kalten Krieges beschäftigten sich die Militärstrategen beider Blöcke natürlich auch mit Prognosen der Kampfkraft ihrer Truppen. Projektionen für rein konventionelle Kriegsszenarios zwischen Warschauer Pakt und NATO in Mitteleuropa aus dieser Zeit legen nahe, dass während einer Woche die psychiatrisch begründete Kampfunfähigkeit rund 40 bis 50 Prozent aller Fälle ausgemacht hätte - auf beiden Seiten.
In jedem Krieg sind Furcht und Erschöpfung ständige Begleiter. Die Erfahrung der Schlacht ist eine der bedrohlichsten, stressvollsten und schreckerregendsten Erfahrungen, die von Menschen auszuhalten erwartet wird. Schwere emotionale Reaktionen sind weder seltene, noch isolierte Ereignisse.
Es kann kein Zweifel daran bestehen: Die Kriegstechnik ist so destruktiv geworden, dass die Frage aufgeworfen wurde, ob irgend ein Soldat, außer den ohnehin schon Verrückten, das Schlachtfeld noch auszuhalten vermag. Die Hinweise, die wir haben, lassen erkennen, dass die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit bereits erreicht wurden.
Obwohl die amerikanische Armee während des I. und II. Weltkriegs durch gründliche psychiatrische Untersuchungen die Schwachen auszusondern versuchte und nur die angeblich Starken an die Front geschickt wurden, gelang es ihr nicht, psychiatrische Zusammenbrüche infolge des Kampferlebnisses zu vermindern.
Psychiatrische Krankheiten waren die größte Einzelkategorie bei den Behindertenrenten, die nach dem II. Weltkrieg von der amerikanischen Regierung gewährt wurden.
Während des I. Weltkriegs wurden 27,7 % der Frontkämpfer aus der Kampfzone wegen eines psychiatrischen Zusammenbruchs evakuiert. Weitere 16,6 % wurden vorübergehend in psychiatrische Einrichtungen gebracht.
Während des II. Weltkriegs litten 1.393.000 amerikanische Soldaten an psychiatrischen Symptomen, die sie zumindest vorübergehend dienstunfähig machten.
37,5 % der amerikanischen Frontsoldaten wurden während des II. Weltkriegs wegen psychiatrischer Probleme entlassen.
Interviews mit amerikanischen Frontsoldaten ergaben, dass während des II. Weltkriegs nicht mehr als 15 % der Soldaten ihre Waffen abfeuerten, selbst wenn sie angegriffen wurden. Sogar in Elite-Einheiten, die für ihre Aggressivität bekannt waren, stieg dieser Anteil nur auf 25 %. Dasselbe Bild ergab sich bei den Piloten. Auf nur 1 % entfielen mehr als 40 % der Abschüsse.
In Korea erlitten 24,4 % der amerikanischen Frontsoldaten so schwerwiegende psychiatrische Zusammenbrüche, dass sie zumindest vorübergehend kampfunfähig waren.
Vietnam: 12,5 % der Frontsoldaten (=Soldaten mit Kampferfahrung) wurden psychiatrische Fälle. Der Vietnamkrieg war kein sehr intensiver Krieg, so erklärt sich die vergleichsweise niedrige Zahl. Allerdings erkrankten nach dem Krieg mehr Veteranen an Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS) als nach jedem anderen Krieg zuvor.
Untersuchungen zeigten, dass etwa 2 Prozent der Soldaten im Frontkampf nicht zusammenbrechen. Dabei handelt es sich um Menschen, die bereits vor dem Soldatenleben psychopathische Persönlichkeiten waren.
(Quelle: Gabriel, R. A. (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York, Westport, Con., London: Greenwood Press)
Posttraumatische Belastungsstörung
Wenn sich die Bundeswehr weiterhin an internationalen Kampfeinsätzen beteiligt, dann ist natürlich mit einer steigenden Zahl von Menschen in unserer Mitte zu rechnen, die durch Kriegserfahrungen schwer traumatisiert wurden. In vielen Fällen werden die Traumata diese Veteranen ein Leben lang begleiten und mitunter irreversible psychische Störungen hervorrufen.
Nachdem die Bundesregierung dieses Problem lange ignoriert hat, will sie nun – wie die Süddeutsche Zeitung am 2. Februar 2009 berichtete – ein Forschungszentrum für die sog. Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) einrichten. Die Diagnose PTBS wurde 1980 in die dritte Revision des „Diagnostisch Statistischen Manuals“ (DSM) aufgenommen. Das DSM ist die internationale Psychiater-Bibel zur Psychodiagnose. Die Aufnahme der PTBS erfolgte auf Druck der Verbände von Vietnam-Veteranen. Obwohl dadurch eine neue Krankheit, ein neues „Syndrom“ kreiert wurde, sind die Phänomene, auf die sich diese Diagnose bezieht, natürlich so alt wie der Krieg. Durch die Aufnahme wurden sie jedoch offiziell zur Krankheit.
Doch es handelt sich nicht um eine Krankheit. Die Verhaltensmuster, aufgrund derer die betroffenen Soldaten diese Diagnose erhalten, sind die ganz normalen Reaktionen normaler Leute auf eine verrückte Situation. Die menschliche Natur hält dem extremen Stress eines Kampfeinsatzes über einen längeren Zeitraum nicht stand. Jeder hat seinen Bruchpunkt. Wer diesen Bruchpunkt nicht innerhalb weniger Wochen an der Front erreicht, der ist nicht normal.
Eine Frage des Staates und die Antwort der Soldaten
Aus meiner Sicht sind die sog. Psychischen Störungen in Wirklichkeit keine Krankheiten, sondern Strategien zur Daseinsbewältigung. Auch die „Posttraumatische Belastungsstörung“ eines Soldaten macht hier keine Ausnahme. Es ist eine Strategie, den Wahnsinn des Krieges zu bewältigen und dabei ein normaler Mensch zu bleiben, sich also nicht in ein Monster zu verwandeln.
Selbstverständlich entwickelt nicht jeder Soldat, der in Afghanistan eingesetzt wird, ein „posttraumatisches Belastungssyndrom“. Die psychischen Auswirkungen hängen natürlich von der Intensität und Dauer des Kampfeinsatzes ab, vom Ausmaß der Stresserfahrung also. Je brutaler der Krieg, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Soldat jene Strategie der Daseinsbewältigung wählt, die unter dem Begriff „PTBS“ medikalisiert wurde. Durch diese Medikalisierung wird eine gesunde Reaktion zur Krankheit erklärt. Sie wird individualisiert. Man schiebt den betroffenen Soldaten in die Röhre eines Computer-Tomographen und stellt u. U. fest, dass sich sein Hirn strukturell verändert hat. Das ist dann in etwa so, als hätte er ein Bein verloren.
Doch er hat kein Bein verloren, ihm fehlt nichts. Der Brain-Scan zeigt nur, dass sein Gehirn normal auf eine wahnsinnige Erfahrung reagiert und sich so verändert hat, dass es das Verhalten im Sinn einer Strategie steuern kann, die das menschliche Ansicht angesichts der Barbarei wahren soll.
In der „Welt online“ vom 4. Februar 2009 befürchtet der Kommentator Michael Stürmer, dass der Druck, „das Grauen sich selbst zu überlassen“, beständig zunehmen werde, je mehr Traumatisierte ihre Geschichte erzählen. Dies aber hätte Folgen „weit über den Hindukusch hinaus. Es ginge um die alte Frage, „was der Staat von den Seinen verlangen darf – und warum.
Soldaten, die im Krieg ausrasten, durchdrehen, geben eine Antwort auf diese Frage. Sie ist vielstimmig:
So antworten viele Soldaten auf die Frage des Staates, was er ihnen im Kriege zumuten darf. Dem ist nichts hinzuzufügen.
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18.3.2009 bei 21:42
Hallo ich bin ein Mensch der seinen Mitmenschen Helfen will!
Und auch unseren armen JUNGS!
Ich habe heute eine Doku gesehen die ppsk kranken helfen könnte. Alle die das lesen die einen Soldaten kennen oder bessere kontakte haben um diesen link weiter zu geben.
http://video.google.com/videoplay?docid=4138421693709628007
Geheimes Russland - Moskau - Die Zombies der roten Zaren