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30.1.2009 von Hans Ulrich Gresch.
Dank rasanter Entwicklung bei den Computern und den Tomographen können die Psychiater, Neurologen und Psychologen dem Hirn bei der Arbeit zuschauen und die Bilder werden immer präziser. Der Hype begann in den Vereinigten Staaten und schwappt nun auch nach Deutschland über: Die traditionellen Psycho-Wissenschaften mutieren zur Neuro-Psychiatrie, Neuro-Psychologie, Neuro-Psychotherapie und Neuro-Psychoanalyse.
Die Biologisten sonnen sich im Aufwind. Was ihre Vorväter Ende des 19. Jahrhunderts bereits verkündeten, bestätigt offensichtlich die moderne Wissenschaft: Psychische Störungen sind Hirnerkrankungen. Ist doch klar, oder. Können Brain-Scans lügen?
Natürlich nicht. Für Leute, die nicht an eine unsterbliche Seele glauben (und deren Zahl nimmt erfreulicherweise zu)… für diese Leute steht fest, dass unser Verhalten und Erleben ein Effekt unseres Nervensystems ist. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich die Hirnaktivität von Menschen mit extremen Ängsten, abweichenden Gedanken, chronischer seelischer Verstimmung, Störungen der Aufmerksamkeit usw. systematisch von der Hirnaktivität der “Normalen” unterscheidet.
Wenn aber das Verhalten und Erleben grundsätzlich vom Nervensystem abhängt, dann sollte man erwarten, dass sich immer dann systematische Unterschiede zeigen, wenn Personengruppen durch unterschiedliche Lebenspraxis gekennzeichnet sind. Ein sog. Schizophrener, der beispielsweise früh verrentet wurde und seine Tage vor dem TV-Gerät oder im Patienten-Club einer wohltätigen Organisation verbringt, beschäftigt sich zwangsläufig mit anderen Dingen als beispielsweise ein Architekt, der von morgens bis abends Häuser entwirft. Ein Mensch mit Angst vor Menschen wird sich anders verhalten, anderes erleben als eine Betriebsnudel.
Solche Unterschiede der Aktivität finden sich aber nicht nur in Vergleichen zwischen den sog. psychisch Kranken und den Normalen. Nehmen wir z. B. Taxifahrer. Man mag von diesen Leuten ja halten, was man will, die Unterstellung, sie seien generell psychisch krank, wäre sicher abwegig. Nun haben britische Wissenschaftler Londoner Taxifahrer in die Röhre geschoben und ihr Gehirn durchleuchtet. Sie stellten fest, dass bei den “Black-Cab-Drivers” eine Hirnregion, der Hippocampus deutlich gegenüber der Normalbevölkerung vergrößert war.
Bedeutet dies, dass diese Normabweichung pathologisch ist, dass es sich beim Taxifahren in London um eine psychische Krankheit handelt? Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Wer in dieser Stadt Taxi fährt, brauch Seelenruhe und ein sonniges Gemüt. Neurophysiologische Normabweichungen berechtigen also nicht zu einer psychopathologischen Diagnose. Vor allem aber ist keineswegs klar, ob sie die Ursache oder die Folge des von der Norm abweichenden Verhaltens sind. Es wäre kaum plausibel anzunehmen, dass Menschen mit einem angeboren vergrößerten Hippocampus nicht eher ruhen, bis sie Taxifahrer in London geworden sind.
Die Marketing-Experten der Pharma-Industrie sollten sich durch solche rationalen Erwägungen aber nicht vom Kurs abbringen lassen. Schließlich zeigen die Befunde der Neuro-Marketing-Forschung eindeutig, dass der Konsument bei seiner Kaufentscheidung von seinen Emotionen beherrscht wird. Die fürs Emotionale zuständigen Hirnareale leuchten in den Brain-Scans auf wie Weihnachtsbäume, wenn Konsumenten in der Röhre zwischen Waren wählen sollen. Allein die Erwähnung einer Marke wirkt da Wunder. Was für Coca-Cola oder Mercedes gilt, sollte doch auch auf Psychopharmaka zutreffen. Warum also sollte man den Verstand der Konsumenten übermäßig beanspruchen, wenn die gefühlsmäßig schlichte Botschaft, ein Medikament entstöre das Gehirn, seine Wirkung nicht verfehlt?
Außerdem ist es unklug, wenn Werbung Dissonanzen zum herrschenden Zeitgeist erzeugt. Wir leben schließlich in einer individualistischen Gesellschaft, in der jeder seines Glückes Schmied ist. In einer solchen Gesellschaft stößt natürlich die Botschaft auf Unverständnis, dass die sog. psychischen Krankheiten Ursachen hätten, die von der Gesellschaftsstruktur abhängen. Nein, nein, das kann nicht sein. Wer psychisch gestört ist, bei dem stimmt etwas im Dachstübchen nicht. Wir sind OK, die sind nicht OK. Oder?
Die Wissenschaft hat’s bewiesen. Was soll man da noch lange diskutieren?
PS: Aber - wenn doch das Individuum das Maß aller Dinge ist, warum messen wir dann das Verhalten und Erleben der sog. psychisch Kranken an kollektivistischen Maßstäben, an der Norm?
Geschrieben in Psychopathologie, Psychopharmaka, Psychiatrie | Drucken | 1 Kommentar »