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Dezember 2008
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Archive für 20.12.2008

Atmen, essen, trinken, foltern

1962 verwirklichte der amerikanische Psychologe Stanley Milgram ein Experiment, das unter seinem Namen weltberühmt wurde. Es zeigte, dass die meisten seiner Versuchspersonen gute Versuchspersonen sein wollten. Um dies zu beweisen, folterten sie auf Anweisung des Experimentators und hörten damit auch nicht auf, als die Gefolterten vor Schmerzen aufschrieen und das Experiment abbrechen wollten. Die Versuchspersonen wussten nicht, dass die Folter nur vorgetäuscht war und die Schmerzen von den “Gefolterten” nur simuliert wurden. Damals wurde das Experiment in vielen Weltgegenden wiederholt, mit vergleichbaren Ergebnissen.

2006 wollte der amerikanische Psychologe Jerry M. Burger wissen,  ob das Bedürfnis von Versuchspersonen, gute Versuchspersonen zu sein, heute noch unverändert stark ausgeprägt ist. Sein Experiment bestätigte Milgrams Befund. Zur Zeit berichten die Medien weltweit darüber, weil nun der entsprechende Forschungsbericht in der Fachzeitschrift “American Psychologist” vröffentlicht wird.

Erschütternd finde ich nicht diese auch nach Jahrzehnten unveränderten Ergebnisse, sondern das ungläubige Entsetzen, das sie auslösen.  Als wäre es etwas Neues, dass Menschen - und nicht nur die Deutschen - willige Vollstrecker sind. Wozu sind derartige Experimente denn überhaupt erforderlich. Abu Ghraib. Guantanamo. Brutale Misshandlung in russischen Gefängnissen. Ich könnte dieses Blog überquellen lassen mit Stichworten zum Thema “Folter”.

Es müssen aber nicht immer glühende Eisen, Elektroschocker oder Streckbänke sein. Auch die alltägliche seelische Grausamkeit kann Menschen psychisch und physisch vernichten. Ich habe es am eigenen Leibe erlebt, wie ein ehemaliger Arbeitgeber, dem meine politische Gesinnung und mein Kampf gegen Folter-Gehirnwäsche  nicht gefiel, Kollegen gegen mich instrumentalisierte: Bossing. Sie machten alle mit, selbst jene, die mir zuvor wohlgesonnen waren.

Ich will mich nicht beklagen. Ich habe oftmals Fälle beobachtet, in denen die Opfer ungleich härter betroffen waren als ich. Was mich am meisten erschüttert ist das Eingeständnis, dass ich selbst unter Umständen so missbraucht werden könnte - das auch ich wahrscheinlich im tiefsten Grunde meiner Seele nicht besser bin, in dieser Hinsicht, als andere Menschen.

Und so frage ich mich: Ist das die menschliche Natur? Oder sind es die Umstände?

Früher wäre es mir leicht gefallen, diese Frage zu beantworten: Klar, der Kapitalismus ist schuld. Er richtet die Menschen zu willigen Befehlsempfängern ab, damit er sie besser beherrschen und ausbeuten kann. So dachte ich als Heißsporn in meiner Jugend und ließ die rote Fahne flattern. Diese habe ich inzwischen wieder eingerollt, nachdem mich meine psychologischen Analysen menschlicher Geschichte eines Schlechteren belehrt haben. So einfach ist das nicht.

Menschen fürchten allzu große Komplexität. Wenn die Welt zu unübersichtlich wird, streben sie nach Komplexitätsreduktion. Vertrauen ist, wie Luhmann in einem gleichnamigen Werk beschrieb - Vertrauen ist ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität. Unterordnung unter den Willen anderer, die als überlegen betrachtet werden, ist ein anderer derartiger Mechanismus. Die individuelle Moral bleibt da leicht auf der Strecke. Auch sie reduziert Komplexität, gibt Verhaltenssicherheit, aber doch in weitaus geringerem Maße als der Befehl einer Autorität.

Daran müssen wir Menschen arbeiten. Wir müssen uns umerziehen. Die Zeit des Individuums ist noch nicht angebrochen. Die Morgenröte des Individualismus beleuchtet eine humane Welt.

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