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12.12.2008 von Hans Ulrich Gresch.
In einem modernen konventionellen Krieg landet ein Soldat eher in der Psychiatrie als im Zinksarg. Der Mensch ist für den Wahnsinn, den extremen Stress eines Kriegs mit tödlichen, hochtechnisierten Waffensystemen nicht geschaffen. Nach rund einem Monat an der Front sind 98 Prozent der Soldaten zusammengebrochen. Früher oder später erreicht fast jeder seinen Bruchpunkt.
Die verbleibenden Fälle sind Psychopathen, die schon vor ihrem Wehrdienst besonders anfällig waren für Furcht und Moral. Psychiatrische Zusammenbrüche sind also ein erhebliches Problem moderner Streitkräfte. Dass nur Feiglinge und schwache Charaktere aus psychischen Gründen an der Front versagen, ist eine durchsichtige Legende. Vielmehr ist der psychiatrische Zusammenbruch im Kriege die normale Reaktion gesunder Leute auf eine wahnsinnige Situation.
Was für den konventionellen Krieg zutrifft, gilt selbstverständlich in gesteigertem Maß für den taktischen Nuklearkrieg. In ihm werden die allgemeinen angstauslösenden Faktoren des modernen Kriegs durch eine Quelle der Bedrohung ergänzt, die heimtückischer nicht sein könnte: Strahlung. Aber auch die moralische Belastung ist ungleich größer: Denn in einem taktischen Nuklearkrieg ist die Gefahr der Kollateralschäden erheblich größer als in einem konventionellen Krieg. Davon können die eigenen Kameraden betroffen sein und - wenn der Krieg im eigenen Land stattfindet - natürlich auch die zivilen Landleute.
Die NATO wollte im Falle eines sowjetischen Angriffs auf Deutschland taktische Nuklearwaffen einsetzen. Sie wollte die heranrollenden sowjetischen Panzer an der deutsch-deutschen Grenze mit Mini-Nukes aufhalten.
Und so erhielten die Holzschnitzer in Oberammergau einen Geheimauftrag. Sie sollten die Soldaten schnitzen, die den traumatisierenden Stress eines solchen Krieges aushalten.
Um das Problem wirklich zu verstehen, muss man ins Detail gehen:
Die taktischen Nuklearwaffen in den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten die Besonderheit, dass der Radius der Kollateralschäden weit größer war als der Radius der Schadeinwirkungen auf den Feind. Außerdem war die Treffsicherheit wesentlich geringer als in unseren heutigen Zeiten des durch Satelliten überwachten, computergesteuerten präzisen Todes durch chirurgische Schnitte mit begrenzten Kollateralschäden. Heute steht auch die Neutronenbombe zur Verfügung, die ein wesentlich günstigeres Verhältnis zwischen Feindschäden und Kollateralschäden aufweist.
Damals aber hätte man sehr viele taktische Nuklearwaffen zünden müssen, um die sowjetischen Panzer an der deutsch-deutschen Grenzen zu stoppen - die Auswirkungen auf die deutsche Bevölkerung in unserem dicht besiedelten Land wären verheerend gewesen. Eine wesentliche Verringerung der Kollateralschäden wäre aber durch exakte Treffer möglich gewesen. Dadurch hätte man die Zahl und die Stärke der taktischen Nuklearwaffen, der Mini-Nukes auf ein für die deutsche Bevölkerung “erträgliches Maß” vermindern können. Die Bomben hätten zur richtigen Zeit und am richtigen Ort losgehen müssen, nämlich dann, wenn sich eine größere Zahl sowjetischer Panzer in ihrem Schadensradius befand. Dabei kam es schon damals weniger auf die Detonationskraft, sondern vor allem auf die Strahlung an. Die Mini-Nukes waren direkte Vorläufer der Neutronenbombe, waren allerdings mit erheblich größeren Kollateralschäden verbunden.
Und nun lassen wir unsere Phantasie nach Oberammergau schweifen. Stellen wir uns vor, dort hätten fromme, patriotische Holzschnitzer perfekte Soldaten geschnitzt, wahre Heilige, die sich im Krisenfall in Schützenlöcher gehockt hätten mit ihren kleinen Atombomben und diese genau zur rechten Zeit gezündet hätten. Zeitzünder wären zu ungenau gewesen, und Fernsteuerung hätte nicht funktioniert - aufgrund des elektromagnetischen Pulses der Atombomben, die von den Russen im Weltraum gezündet worden wären (die NATO rechnete damit, dass die Sowjets so die Elektronik und Kommunikation der NATO außer Kraft setzen würden). Die geschnitzten Soldaten hätten also bei ihren Bomben bleiben und mit ihnen in die Luft fliegen müssen. Na ja, einer Holzfigur macht das wohl nicht viel aus - vor allem, wenn sie aus Oberammergau stammt und in Weihwasser gebadet wurde.
PS: Wenn Sie nicht an den Geheimauftrag für Oberammergau glauben, dann habe ich hier einen alternativen Erklärungsversuch für Sie: Ein Sklave der Freiheit (Roman).
PPS: Ein gutes Buch zur Psychologie des modernen Kriegs: Richard A. Gabriel (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York: Greenwood Press
PPPS: Sie glauben, dass Sie selbst aus einer geheimen Holzschnitzerwerkstatt stammen. Dann lesen Sie: Die verspottete Wahrheit.
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