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6.7.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Beim Surfen im Netz fand ich zufällig einen Artikel von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt aus der Wochenzeitung “Die Zeit” vom 28. 11. 2007. Die Schlagzeile lautete: “Nato plante Atomminen in Deutschland“. Die Pläne, von denen er erst als Verteidigungsminister erfahren habe, seien weit gediehen gewesen. Dass die NATO durch atomare Landminen, durch Special Atomic Demolition Munition (SADM) Deutschland auf deutschem Boden vor den Russen schützen wollte, war allerdings zum Zeitpunkt der “Enthüllung” durch die “Zeit” längst bekannt. Entsprechende, freigegebene US-Dokumente standen der Geschichtsforschung schon seit Jahren zur Verfügung. Auch die “Blauen Augen” haben sich nicht dieser Thematik beschäftigt, wie folgender Tagebuch-Eintrag vom 27. 03. 2007 beweist:
Beginn Zitat:
Am 13. November 1964 traf sich der amerikanische Verteidigungsminister McNamara mit seinem deutschen Kollegen Kai-Uwe von Hassel. In von Hassels Gefolge befanden sich der Generalinspekteur der Bundeswehr, Heinz Trettner und General Bernd Freitag von Loringhoven. Von Loringhoven war ein Zeuge der letzten Tage im Führerbunker.
Heinz Trettner bezweifelte, dass die strategische nukleare Abschreckung noch glaubwürdig sei. “Flexible Response”, die gestufte Abschreckung sei nunmehr erforderlich. Diese Einschätzung teilte er mit dem amerikanischen Verteidigungsminister und dessen frischgebackenem Stabschef General Earle G. Wheeler. Die massive Vergeltung solle einem nuklearen Überraschungsangriff oder einem totalen konventionellen Angriff des gesamten Warschauer Paktes vorbehalten bleiben.
Die deutsche Generalität hatte sich auch eine Alternative zum weltweiten atomaren Overkill ausgedacht. General von Loringhoven trug das Konzept vor: Im Falle eines Angriffs der Sowjets auf Westdeutschland sollten Heer und Luftwaffe mit konventionellen Mitteln zurückschlagen. Gleichzeitig aber sollten die atomaren Landminen, die bereits entlang der deutsch-deutschen Grenze deponiert worden waren, gezündet werden. Sobald NATO-Truppen in Gefahr stünden, zerstört zu werden, sollten zusätzliche taktische Atomwaffen eingesetzt werden. Eine weitere Eskalation könne vermieden werden, wenn die sowjetische Aggression auf dieser Stufe gehalten werden könne. Nach diesem deutschen Konzept sollten die Nuklearwaffen nur auf deutschem Boden und nicht gegen die sowjetischen Kommunikationslinien eingesetzt werden.
Waren dies militärische Sandkastenspiele? Oder sollte Deutschland wirklich auf dem atomaren Schlachtfeld geopfert werden. Mit Zustimmung der westdeutschen Führung, ja, sogar einem Konzept der westdeutschen Generalität folgend? Wer weiß.
Ron Chiste war als GI in Deutschland und diente in der 3. US-Panzerdivision. Im Mai 1972 erhielt er den Befehl, die taktischen Atomwaffen scharf zu machen. Was war geschehen? Präsident Richard Nixon hatte angeordnet, dass der nordvietnamesische Hafen von Haiphong bombardiert werden solle. Das Weiße Haus war sich nicht sicher, wie die Russen reagieren würden.
…
Hintergrundfakten zum Kalten Krieg in Deutschland: Ingo Wolfgang Trauschweizer: CREATING DETERRENCE FOR LIMITED WAR: THE U.S. ARMY AND THE DEFENSE OF WEST GERMANY, 1953-1982 . Dissertation: University of Maryland, 2006
Ende des Blog-Eintrags vom 27. 03. 2007
Schmidt behauptet, er habe sich damals den amtierenden Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten, Melvin Laird, zur Brust genommen und ihm, von Soldat zu Soldat, gesagt:
„ … wenn irgendein kommunistischer Kommandeur in der Verfolgung irgendwelcher flüchtigen Leute über die Grenze rüberkommt, und eine atomare Mine geht hoch, dann heben alle deutschen Soldaten die Hände hoch, dann ist Schluss der Verteidigung. Dieses Argument hat den amerikanischen Verteidigungsminister überzeugt. Er war genau wie ich ein alter Soldat und wusste, was man Soldaten zumuten kann und was nicht.“
Ich höre sie immer noch gern, diese markigen Sprüche unseres Weltökonomen und Altbundeskanzlers. In diesem Falle beschleichen mich allerdings Zweifel, ob sie auch auf Wahrheit beruhen. Dies würde nämlich voraussetzen, dass Schmidt und Laird Lichtjahre von der Realität des taktischen Nuklearkriegs entfernt waren. Die SADM sind keine Tretminen, die versehentlich ausgelöst werden könnten, wie obiges Zitat suggeriert. Es handelt sich vielmehr um Gerätschaften von der Größe eines Übersehkoffers, die entweder durch einen Zeitzünder oder unmittelbar durch einen Suicide-Bomber ausgelöst werden.
Schmidt behauptet, er habe diesen “todgefährlichen Unfug” gemeinsam mit dem Amerikaner beseitigen können. Nun glaube ich dem Altkanzler gern, dass er dies glaubt. Wer könnte daran zweifeln, dass er eine ehrliche Haut ist?
Ein amerikanischer Soldat erinnert sich daran, noch 1971 mit diesen Landminen in Deutschland geübt zu haben. Hierzu ein Zitat aus dem Blaue-Augen-Blog vom 22. 3. 2007.
Zitat Anfang:
Arnold Dutcher war 1971 als Soldat der “Spearhead-Division” in Deutschland. Er schreibt in seinen Erinnerungen an diese Zeit: “Während meines Einsatzes in Deutschland trainierte ich hauptsächlich mit der MK-54 SADM. Sie war die leichteste und kompakteste der ADM-Waffen.” Die Mission seiner Einheit, des ADM-Platoons bestand darin, “Dinge in die Luft zu sprengen, die dann Hindernisse wurden, um die Armeen des Ostblocks auf ihrem Weg nach Westen zu stoppen.” Als Ziele kamen z. B. Autobahnen in Frage. Der Einsatz der Kofferbombe wurde beständig geübt. Ein häufiges Übungsgebiet war ein Autobahnabschnitt in der Nähe Hanaus. Die Einsatzgruppe hielt die Zufahrt zum Standort der Bombe frei, beseitigte Unterholz, entfernte Äste und andere Gegenstände, die das Fahrzeug der Truppe behindert hätten. Die letzten Meter mussten Sie den Koffer tragen, der insgesamt etwa 75 kg schwer war.
Die Bombe sollte durch eine internen Zeitschalter gezündet werden. Dutcher und seine Kameraden hatten allerdings den Befehl, in Sichtweite auf die Detonation zu warten. “Dies bedeutetete er erhebliches Risiko für das Team”, schreibt Dutcher, “aber wir wussten, wie wir in Deckung gehen und uns selbst schützen konnten.” (Dutchers Bericht findet sich hier.)
Zitat Ende
Helmut Schmidt wurde 1969 Verteidigungsminister.
PS: In einem hat Schmidt allerdings uneingeschränkt recht: Anständige deutsche Soldaten mit auch nur einem Hauch von Vaterlandsliebe im Leib hätten sich geweigert, diese Waffen auf deutschem Boden einzusetzen und damit ihr Volk, zum Zwecke seiner “Verteidigung”, der nukleare Vernichtung anheimzugeben. Lag es da nicht nahe, dass die NATO, dass die Amerikaner nach Auswegen, nach Ersatz für normale Soldaten suchten? Vielleicht war dies ja auch ein Ziel der Gehirnwäsche-Programme der CIA und der amerikanischen Streitkräfte. So heißt es in einem einst geheimen Dokument der CIA, eine Aufgabe dieser Programme sei es, nach Möglichkeiten zu suchen, wie man Menschen gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen in willenlose Befehlsempfänger verwandeln könne, die wie geistige Roboter tun, was ihnen gesagt wird, auch wenn es das eigene Leben kostet (Memorandum for: Chief, Medical Staff, Subject: Project Artichoke, Evaluation of ISSO role, 25 January 1952, MORI ID 144686).
Könnte es nicht sein, dass diese Gehirnwäsche-Programme keineswegs die erfolglosen Kopfgeburten durchgeknallter Schlapphüte waren, wie uns die Medien suggerieren wollen? Könnte es nicht vielmehr sein, dass hinter ihnen militärische Notwendigkeiten standen? Könnte es nicht sein, dass bestimmte NATO-Strategien, deren Realisierung tatsächlich geübt wurde, im Ernstfall, also nicht im Manöver, ohne gehirngewaschene Selbstmord-Bomber nicht hätten realisiert werden können? Könnte man dann nicht sogar von einem Indizienbeweis dafür sprechen, dass die Gehirnwäsche-Projekte tatsächlich erfolgreich mental versklavte Menschen hervorgebracht haben? Oder hat die NATO eine Strategie entwickelt, für deren Verwirklichung sie zwar die Waffen hatte, aber keine zuverlässigen Leute, die im Krieg den Befehlen zum Einsatz dieser Waffen auch bedingungslos gehorchen? War die NATO ein Haufen von Stümpern?
Es gilt im übrigen zu bedenken, dass die Nuklearkriegsstrategen damals nicht nur vor einem moralischen Dilemma, sondern vor einem noch weitaus größeren handwerklichen Problem standen. Die militärische Führung des Westens waren damals davon überzeugt, dass die Sowjets einen Angriff auf Westdeutschland mit Atombombenzündungen im Weltraum über Deutschland beginnen würden, um durch den elektromagnetischen Puls die Kommunikation des westlichen Bündnisses zu stören und die Elektronik lahmzulegen. Dann wären aus ordinären Zündkabeln gigantische Antennen für die Energie des elektromagnetischen Pulses geworden. Damals war es nämlich noch nicht möglich, die Elektronik und die Kommunikationssystem gegenüber dem elektromagnetischen Puls zu härten. Man lief also Gefahr, dass die nuklearen Landminen überhaupt nicht oder zum falschen Zeitpunkt hochgegangen wären. Wollte man sicherstellen, dass die kleinen Atombomben punktgenau beim Herannahen sowjetischer Panzerverbände explodierten, um die Verstrahlung Deutschlands möglichst gering zu halten, dann brauchte man Leute zur Zündung der Bomben von Hand. Oder gab es eine andere Lösung, die mir nur nicht bekannt ist? Man bedenke: In dieser Zeit gab es auch nicht die heute zur Routine gewordene, höchst effiziente Überwachung von Schlachtfeldern durch Satelliten.
Wir wissen nicht, ob all dies als Problem betrachtet und wenn ja, wie es gelöst wurde. Fakt ist, wie bereits erwähnt, dass die CIA und die Army schon seit Beginn der 50er Jahre nach Möglichkeiten suchten, Menschen durch Gehirnwäsche in willenlose Befehlsempfänger zu verwandeln, die gehorchten, auch wenn es das eigene Leben kostete. Die damals bekannten psychiatrischen und neurologischen Methoden zur geistigen Versklavung von Menschen waren mit Sicherheit nicht geeignet, Erwachsene mit gefestigter Persönlichkeit in Suicide-Bombers zu verwandeln. Mit Kindern war das damals wie heute allerdings durchaus realisierbar. Kinder, die noch keine eigene Persönlichkeit besitzen, kann man dressieren, jeden Befehl auf Kommando zu befolgen, auch unter Missachtung des eigenen Lebens. Man muss nur früh genug beginnen mit der Dressur und darf vor keiner Brutalität zurückschrecken. Mit 12, 13 Jahren wären diese Kinder-Soldaten dann in der Lage gewesen, herannahende sowjetische Panzerverbände mit taktischen nuklearen Landminen auszulöschen.
Das sind natürlich Spekulationen, die voraussetzen, dass die verantwortlichen Militärs gewillt waren, sich über Gesetz und Menschenrecht hinwegzusetzen. Auch dafür könnte man Argumente finden, die auf ein in militärischen Kreisen beliebtes Grundmuster hinauslaufen: “Wer gibt uns das Recht, ein paar Menschenleben zu schonen, wenn wir dadurch Tausenden, Hunderttausenden, Millionen den Tod bringen?”
Wie auch immer: Hoffen wir, besser: seien wir zuversichtlich, dass Deutschlands jüngere Vergangenheit nicht mit einer derartigen moralischen Hypothek belastet ist.
In meinem Roman “Ein Sklave der Freiheit” habe ich ein derartiges Szenario beschrieben. Meine Hauptfigur, Martin Nottick wurde einem real existierenden Menschen nachgebildet. Er erinnert sich an eine Gehirnwäsche in der Kindheit und an seine Ausbildung zum nuklearen Selbstmordattentäter. Ich vermute, ja, auch will gar nichts anderes denken, schärfer, ich verbiete mir etwas anderes zu denken, als dass es sich dabei selbstverständlich um falsche Erinnerungen handelt. Denn sonst hätte die NATO ja Kinder durch Folter, Drogen, Hypnose und sonstige Formen brutaler Dressur in Selbstmordattentäter für Himmelfahrtskommandas im taktisch nuklearen Gefechtsfeld auf deutschem Boden verwandelt. Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Unausdenkbar. Falsche Erinnerungen müssen das sein. Man hört ja so viel von falschen Erinnerungen. Erinnerungen kann man sowieso nicht trauen. Falsch sind sie, diese Erinnerungen, falsch, falsch, falsch. Hysterisch, ja, hysterisch. Und von Psychotherapeuten eingeredet, suggeriert wurden diese falschen Erinnerungen, natürlich, aus Geldgier. Diese Psychos! Sind sowieso meistens Frauen, muss ich mehr dazu sagen?
Verschwörungstheorie, sowieso. Klare Verschwörungstheorie. Gott sei Dank: Falsche Erinnerungen und nichts weiter als Verschwörungstheorie. Durchgeknallte, eben. Weiß man doch. Kennt man ja. Das haben die doch alle aus dem Internet. In den richtigen Zeitungen steht sowas nicht und das Fernsehen bringt auch nichts darüber. Dann gibt es das auch nicht, nie und nimmer.
Die Wahrheit werden wir vermutlich nie erfahren. Vielleicht ist das auch besser so, nach Lage der Dinge. Das Leben geht weiter. Wir Deutsche sollten uns sehr genau überlegen, wem wir in Zukunft unsere Sicherheit anvertrauen wollen. Wir sind das Volk, der Souverän!
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4.7.2008 von Hans Ulrich Gresch.
Niemals auf diesem wunderschönen Erdenrund voll bizarrer Verbrechen gelang es der Polizei, eine satanistische Organisation des rituellen Missbrauchs zu überführen, bei dem Kinder durch Folter, Drogen, Hypnose und Vergewaltigung mental versklavt wurden. Und so ist der Begriff “Satanisch Ritueller Missbrauch” fragwürdig geworden; viele suchen nach einer neuen Bezeichnung für das, was den mutmaßlichen Opfern einer systematischen Spaltung ihrer Persönlichkeit und der Dressur der entstehenden Persönlichkeitsfragmente widerfuhr.
Zu diesen Suchern zählt auch Thorsten Becker. Er ist Sozialarbeiter, Kultberater und Forscher. Er schlägt den Begriff “Ideologisch motivierte Verbrechen” vor. Der Begriff “Satanisch ritueller Missbrauch” werde manchmal, so begründet er seinen Vorschlag, reduziert auf das Bild der Praktiken intergenerativer satanischer Kulte, die auch Kindermord und das Verspeisen von Babys umfassen. Diese Definition sei also zu speziell.
Gegen einen solchen Begriffswandel habe ich prinzipiell nichts einzuwenden - Definitionen sind ja immer willkürlich und warum sollte man die eine willkürliche Definition nicht durch eine andere willkürliche Definition ersetzen. Stutzig macht mich dann allerdings Beckers Aufzählung von Beispielen für “ideologisch motivierte Verbrechen”. Er führt nicht nur Straftaten auf, die von Hexenzirkeln und Voodoo-Kulten begangen wurden, sondern auch die Experimente zur Kontrolle des Bewusstseins, die von amerikanischen und kanadischen Ärzten mit Forschungsgeldern der CIA und anderen staatlichen Institutionen realisiert wurden.
Diese Experimente waren also, folgt man Becker, ideologisch motivierte Verbrechen. Man stelle sich vor, eine Gruppe von Bankräubern raube eine Bank aus. Die Täter werden gefasst und nach ihren Motiven befragt, geben sie zu Protokoll, Geld sei für sie der höchste Wert im Leben, Geld sei für sie fast so etwas wie eine Religion. War dann der Bankraub ein ideologisch motiviertes Verbrechen? Vielleicht, wenn die Bankräuber nach der Tat zum Zündholz gegriffen und mit den Geldscheinen ein Rauchopfer dargebracht hätten.
Es trifft schon zu, dass die Experimente zur Bewusstseinskontrolle während des Kalten Krieges stattfanden und der Kalte Krieg war ja nicht zuletzt auch eine ideologische Auseinandersetzung. Genügt dies, diese Experimente (für die im übrigen niemals ein Experimentator rechtskräftig verurteilt wurde) als ideologisch motivierte Verbrechen zu bezeichnen.
Man halte sich vor Augen, dass diese Experimente keineswegs ideologischen Zielen dienten. Sie sollten handfeste militärische und geheimdienstliche Probleme lösen - real existierende Probleme, für die eine Lösung gefunden werden musste. Und dies keineswegs aus ideologischen Gründen, sondern weil ohne adäquate Problemlösungen die militärischen und geheimdienstlichen Strategien, für die sich der freie Westen entschieden hatte, nicht hätten realisiert werden können.
Natürlich: Ideologien sind Systeme von Ideen und da menschliche Handlungen immer auf Ideen beruhen, ist in diesem weiten Sinne jedes Verbrechen ein ideologisches. Wenn wir den Begriff der Ideologie aber nicht so weit verwässern wollen, dann sollten wir uns schon zu einer Unterscheidungen zwischen ideologischen und beispielweise militärischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Motiven bequemen.
Geheimdienste sind keine Kulte, auch keine politischen Kulte, deren Handeln allein ideologisch erklärt werden könnte oder müsste. Dies gilt insbesondere für die CIA, die im Grunde gar kein Geheimdienst ist, sondern die geheime Armee des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Ihre Hauptaufgabe ist nicht das Beschaffen von Informationen, sondern die Durchführung verdeckter Operationen. Und die Mind-Control-Experimente, die in ihrem Auftrag verwirklicht wurden, sollten ihr helfen, die Effizienz der verdeckten Operationen zu steigern. Diese Operationen mögen ideologische Ziele verfolgen oder durch Ideologien begründet sein, aber an den unsichtbaren Fronten bestimmen Fakten ihren Verlauf und das Vorhandensein oder Fehlen von Methoden, ihnen angemessen zu begegnen.
Auch die US-Armee, die ebenfalls Mind-Control-Methoden entwickelte, ist kein Kult - und handfeste militärische Aufgaben lassen sich nicht mit rituellen Handlungen bewältigen. Die militärischen Führer mit Verantwortung für Soldaten, die an der Front ihre Knochen hinhalten, suchen vielmehr nach Methoden, die den Sieg gewährleisten und zugleich die eigenen Verluste so gering wie möglich halten.
Experten wie Thorsten Becker sind auf dem richtigen Weg, wenn sie ihre Aufmerksamkeit von der nebelhaften Welt eines fiktiv anmutenden Satanisch Rituellen Missbrauchs abziehen. Nun müssen sie lernen, ihr Fernglas und ihr Mikroskop richtig zu adjustieren, damit die tatsächlichen Prozesse, um die es hier geht, in ihren Fokus treten.
Es wäre fatal, die Täter vorschnell zu ‘kultifizieren’. Dadurch legt man sich nämlich fest, ihre Ziele und Motive als irrational und ihre Taten als Ausdruck einer zum Selbstzweck gewordenen Inhumanität zu betrachten. Durch diese Vorentscheidung schließt man logisch zwingend jene Menschen aus dem Kreis der Verdächtigen aus, die ein ausschließlich rationales Interesse an der mentalen Versklavung von Menschen haben könnten.
Zu diesen Verdächtigen zählen zweifellos Geheimdienste und Streitkräfte. Und selbst wenn man die Kult-Anhänger auch in diesen Institutionen wähnt, so verstellt man sich durch die Kult-Vorannahme den Blick auf das gesamte Spektrum möglicher Ziele und Motive dieser Verbrechen. Es sollte einleuchten, dass die Aufklärung dieser Straftaten und die Überführung der Täter durch einengende Sichtweisen nicht gerade erleichtert wird.
Natürlich sind schwarze Roben und Teufelsmasken Spuren, denen man nachgehen muss. Doch seitdem Menschen Verbrechen begehen, neigen sie dazu, falsche Spuren zu legen und eigene Taten Anderen in die Schuhe zu schieben.
Selbstverständlich gibt es weltweit okkultistische Gruppen, deren Weltbild zumindest bei oberflächlicher Betrachtung menschenverachtend erscheint. Für diese Gruppen hat sich die Bezeichnung ‘Satanisten’ eingebürgert, obwohl sich die meisten dieser Gruppe entschieden gegen eine derartige Einordnung verwahren würden. Setzt man sich jedoch näher mit den Ideologien dieser Gruppen auseinander, dann stellt man fest, dass diese vielfach aus einem Sammelsurium von Einstellungen bestehen, die auch außerhalb dieser “destruktiven Kulte” weit verbreitet sind. Hier denke ich beispielsweise an die Einstellung einer ’satanistischen Kirche’, dass man den sozial Schwachen nicht helfen dürfe. Ach, du meine Güte, wie viele Manchester-Liberale, Sozialdarwinisten und Harz-IV-Befürworter denken genauso? Leute mit diesen Einstellungen könnte man natürlich alle als Satansjünger bezeichnen, aber wer außer Fundamentalchristen hätte etwas davon?
Dass diese “destruktiven Kulte” tatsächlich kleine Kinder sexuell missbrauchen, foltern, hypnotisieren, unter Drogen setzen, mit Elektroschocks traktieren, um sie mental zu versklaven, ist keineswegs erwiesen. Es gibt dafür den den blassen Anschein eines Beweises. Und es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass sich aus den Glaubenslehren dieser Kulte foltergestützte Gehirnwäsche ableiten ließe. Manche Kult-Kenner tun sich dennoch leicht, ’satanistische Zirkel’ pauschal diesem Verdacht auszusetzen - gelegentlich mit der Einschränkung, dass wahrscheinlich nicht alle so schlimm seien.
So geht das nicht, meine Damen und Herren Kult-Experten! So geht das wirklich nicht. Warum hackt ihr hier auf Leute ein, die auch nur von ihrer Religionsfreiheit und ihrem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machen? Warum sprecht ihr nur so selten und wenn, dann in nebelhaften Formulierungen, von jenen Gruppen, die tatsächlich und nachweislich Menschen gequält, hypnotisiert, mit Elektroschocks traktiert und unter Drogen gesetzt haben, mit dem erklärten Ziel, sie in willenlose Befehlsempfänger zu verwandeln - und zwar aus Gründen, die kultisch zu nennen im krassem Widerspruch zu der sinnvollen Gepflogenheit stünde, nach einer Entsprechung zwischen Begriff und Sachverhalt zu suchen.
So geht das nicht, so geht das nicht, meine Damen und Herren Kult-Versteher. In dem Film ‘Casablanca’ lässt der korrupte Captain Renault immer “die üblichen Verdächtigen” verhaften, wenn ihn an der Aufklärung eines Vorfalls nicht gelegen ist. Da ‘Casablanca’ ein Kult-Film ist, könnte mancher Kult-Versteher auf die Idee kommen, sich den Captain Renault zum Vorbild zu nehmen und die Verhaftung der einschlägigen Satanisten zu fordern (was praktischerweise folgenlos bliebe, da sie nie beim Namen genannt werden).
Doch Ernst beiseite: Ich will die hier keinen der üblichen Kult-Versteher verdächtigen, er stünde mit den tatsächlichen Tätern im Bunde und verfolge deren Verschleierungsstrategie. Dies bedeutet nicht, dass ich ausschließen mag, der eine oder andere Experte, die eine oder andere Expertin für Satanisch Rituellen Missbrauch sei immer vor der Versuchung gefeit gewesen, mit Apparaten zu kooperieren, die ja letztlich für unser aller Sicherheit sorgen und sich darum weitgehend der demokratischen Kontrolle entziehen müssen. Doch diese Welt ist schon nebelhaft genug, da muss ich nicht auch noch mit Nebelkerzen werfen.
Bei Licht betrachtet wissen wir de facto sehr viel über das Phänomen, das fälschlich als “Satanisch Ritueller Missbrauch” bezeichnet wird. Wir wissen sehr viel und können, Hand aufs Herz, nur sehr, sehr wenig beweisen. Seit 1994 erforsche ich diesen Komplex systematisch und ich habe an mir beobachtet, das ich im Laufe der Jahre, ohne bewusste Absicht, immer weniger nach Beweisen suchte und immer mehr nach stringenten Argumenten für und gegen die eine oder andere Position. Und dies nicht etwa, weil ich Beweise gering schätze, sondern weil Beweise in dieser vertrackten Grauzone ein wertvolles, aber überaus seltenes Gut sind. Eine Argumentation aber, die auf Beweise weitgehend verzichten muss, ist in umso stärkerem Maße auf eine solide Begriffsarbeit angewiesen und kann ohne präzise Definitionen nicht auskommen. Aus meiner Sicht erfüllt die Bezeichnung “ideologisch motivierte Verbrechen” nicht die Voraussetzungen für eine saubere, zielführende Begriffsarbeit.
Lektüreempfehlung: Becker, T. (2008). Re-Searching for New Perspectives: Ritual Abuse / Ritual Violence as Ideologically Motivated Crime. In: Noblitt, R. & Perskin Noblitt, P. (eds.) Ritual Abuse in the Twenty-First Century. Psychological, Forensic, Social, and Political Considerations. Bandon, OR: Robert D. Reed Publishers
Geschrieben in Satanisch Ritueller Missbrauch, Geschichte | Drucken | Keine Kommentare »