April 2008
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Verheerende Grundannahme

Jede Kultur ist durch tiefsitzende Grundannahmen gekennzeichnet. Die meisten Menschen teilen sie und verteidigen Sie auch wider besseres Wissen. Sie sind fundamentaler als jede Religion und im Widerstreit zwischen ihnen und der Logik zieht die Logik den Kürzeren.
Wer diesen Grundannahmen widerspricht, wird schnell zum Außenseiter, es sei denn, es gehöre gleichsam zu seinen Berufspflichten, Dogmen zu widersprechen. Ein Kabarettist, ein Schriftsteller kann davon kommen, normal Sterbliche aber eher nicht.
Eine dieser zentralen Grundannahmen unserer Kultur lautet: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer etwas wirklich will und gut ist, wer die persönlichen Voraussetzungen besitzt und beharrlich sein Ziel anstrebt, wer sich nicht entmutigen oder einschüchtern lässt, der wird auch bekommen, was er sich wünscht.
Es mag diese Grundannahme auch in anderen Kulturen geben, aber für unsere deutsche Nationalkultur ist sie so wichtig wie kaum eine andere. Wir können nicht von ihr lassen, auch wenn sie offensichtlich den Tatsachen widerspricht, auch wenn sie viele mit Minderwertigkeitsgefühlen erfüllt oder gar depressiv macht. Wir können noch nicht einmal angesichts unserer grauenvollen Geschichte von ihr lassen. Denn diese Grundannahme war das Credo Hitlers und der führenden Nationalsozialisten. Dieses Glaubensbekenntnis war der Motor, der Hitler motivierte, die aberwitzigsten Pläne sich auszudenken und bedenkenslos in Angriff zu nehmen. Dieses Glaubensbekenntnis war gleichermaßen einer der Gründe dafür, warum ihn die Deutschen gewähren ließen, warum sie ihm nicht in den Arm fielen.
Die Deutschen glaubten und glauben nach wie vor, dass diese Glücksschmiede über jeder Moral stünden, weil sie nur dann Erfolg haben und weil der Erfolg der Guten, Mutigen und Willensstarken über jeder Moral stehe.
Und so ertragen sie auch die allergrößten Schurken in Politik und Wirtschaft ohne ernsthafte Anzeichen der Gegenwehr. Sie nörgeln zwar und mosern und manche wählen gar Protest; dass man am deutschen Sumpf aber etwas ändern, dass man ihn gar trocken legen könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn. Nicht wirklich. Trotz Linkspartei.
Und der wohl wichtigste Grund dafür ist der ungebrochene Glaube an die Glücksschmiederei. Denn dieser hat natürlich seine Kehrseite. Wer seine Ziele nicht erreicht, der war eben nicht gut und nicht willensstark genug. Er muss sich schämen. Er ist minderwertig. Er hat kein Recht, sich gegen die Erfolgreichen, also die Guten und Willensstarken aufzulehnen .- ganz gleich, wie moralisch verkommen diese auch sein mögen.

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