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April 2008
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Archive für April 2008

Weg zur Freiheit

Ein Leser meiner Web Site “psychoscripte” schrieb mir: “Herr Gresch, Sie sind so furchtbar negativ. Sie verdammen Glauben und Religion, Psychotherapie und Psychotherapeuten. Sie verunglimpfen jede Form der Hilfe, gleich welche, und lassen nur die Selbsthilfe gelten. Wenn einer sich nicht selber helfen kann, dann soll er doch verrecken! Finden Sie, das ist human?”

Meine Antwort: Meine Position mag grausam klingen, sie ist es aber nicht. Sie mag unmenschlich klingen, aber sie ist das Gegenteil. Ebenso wenig, wie wir Hilfe von Höheren Mächten erwarten dürfen, können uns die Erben früherer Priesterherrschaft, die Psychotherapeuten oder Psychiater Aufgaben abnehmen, die nur und nur wir selbst meistern können.

Manchmal rufen mich Menschen an, schwankend zwischen Verzagtheit und Wut, weil ein geliebter Mensch, sei es der Ehepartner, sei es ein Kind, in die “Fänge einer Sekte” geraten ist.

Bestimmt, so lautet oft die Klage, sei der geliebte Mensch durch Hypnose, Gehirnwäsche gar abhängig gemacht, seines freien Willens beraubt worden. Ob ich nicht helfen könne.

Wäre ich geldgierig, dann würde ich den Ratsuchenden ein Wundermittel verkaufen, und, ob dies nun hilft oder nicht, sie wären zufrieden. Denn meist sind sie ja aus demselben Holz geschnitzt wie jene, um die sie sich sorgen. Sie wollen glauben, egal, an was.

Oft entscheide ich mich, die Aussicht auf die schnelle Mark in den Wind zu schreiben und den Ratsuchenden den Bittersaft der Wahrheit einzuschenken. Und also frage ich: “Sind Sie Christ, sind Sie christlich erzogen worden, sind Ihr Kind, Ihre Ehefrau christlich erzogen worden?”
Meist werden diese Fragen bejaht, nicht immer uneingeschränkt, aber im Prinzip.

Dann sage ich: “Dann wurde also bei Ihnen und bei Ihren Lieben schon früh jenes Immunsystem ruiniert, das uns vor den Sekten und allen anderen Verführern schützt. Dann wurde Ihre Kritikfähigkeit und die Ihrer Lieben schon von Kindesbeinen an untergraben. Und da wundern Sie sich?”

Wenn sie nicht sofort auflegen, behaupten die Anrufer meistens, das sei doch übertrieben.

Nein, das ist nicht übertrieben. Die Zerstörung unserer Kritikfähigkeit gegenüber Höheren Mächten und deren Stellvertretern auf Erden, sei es in der traditionellen Variante in Form von Priestern, sei es in der weltlichen Form der Psychotherapie, schwächt unsere Selbstheilungskräfte und unser Vertrauen in die Macht unseres unabhängigen menschlichen Geistes.

Wenn die Ratsuchenden dann wider Erwarten doch noch einen Rat von mir wollen, dann lautet dieser: Kämpfen Sie nicht gegen Windmühlenflügel. Rennen Sie nicht mit dem Kopf vor die Wand. Entwickeln und pflegen Sie lieber Ihren eigenen Unglauben. Dann steigen die Säfte und Kräfte in Ihnen auf, die sie drigend benötigen, um Ihr Problem zu lösen.

Verheerende Grundannahme

Jede Kultur ist durch tiefsitzende Grundannahmen gekennzeichnet. Die meisten Menschen teilen sie und verteidigen Sie auch wider besseres Wissen. Sie sind fundamentaler als jede Religion und im Widerstreit zwischen ihnen und der Logik zieht die Logik den Kürzeren.
Wer diesen Grundannahmen widerspricht, wird schnell zum Außenseiter, es sei denn, es gehöre gleichsam zu seinen Berufspflichten, Dogmen zu widersprechen. Ein Kabarettist, ein Schriftsteller kann davon kommen, normal Sterbliche aber eher nicht.
Eine dieser zentralen Grundannahmen unserer Kultur lautet: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer etwas wirklich will und gut ist, wer die persönlichen Voraussetzungen besitzt und beharrlich sein Ziel anstrebt, wer sich nicht entmutigen oder einschüchtern lässt, der wird auch bekommen, was er sich wünscht.
Es mag diese Grundannahme auch in anderen Kulturen geben, aber für unsere deutsche Nationalkultur ist sie so wichtig wie kaum eine andere. Wir können nicht von ihr lassen, auch wenn sie offensichtlich den Tatsachen widerspricht, auch wenn sie viele mit Minderwertigkeitsgefühlen erfüllt oder gar depressiv macht. Wir können noch nicht einmal angesichts unserer grauenvollen Geschichte von ihr lassen. Denn diese Grundannahme war das Credo Hitlers und der führenden Nationalsozialisten. Dieses Glaubensbekenntnis war der Motor, der Hitler motivierte, die aberwitzigsten Pläne sich auszudenken und bedenkenslos in Angriff zu nehmen. Dieses Glaubensbekenntnis war gleichermaßen einer der Gründe dafür, warum ihn die Deutschen gewähren ließen, warum sie ihm nicht in den Arm fielen.
Die Deutschen glaubten und glauben nach wie vor, dass diese Glücksschmiede über jeder Moral stünden, weil sie nur dann Erfolg haben und weil der Erfolg der Guten, Mutigen und Willensstarken über jeder Moral stehe.
Und so ertragen sie auch die allergrößten Schurken in Politik und Wirtschaft ohne ernsthafte Anzeichen der Gegenwehr. Sie nörgeln zwar und mosern und manche wählen gar Protest; dass man am deutschen Sumpf aber etwas ändern, dass man ihn gar trocken legen könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn. Nicht wirklich. Trotz Linkspartei.
Und der wohl wichtigste Grund dafür ist der ungebrochene Glaube an die Glücksschmiederei. Denn dieser hat natürlich seine Kehrseite. Wer seine Ziele nicht erreicht, der war eben nicht gut und nicht willensstark genug. Er muss sich schämen. Er ist minderwertig. Er hat kein Recht, sich gegen die Erfolgreichen, also die Guten und Willensstarken aufzulehnen .- ganz gleich, wie moralisch verkommen diese auch sein mögen.

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