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Archive für 2.2.2008

Nachdenken über Psychotherapie ist schädlich

Sie forschen numehr schon seit rund fünfzig Jahren - mit zunehmender wissenschaftlicher Raffinesse und immer dem gleichen Ergebnis. Durchforstet man die empirischen Studien zur Effektivität der Psychotherapie, so zeigt sich - nicht in jeder Studie, so doch in der Gesamtschau - dass keine der untersuchten Methoden sich als eindeutig überlegen erwiesen hat. Die große Ernüchterung hat einen Namen bekommen: Dodo-Bird-Effekt, benannt nach einer Episode aus “Alice in Wonderland”: “Alle haben gewonnen, alle müssen Preise bekommen.”

In der Tat: Psychotherapie ist effektiv. Den Klienten geht es hinterher ein bisschen besser als vorher. Nicht wenige Klienten werden angesichts dieser Wohltaten sogar zu leidenschaftlichen Therapie-Gläubigen und können nicht genug bekommen davon. Und sie schwören auf jene Therapie, die ihnen angeblich geholfen hat. Unisono mit ihren Therapeuten behaupten sie, diese und nur diese Therapie habe sie gerettet, alle anderen Therapien seien viel schlechter.

Die Forschung allerdings zeigt, dass die Methode keinen Einfluss hat auf den Therapie-Erfolg. Zum Glück lassen sich weder die Klienten, noch die Therapeuten von diesen nackten Zahlen allzu sehr beeindrucken. Denn ließen sie sich beirren, würde dies die Erfolgsquoten senken. Das klingt verwirrend, ist aber leicht zu erklären. Die Forschung beweist zwar, dass die Methoden unerheblich sind - sie belegt aber auch, dass der Glaube von Klienten und Therapeuten an die Methode ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist.

Es liegt also nahe zu vermuten, dass in Psychotherapien neben der offiziellen Methode - z. B. Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, was auch immer - eine weitere, verborgene Methode angewendet wird. Diese ist den Klienten nicht bewusst - und es ist wahrscheinlich, dass sie häufig auch von den Therapeuten nicht erkannt wird. Diese verborgene Methode hat das Ziel, den Glauben der Klienten und der Therapeuten an die offizielle Methode zu verstärken.

Gibt es Beweise für die Existenz und die Wirksamkeit der verborgenen Methode? Die Psychotherapieforschung hat sich zunächst auf die offiziellen Methoden konzentriert - unter der Vorannahme, das diese einen nennenswerten Einfluss auf das Ergebnis haben müssten. Als sich dies als falsch herausstellte, wandte man sich den sog. unspezifischen Wirkfaktoren zu, also solchen, die allen Methoden gemeinsam sind. Der Glaube von Therapeuten und Klienten an die Methode wurde als einer dieser Faktoren erkannt. Ob es eine offene oder verborgene Methode gibt, diesen Glauben zu verstärken, stand bisher nicht zur Debatte.

Aus meiner Sicht kann es sich nicht um eine offene Methode handeln, denn diese würde vermutlich das Gegenteil von dem erreichen, was angestrebt wird. Deren Botschaft würde nämlich lauten: “Es kommt gar nicht auf die offizielle Methode an, sondern nur darauf, dass ihr an sie glaubt. Es ist im Grunde Wurst, welche Methode wir anwenden, solange ihr euch nur von eurem Glauben daran motivieren und beflügeln lasst.”

Die glaubensverstärkende Methode hätte eindeutig dann die höchste Wirksamkeit, wenn sie dem Bewusstsein von Klienten und Patienten entzogen wäre. Und so kann ich nur hoffen, dass sich kein Psychotherapie-Klient und auch kein Psychotherapeut durch diese Zeilen zum erfolgreichen Nachdenken anregen lässt. Reflexion in Sachen “Psychotherapie” wäre nämlich eindeutig kontraproduktiv. Es ist ein Sakrileg, das Placebo zu entschleiern.

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