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Archive für 28.10.2007

Müssen Psychologen zum Psychologen und, wenn ja, würde es helfen?

Es kommt drauf an. Wenn mich einer fragt, warum sein Kind in der Schule nicht lernen oder sein Frau im Bett was weiß ich nicht machen wolle, ich müsse das doch wissen, ich sei schließlich Psychologe… wenn ich also Derartiges gefragt werde, dann kommt es ganz darauf an, was ich für Laune habe. Ist die schlecht, dann antworte ich: “Ach weißt du, jetzt bin ich schon verdammt alt geworden und ich sag dir, so aus Erfahrung, mein Lieber, die Psychologie, die kannst du in der Pfeife rauchen. Das ist doch nur eine Sammlung von bestenfalls Lebensweisheiten, meist auch nur Banalitäten, denen hochtrabende Begriffe angepappt wurden wie ein Etikett im Supermarkt.”

“Klar”, lautet dann meist die Antwort. “Hab ich mir auch schon oft gedacht und mich’s nur nicht zu sagen getraut. Also, ich will dir ja nicht zu nahe rücken…” - Mein Gesprächspartner kommt dann meist ganz dicht auf mich zu. - “Also, ich will dir ja wirklich nicht zu nahe rücken, aber, sag mal ehrlich, die meisten Psychologen haben doch selbst eine Klatsche. Ist es nicht so?”

“Zweifellos. Aber nicht nur die Psychologen. Auch die Psychiater. Die Psychotherapeuten, alle, kannst du alle in einen Sack stecken!”

“Ja, wie kommt denn das bloß?”

stilles_mineralwasser.jpgWenn es die Zeit erlaubt, lade ich meinen Gesprächspartner an diesem Punkt des Geschehens gern auf ein Bier ein und bestelle selbst ein Mineralwasser. Das ist natürlich verdächtig, aber ich lasse ihm keine Chance, um dieses sprudelnde Getränk herumzuschleichen wie um den heißen Brei und fahre fort: “Schau mal, wenn du zum Hausarzt gehst und an der Haustür steht, die Praxis sei wegen einer Erkrankung des Arztes geschlossen, dann wechselt du doch auch auf der Stelle den Hausarzt wegen Unfähigkeit!”

“Quatsch, wieso das denn? Auch Ärzte können doch einmal krank werden.”

“Sicher, und jetzt erklär ich dir, warum die Psycho-Fuzzis alle einen an der Klatsche haben!”

“Ich bin ganz Ohr!”

“Pass auf! Von Psychologen, Psychiatern und Psychotherapeuten erwartet man, dass sie immer psychisch voll gesund sind, dass sie private und berufliche Probleme stets besser lösen als Normalsterbliche, dass ihre Kinder Musterkinder und ihre Ehepartner stets glücklich und folgsam sind.”

“Hmm ja, so betrachtet, also dein Beispiel mit dem Arzt und immer gesund…”

“Nun lass mich mal weitermachen! Also, muss man denn nicht wirklich einen an der Klatsche haben, wenn man sich freiwillig so einem Erwartungsdruck aussetzt? Wer zwingt dich denn dazu. Man könnte doch auch Rechtsanwalt werden oder Feuerwehrmann.”

Meist schweigt mein Gegenüber dann irritiert, ich lasse ihm keine Chance, weitere blöde Fragen zu stellen und galloppiere voran: “Nun fragst du dich bestimmt… also ich kann mir gut vorstellen, wie du dich jetzt tief im Innern fragst: ‘Also, du bist doch Psychologe, du musst das doch wissen, wieso haben die denn alle einen an der Klatsche, die Psychologen?’ Und ich antworte dann: ‘Hast du schon einmal was vom Helfersyndrom gehört?’”

“Na”, sagt mein Gegenüber dann meist, “das sagt doch schon der Name, was das ist. Da will einer immer nur helfen und helfen, übernimmt sich dabei und hinterher ist er vor lauter Helfen fix und foxy.”

“Falsch”, antworte ich mit wissendem Blick. “Ganz falsch. Helfer mit Helfersyndrom wollen in erster Linie gar nicht helfen, sondern sie wollen die Position des Überlegenen einnehmen und bewundert, gar vergöttert werden. Das Helfen benutzen sie nur als Instrument, um sich in diese konfortable Lage zu bringen.”

“Du meinst, die wären…”

“Richtig”, falle ich ihm ins Wort, damit er jetzt gar nichts Falsches sagt. “Genau, die sind Narzissten. Sie leiden an einer bösartigen, an einer höchst destruktiven Form des Narzissmus, die verharmlosend das Helfersyndrom genannt wird.”

“Igitt”, sagt mein Gegenüber, “gut das wir damit nichts zu tun haben”.

“Genau!” sagte ich, ganz entspannt im Hier und Jetzt.

Mein Gesprächspartner schweigt eine Weile. Dann sagt er: “Ey, sag mal, warum trinkst du denn heute nur Mineralwasser?”

“Das möchtest du wohl wissen, ey. Wir können ja darüber reden, ein Stück weit…”

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