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Juli 2007
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Archive für 5.7.2007

Lasset die Kindlein zu mir kommen

Die Linke erfreut sich nicht nur zunehmender Zustimmung bei den Wählern, sie muss auch hektisch Beitrittsformalare nachdrucken. Linke, die bisher grübelnd und mit Magengrimmen in der SPD verharrten, geben sich einen Ruck und folgen ihren alten Idealen in die neue Partei des wiederauferstandenen Geistes der Sozialdemokratie. Linke, die bisher, ihren alten Idealen treu, in Sekten mit ihrer politischen Bedeutungslosigkeit haderten, überwinden ihre Skepsis und schließen sich einer Partei an, in der demokratischer Sozialismus wieder eine Massenbasis gewinnt. Linke, die bisher - Kofler: “progressive Elite” oder Wehner: “freischwebende Arschlöcher” - isoliert in ihren Studierstuben den Lauf der Welt kritisch betrachteten, ergeben sich mit erlahmendem individualistischem Widerstand dem gewaltigen Sog des Erfolgs einer neuen Partei, die wie kaum eine andere Strömung die Wiedervereinigung unserer Nation symbolisiert.

Was ist eigentlich die einigende Kraft, die dieses Phänomen hervorruft? Ist es eine zwingende Ideologie? Ist es der Verrat der SPD? Ist es gar das Charisma von Oskar Lafontaine? Ist es die mediale Aufmerksamkeit im Zuge der Parteigründung?

Wohl kaum, wohl kaum, wohl kaum und noch einmal: wohl kaum. Die Ideologie spielt heute in der deutschen Politik generell eine geringere Rolle als je zuvor. Die SPD hat die Arbeiter nicht zum erstenmal verraten - doch früher blieben sie ihr dennoch treu (aus Gewohnheit und Trägheit, wie mancher Mann seinem untreuen Eheweib). Lafontaine - diese Mischung aus Napoleon und Uwe Seeler - gibt zwar mit Erfolg den guten Kumpel, der sich treu geblieben ist - aber die langen Jahre in zweifelhaften politischen Kreisen haben sein Image angekratzt. Und auch die kurzfristige zusätzliche Aufmerksamkeit, die der Vereinigungsparteitag auslöste, gibt doch höchstens den letzten Anstoß zum Parteieintritt. Nein, all diese Gründe können dieses Phänomen nicht erklären.

Aus meiner Sicht ist es die Kraft der deutschen Einheit und des wiederentdeckten nationalen Interesses, die der Linken Zulauf bringt. Die Linke kämpft gegen die Wurzeln und Auswirkungen der Globalisierung. Die Linke kämpft gegen Bundeswehreinsätze im Interesse des Imperiums. Die Linke propagiert ein Unternehmertum, das sich den Bürgern und der Nation verpflichtet fühlt. Die Linke ist demnach keine Partei nur für Linke, sondern, trotz des Namens, auch für patriotische, antifaschistische Rechte - sie hat das Potenzial, eine gesamtdeutsche Volkspartei zu werden. Die Linke ist im übrigen die einzige Partei in Deutschland, die den Geist und die Schützengraben-Mentalität des Kalten Krieges bewusst überwindet und zu einer Neubewertung nicht nur der DDR, sondern auch der alten BRD gelangt.

Eine große Gefahr besteht natürlich darin, dass das System die neue politische Kraft vereinnahmt und in seinem Interesse ummodelt wie einst die Grünen. Das System spielt mit den allzumenschlichen Begehrlichkeiten wie auf einem Klavier. Eine zweite große Gefahr ist die gegen den neuen Geist gerichtete Propaganda der Herrschenden. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, seit Beginn des Kalten Krieges hat das System die alte, schwarzmagische Kunst der psychologischen Kriegsführung gegen das Volk zu einer höchst effizienten Wissenschaft ausgebaut.

Der Feind ist schlau, so schlau wie nie. Aber das war - Zeichen des Fortschritts - immer schon so.

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