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11.4.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Den meisten Mitbürgern dürfte dieser Begriff überhaupt nichts sagen: Antideutsche Kommunisten. Ein Karnevalsscherz? Keineswegs. Für die antideutschen Kommunisten ist Deutschland die Heimstatt des Bösen. Die deutsche Geschichte musste, aus dieser Sicht, zwangsläufig in einem einzigartigen und unerklärlichen Verbrechen, dem Holocaust gipfeln. Seither seien in diesem Lande, so heißt es, keine Gedichte mehr möglich.
Die Gegengifte zur Bekämpfung des Deutschen in all seinen bösartigen Facetten seien Proamerikanismus, Proisraelismus und Antiislamismus. Die Antideutschen halten jede Kritik an amerikanischer Politik für eine kaschierte Form des Antisemitismus. Antisemit ist auch, wer vor dem Islam kapituliert, indem er z. B. für moslemische Wut auf Amerika und Israel Verständnis äußert oder Toleranz gegenüber den kulturellen Eigenarten des Islams fordert.
Diese politische Strömung mag manchem Grünen des ehemals linken Spektrums dieser Partei geholfen haben, einen gesichtswahrenden Weg ins Lager der Anhänger des US-Imperiums zu finden. Sie hatte also, trotz ihrer Unsichtbarkeit für die meisten Mitbürger, einen beachtlichen, untergründigen Einfluss auf die deutsche Politik zu Zeiten der rot-grünen Koalition.
Dies ändert natürlich nichts an der Absurdität dieser Position. Man denke beispielsweise an die ärgsten Antisemiten, die unverbesserlichen alten und neuen Nazis. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint die antideutsche These, Antiamerikanismus und Antisemitismus seien zwei Seiten einer Medaille, natürlich wie angegossen auf Hitlers Erben zuzutrefen. Doch gemach: Der Antiamerikanismus der Rechtsradikalen war während des Kalten Krieges vielfach eine Kaschierung des Antisemitismus und eine Exkulpierung Amerikas.
Die Nazis machten nämlich für alles, was ihnen an Amerika nicht gefiel, die amerikanischen Juden verantwortlich. Die “arischen” Amerikaner waren, so meinten die Nazis, nicht nur unschuldig, sondern Verbündete im Kampf gegen den Kommunismus (für den ebenfalls die Juden verantwortlich gemacht wurden). Während des Kalten Krieges waren die Nazis also - jenseits aller Camouflage - hartbeinige Proamerikaner. Nur so ist es zu erklären, warum viele Nazis das freundliche Angebot der Amerikaner annahmen, sich in amerikanischen und anderen westlichen Geheimdiensten nützlich zu machen.
Aus diesem Grunde war auch die Amerika-Kritik der Nazis während des Kalten Krieges insgesamt moderat. Paranoider Antikommunismus besänftigte zunehmend den ursprünglich noch vorhandenen Hass auf die Besatzer. Nach dem Niedergang des Kommunismus werden allerdings auch in diesen Kreisen die Stimmen wieder lauter, die den “American Way of Life” im Allgemeinen und amerikanische Kriegspolitik im Besonderen geißeln.
Und so hat sich auch die Haltung unserer Regierenden gegenüber den Nazis geändert. Hielt man früher die rechtsradikale Gefahr für ein linkes Hirngespinst, braune Terroristen für Einzeltäter und paramilitärische Nazitruppen für skurile Sportfreunde, so möchte man heute am liebsten alles mit Stumpf und Stil verbieten, was “national” auch nur zu lispeln vermag.
Die schwarze Magie des Anti, das stumpfsinnige Gegenüberstellen von Pro und Kontra ist ungebrochen. Politisches Denken scheint mit Schwarz-Weiß-Malerei identisch zu sein. Während Kritik und Wissenschaft und Kunst ein Motor des Fortschritts ist, polarisiert sie in der Politik, führt zu Erstarrung und Niedergang.
Atemberaubend sind auch die fliegenden Wechsel: Wer gestern noch den US-Imperialismus verdammte, sieht heute in den Vereinigten Staaten einen Zivilisationsträger und und Beschützer vor islamischer Barbarei. Wer gestern noch der RAF hofierte, verteidigt heute die NPD. Wer gestern noch Wehrsportübungen für ein schweißtreibendes Hobby hielt, wittert heute hinter jeder zackigen Bewegung nationalsozialistische Symbolik. Und das Tollste: Viele, die im rasanter Kreiselbewegung rotieren, vermögen gar keinen Widerspruch zu erkennen zwischen ihren Positionen von gestern und heute. Selbstverständlich seien sie sich im Kern treu geblieben.
Schwarz-Weiß-Malerei und ein rascher Wechsel zwischen Verteufelung und Vergötterung sind die Leitsymptome einer schweren Persönlichkeitsstörung, dem Borderline-Syndrom. Die Zahl der Betroffenen steigt angeblich ständig. Ich frage mich, ob die schwarzmagischen Inszenierungen unserer Politik dafür verantwortlich sind, dass immer mehr Menschen dieser Krankheit erliegen. Oder ist es vielleicht umgekehrt?
Geschrieben in Sozialwissenschaften, Sprache, Magie, Politik | Drucken | 1 Kommentar »