Infos

Sie befinden sich aktuell in den Blaue Augen Blog-Archiven für den folgenden Tag 7.4.2007.

April 2007
M D M D F S S
« Mrz   Jun »
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  

Archive für 7.4.2007

Der große Bruder

Für Menschen meiner Generation waren die Amis so eine Art “großer Bruder”, den man rufen konnte, wenn man von älteren Kindern schikaniert oder verhauen wurde. Wir fühlten uns sicher im Schutz der amerikanischen Streitkräfte, die uns im Falle eines sowjetischen Angriffs schon retten würden. So dachten wir. Wir dachten falsch.

Heute, nachdem die Archive des Kalten Kriegs geöffnet wurden und viele, wenn auch längst nicht alle kompromittierenden Dokumente ans Licht kamen, wissen wir: Die Amis waren weder willens, noch in der Lage, Deutschland vor einem Angriff der Russen zu verteidigen. Sie hätten - so nicht die erklärte Absicht, doch die unausweichliche Konsequenz ihrer Pläne - Deutschland zerstört und sich selbst gerettet. (Wer kann es ihnen verdenken?)

Auch wer keine Zeit hat, sich in Archiven eine staubige Nase zu holen, kann sich im Internet ohne große Mühe die Beweise für diese These zusammensuchen. In der Dissertation von Ingo Wolfgang Trauschweizer

CREATING DETERRENCE FOR LIMITED WAR: THE U.S. ARMY AND THE DEFENSE OF WEST GERMANY, 1953-1982. Dissertation, University of Maryland, 2006

finden sich z. B. ausreichend Belege für meine Einschätzung.

Die amerikanischen Streitkräfte hielten sich den Sowjets für konventionell unterlegen - und die deutschen Militärs stimmten dieser Einschätzung ebenso zu wie die deutschen und amerikanischen politischen Führungen. Es galt daher als ausgemacht, die Russen im Falles eines Einmarsches umgehend nuklear anzugreifen, mit taktischen Atomwaffen, und zwar auf deutschem Boden. Die taktischen Nuklearwaffen besitzen zwar nur einen Bruchteil der Sprengkraft der großen, strategischen Atombomben und Raketen. Doch, da die Russen mit vergleichbarem Kaliber zurück geschlagen hätten, wäre die Zerstörung und nicht die Verteidigung Deutschlands die unausweichliche Folge gewesen. Ich halte es für überaus unwahrscheinlich, dass ein globaler Atomkrieg die zwangsläufige Folge einer taktischen Nuklearschlacht auf deutschem Boden gewesen wäre. Amerikaner und Russen wussten nur zu genau, dass ein globaler Nuklearkrieg die Zerstörung der beiden großen Kontrahenten und wohl auch der Welt bedeutet hätte. Man darf also erwarten, dass sie sich früher oder später unter beidseitiger Gesichtswahrung geeinigt hätten, über einem strahlenden Trümmerhaufen, der einst Deutschland war.

“Deutschland muss atomar aufrüsten!” fordert der 83jährige deutsche Journalist Peter Scholl-Latour in Focus online (29.03.07). “Die Deutschen sollten endlich begreifen”, schreibt er, “dass im Extremfall nicht die perfektionistischen Abwehrsysteme glaubwürdigen Schutz gegen die nukleare Bedrohung durch blindwütige Feindstaaten bieten, sondern – in Ermangelung eines kontinentalen Konsens – die nationale Verfügung über eine eigene atomare Abschreckung.” Die Bundeswehr müsse sich von den “überalteten NATO-Schablonen lösen”. Sie müssen zukünftig über Atomwaffen verfügen, um sich tödlichen Bedrohungen zu erwehren, falls möglich im Verbund mit Frankreich, notfalls aber auch im nationalen Alleingang.

So ist es. Vermutlich wäre es sogar sinnvoll, eine nuklear verstärkte Achse Paris - Berlin - Moskau zu bilden. Den großen Bruder zu rufen, wenn hart auf hart geht, ist kindlich - und wenn Erwachsene ihr Leben auf dieser Haltung aufbauen, dann ist es jämmerlich. Deutsche Politiker haben während des Kalten Krieges die Amerikaner angefleht, sie möchten doch die Russen auf deutschem Boden mit Nuklearwaffen angreifen, wenn sich diese z. B. Westberlin einverleiben sollten. Wer’s nicht glaubt, kann die oben verlinkte Dissertation studieren. Wir sollten das hinter uns lassen - voller Abscheu, mit Grausen.

|