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Archive für 6.4.2007

Atompilze im deutschen Wald

Während des Kalten Kriegs erforschten amerikanische Behörden, allen voran die CIA Methoden der Gehirnwäsche. Eine übergeordnete Forschungsfrage lautete: Wie können wir Menschen dazu bringen, ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen unsere Befehle auszuführen und dabei sogar ihren eigenen Tod in Kauf zu nehmen? Kurz: Amerikanisches Militär und US-Geheimdienste suchten nach Wegen, Selbstmord-Kandidaten für Himmelfahrtskommandos zu kreieren.

Die Amerikaner erprobten zu diesem Zwecke das gesamte Arsenal der modernen Psychiatrie in allen erdenklichen Kombinationen: Drogen, Elektroschocks, Hypnose, sensorische Deprivation, Strahlung. Aber auch die Folter durfte nicht fehlen, um die Opfer durch extremen Stress gefügig zu machen.

Leider wurde der größte Teil der entsprechenden Akten vernichtet, und so bleiben viele Fragen offen. Wozu brauchten das amerikanische Militär und US-Geheimdienste Menschen, die gleichsam auf Knopfdruck Selbstmord begehen? Für Attentate? Verschwörungstheoretiker behaupten zum Beispiel, der Mörder von Robert F. Kennedy, der Palästinenser Sirhan Sirhan sei ein von der CIA gehirngewaschener Selbstmord-Attentäter gewesen. Sein langjähriger, inzwischen verstorbener Anwalt hat mit diesem Argument versucht, ihn aus dem Gefängnis freizubekommen - vergeblich.

Mir scheint die Phantasie der Verschwörungstheoretiker in dieser Frage doch recht eingeschränkt zu sein. Wenn man in jedem besseren Hinterhof, der etwas auf sich hält, Killer im Dutzend billiger bekommt, dann muss sich der Geheimdienst einer demokratischen Gesellschaft zu diesem Zwecke nicht mit derart riskanten und kostspieligen Gehirnwäsche-Projekten abgeben. Es muss wohl etwas anderes, etwas Gewichtigeres dahinter stecken.

Manche Verschwörungstheoretiker meinen, die CIA und andere amerikanische Behörden seien von Satanisten unterwandert worden - und Satanisten, das wisse man ja, brauchten für ihre abscheulichen, gotteslästerlichen Rituale nun einmal mental versklavte Opfer. Dümmer geht’s nicht. Aber es gibt tatsächlich Leute, die diesen indiskutablen Schwachsinn glauben.

Man könnte angesichts all dieser hahnebüchenen Erklärungsversuche für das Interesse der CIA an versklavten Seelen nun zur Tagesordnung übergehen und die Angelegenheit in den großen Topf der abseitigen Verirrungen durchgeknallter Schlapphüte werfen. Man könnte…

Man könnte aber auch darüber nachdenken, ob es eine militärische Notwendigkeit gab, diese Gehirnwäscheforschungen zu realisieren. Wer das Militär kennt, weiß, dass sie überall auf der Welt Menschenleben retten wollen. Der normale Bürger mag sich die Augen reiben, wenn er sich Schlachtenlenker als Lebensschützer vorstellen soll. Aber genau so ist es. Miltärs treibt nur eine Sorge an: Wie kann ich Menschenleben retten?

Während des Kalten Krieges rechneten westliche Militärs ernsthaft damit, dass die Sowjetunion den freien Westen angreifen könne. Man vermutete, dass der Dritte Weltkrieg in Deutschland beginnen würde. Zunächst glaubte man, dass er sich dann schnell zu einem globalen Weltkrieg ausweiten würde. Doch man wäre kein echter Soldat, kein Retter von Menschenleben gewesen, hätte man nicht darüber nachgedacht, den Krieg zu begrenzen. Und in der Tat, Militärs diesseits und jenseits des Großen Teichs kamen auf die Idee, den Krieg nur auf deutschem Boden zu führen.

Die Sache hatte allerdings einen Haken. Die westlichen Kriegsstrategen glaubten, die Sowjets seien dem Westen konventionell überlegen. Auch erlaube ihnen die unendliche Weite ihres Hinterlands die schnellere Mobilisierung großer Einheiten, wohingegen die Amerikaner ja den Ozean zwischen sich und dem potentiellen Schlachtfeld hatten. Also entschloss man sich, Atomwaffen einzusetzen - auch zuerst. Die politische Führung Deutschlands drängte die Amerikaner sogar dazu. Falls die Russen Westberlin besetzen oder gar westdeutschen Boden annektieren sollten, dann sollten die Amis nicht lange fackeln und die Nukes knallen lassen.

Nukes haben bekanntlich nicht nur eine den konventionellen Waffen überlegene Sprengkraft, sie strahlen auch. Es gilt also, die Nuklearwaffen möglichst zielgenau einzusetzen. Je treffsicherer eine Atomwaffe eingesetzt werden kann, desto weniger Sprengkraft benötigt sie und desto geringer sind Strahlung und atomarer Niederschlag. Da unsere Soldaten natürlich Menschenlebenretter sind, dachten sie unermüdlich darüber nach, wie sie die unvermeidlichen taktischen Nukes mit niedriger Sprengkraft möglichst zielgenau einsetzen könnten.

Selbstverständlich wurde die deutsch-deutsche Grenze atomar vermient, und auch wichtige Brücken, Straßen und andere Objekte sollten im Falle eines Falles in die Luft gesprent werden, falls erforderlich, auch mit Nuklearwaffen. Nun gibt es selbstredend zwei Möglichkeiten: Entweder man stellt den Zeitzünder ein und macht die Fliege, um das eigene Leben zu retten. Dann reißt die Bombe ein großes Loch, und wenn der Russe nicht gerade in der Nähe ist, dann überlebt er die Atacke und ist nur zu einem Umweg gezwungen. Oder - und nun kommt die Variante, die Menschenleben rettet: Man wartet, gleichsam mit dem Fernglas auf der Bombe sitzend, bis die Russen kommen und sprengt sich dann, wenn sie nah genug herangekommen sind, mitsamt der Atom-Bombe selbst in die Luft.

Wahre Helden gibt es immer. Manche opfern sich für ihr Vaterland. Aber wer katapultiert sich aus deutscher Vaterlandsliebe mit einer Atombombe auf deutschem Boden selbst nach Walhalla? Sehen Sie, schwierig, schwierig!

Es mag ja heute möglich sein, menschliche “Zündmechanismen” durch satelittengesteuerte Elektronik zu ersetzen (wenngleich Elektronik immer noch durch atomare Explosionen, auch absichtlich in großer Höhe, außer Kraft gesetzt werden kann). Damals, in der Hochzeit des Kalten Krieges gab es aber nur eine Lösung, Menschenleben zu retten, imdem man beim Stoppen und Vernichten der Russen möglichst wenig Strahlung und Fallout erzeugte: Man musste Menschen, durch Gehirnwäsche möglichst von Kindesbeinen an, dazu abrichten, Atomminen zu zünden, sobald die Russen in der Nähe waren.

Das ist natürlich eine wüste Spekulation. Es gibt zwar einige Menschen, die behaupten, sie seien einer derartigen Gehirnwäsche unterzogen worden. Aber die wollen sich doch nur wichtig machen, oder? Die sind doch verrückt, oder? Durchgeknallt, nicht wahr?

Spekulationen dieser Art besitzen dennoch einen gewissen Charme, einen Reiz, dem ich mich nicht zu entziehen vermochte. Und so habe ich in meinen Roman “Das Janus-System” (kostenloser Download) versucht, mir auszumalen, wie eine derartige Dressur abgelaufen sein könnte.

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