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5.4.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Seit geraumer Zeit sind in den deutschen Medien Scharfmacher unterwegs. Ihr Objekt: der Islam und seine Anhänger. Ihr Stil: kühl berechnet, emotionalisierend. Ihr Ziel: Werbung für harte Maßnahmen gegen islamische Staaten.
Dem Feindbild “Islam” stellen die Scharfmacher gleich zwei Gelobte Länder gegenüber: Israel und die Vereinigten Staaten. Es ist sicher nicht verwerflich, Israel und die Vereinigten Staaten zu lieben. Von Israelis bzw. Amerikanern erwarte ich dies sogar. Nur sollte die Liebe dem geliebten Land nicht schaden.
Die Sache hat einen Haken, der selbst politisch Verblödeten in die Augen springt. Die proamerikanischen und proisraelischen Scharfmacher spielen mit ihrer Islam-Verunglimpfung den Neonazis in die Hände. Sie schürt Fremdenfeindlichkeit - Wasser auf die Mühlen aller Rassisten und Ewiggestrigen.
Die Scharfmacher sind nicht dumm genug, dies nicht zu bemerken. So verblendet kann nicht einmal ein national Verliebter sein. Sie nehmen diesen Effekt ihrer Propaganda also billigend in Kauf - als Kollateralschaden.
Vermutlich halten die Scharfmacher den politischen Islam und seine Anhänger für gefährlicher als die deutschen Nazis. Mitunter hat man den Eindruck, sie halten ihn für atombombenreif.
Schon Konrad Adenauer betrachtete Atombomben mit geringer Sprengkraft, heute auch als Mini-Nukes bezeichnet, für eine Weiterentwicklung der Artillerie. Man dürfe sie keineswegs mit den strategischen Nuklearwaffen vergleichen, die den Weltuntergang herbeiführen könnten. Streitkräfte in aller Welt verstehen ohnehin nicht, warum so viel Aufhebens mache wegen der kleinen Atombomben. Ihr Einsatz sei doch in erster Linie eine Frage der taktischen Effektivität. Politik und Ideologie seien da nicht sehr hilfreich.
Kritiker warnen: Man habe keine praktischen Erfahrung mit diesen Bomben. Niemand könne wissen, ob sie im Feld tatsächlich so harmlos seien, wie sie am Grünen Tisch erschienen. Nun ja. Blicken wir in die Geschichte zurück:
Nevada, ein Testgelände und Exerzierplatz in der Wüste, 17. Juli 1962, Pacific Daylight Time. Hoher Besuch. Justizminister Robert F. Kennedy war da, begleitet von seinem Freund General Maxwell D. Taylor, einem der Meisterdenker des amerikanischen Heeres. Die beiden schwitzten, aber nicht nur wegen der Temperatur (fast 30 Grad Celsius), sondern auch wegen der Aufregung. Fast 1000 Soldaten standen für eine Übung bereit, an die sie noch Jahrzehnte später erinnert werden sollten (sofern sie dann noch lebten), aber das wussten sie damals noch nicht.
Um 9.30 Uhr begann der Countdown zum Abschuss der Waffe, die getestet werden sollte. Es handelte sich um eine Rakete, die mit einer Art Panzerfaust abgeschossen wurde. Der Raketenwerfer befand sich auf einem gepanzerten Personen-Transporter. Punkt 10.00 Uhr wurde die Waffe abgefeuert und explodierte in einer Entfernung von 2.853 Metern.
Nicht Besonderes, möchte man meinen. Nach dem Abschuss (Codename “Little Feller”) trainierten die Soldaten im Staub der Wüste und der Explosion. Den hohen Besuch rechtfertigte die Tatsache, dass es sich nicht um eine Rakete wie jede andere handelte, sondern um eine Davy Crockett, benannt nach einem amerikanischen Kriegshelden, von dem das Wort überliefert wurde: “Be always sure you are right, then go ahead.”
Die “Davy Crockett” trägt einen W54-Sprengkopf. Heute würde man ihn als Mini-Nuke bezeichnen. Varianten dieses Sprengkopfs befinden sich in den amerikanischen Kofferbomben, die während des Kalten Kriegs auch in Deutschland deponiert waren - ebenso wie das Davy Crockett Weapon System. Nachdem die atomare Ladung von 18 Tonnen (Hiroshima ca. 15 Kilotonnen) explodiert war, robbten die Soldaten durch die verstrahlte Wüste, um sich an einen taktischen Nuklearkrieg zu gewöhnen (der damals in den Sechzigern übrigens sehr wahrscheinlich war und vermutlich in Deutschland stattgefunden hätte). Um 10.26, so heißt es in einem Bericht des amerikanischen Verteidigungsministeriums, erhielten die Truppen den Befehl, in ihre Fahrzeuge einzusteigen und in das Gebiet des Atombombentests zu fahren.
Viele Jahre später setzte der damalige US-Präsident Bill Clinton ein Beratergremium ein, das die Strahlenexperimente der Regierung und auch die Atombomben-Manöver in Nevada untersuchen sollte. 1995 legte das Kommitee seinen Bericht vor. Dort heißt es abschließend über die “Atomic Veterans” der Nevada Test Site: “Wenn sonst nichts, lehrt uns unsere Erfahrung, den Unterschied zwischen technischen, analytischen Daten und der Realität menschlichen Erlebens anzuerkennen. Die verfügbaren Daten … deuten darauf hin, das die durchschnittlichen Strahlenbelastung der Bombentest-Teilnehmer gering war. Doch jene, die glauben, dass sie als Konsequenz dieser Strahlen-Exposition gelitten hätten, meinen nicht, dass diese Risiken so geringfügig waren, wie die Daten nahelegen. … Sowohl die Öffenlichkeit als auch die Wissenschaft müssen erkennen, dass - wenn die Daten ein geringes Risiko anzeigen - die Gefährdung nicht notwendigerweise Null ist, und dass ein seltenes Ereignis durchaus eintreten kann. Die Risikoanalyse könnte nur indizieren, es sei unwahrscheinlich, dass derartige Ereignisse mit einer signifikanten Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit eintreten.”
Na also, ihr (Atombomben-)Scharfmacher. Was sagt ihr dazu? Die Risiken sind gering… und Null-Risiko, wer hat das schon? Der Testschuss der Davy Crockett explodierte überirdisch, wohingegen die modernen Bunker-Buster-Nukes sich immerhin metertief in den islamischen Boden eingraben. Wollt ihr das? Eine saubere Sache? Inschallah.
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