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April 2007
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Archive für April 2007

Der Antiamerikaner

Hin und wieder ist es nötig, Ordnung zu schaffen. Dies soll ja auch eine deutsche Tugend sein. Und so habe ich meine amerikakritischen Beiträge in ein neues Blog ausgelagert:

Der Antiamerikaner - Blog für alteuropäisches Denken 

Meinungsfreiheit

Die Deutschen lieben die Meinungsfreiheit nicht. Sie haben sie noch nie geliebt. Sie haben auch ihre Obrigkeit selten geliebt, nur wenn sie besonders entschlossen und brutal die Meinungsfreiheit unterdrückte, dann liebten sie sie. Sie liebten Hitler nicht, weil er sie mit geraubtem Reichtum bestach. Dafür bewunderten sie ihn. Sie liebten ihn auch nicht, weil er die Juden umbringen ließ. “Das hätte er nicht tun dürfen!” sagten sie später achselzuckend. Sie liebten ihn auch nicht, weil er Kriege führte. Kein Mensch, auch kein Deutscher, mit Ausnahme der Staatenlenker, will Krieg, weil er dabei letztendlich nichts gewinnen, aber viel, vielleicht sogar sein Leben verlieren kann.

Die Deutschen liebten Hitler, weil er besonders gemein und niederträchtig die Meinungsfreiheit unterdrückte. Die Deutschen kuscheln sich für ihr Leben gern zusammen in der Kuhlstallwärme übereinstimmender Meinungen. Ist es da ein Wunder, dass sie jetzt ganz Europa beglücken wollen mit Einschränkungen der Meinungsfreiheit? An deutschem Wesen soll wieder einmal die Welt - und wenn nicht die Welt, so doch das Gemeinsame Haus Europa - genesen.

“Bundesjustizministerin Brigitte Zypries will die Europäische Union erstmals auf gemeinsame Mindeststandards im Kampf gegen Rassismus und Fremdenhass verpflichten”, heißt es heute in den Medien. Nun bin ich kein Rassist und auch kein Fremdenhasser. Es könnte mir also gleich sein, ob einem Antisemiten die Holocaustleugnung oder einen Antiislamisten die Verunglimpfung von Moslems verboten werden. Es ist mir aber nicht gleich: Zwar bin ich Deutscher, glühender Patriot, Nationalist sogar - aber diese deutsche Untugend, dieser Hass auf die Meinungsfreiheit ist mir dennoch fremd.

Freud lehrte, dass die Verdrängung verpönter Wünsche und Gedanken zur Widerkehr des Verdrängten führt, und zwar oft in Form von allerlei psychischen Störungen oder gar körperlichen Krankheiten. Die Verdrängung, wird sie im Übermaß betrieben, ist ein krankmachender Prozess. Was für den Einzelnen gilt, trifft auch auf die Gesellschaft zu. Überall in der Welt, und so auch in Deutschland gibt es in beachtlicher Zahl Rassisten und Fremdenhasser. Es sind zehn bis zwanzig Prozent, die aus ihrer Einstellung keinen Hehl machen. Und vermutlich kommen noch einmal zehn bis zwanzig Prozent dazu, denen der Unmut unausgesprochen auf der Zunge liegt.

Wenn wir diesen Menschen nun einen Maulkorb flechten aus den stählernen Bändern des Gesetzes und der politischen Korrektheit, dann wird sie diese Einschränkung nicht vom Rassismus, nicht von der Fremdenfeindlichkeit heilen. Das Ressentiment wird dadurch noch tiefer in ihrer Seele gepresst, es wird noch böser, noch destruktiver.

Deutsche Rassisten und Fremdenfeinde hätten nichts lieber als einen neuen Hitler, der Andersdenkenden die freie Äußerung ihrer Meinung verbietet. Sie möchten sich in der Kuhlstallwärme übereinstimmender rassistischer und fremdenfeindlicher Meinungen mit ihren Landleuten verbrüdern. Deutsche Antirassisten und Fremdenfreunde sind ganz begeistert von den Vorstößen wohlmeinender Demokraten, die Andersdenkenden die freie Äußerung ihrer Meinung verbieten. Sie möchten sich in der Kuhlstallwärme ihrer politisch korrekten Gesinnung mit ihren Landsleuten verschwestern.

Es ist zum Kotzen. Wer den freien Geist nicht bedingungslos achtet, der liebt auch die Menschen nicht als Menschen, der liebt das Menschliche am Menschen nicht - der liebt nicht das, was den Menschen potenziell vom dressierten Hund unterscheidet.

Katz und Maus

Wär’s nicht so traurig, könnt’ man’s possierlich nennen. Das Spiel läuft immer nach dem gleichen Schema ab. Jemand rührt an das Nazi-Holocaust-Antisemitismus-Tabu. Rührt er zu stark, nimmt er Schaden. Rührt er zu schwach, merkt es keiner. Es kommt darauf an,  so stark zu rühren, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland protestiert, aber keineswegs zu stark, damit einen nicht die Nazi-Holocaust-Antisemitismus-Keule trifft.

Das Spiel ist beliebt unter Politikern, Künstlern und anderen Selbstdarstellern. Es wird immer beliebter, weil man mit einigem Geschick ohne großes Risiko sich bundesweites mediales Interesse sichern kann. Die Beerdigung Hans Filbingers war eine schöne Gelegenheit, dieses Spiel zu spielen… und alles lief nach Schema F ab.

Dieses Spiel gehört zu den dumpfen, düsteren Ritualen bundesdeutscher Behäbigkeit und Verlogenheit. Wer es spielt, gewinnt nicht nur Aufmerksamkeit, er darf auch prickelnde Angstlust genießen, wie in einem Horrorfilm, nur intensiver. Manche werden süchtig danach, wenige verbrennen daran. Wer es spielt, verhöhnt die von den Nazis gemeuchelten Juden ebenso wie das deutsche Volk, die deutsche Nation.

Die schwarze Magie des Anti

Den meisten Mitbürgern dürfte dieser Begriff überhaupt nichts sagen: Antideutsche Kommunisten. Ein Karnevalsscherz? Keineswegs. Für die antideutschen Kommunisten ist Deutschland die Heimstatt des Bösen. Die deutsche Geschichte musste, aus dieser Sicht, zwangsläufig in einem einzigartigen und unerklärlichen Verbrechen, dem Holocaust gipfeln. Seither seien in diesem Lande, so heißt es, keine Gedichte mehr möglich.

Die Gegengifte zur Bekämpfung des Deutschen in all seinen bösartigen Facetten seien Proamerikanismus, Proisraelismus und Antiislamismus. Die Antideutschen halten jede Kritik an amerikanischer Politik für eine kaschierte Form des Antisemitismus. Antisemit ist auch, wer vor dem Islam kapituliert, indem er z. B. für moslemische Wut auf Amerika und Israel Verständnis äußert oder Toleranz gegenüber den kulturellen Eigenarten des Islams fordert.

Diese politische Strömung mag manchem Grünen des ehemals linken Spektrums dieser Partei geholfen haben, einen gesichtswahrenden Weg ins Lager der Anhänger des US-Imperiums zu finden. Sie hatte also, trotz ihrer Unsichtbarkeit für die meisten Mitbürger, einen beachtlichen, untergründigen Einfluss auf die deutsche Politik zu Zeiten der rot-grünen Koalition.

Dies ändert natürlich nichts an der Absurdität dieser Position. Man denke beispielsweise an die ärgsten Antisemiten, die unverbesserlichen alten und neuen Nazis. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint die antideutsche These, Antiamerikanismus und Antisemitismus seien zwei Seiten einer Medaille, natürlich wie angegossen auf Hitlers Erben zuzutrefen. Doch gemach: Der Antiamerikanismus der Rechtsradikalen war während des Kalten Krieges vielfach eine Kaschierung des Antisemitismus und eine Exkulpierung Amerikas.

Die Nazis machten nämlich für alles, was ihnen an Amerika nicht gefiel, die amerikanischen Juden verantwortlich. Die “arischen” Amerikaner waren, so meinten die Nazis, nicht nur unschuldig, sondern Verbündete im Kampf gegen den Kommunismus (für den ebenfalls die Juden verantwortlich gemacht wurden). Während des Kalten Krieges waren die Nazis also - jenseits aller Camouflage - hartbeinige Proamerikaner. Nur so ist es zu erklären, warum viele Nazis das freundliche Angebot der Amerikaner annahmen, sich in amerikanischen und anderen westlichen Geheimdiensten nützlich zu machen.

Aus diesem Grunde war auch die Amerika-Kritik der Nazis während des Kalten Krieges insgesamt moderat. Paranoider Antikommunismus besänftigte zunehmend den ursprünglich noch vorhandenen Hass auf die Besatzer. Nach dem Niedergang des Kommunismus werden allerdings auch in diesen Kreisen die Stimmen wieder lauter, die den “American Way of Life” im Allgemeinen und amerikanische Kriegspolitik im Besonderen geißeln.

Und so hat sich auch die Haltung unserer Regierenden gegenüber den Nazis geändert. Hielt man früher die rechtsradikale Gefahr für ein linkes Hirngespinst, braune Terroristen für Einzeltäter und paramilitärische Nazitruppen für skurile Sportfreunde, so möchte man heute am liebsten alles mit Stumpf und Stil verbieten, was “national” auch nur zu lispeln vermag.

Die schwarze Magie des Anti, das stumpfsinnige Gegenüberstellen von Pro und Kontra ist ungebrochen. Politisches Denken scheint mit Schwarz-Weiß-Malerei identisch zu sein. Während Kritik und Wissenschaft und Kunst ein Motor des Fortschritts ist, polarisiert sie in der Politik, führt zu Erstarrung und Niedergang.

Atemberaubend sind auch die fliegenden Wechsel: Wer gestern noch den US-Imperialismus verdammte, sieht heute in den Vereinigten Staaten einen Zivilisationsträger und und Beschützer vor islamischer Barbarei. Wer gestern noch der RAF hofierte, verteidigt heute die NPD. Wer gestern noch Wehrsportübungen für ein schweißtreibendes Hobby hielt, wittert heute hinter jeder zackigen Bewegung nationalsozialistische Symbolik. Und das Tollste: Viele, die im rasanter Kreiselbewegung rotieren, vermögen gar keinen Widerspruch zu erkennen zwischen ihren Positionen von gestern und heute. Selbstverständlich seien sie sich im Kern treu geblieben.

Schwarz-Weiß-Malerei und ein rascher Wechsel zwischen Verteufelung und Vergötterung sind die Leitsymptome einer schweren Persönlichkeitsstörung, dem Borderline-Syndrom. Die Zahl der Betroffenen steigt angeblich ständig. Ich frage mich, ob die schwarzmagischen Inszenierungen unserer Politik dafür verantwortlich sind, dass immer mehr Menschen dieser Krankheit erliegen. Oder ist es vielleicht umgekehrt?

Der große Bruder

Für Menschen meiner Generation waren die Amis so eine Art “großer Bruder”, den man rufen konnte, wenn man von älteren Kindern schikaniert oder verhauen wurde. Wir fühlten uns sicher im Schutz der amerikanischen Streitkräfte, die uns im Falle eines sowjetischen Angriffs schon retten würden. So dachten wir. Wir dachten falsch.

Heute, nachdem die Archive des Kalten Kriegs geöffnet wurden und viele, wenn auch längst nicht alle kompromittierenden Dokumente ans Licht kamen, wissen wir: Die Amis waren weder willens, noch in der Lage, Deutschland vor einem Angriff der Russen zu verteidigen. Sie hätten - so nicht die erklärte Absicht, doch die unausweichliche Konsequenz ihrer Pläne - Deutschland zerstört und sich selbst gerettet. (Wer kann es ihnen verdenken?)

Auch wer keine Zeit hat, sich in Archiven eine staubige Nase zu holen, kann sich im Internet ohne große Mühe die Beweise für diese These zusammensuchen. In der Dissertation von Ingo Wolfgang Trauschweizer

CREATING DETERRENCE FOR LIMITED WAR: THE U.S. ARMY AND THE DEFENSE OF WEST GERMANY, 1953-1982. Dissertation, University of Maryland, 2006

finden sich z. B. ausreichend Belege für meine Einschätzung.

Die amerikanischen Streitkräfte hielten sich den Sowjets für konventionell unterlegen - und die deutschen Militärs stimmten dieser Einschätzung ebenso zu wie die deutschen und amerikanischen politischen Führungen. Es galt daher als ausgemacht, die Russen im Falles eines Einmarsches umgehend nuklear anzugreifen, mit taktischen Atomwaffen, und zwar auf deutschem Boden. Die taktischen Nuklearwaffen besitzen zwar nur einen Bruchteil der Sprengkraft der großen, strategischen Atombomben und Raketen. Doch, da die Russen mit vergleichbarem Kaliber zurück geschlagen hätten, wäre die Zerstörung und nicht die Verteidigung Deutschlands die unausweichliche Folge gewesen. Ich halte es für überaus unwahrscheinlich, dass ein globaler Atomkrieg die zwangsläufige Folge einer taktischen Nuklearschlacht auf deutschem Boden gewesen wäre. Amerikaner und Russen wussten nur zu genau, dass ein globaler Nuklearkrieg die Zerstörung der beiden großen Kontrahenten und wohl auch der Welt bedeutet hätte. Man darf also erwarten, dass sie sich früher oder später unter beidseitiger Gesichtswahrung geeinigt hätten, über einem strahlenden Trümmerhaufen, der einst Deutschland war.

“Deutschland muss atomar aufrüsten!” fordert der 83jährige deutsche Journalist Peter Scholl-Latour in Focus online (29.03.07). “Die Deutschen sollten endlich begreifen”, schreibt er, “dass im Extremfall nicht die perfektionistischen Abwehrsysteme glaubwürdigen Schutz gegen die nukleare Bedrohung durch blindwütige Feindstaaten bieten, sondern – in Ermangelung eines kontinentalen Konsens – die nationale Verfügung über eine eigene atomare Abschreckung.” Die Bundeswehr müsse sich von den “überalteten NATO-Schablonen lösen”. Sie müssen zukünftig über Atomwaffen verfügen, um sich tödlichen Bedrohungen zu erwehren, falls möglich im Verbund mit Frankreich, notfalls aber auch im nationalen Alleingang.

So ist es. Vermutlich wäre es sogar sinnvoll, eine nuklear verstärkte Achse Paris - Berlin - Moskau zu bilden. Den großen Bruder zu rufen, wenn hart auf hart geht, ist kindlich - und wenn Erwachsene ihr Leben auf dieser Haltung aufbauen, dann ist es jämmerlich. Deutsche Politiker haben während des Kalten Krieges die Amerikaner angefleht, sie möchten doch die Russen auf deutschem Boden mit Nuklearwaffen angreifen, wenn sich diese z. B. Westberlin einverleiben sollten. Wer’s nicht glaubt, kann die oben verlinkte Dissertation studieren. Wir sollten das hinter uns lassen - voller Abscheu, mit Grausen.

Atompilze im deutschen Wald

Während des Kalten Kriegs erforschten amerikanische Behörden, allen voran die CIA Methoden der Gehirnwäsche. Eine übergeordnete Forschungsfrage lautete: Wie können wir Menschen dazu bringen, ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen unsere Befehle auszuführen und dabei sogar ihren eigenen Tod in Kauf zu nehmen? Kurz: Amerikanisches Militär und US-Geheimdienste suchten nach Wegen, Selbstmord-Kandidaten für Himmelfahrtskommandos zu kreieren.

Die Amerikaner erprobten zu diesem Zwecke das gesamte Arsenal der modernen Psychiatrie in allen erdenklichen Kombinationen: Drogen, Elektroschocks, Hypnose, sensorische Deprivation, Strahlung. Aber auch die Folter durfte nicht fehlen, um die Opfer durch extremen Stress gefügig zu machen.

Leider wurde der größte Teil der entsprechenden Akten vernichtet, und so bleiben viele Fragen offen. Wozu brauchten das amerikanische Militär und US-Geheimdienste Menschen, die gleichsam auf Knopfdruck Selbstmord begehen? Für Attentate? Verschwörungstheoretiker behaupten zum Beispiel, der Mörder von Robert F. Kennedy, der Palästinenser Sirhan Sirhan sei ein von der CIA gehirngewaschener Selbstmord-Attentäter gewesen. Sein langjähriger, inzwischen verstorbener Anwalt hat mit diesem Argument versucht, ihn aus dem Gefängnis freizubekommen - vergeblich.

Mir scheint die Phantasie der Verschwörungstheoretiker in dieser Frage doch recht eingeschränkt zu sein. Wenn man in jedem besseren Hinterhof, der etwas auf sich hält, Killer im Dutzend billiger bekommt, dann muss sich der Geheimdienst einer demokratischen Gesellschaft zu diesem Zwecke nicht mit derart riskanten und kostspieligen Gehirnwäsche-Projekten abgeben. Es muss wohl etwas anderes, etwas Gewichtigeres dahinter stecken.

Manche Verschwörungstheoretiker meinen, die CIA und andere amerikanische Behörden seien von Satanisten unterwandert worden - und Satanisten, das wisse man ja, brauchten für ihre abscheulichen, gotteslästerlichen Rituale nun einmal mental versklavte Opfer. Dümmer geht’s nicht. Aber es gibt tatsächlich Leute, die diesen indiskutablen Schwachsinn glauben.

Man könnte angesichts all dieser hahnebüchenen Erklärungsversuche für das Interesse der CIA an versklavten Seelen nun zur Tagesordnung übergehen und die Angelegenheit in den großen Topf der abseitigen Verirrungen durchgeknallter Schlapphüte werfen. Man könnte…

Man könnte aber auch darüber nachdenken, ob es eine militärische Notwendigkeit gab, diese Gehirnwäscheforschungen zu realisieren. Wer das Militär kennt, weiß, dass sie überall auf der Welt Menschenleben retten wollen. Der normale Bürger mag sich die Augen reiben, wenn er sich Schlachtenlenker als Lebensschützer vorstellen soll. Aber genau so ist es. Miltärs treibt nur eine Sorge an: Wie kann ich Menschenleben retten?

Während des Kalten Krieges rechneten westliche Militärs ernsthaft damit, dass die Sowjetunion den freien Westen angreifen könne. Man vermutete, dass der Dritte Weltkrieg in Deutschland beginnen würde. Zunächst glaubte man, dass er sich dann schnell zu einem globalen Weltkrieg ausweiten würde. Doch man wäre kein echter Soldat, kein Retter von Menschenleben gewesen, hätte man nicht darüber nachgedacht, den Krieg zu begrenzen. Und in der Tat, Militärs diesseits und jenseits des Großen Teichs kamen auf die Idee, den Krieg nur auf deutschem Boden zu führen.

Die Sache hatte allerdings einen Haken. Die westlichen Kriegsstrategen glaubten, die Sowjets seien dem Westen konventionell überlegen. Auch erlaube ihnen die unendliche Weite ihres Hinterlands die schnellere Mobilisierung großer Einheiten, wohingegen die Amerikaner ja den Ozean zwischen sich und dem potentiellen Schlachtfeld hatten. Also entschloss man sich, Atomwaffen einzusetzen - auch zuerst. Die politische Führung Deutschlands drängte die Amerikaner sogar dazu. Falls die Russen Westberlin besetzen oder gar westdeutschen Boden annektieren sollten, dann sollten die Amis nicht lange fackeln und die Nukes knallen lassen.

Nukes haben bekanntlich nicht nur eine den konventionellen Waffen überlegene Sprengkraft, sie strahlen auch. Es gilt also, die Nuklearwaffen möglichst zielgenau einzusetzen. Je treffsicherer eine Atomwaffe eingesetzt werden kann, desto weniger Sprengkraft benötigt sie und desto geringer sind Strahlung und atomarer Niederschlag. Da unsere Soldaten natürlich Menschenlebenretter sind, dachten sie unermüdlich darüber nach, wie sie die unvermeidlichen taktischen Nukes mit niedriger Sprengkraft möglichst zielgenau einsetzen könnten.

Selbstverständlich wurde die deutsch-deutsche Grenze atomar vermient, und auch wichtige Brücken, Straßen und andere Objekte sollten im Falle eines Falles in die Luft gesprent werden, falls erforderlich, auch mit Nuklearwaffen. Nun gibt es selbstredend zwei Möglichkeiten: Entweder man stellt den Zeitzünder ein und macht die Fliege, um das eigene Leben zu retten. Dann reißt die Bombe ein großes Loch, und wenn der Russe nicht gerade in der Nähe ist, dann überlebt er die Atacke und ist nur zu einem Umweg gezwungen. Oder - und nun kommt die Variante, die Menschenleben rettet: Man wartet, gleichsam mit dem Fernglas auf der Bombe sitzend, bis die Russen kommen und sprengt sich dann, wenn sie nah genug herangekommen sind, mitsamt der Atom-Bombe selbst in die Luft.

Wahre Helden gibt es immer. Manche opfern sich für ihr Vaterland. Aber wer katapultiert sich aus deutscher Vaterlandsliebe mit einer Atombombe auf deutschem Boden selbst nach Walhalla? Sehen Sie, schwierig, schwierig!

Es mag ja heute möglich sein, menschliche “Zündmechanismen” durch satelittengesteuerte Elektronik zu ersetzen (wenngleich Elektronik immer noch durch atomare Explosionen, auch absichtlich in großer Höhe, außer Kraft gesetzt werden kann). Damals, in der Hochzeit des Kalten Krieges gab es aber nur eine Lösung, Menschenleben zu retten, imdem man beim Stoppen und Vernichten der Russen möglichst wenig Strahlung und Fallout erzeugte: Man musste Menschen, durch Gehirnwäsche möglichst von Kindesbeinen an, dazu abrichten, Atomminen zu zünden, sobald die Russen in der Nähe waren.

Das ist natürlich eine wüste Spekulation. Es gibt zwar einige Menschen, die behaupten, sie seien einer derartigen Gehirnwäsche unterzogen worden. Aber die wollen sich doch nur wichtig machen, oder? Die sind doch verrückt, oder? Durchgeknallt, nicht wahr?

Spekulationen dieser Art besitzen dennoch einen gewissen Charme, einen Reiz, dem ich mich nicht zu entziehen vermochte. Und so habe ich in meinen Roman “Das Janus-System” (kostenloser Download) versucht, mir auszumalen, wie eine derartige Dressur abgelaufen sein könnte.

Little Feller

Seit geraumer Zeit sind in den deutschen Medien Scharfmacher unterwegs. Ihr Objekt: der Islam und seine Anhänger. Ihr Stil: kühl berechnet, emotionalisierend. Ihr Ziel: Werbung für harte Maßnahmen gegen islamische Staaten.

Dem Feindbild “Islam” stellen die Scharfmacher gleich zwei Gelobte Länder gegenüber: Israel und die Vereinigten Staaten. Es ist sicher nicht verwerflich, Israel und die Vereinigten Staaten zu lieben. Von Israelis bzw. Amerikanern erwarte ich dies sogar. Nur sollte die Liebe dem geliebten Land nicht schaden.

Die Sache hat einen Haken, der selbst politisch Verblödeten in die Augen springt. Die proamerikanischen und proisraelischen Scharfmacher spielen mit ihrer Islam-Verunglimpfung den Neonazis in die Hände. Sie schürt Fremdenfeindlichkeit - Wasser auf die Mühlen aller Rassisten und Ewiggestrigen.

Die Scharfmacher sind nicht dumm genug, dies nicht zu bemerken. So verblendet kann nicht einmal ein national Verliebter sein. Sie nehmen diesen Effekt ihrer Propaganda also billigend in Kauf - als Kollateralschaden.

Vermutlich halten die Scharfmacher den politischen Islam und seine Anhänger für gefährlicher als die deutschen Nazis. Mitunter hat man den Eindruck, sie halten ihn für atombombenreif.
Schon Konrad Adenauer betrachtete Atombomben mit geringer Sprengkraft, heute auch als Mini-Nukes bezeichnet, für eine Weiterentwicklung der Artillerie. Man dürfe sie keineswegs mit den strategischen Nuklearwaffen vergleichen, die den Weltuntergang herbeiführen könnten. Streitkräfte in aller Welt verstehen ohnehin nicht, warum so viel Aufhebens mache wegen der kleinen Atombomben. Ihr Einsatz sei doch in erster Linie eine Frage der taktischen Effektivität. Politik und Ideologie seien da nicht sehr hilfreich.

Kritiker warnen: Man habe keine praktischen Erfahrung mit diesen Bomben. Niemand könne wissen, ob sie im Feld tatsächlich so harmlos seien, wie sie am Grünen Tisch erschienen. Nun ja. Blicken wir in die Geschichte zurück:

Nevada, ein Testgelände und Exerzierplatz in der Wüste, 17. Juli 1962, Pacific Daylight Time. Hoher Besuch. Justizminister Robert F. Kennedy war da, begleitet von seinem Freund General Maxwell D. Taylor, einem der Meisterdenker des amerikanischen Heeres. Die beiden schwitzten, aber nicht nur wegen der Temperatur (fast 30 Grad Celsius), sondern auch wegen der Aufregung. Fast 1000 Soldaten standen für eine Übung bereit, an die sie noch Jahrzehnte später erinnert werden sollten (sofern sie dann noch lebten), aber das wussten sie damals noch nicht.

Um 9.30 Uhr begann der Countdown zum Abschuss der Waffe, die getestet werden sollte. Es handelte sich um eine Rakete, die mit einer Art Panzerfaust abgeschossen wurde. Der Raketenwerfer befand sich auf einem gepanzerten Personen-Transporter. Punkt 10.00 Uhr wurde die Waffe abgefeuert und explodierte in einer Entfernung von 2.853 Metern.

Nicht Besonderes, möchte man meinen. Nach dem Abschuss (Codename “Little Feller”) trainierten die Soldaten im Staub der Wüste und der Explosion. Den hohen Besuch rechtfertigte die Tatsache, dass es sich nicht um eine Rakete wie jede andere handelte, sondern um eine Davy Crockett, benannt nach einem amerikanischen Kriegshelden, von dem das Wort überliefert wurde: “Be always sure you are right, then go ahead.”

Die “Davy Crockett” trägt einen W54-Sprengkopf. Heute würde man ihn als Mini-Nuke bezeichnen. Varianten dieses Sprengkopfs befinden sich in den amerikanischen Kofferbomben, die während des Kalten Kriegs auch in Deutschland deponiert waren - ebenso wie das Davy Crockett Weapon System. Nachdem die atomare Ladung von 18 Tonnen (Hiroshima ca. 15 Kilotonnen) explodiert war, robbten die Soldaten durch die verstrahlte Wüste, um sich an einen taktischen Nuklearkrieg zu gewöhnen (der damals in den Sechzigern übrigens sehr wahrscheinlich war und vermutlich in Deutschland stattgefunden hätte). Um 10.26, so heißt es in einem Bericht des amerikanischen Verteidigungsministeriums, erhielten die Truppen den Befehl, in ihre Fahrzeuge einzusteigen und in das Gebiet des Atombombentests zu fahren.
Viele Jahre später setzte der damalige US-Präsident Bill Clinton ein Beratergremium ein, das die Strahlenexperimente der Regierung und auch die Atombomben-Manöver in Nevada untersuchen sollte. 1995 legte das Kommitee seinen Bericht vor. Dort heißt es abschließend über die “Atomic Veterans” der Nevada Test Site: “Wenn sonst nichts, lehrt uns unsere Erfahrung, den Unterschied zwischen technischen, analytischen Daten und der Realität menschlichen Erlebens anzuerkennen. Die verfügbaren Daten … deuten darauf hin, das die durchschnittlichen Strahlenbelastung der Bombentest-Teilnehmer gering war. Doch jene, die glauben, dass sie als Konsequenz dieser Strahlen-Exposition gelitten hätten, meinen nicht, dass diese Risiken so geringfügig waren, wie die Daten nahelegen. … Sowohl die Öffenlichkeit als auch die Wissenschaft müssen erkennen, dass - wenn die Daten ein geringes Risiko anzeigen - die Gefährdung nicht notwendigerweise Null ist, und dass ein seltenes Ereignis durchaus eintreten kann. Die Risikoanalyse könnte nur indizieren, es sei unwahrscheinlich, dass derartige Ereignisse mit einer signifikanten Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit eintreten.”

Na also, ihr (Atombomben-)Scharfmacher. Was sagt ihr dazu? Die Risiken sind gering… und Null-Risiko, wer hat das schon? Der Testschuss der Davy Crockett explodierte überirdisch, wohingegen die modernen Bunker-Buster-Nukes sich immerhin metertief in den islamischen Boden eingraben. Wollt ihr das? Eine saubere Sache? Inschallah.

Atomschlag gegen Iran

Am 7. Januar 2007 berichtete die britische Sunday Times, dass Israel einen Plan ausgearbeitet habe, die iranischen Atomanlagen mit taktischen Nuklearwaffen, sog. Bunker-Busters anzugreifen. Israelische Piloten würden die Verwirklichung dieses Plans bereits trainieren. Bunker-Busters sind Bomben, die sich einige Meter tief in den Boden bohren und erst dann ihren nuklearen Sprengsatz zünden. Dies soll die atomare Verseuchung einschränken. Experten warnen jedoch davor, dass dennoch gewaltigen Mengen verstrahlten Materials in die Atmosphäre freigesetzt werden.

“Sobald grünes Licht gegeben wurde, gibt es eine Mission, einen Schlag und das iranische Nuklearprojekt wird zerstört sein”, sagte eine der Quellen, auf die sich das britische Blatt beruft. Laut Sunday Times vermuten Militär-Experten, diese Enthüllung sei ein Instrument der psychologischen Kriegsführung Israels. Zu den möglichen Zielen zählten, (1) den Iran einzuschüchtern, (2) die Welt auf einen israelischen Atomschlag vorzubereiten (3) oder die Amerikaner zum Handeln zu überreden.

Die beiden erstgenannten Ziele halte ich für überaus unwahrscheinlich. Denn (1) wird in Israel niemand so naiv sein, sich ernsthaft einzubilden, die Fanatiker in Teheran ließen sich durch eine Atomdrohung zur Einstellung ihres Nuklearprojektes bewegen. Und (2) kann ich mir kaum vorstellen, dass Israel Atombomben einsetzt, solange es nicht unausweichlich dazu gezwungen wird. Denn in diesem Fall würde Israel eine überaus wertvolle Waffe der psychologischen Kriegsführung verlieren, nämlich den Opfer-Status. Also bleibt eigentlich nur die dritte Option. Falls die Quellen der Sunday Times wirklich echt waren, dann könnte es sich um einen Versuch handeln, die Amerikaner zum Atomschlag gegen den Iran zu animieren.

Im März 2006 erschien in der “London Review of Books” ein vielbeachteter und heftig geschmähter Artikel über die “Israel Lobby”. Er stammt von den amerikanischen Professoren John Mearsheimer und Stephen Walt. Die Autoren behaupten, dass die gegenwärtige Israel-Politik der Vereinigten Staaten den nationalen Interessen der USA schade und nur Israel nutze. Der Grund dafür sei eine überaus erfolgreiche Israel-Lobby, der nicht nur einflussreiche Juden, sondern auch mächtige Neocons gehörten.

Ein Artikel mit diesem Tenor ruft natürlich beinahe automatisch Antisemitismus-Vorwürfe hervor. Diese Vorwürfe sind nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn die Kritik Mearsheimers und Walts richtet sich nicht speziell gegen bestimmte israel-freundliche Institutionen, sondern gegen ein loses, informelles Netzwerk von Leuten und Gruppen, die sich für Israel stark machen. Und so werde ich den Verdacht nicht los, dass hier nur ein Sündenbock gesucht wird.

Die Israel-Lobby, so schreiben die Autoren, habe den zweiten Irakkrieg vom Zaun gebrochen. Nicht das Öl und auch nicht der Terrorismus oder die angeblichen Massenvernichtungswaffen seien der Grund für diesen Krieg gewesen. Vielmehr sei es ausschließlich darum gegangen, Israel sicherer zu machen. Kaum sei der irakische Diktator gestürzt gewesen, habe die Israel-Lobby George Bush gedrängt, nun gegen den Iran loszuschlagen.

Dass in Amerika niemand begeistert wäre, wenn der Iran sich Atombomben zulegte, steht außer Zweifel. Die USA haben aber auch keine Freudenfeste veranstaltet, als sich die Sowjetunion mit Nuklearwaffen ausstattete. Mearsheimer und Walt betonen zu recht, dass die USA weltweit den Besitz von Atomwaffen tolerieren, wenngleich zähneknirschend, und jetzt sogar das Nukleararsenal des Schurkenstaats Nordkorea akzeptieren. Es liegt also nahe, das gegenwärtige Säbelrasseln gegenüber dem Iran auf den Einfluss der Israel-Lobby zurück zu führen. Es wäre schließlich selbstmörderisch, wenn ein atomar aufgerüsteter Iran die USA angriffe - er könnte sich aber Hoffnungen machen, einen Nuklearkrieg gegen Israel zu gewinnen.

Doch was bei oberflächlicher Betrachtung naheliegt, muss nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Die offensichtlichen Erfolge israelischer Lobbyisten haben den amerikanischen Patrioten Mearsheimer und Walt vielleicht den Blick dafür verstellt, dass in dieser Welt die Macht letztlich immer noch aus den Gewehrläufen kommt. In letzter Instanz bestimmen nicht die Lobbyisten den Gang der Geschichte, sondern jene, die militärisch am stärksten sind. An den Schalthebeln der militärischen Macht Amerikas, der einzigen verbliebenen Supermacht auf diesem Planeten, sitzt aber nicht die Israel-Lobby, dort sitzen auch nicht die “reichen Juden”, denen die Nazis alles Böse zuschreiben. Dort sitzt die Machtelite der amerikanischen Bourgeoisie, zu der natürlich auch ein paar Juden zählen.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, erscheint es mir lächerlich anzunehmen, dass die Israel-Lobby in Amerika über Krieg und Frieden entscheide. Eher halte ich es für denkbar, dass die Supermacht USA die Bedrohung Israels als Instrument der psychologischen Kriegsführung benutzt. Die scheinbar selbstlose Unterstützung eines Staats, dessen Menschen bzw. deren Vorfahren in der Geschichte so viel Unrecht erdulden mussten, soll den Blick dafür trüben, dass die offenen und verdeckten Kriege der Vereinigten Staaten nur ein Ziel verfolgen: die Weltherrschaft.

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