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30.3.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Im Lauf meines Lebens bin ich oft und mit Herzenslust durch deutsche Gaue gewandert und habe mich an der schönen Natur erfreut. War’s anders nicht möglich, wanderte ich auch die Landstraße entlang. Mitunter entdeckte ich, meist in der Nähe von Brücken, merkwürdige Verschlüsse, die bei oberflächlicher Betrachtung wie Kanaldeckel aussahen. Bei genauerem Hinsehen stellte ich allerdings fest, dass sie keine Öffnungen zum Abfließen von Wasser und eine Schraube in der Mitte hatten. Einmal fragte ich einen Bautrupp, der sich an einer derartigen Öffnung im Pflaster zu schaffen machte, welche Funktion diese Schächte hätten. Einer der Arbeiter antwortete ausweichend. Sie seien Mitarbeiter vom Straßenbauamt, sagte er. Sie weiteren Auskünften war er nicht bereit, er habe zu tun.
Erst vor einigen Jahren erfuhr ich bei Recherchen im Internet, dass es sich bei diesen seltsamen Kanaldeckeln um die Verschlüsse von Sprengschächten handelte. Im Falle einer sowjetischen Invasion sollten sie mit Sprengstoff gefüllt werden. Es handelte sich also um militärische Sperranlagen. Überall in Deutschland wurden während des Kalten Kriegs Vorrichtungen zur Aufnahme von Sprengstoff für den Ernstfall installiert. Natürlich dachte ich zunächst an konventionellen Sprengstoff.
Dann stieß ich bei weiteren Recherchen auf das Field Manual 5-102 der US-Armee aus dem Jahre 1985. Dieses Field Manual enthält Anweisungen, wie man am besten heranrückende Feinde stoppen kann. Ein Kapitel beschäftigt sich mit nuklearen Sprengkörpern, der sog. „Atomic Demolition Munition“. Dabei handelt es sich um atomare Sprengsätze mit einer Sprengkraft zwischen 10 Tonnen bis maximal 15 Kilotonnen. Diese nuklearen Sprengsätze sind verhältnismäßig klein; selbst die größten können von zwei bis drei starken Männern getragen werden. Daher werden sie auch als Kofferbomben bezeichnet.
Die „Atomic Demolition Munition“ hat, laut Field Manual 5-102, spezielle Eigenschaften, die sie auf dem Schlachtfeld besonders wünschenswert macht. Da sie eine wesentlich höhere Zerstörungskraft als konventioneller Sprengstoff besitze, seien die Anforderungen an die Logistik und das Personal bei ihrem Einsatz erheblich reduziert. Die „Atomic Demolition Munition“, kurz ADM besäße einen signifikanten Vorteil gegenüber jedem anderen Einsatzsystem, wenn absolute Treffsicherheit erforderlich ist.
Klar: Wenn zwei, drei Soldaten einen atomaren Sprengsatz an einer Autobahnbrücke anbringen, dann kann diese Zielgenauigkeit naturgemäß nicht im entferntesten durch einen Bombenabwurf bzw. Atomkanonen- oder Raketenbeschuss erreicht werden. Bomben, Granaten oder Raketen müssten daher wegen der geringeren Treffsicherheit eine wesentlich höhere Sprengkraft besitzen, um genauso effektiv zu sein wie die ADM.
Diese sei dementsprechend eine rundum positive Waffe: Atomarer Niederschlag (Fallout), freigesetzte Strahlung und Kollateralschäden könnten kontrolliert und minimiert werden. Im Grunde, so argumentieren die Autoren des Field Manuals, stelle sich die Frage „konventionell“ oder „atomar“ vielfach im realen Kriegsleben überhaupt nicht – rein technisch und militärisch betrachtet. Viele Tunnel z. B. könnten mit konventionellem Sprengstoff gar nicht ernsthaft beschädigt, geschweige denn zerstört werden – und zwar wegen der gewaltigen Mengen Sprengstoff, die benötigt würden, um die Explosionswirkung eines so großen Raumes an einem einzigen Punkt zu konzentrieren.
Eine Mini-Nuke sei hier ein wahrer Segen. Ein einziger kleiner atomarer Sprengsatz, in der Mitte des Tunnel platziert, würde diesen dermaßen demolieren, dass der Feind Wochen zu tun hätte, um ihn wieder passierbar zu machen. Ähnliches gelte auch für Autobahnen. Mit konventionellem Sprengstoff könne man bestenfalls ein paar Löcher reißen, die der Angreifer leicht mit Behelfsbrücken überwinden könne. Und selbst dieser geringe Effekt würde sehr viel Personal, Transport-Kapazität und Arbeitszeit binden.
Doch eine ADM, die unterhalb oder auf der Fahrbahn explodierte, würde ein Hindernis hinterlassen, das den Feind zum Bau einer festen Brücke zwingen und ihn selbst dann mehrere Tage beschäftigen würde, wenn er nicht unter Feuer stünde. Und dann erst die Brücken. Keine Plackerei mehr. Ein ADM-Feuer-Team könnte eine Brücke, für deren Sprengung eine konventionelle Einheit mehrere Kompanie-Stunden benötige, in wenigen Minuten in Schutt und Asche legen.
Doch nicht nur Tunnels, Straßen und Autobahnen eignen sich als Ziele für die Kofferbomber. Das Armee-Handbuch nennt als weitere Objekte massive Dämme, Kanäle, Startbahnen, Verschiebebahnhöfe, Häfen, Industrieanlagen, Kraftwerke, Versorgungsdepots und enge Talabschnitte.
Nicht nur zum Stoppen des Vormarsches feindlicher Verbände, sondern auch zum Angriff sind Mini-Nukes eine feine Sache, schwärmen die Autoren des Field Manuals 5-102. Mit ihrer Hilfe kann man die Flanken einer angreifenden Formation schützen. Man kann Hindernisse hinter dem Feind schaffen, um ihn an der Flucht zu hindern (wozu hat man schließlich Fernspäher?). Man kann die erste von der zweiten Angriffswelle des Feindes trennen, wenn man zwischen beiden ein paar Mini-Nukes hochgehen lässt.
Die Anwendungsmöglichkeiten sind – militärisch betrachtet - letztlich nur durch die mangelnde Phantasie der Anwender begrenzt. Folgt man diesem Handbuch des US-Militärs, dann sind kleine taktische Nuklearwaffen also eine durchaus sinnvolle Option in der modernen Kriegsführung. Das potentielle Schlachtfeld Deutschland war jedenfalls bestens präpariert für diese Art des Waffengangs mit den Sowjets.
Was wird die Zukunft bringen? Eine Schwachstelle sind, wie immer, die Menschen. Zum Glück gibt es auch für den „Human Factor“ ein Handbuch der Armee, das Field Manual 22-51 (29. 09. 1994).
Die Drohung einer nuklearen Eskalation, so heißt es dort, hänge über jeder militärischen Operation, die Atomwaffenbesitzer einschließe. Während des Kalten Krieges hätte sich die Auffassung durchgesetzt, dass ein globaler Atomkrieg unweigerlich zum nuklearen Winter und zum Untergang der Menschheit führe.
Neuere Computer-Simulationen zeigten aber, dass der nukleare Winter nur partiell sei. Ebenso falsch sei die Befürchtung, dass jeder Einsatz von Atomwaffen zwangsläufig zu einer globalen Eskalation und zum nuklearen Winter führe. Weder die Atombomben auf Japan, noch die zahlreichen atmosphärischen Atomtests hätten einen negativen Effekt auf das Weltklima gehabt.
Diese weit verbreiteten falschen Überzeugungen seien natürlich auch nicht spurlos an den US-Soldaten vorüber gegangen. Die meisten US-Soldaten würden daher im Falle einer nuklearen Auseinandersetzung glauben, dass der Weltuntergang bevorstehe. Die elektronischen Kommunikationsstörungen während einer Schlacht und die feindliche Propaganda würden diesen Irrglauben noch verstärken.
Dies führe zur Hoffnungslosigkeit – im Sinne der während des Kalten Kriegs allgemein herrschenden Überzeugung, dass es in einem Atomkrieg keinen Gewinner geben könne. Es sei unbekannt, welche Auswirkungen diese Hoffnungslosigkeit auf unangemessen ausgebildete Soldaten habe. Einige Soldaten seien durch Filme, Bücher und TV-Shows beeinflusst worden, die Mythen und grobe Übertreibungen hinsichtlich der Auswirkungen von Strahlung hervorgerufen hätten.
Daher heißt es im Field Manual 22-51 bündig: „Wir müssen die Soldaten mental und emotional auf den Schock vorbereiten, der sich einstellt, wenn sie zum ersten Mal eine nukleare Attacke hören und sehen.“
Ein erster, wichtiger Schritt bestünde darin, die Soldaten mit realistischen Informationen über die Risiken unterschiedlich intensiver Strahlung zu versorgen. Informationen über die wahren Gefahren, besonders bei niedrigen Niveaus radioaktiver Strahlung, sollten mit den Schäden verglichen werden, die durchs Rauchen, Röntgen-Untersuchungen und Flügen in großer Höhe verursacht werden können.
Das Manual schildert einer Reihe weiterer Maßnahmen aus dem Arsenal der modernen Psychologie und Verhaltensmodifikation. Ob derartige Methoden die Befürchtungen von US-Soldaten tatsächlich beschwichtigt können, vermag ich nicht zu beurteilen. Wie sich Soldaten in den heißen Zonen atomarer Schlachten tatsächlich verhalten werden, wird man wahrscheinlich erst dann erfahren, wenn der erste Krieg dieser Art stattfindet. Vermutlich würden sich in einen solchen Krieg in der Regel an vorderster Front nur jene Soldaten bewähren, die von Kindesbeinen an durch eine spezielle Form der Gehirnwäsche auf eine atomare Schlacht und die eventuell erforderliche Selbstopferung vorbereitet wurden.
In Deutschland werden seit 1990 keine Sperrvorrichtungen für konventionelle Munition und ADM mehr gebaut. Der Feind von einst hat sich aufgelöst. Gegen den Feind von heute könnte man in unserem Land auch dann nicht mit ADM vorgehen, wenn er selbst mit Mini-Nukes ausgerüstet wäre. Der Kampf gegen den Terrorismus ist in dieser Hinsicht asymmetrisch.
Ein Terrorist könne beispielsweise das Frankfurter Kreuz mit Mini-Nukes in die Luft jagen, aber die Bundeswehr könnte ihm zur Strafe keine ADM unter den Gebetsteppich stecken. Und so liegt es nahe, sich, auch vorbeugend, an Staaten schadlos zu halten, die Terroristen unterstützen.
In einem Papier des amerikanischen Militär-Gremiums „Joint Chiefs of Staff” (Vereinigter Generalstab) aus dem Jahre 2005 heißt es:
„Verantwortliche Sicherheitsplanung erfordert die Vorbereitung auf Bedrohungen, die möglich, aber heute vielleicht unwahrscheinlich sind. Die Lektionen der Militärgeschichte bleiben klar: Unvorhersagbare, irrationale Konflikte treten ein. Die Streitkräfte müssen sich darauf vorbereiten, Waffen und Fähigkeiten entgegen zu treten, die existieren oder existieren werden, auch wenn in naher Zukunft keine unmittelbar wahrscheinlichen Kriegsszenarien gegeben sind. Um die Abschreckung des ABC-Waffeneinsatzes zu maximieren, ist es wesentlich, dass die US-Streitkräfte den effektiven Einsatz nuklearer Waffen vorbereiten und dass sie bereit sind, Nuklearwaffen zu verwenden, falls dies zur Vorbeugung oder Vergeltung des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen notwendig ist. (Responsible security planning requires preparation for threats that are possible, though perhaps unlikely today. The lessons of military history remain clear: unpredictable, irrational conflicts occur. Military forces must prepare to counter weapons and capabilities that exist or will exist in the near term even if no immediate likely scenarios for war are at hand. To maximize deterrence of WMD use, it is essential US forces prepare to use nuclear weapons effectively and that US forces are determined to employ nuclear weapons if necessary to prevent or retaliate against WMD use. (Doctrin for Joint Nuclear Operations, Final Coordination (2), 15 March 2005 III-1))”
Am Ende des Kalten Krieges rechnete ich fest damit, dass sich die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges deutlich verringern werde. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die tröstliche Worte der US-Armee zur Überschätzung der Gefahren eines nuklearen Waffengangs vermögen mich nicht wirklich zu beruhigen. Mir drängt sich eher der Verdacht auf, dass diese Worte Bestandteil einer nuklearen psychologischen Kriegsführung sind.
Geschrieben in Geschichte, Mind Control, Psychologie, Politik | Drucken | 1 Kommentar »