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März 2007
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Archive für 21.3.2007

Zwiespältige Gefühle gegenüber Deutschland

Ich bin in der alten Bundesrepublik mit überaus zwiespältigen Gefühlen gegenüber Deutschland aufgewachsen. Das geistige National-Klima in meiner Jugend lässt sich auf die knappe Formel bringen: “Deutsche Vaterlandsliebe ist ein Gemisch aus glühender Liebe zu Amerika und dem Bekenntnis zu ewiger deutscher Schuld und Schande.” Doch keine Regel ohne Ausnahme: Ursprüngliche Vaterlandsliebe (also eine, die Deutschland galt) durfte bekundet werden, wenn sie mit einem fanatischen Antikommunismus und dem Vorwurf verbunden war, die Roten seien für Vertreibung und Teilung verantwortlich.

Als ich, Jahrgang 1951, so mit sechzehn oder siebzehn, politisch zu denken begann, waren mir sowohl die glühende Liebe zu Amerika als auch der Antikommunismus suspekt, und so blieben mir die Wege zum Patriotismus verschlossen. Andere als die gesellschaftlich anerkannten, politisch korrekten Formen der Vaterlandsliebe waren mir nicht bekannt. Allein Deutschlands Schuld und Schande empörte mich und ich sah, dass der Schoß, aus dem das kroch, in der Tat noch fruchtbar war. Und so war meine emotionale Beziehung zu Deutschland überwiegend geprägt von meinem Entsetzen übder den Horror des Dritten Reichs.

Patriotismus, gar Nationalismus, auf Deutsch: Vaterlandsliebe waren für mich untrennbar mit masochistischem Proamerikanismus oder mit dem Gestank des Rechtradikalismus, des Juden- und Fremdenhasses und des Antikommunismus verbunden. Zwar waren aus rechten Kreisen kritische Töne gegenüber Amerika zu hören, aber die Gründe für die monierten Misstände im Imperium wurden der “Ostküste”, lies: den Juden in die Schuhe geschoben. Man hatte den Eindruck, dass die Rechtsextremen ein ansonsten unverändertes Amerika ohne Juden aufgrund seiner antikommunistischen Streitbarkeit und seiner offenen Rassendiskriminierung uneingeschränkt bewundert hätten. Auch bei den Rechtsradikalen war die Vaterlandsliebe letztlich eine Mischung aus klammheimlichen Proamerikanismus und offenem Antikommunismus - nur das Bekenntnis zu deutscher Schuld und Schande fehlte.

Die Greuel des Vietnamkriegs und die Verbrechen des Hitlerismus erfüllten mich gleichermaßen mit heiligem Zorn - und so konnte keine der offiziellen Varianten der Vaterlandsliebe mein Herz entflammen. Auch auf die verpönte, aber geduldete Version in Form des antikommunistischen Neonazismus war mir zuwider. Und so wuchs ich auf wie ein Mensch ohne Vaterland. Und das spürte ich kaum. Denn um mich herum waren viele, denen es ähnlich erging. Und niemand fand etwas dabei. Das war kein Thema.
Ich brauchte lang, ich brauchte Jahrzehnte, um zu entdecken, dass deutscher Nationalismus ohne Fremden- und Judenhass, aber auch ohne proamerikanischen Masochismus möglich ist. Noch länger dauerte es, bis ich erkannte, dass ein Mensch ohne Fähigkeit zur Vaterlandsliebe nur eine deformierte Identität besitzt. Viele, viel zu viele in unserem Land haben eine so deformierte Identität. Doch dies scheint sich nun zu ändern, die Selbstheilungskräfte unseres Volkes beginnen sich zu entfalten.

Die Genesung nimmt mitunter skurile, ja tragikomische Formen an, wie z. B. während der letzten Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Aber, da bin ich sicher, sie lässt sich nicht mehr aufhalten. Der durch die Instrumente psychologischer Kriegsführung künstlich erzeugte Proamerikanismus, dieses Patriotismus-Surrogat wird ebenso verschwinden wie der ohnehin verstaubte Antikommunismus und das formelhafte Bekenntnis zu deutscher Schuld und Schande. Deutschland wird wieder normal. Und das ist gut so.

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