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März 2007
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Archive für 19.3.2007

Geh doch rüber!

Wer früher, also in den guten, alten Zeiten des Kalten Kriegs in Westdeutschland den Kapitalismus im Allgemeinen und das US-Imperium im Besonderen kritisierte, erntete nicht selten die hingerotzte Replik: “Geh doch rüber!” Gegen dieses Argument war im Grunde nicht viel auszurichten. Man konnte von den Greueln des Vietnamkriegs sprechen, von Neofaschismus, Arbeitslosigkeit, Entfremdung, Ausbeutung - diesem knappen, bequemen und unsäglich denkfaulen Argument “Geh doch rüber!” war letztlich kein Einwand gewachsen.

Denn was war drüben? Im Ostblock war Stalinismus in allen erdenklichen Varianten - vom Massenmord bis hin zu fehlenden Bananen und sauren Zitronen. Man konnte sich winden und wenden wie man wollte, man konnte sich selbst und andere belügen, bis sich die Balken bogen - an der simplen und schlichten Tatsache, dass im Westen nicht alles gut, drüben aber fast alles noch erheblich schlechter war, kam man einfach nicht vorbei.

Wer einräumte, dass drüben eben der perfekte Sozialismus noch nicht erreicht, dass dort sogar Arbeiterverräter am Werke seien, durfte mit etwas mehr Verständnis rechnen: Der Sozialismus, so hieß es, sei eine gute Sache, die sich nur nicht verwirklichen ließe. Er scheitere an der menschlichen Natur Der beste Beweis dafür seien die Staaten des Ostblocks.

Dass schönste Ideal wurde von den Mahlsteinen der häßlichen Wirklichkeit pulverisiert und taugte nicht zur Grundlegung einer überzeugenden Kapitalismus- und Imperialismuskritik. Sie war auf Sand gebaut.
Und heute? Heute haben es die Befürworter des Kapitalismus und des Imperiums nicht mehr so leicht. “Geh doch rüber!” funktioniert natürlich nicht mehr - und die Aufforderung: “Konvertier’ doch” ist Kabarett. Seit dem Untergang des Ostblocks müssten eigentlich bessere Zeiten für Kritiker des Kapitalismus und des Imperiums angebrochen sein. Die menschliche Natur ist zwar immer noch unverändert, aber wenigstens sind die schlechten Beispiele verschwunden: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Und in der Tat: Die Kritiker des Kapitalismus haben es heute etwas leichter. Obwohl mit den Schalmeienklängen des Neoliberalismus im boomenden PR-Gewerbe viele Millionen Euro verblasen werden, wächst die Bereitschaft vieler Menschen, ihre Seele der antikapitalistischen Botschaft zu öffnen. Wer volkstümlich erscheinen möchte, ob Politiker, Journalist oder Kirchenmann, kritisiert Fehlentwicklungen, Auswüchse und Missstände.
Allerdings darf bei dieser Kritik der Hinweis nicht fehlen, dass man angesichts der weltwirtschaftlichen Verflechtungen an den Nebenwirkungen des Kapitalismus hier im Lande nichts Wesentliches ändern und erst recht diesen nicht abschaffen könne.

Die “internationalen Verpflechtungen” werden allerdings durch die Interessen des US-Imperiums geformt, das die Welt militärisch, wirtschaftlich und kulturell dominiert oder zu beherrschen anstrebt. Die Kritik am Kapitalismus ist also ohne gleichzeitige Imperialismus-Kritik eine Kritik ohne Arsch und Eier.

Die schärfste Kritik am US-Imperialismus wird heute nicht mehr von Kommunisten, sondern von Islamisten vorgetragen. Und immer noch, wie einst in den guten, alten Zeiten des Kalten Kriegs, kann man sich drehen und wenden wie man will, kann man sich selbst und andere belügen, bis sich die Balken biegen - trotz Todesstrafe, Folter, trotz völkerrrechtswidriger Kriege sind Lebensart, Kultur und politisches System der USA zweifellos dem Islamismus, also der Scharia, der religiösen Intoleranz, der Frauenunterdrückung, der allgemeinen und umfassenden Rückschrittlichkeit vorzuziehen.

Selbst der phantasiebegabteste Verschwörungstheoretiker hätte diese Realität nicht besser erfinden können: erst der stalinistisch versaute Kommunismus, dann der miefig reaktionäre Islamismus! Könnte man der antikapitalistischen und antiimperialistischen Kritik wirkungsvoller jede Grundlage entziehen? In den paranoiden Momenten zwischen Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsängsten fällt es schwer, sich vor dem Glauben an eine Illuminatenverschwörung zu wappnen.

Haben etwa doch jene durchgeknallten Verschwörungstheoretiker recht, die behaupten, ein allmächtiger Geheimbund habe Nationalsozialismus, Kommunismus und nun auch den Islamismus absichtlich hervorgerufen, um in den Volksmassen den Wunsch nach einer Weltregierung zu nähren, die durch einen einheitlichen Weltstaat, einer Weltreligion und einer globalen Leitkultur allen Zerwürfnissen auf diesem Planeten ein Ende bereitet?

“Das Schwerste überhaupt ist es, sich in die Stimmung eines Kriegers zu versetzen”, sagte Don Juan zu seinem Schüler Carlos Castaneda. “Es hat keinen Sinn, traurig zu sein und zu klagen, und sich dazu berechtigt zu fühlen, im Glauben, dass immer jemand uns irgend etwas antut. Niemals tut uns irgend jemand etwas an, am wenigsten einem Krieger. Du bist hier bei mir, weil du hier sein willst. Du hättest bereits die volle Verantwortung übernehmen sollen, dann würde sich die Vorstellung, dass du ein Blatt im Winde bist, für dich verbieten.” (Carlos Castaneda: Reise nach Ixtlan. Frankfurt a. M.: Fischer, 1975, 112)

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