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5.3.2007 von Hans Ulrich Gresch.
1970 war ich 19 Jahre alt und ich erinnere mich - so dachte ich zumindest bis vor zehn Minuten - noch recht gut an diese Zeit. Doch soeben las ich einen Artikel, den die Ex-RAF-Aktivistin Inge Viett in der Jungen Welt (24. 2. 2007) veröffentlichte. Dort heißt es:
“1970 war für uns der politisch/militärische Angriff der angemessene Ausdruck für unseren Widerstand gegen den Kapitalismus. Das war für uns eine natürliche Sache, denn die weltweite Dynamik der Klassenkämpfe schien einen Sprung an die Kehle des Imperialismus zu machen. Unzweifelhaft hatte die revolutionäre Gewalt der antikolonialen und nationalen Befreiungsbewegungen den Imperialismus erschüttert und teilweise zurückgedrängt. Revolutionäre Gewalt hatte – zu Recht – eine moralische, befreiende Ausstrahlung. Warum sollten wir nicht versuchen, aus der Revolte, die in den sechziger/siebziger Jahren doch eine ganz schöne Masse in den kapitalistischen Staaten ergriffen hatte, einen grundsätzlichen Angriff auf das System werden zu lassen? Warum sollten wir nicht die Chance wahrnehmen? Revolten in Deutschland sind seltene Lichtschächte im autoritären Geschichtstunnel, und sie wurden stets schnell wieder zugeschüttet. Auch wir hatten keine Chance, aber das mußten wir erst rauskriegen.”
Nach der Lektüre dieses Artikels kamen mir Zweifel an meinem Erinnerungsvermögen. Bisher dachte ich, dass 1970 die überwältigende Mehrheit unseres Volkes den Kopf voll hatte mit den Ideologien des Kalten Krieges und - das abschreckende Beispiel der DDR vor Augen - nicht im Traum daran dachte, einen grundsätzlichen Angriff auf das System zu starten. Im Gegenteil. Sicher - es gab jede Menge junge Leute, die es schick fanden, lustig revolutionäre Sprechblasen blubbern zu lassen. Denn das war “in” und die Medien schenkten der revolutionären Pop-Kultur ja auch die entsprechende Beachtung. Ein echtes revolutionäres Klima gab es damals - so erinnere jedenfalls ich mich - mit Sicherheit nicht.
Es gab aber eine ganze Reihe von Leuten, die süchtig waren nach dem ungehemmten Genuss revolutionärer Träume im Hier & Jetzt. Die Erinnerung an die Lehren der Vergangenheit und Gedanken an eine vergitterte Zukunft hätten diese Euphorie nur unangenehm abgekühlt. Drogen spielten dabei sicher auch eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wie jung man damals auch immer war, wie leidenschaftlich, wie moralisch inspiriert und überhöht auch immer… wer alt genug war, solche Träume zu träumen und wer klug genug war dazu, der musste einfach wissen, dass die Revolution damals auf absehbare Zeit keine reale Chance, sondern ein Traum war, zumindest in Deutschland. Das konnte jeder wissen, der es wissen wollte.
Und nun schreibt Inge Viett, sie verstehe gar nicht, warum nicht viel mehr Menschen in dieser Zeit zur Waffe gegriffen hätten. Schließlich habe damals “die revolutionäre Gewalt der antikolonialen und nationalen Befreiungsbewegungen den Imperialismus erschüttert”. Mag ja sein. Aber wo war denn die “nationale Befreiungsbewegung” in Deutschland? Sollte die in der Retorte gezüchtet werden?
Bisher hatte ich immer geglaubt, was die Terroristen im tiefsten Grunde ihrer Seele motivierte war eine halluzinogen-narkotische “Die-Young-Romantik”, die Besoffenheit von einem rauschhaften, intensiven Leben, verbunden mit der vagen Vorstellung eines heldenhaften Todes. Und nun kommt Inge Viett und schreibt, es sei ein rationales Kalkül gewesen. Man habe versucht, eine sich bietende Chance zu ergreifen und habe damals nicht wissen können und erst lernen müssen, dass man nicht den Hauch einer Chance hatte.
Und so hatte ich, bei allem Verständnis für revolutionäre Ideen, immer das Gefühl, die RAF-Terroristen säßen zu recht im Knast, weil es doch einen erheblichen moralischen Unterschied gäbe zwischen der Revolution des Volkes und blutigem Hedonismus. Muss ich dieses Gefühl nun umformen zum Kalkül Inge Vietts oder ist es nach wie vor die Fleischwerdung eines sicheren Instinkts für reale Verhältnisse?
Man mag mir entgegen halten, dass Inge Vietts Einschätzung der damaligen politischen Lage der skeptischen Töne nicht entbehre. Schreibt sie doch:
“Gewiß, auch mit den Zigtausenden hätten wir die Schlacht nicht gewinnen können, aber den »Geistesheroen der Konterrevolution«, wie Lutz Schulenburg so schön sagt, wäre es bedeutend schwerer geworden, den bewaffneten Widerstand als politische Verirrung und persönliche Verwirrung einiger »Terroristen« aus seinem politischen, sozialen und geschichtlichen Bezug zu lösen.”
Gewiss. Gewiss! Gewiss? Hilf Himmel - jede in dieser Euphorie abgefeuerte Kugel hätte doch als Gegenreaktion nicht nur einen weiteren Ausbau des Polizeiapparats und einen weiteren Abbau von Bürgerrechten, sondern auch eine Verschärfung der Psychologischen Kriegsführung bewirkt, die ihre Wirkung auf das Volk nicht verfehlt hätte, denn an den Schalthebeln der höchst effektiven medialen Kriegsmaschinerie saßen auch damals schon die Feinde der Feinde des Kapitalismus.
Oder täusche ich mich da? Verkleisterte damals nur Feigheit meine Augen und ließ mich die realen Chance nicht sehen? Wer weiß. Wir wissen heute, dass unsere Freunde, die Amerikaner während des Kalten Krieges eine “Strategie der Spannung” verfolgten. Sie streiten dies natürlich ab, aber Bücher wie Daniele Gansers Schrift über die NATA-Geheimarmee Gladio lassen keinen Zweifel daran. Um das Bedürfnis nach “Law and Order” in der Bevölkerung zu schüren, wurde der Terror nach Kräften gefördert. So pervers dies klingt: Der Terror war willkommen. Er sollte das Volk von kommunistischen Träumen abbringen. Er sollte “Freedom and Democracy” schützen und retten. Heute ist das kaum vorstellbar: Aber so war der Kalte Krieg.
1970 war ich 19 Jahre alt und ich erinnere mich - so dachte ich zumindest bis vor zehn Minuten - noch recht gut an diese Zeit. Vielleicht jedoch leide ich an “falschen Erinnerungen”. Und doch: Wenn ich mich recht entsinne, hat der RAF-Terrorismus ganz wesentlich dazu beigetragen, den Vietnamkrieg vergessen zu machen. Ja, ja, wenn alte Leute vom Krieg fabulieren…
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