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März 2007
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Der Blick unter den falschen Kanaldeckel

Im Lauf meines Lebens bin ich oft und mit Herzenslust durch deutsche Gaue gewandert und habe mich an der schönen Natur erfreut. War’s anders nicht möglich, wanderte ich auch die Landstraße entlang. Mitunter entdeckte ich, meist in der Nähe von Brücken, merkwürdige Verschlüsse, die bei oberflächlicher Betrachtung wie Kanaldeckel aussahen. Bei genauerem Hinsehen stellte ich allerdings fest, dass sie keine Öffnungen zum Abfließen von Wasser und eine Schraube in der Mitte hatten. Einmal fragte ich einen Bautrupp, der sich an einer derartigen Öffnung im Pflaster zu schaffen machte, welche Funktion diese Schächte hätten. Einer der Arbeiter antwortete ausweichend. Sie seien Mitarbeiter vom Straßenbauamt, sagte er. Sie weiteren Auskünften war er nicht bereit, er habe zu tun.

Erst vor einigen Jahren erfuhr ich bei Recherchen im Internet, dass es sich bei diesen seltsamen Kanaldeckeln um die Verschlüsse von Sprengschächten handelte. Im Falle einer sowjetischen Invasion sollten sie mit Sprengstoff gefüllt werden. Es handelte sich also um militärische Sperranlagen. Überall in Deutschland wurden während des Kalten Kriegs Vorrichtungen zur Aufnahme von Sprengstoff für den Ernstfall installiert. Natürlich dachte ich zunächst an konventionellen Sprengstoff.

Dann stieß ich bei weiteren Recherchen auf das Field Manual 5-102 der US-Armee aus dem Jahre 1985. Dieses Field Manual enthält Anweisungen, wie man am besten heranrückende Feinde stoppen kann. Ein Kapitel beschäftigt sich mit nuklearen Sprengkörpern, der sog. „Atomic Demolition Munition“. Dabei handelt es sich um atomare Sprengsätze mit einer Sprengkraft zwischen 10 Tonnen bis maximal 15 Kilotonnen. Diese nuklearen Sprengsätze sind verhältnismäßig klein; selbst die größten können von zwei bis drei starken Männern getragen werden. Daher werden sie auch als Kofferbomben bezeichnet.

Die „Atomic Demolition Munition“ hat, laut Field Manual 5-102, spezielle Eigenschaften, die sie auf dem Schlachtfeld besonders wünschenswert macht. Da sie eine wesentlich höhere Zerstörungskraft als konventioneller Sprengstoff besitze, seien die Anforderungen an die Logistik und das Personal bei ihrem Einsatz erheblich reduziert. Die „Atomic Demolition Munition“, kurz ADM besäße einen signifikanten Vorteil gegenüber jedem anderen Einsatzsystem, wenn absolute Treffsicherheit erforderlich ist.

Klar: Wenn zwei, drei Soldaten einen atomaren Sprengsatz an einer Autobahnbrücke anbringen, dann kann diese Zielgenauigkeit naturgemäß nicht im entferntesten durch einen Bombenabwurf bzw. Atomkanonen- oder Raketenbeschuss erreicht werden. Bomben, Granaten oder Raketen müssten daher wegen der geringeren Treffsicherheit eine wesentlich höhere Sprengkraft besitzen, um genauso effektiv zu sein wie die ADM.

Diese sei dementsprechend eine rundum positive Waffe: Atomarer Niederschlag (Fallout), freigesetzte Strahlung und Kollateralschäden könnten kontrolliert und minimiert werden. Im Grunde, so argumentieren die Autoren des Field Manuals, stelle sich die Frage „konventionell“ oder „atomar“ vielfach im realen Kriegsleben überhaupt nicht – rein technisch und militärisch betrachtet. Viele Tunnel z. B. könnten mit konventionellem Sprengstoff gar nicht ernsthaft beschädigt, geschweige denn zerstört werden – und zwar wegen der gewaltigen Mengen Sprengstoff, die benötigt würden, um die Explosionswirkung eines so großen Raumes an einem einzigen Punkt zu konzentrieren.

Eine Mini-Nuke sei hier ein wahrer Segen. Ein einziger kleiner atomarer Sprengsatz, in der Mitte des Tunnel platziert, würde diesen dermaßen demolieren, dass der Feind Wochen zu tun hätte, um ihn wieder passierbar zu machen. Ähnliches gelte auch für Autobahnen. Mit konventionellem Sprengstoff könne man bestenfalls ein paar Löcher reißen, die der Angreifer leicht mit Behelfsbrücken überwinden könne. Und selbst dieser geringe Effekt würde sehr viel Personal, Transport-Kapazität und Arbeitszeit binden.

Doch eine ADM, die unterhalb oder auf der Fahrbahn explodierte, würde ein Hindernis hinterlassen, das den Feind zum Bau einer festen Brücke zwingen und ihn selbst dann mehrere Tage beschäftigen würde, wenn er nicht unter Feuer stünde. Und dann erst die Brücken. Keine Plackerei mehr. Ein ADM-Feuer-Team könnte eine Brücke, für deren Sprengung eine konventionelle Einheit mehrere Kompanie-Stunden benötige, in wenigen Minuten in Schutt und Asche legen.

Doch nicht nur Tunnels, Straßen und Autobahnen eignen sich als Ziele für die Kofferbomber. Das Armee-Handbuch nennt als weitere Objekte massive Dämme, Kanäle, Startbahnen, Verschiebebahnhöfe, Häfen, Industrieanlagen, Kraftwerke, Versorgungsdepots und enge Talabschnitte.

Nicht nur zum Stoppen des Vormarsches feindlicher Verbände, sondern auch zum Angriff sind Mini-Nukes eine feine Sache, schwärmen die Autoren des Field Manuals 5-102. Mit ihrer Hilfe kann man die Flanken einer angreifenden Formation schützen. Man kann Hindernisse hinter dem Feind schaffen, um ihn an der Flucht zu hindern (wozu hat man schließlich Fernspäher?). Man kann die erste von der zweiten Angriffswelle des Feindes trennen, wenn man zwischen beiden ein paar Mini-Nukes hochgehen lässt.

Die Anwendungsmöglichkeiten sind – militärisch betrachtet - letztlich nur durch die mangelnde Phantasie der Anwender begrenzt. Folgt man diesem Handbuch des US-Militärs, dann sind kleine taktische Nuklearwaffen also eine durchaus sinnvolle Option in der modernen Kriegsführung. Das potentielle Schlachtfeld Deutschland war jedenfalls bestens präpariert für diese Art des Waffengangs mit den Sowjets.

Was wird die Zukunft bringen? Eine Schwachstelle sind, wie immer, die Menschen. Zum Glück gibt es auch für den „Human Factor“ ein Handbuch der Armee, das Field Manual 22-51 (29. 09. 1994).

Die Drohung einer nuklearen Eskalation, so heißt es dort, hänge über jeder militärischen Operation, die Atomwaffenbesitzer einschließe. Während des Kalten Krieges hätte sich die Auffassung durchgesetzt, dass ein globaler Atomkrieg unweigerlich zum nuklearen Winter und zum Untergang der Menschheit führe.

Neuere Computer-Simulationen zeigten aber, dass der nukleare Winter nur partiell sei. Ebenso falsch sei die Befürchtung, dass jeder Einsatz von Atomwaffen zwangsläufig zu einer globalen Eskalation und zum nuklearen Winter führe. Weder die Atombomben auf Japan, noch die zahlreichen atmosphärischen Atomtests hätten einen negativen Effekt auf das Weltklima gehabt.

Diese weit verbreiteten falschen Überzeugungen seien natürlich auch nicht spurlos an den US-Soldaten vorüber gegangen. Die meisten US-Soldaten würden daher im Falle einer nuklearen Auseinandersetzung glauben, dass der Weltuntergang bevorstehe. Die elektronischen Kommunikationsstörungen während einer Schlacht und die feindliche Propaganda würden diesen Irrglauben noch verstärken.

Dies führe zur Hoffnungslosigkeit – im Sinne der während des Kalten Kriegs allgemein herrschenden Überzeugung, dass es in einem Atomkrieg keinen Gewinner geben könne. Es sei unbekannt, welche Auswirkungen diese Hoffnungslosigkeit auf unangemessen ausgebildete Soldaten habe. Einige Soldaten seien durch Filme, Bücher und TV-Shows beeinflusst worden, die Mythen und grobe Übertreibungen hinsichtlich der Auswirkungen von Strahlung hervorgerufen hätten.

Daher heißt es im Field Manual 22-51 bündig: „Wir müssen die Soldaten mental und emotional auf den Schock vorbereiten, der sich einstellt, wenn sie zum ersten Mal eine nukleare Attacke hören und sehen.“

Ein erster, wichtiger Schritt bestünde darin, die Soldaten mit realistischen Informationen über die Risiken unterschiedlich intensiver Strahlung zu versorgen. Informationen über die wahren Gefahren, besonders bei niedrigen Niveaus radioaktiver Strahlung, sollten mit den Schäden verglichen werden, die durchs Rauchen, Röntgen-Untersuchungen und Flügen in großer Höhe verursacht werden können.

Das Manual schildert einer Reihe weiterer Maßnahmen aus dem Arsenal der modernen Psychologie und Verhaltensmodifikation. Ob derartige Methoden die Befürchtungen von US-Soldaten tatsächlich beschwichtigt können, vermag ich nicht zu beurteilen. Wie sich Soldaten in den heißen Zonen atomarer Schlachten tatsächlich verhalten werden, wird man wahrscheinlich erst dann erfahren, wenn der erste Krieg dieser Art stattfindet. Vermutlich würden sich in einen solchen Krieg in der Regel an vorderster Front nur jene Soldaten bewähren, die von Kindesbeinen an durch eine spezielle Form der Gehirnwäsche auf eine atomare Schlacht und die eventuell erforderliche Selbstopferung vorbereitet wurden.

In Deutschland werden seit 1990 keine Sperrvorrichtungen für konventionelle Munition und ADM mehr gebaut. Der Feind von einst hat sich aufgelöst. Gegen den Feind von heute könnte man in unserem Land auch dann nicht mit ADM vorgehen, wenn er selbst mit Mini-Nukes ausgerüstet wäre. Der Kampf gegen den Terrorismus ist in dieser Hinsicht asymmetrisch.

Ein Terrorist könne beispielsweise das Frankfurter Kreuz mit Mini-Nukes in die Luft jagen, aber die Bundeswehr könnte ihm zur Strafe keine ADM unter den Gebetsteppich stecken. Und so liegt es nahe, sich, auch vorbeugend, an Staaten schadlos zu halten, die Terroristen unterstützen.

In einem Papier des amerikanischen Militär-Gremiums „Joint Chiefs of Staff” (Vereinigter Generalstab) aus dem Jahre 2005 heißt es:

„Verantwortliche Sicherheitsplanung erfordert die Vorbereitung auf Bedrohungen, die möglich, aber heute vielleicht unwahrscheinlich sind. Die Lektionen der Militärgeschichte bleiben klar: Unvorhersagbare, irrationale Konflikte treten ein. Die Streitkräfte müssen sich darauf vorbereiten, Waffen und Fähigkeiten entgegen zu treten, die existieren oder existieren werden, auch wenn in naher Zukunft keine unmittelbar wahrscheinlichen Kriegsszenarien gegeben sind. Um die Abschreckung des ABC-Waffeneinsatzes zu maximieren, ist es wesentlich, dass die US-Streitkräfte den effektiven Einsatz nuklearer Waffen vorbereiten und dass sie bereit sind, Nuklearwaffen zu verwenden, falls dies zur Vorbeugung oder Vergeltung des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen notwendig ist. (Responsible security planning requires preparation for threats that are possible, though perhaps unlikely today. The lessons of military history remain clear: unpredictable, irrational conflicts occur. Military forces must prepare to counter weapons and capabilities that exist or will exist in the near term even if no immediate likely scenarios for war are at hand. To maximize deterrence of WMD use, it is essential US forces prepare to use nuclear weapons effectively and that US forces are determined to employ nuclear weapons if necessary to prevent or retaliate against WMD use. (Doctrin for Joint Nuclear Operations, Final Coordination (2), 15 March 2005 III-1))”

Am Ende des Kalten Krieges rechnete ich fest damit, dass sich die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges deutlich verringern werde. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die tröstliche Worte der US-Armee zur Überschätzung der Gefahren eines nuklearen Waffengangs vermögen mich nicht wirklich zu beruhigen. Mir drängt sich eher der Verdacht auf, dass diese Worte Bestandteil einer nuklearen psychologischen Kriegsführung sind.

Mini-Nukes

Wer wissen will, wie die sog. Atomic Demolition Munition (Mini-Nukes) fachgerecht angewendet wird, gegen welche Ziele sie sich richtet und welche Zwecke sie erfüllt, kann dies im Field Manual 5-102 der US-Army nachlesen.

Laut Feldhandbuch haben diese Nuklearwaffen erheblich Vorteile gegenüber konventionellem Sprengstoff, aber auch gegenüber anderen Atomwaffen. Mag sein. Die Anwendung ist aber offenbar nicht ganz unproblematisch.
Ed Mitchell, ein Offizier der US-Armee im Ruhestand, erinnert sich an seine Zeit in Deutschland: “Ich hatte die Aufgabe, … Personal auszuwählen, das die Aufgabe erledigen konnte, doch das als entbehrlich betrachtet wurde.”
Ein anderer Offizier, Rowe Attaway fügt im Hinblick auf den Ernstfall hinzu: “Einsatzgruppen hätte man mit 7-Tage-Rationen versorgt, erwartet, dass sie die zugewiesene Aufgabe erledigen und dann abgeschrieben (written off the books).”

Der Umgang mit den Mini-Nukes galt unter Soldaten scheinbar als Himmelfahrtskommando. Es nützt ja nicht viel, nur irgendwo große Krater in die Landschaft zu sprengen. Um die kann der Feind natürlich herum fahren. Dafür braucht er etwas länger, aber er kommt dennoch zum Ziel.
Besser ist es, die Ladung zu zünden, wenn der Feind ihr ganz nahe ist. Dazu muss man in der Nähe bleiben und rechtzeitig auf den Knopf drücken. Dann aber hat der Anwender vermutlich nicht mehr genug Zeit, sich aus dem Staub zu machen.

Trotzdem: Für das Konzept eines begrenzten Atomkriegs waren die Mini-Nukes im Kalten Krieg einfach unentbehrlich - und so brauchte man auch Menschen, die sie an der Front oder gar hinter den feindlichen Linien einsetzten.

Re-Education

443px-bush_43_10-19-04_stpete.jpgDem Spiegel-Autor Claus Christian Malzahn sind die Deutschen zu antiamerikanisch; er fordert daher eine zweite Re-Education. Das, finde ich, geht zu weit. Das ist doch ein wenig ungerecht. Die erste Re-Education war nämlich wirklich erfolgreich. Der Beweis: Deutschland war während des Kalten Kriegs gespickt mit Atomwaffen. Wären die Sowjets in Westdeutschland einmarschiert (warum auch immer), dann hätte die NATO das Anbranden der roten Panzerflut mit taktischen Nuklearwaffen gestoppt. Diese Strategie nannte sich “flexible response” und ihre Urheber vesprachen sich davon eine Begrenzung des Atomkriegs auf deutsches Territorium.
Das von den Amerikanern geführte Militärbündnis rechnete mit Millionen toten Deutschen innerhalb von nur 14 Tagen. Die Deutschen haben diese Situation ohne Murren ertragen und immer wieder die deutschen Politiker gewählt, die diese Politik der NATO unterstützt haben. Sie waren also heldenhaft bereit, für Freedom and Democracy zu sterben. Für Freiheit und Demokratie wäre Deutschland, illuminiert von Atomblitzen, heroisch untergegangen. Der heute so populäre Slogan: “Du bist Deutschland” wäre damals im Verteidigungsfall wahr geworden.
Nur wenige dachten: Lieber rot als tot. Sicher: Hätte sich die Deutschen den Russen kampflos ergeben, dann wären auch im Westen Verhältnisse wie in der DDR die Folge gewesen: Keine Bananen, kein Mallorca und der Trabbi. Scheußlich, fürwahr. Aber als Alternative zum womöglich qualvollen Strahlentod?
Gut, das ist Geschichte. Fakt aber ist: Damals war die überwiegende Mehrheit der Westdeutschen glühend antikommunistisch, so glühend, dass man gar nicht darüber nachdachte, was die Steigerung des glühenden Antikommunismus gewesen wäre: der strahlende Antikommunismus.

Die Re-Education hatte also bestens funktioniert, und, da bin ich sicher, sie wirkt bis heute nach. Gut, heute sind viele Deutsche scheinbar antiamerikanisch, weil George Bush im Fernsehen nicht so gut ankommt wie der smarte Bill Clinton. Und das mit der Lewinsky war doch irgendwie menschlich, oder nicht? Die Hillary soll ja so eine Kalte gewesen sein!

Die gegenwärtigen Ressentiments gegenüber Amerika sind kein “echter” Antiamerikanismus, sondern ein Anti-Bushismus. Da kann die “Achse des Guten” ganz unbesorgt sein. Eine zweite Re-Education ist also nicht erforderlich. Die Deutschen wären wieder ganz zufrieden, wenn die Amerikaner statt eines öligen einen ordentlichen Hollywood-Präsidenten hätten. Und dass die Deutschen heute die Amis für gefährlicher halten als die Mullahs!?…! Na wenn schon. Wenn hier in Deutschland die erste Kofferbombe hochgeht und auf den Überresten des Koffers beweiskräftige iranische Hoheitszeichen zu erkennen sind, dann wird sich das schon ändern. Hmm, damit keine Missverständnisse entstehen: Dies will ich jetzt nicht als Maßnahme zur Re-Education empfehlen.

Der böse Bush und das gute Amerika

Im Auftrag des Magazins “Stern” befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa in der Zeit zwischen dem 22. und dem 23. März 2007 insgesamt 1003 Bundesbürger zum Thema “Weltfrieden”. 48 % der Befragten glauben, dass von den USA eine größere Bedrohung für den Weltfrieden ausgehe als vom Iran. Nur 31 % halten die Muslim-Republik für gefährlicher als die Vereinigten Staaten.

Der politische Mainstream zeigte sich entsetzt und machte für dieses Meinungsbild den angeblich in Deutschland grassierenden Antiamerikanismus verantwortlich. Allein Forsa-Chef Manfred Güllner widersprach. Die Ergebnisse seien die Folge einer Ablehnung der Politik von George Bush und keineswegs auf einen allgemeinen Antiamerikanismus zurückzuführen.

Diese Einschätzung könnte zutreffen. In einem Artikel aus der “Zeit” vom 19. 6. 2006 heißt es: “Die amerikakritischen Deutschen geben laut einer … Befragung des Pew Research Centers zu fast 70 Prozent dem Präsidenten die Schuld an den negativen Auswirkungen der US-Politik - und nicht den Vereinigten Staaten selbst. Bush-Bashing ist ein beliebtes Hobby der Deutschen.”

Die besorgten Deutschen hoffen, dass Friede, Freude und Eierkuchen die Welt beherrschen werden, sobald der ungeliebte Texaner das Amt des Präsidenten abgibt. Diese Haltung scheint wieder einmal die alte Weisheit zu bestätigen, dass der treueste Verbündete aggressiver Staaten das schlechte Gedächtnis der Menschen sei. Als hätte es z. B. nie den Vietnamkrieg gegeben!

Amerika ist keine Demokratie, sondern eine Plutokratie - und die beiden großen US-Parteien sind die Interessenvertretung einer Oberschicht, die rund 1 Prozent der Bevölkerung umfasst. Macht es wirklich einen Unterschied, ob nun ein Republikaner als Vertreter der Ölindustrie oder ein Demokrat als Gewährsmann Hollywoods im Weißen Haus sitzt? Mehr als die Hälfte der wahlberechtigten US-Bürger machen diesen Zirkus nicht mehr mit und bleiben den Urnen bei Präsidentschaftswahlen fern.
Allein viele Deutsche glauben immer noch, der amerikanische Präsident sei der mächtigste Mann der Welt und bestimme die Politik der USA wie ein Kaiser auf Zeit.

In seinem neuen Buch “Nemesis: The Last Days of the American Republic” beziffert Chalmers Johnson die Zahl der amerikanischen Militärbasen im Ausland auf 737. Grundlage dieser Zahl sind Angaben der amerikanischen Regierung aus dem Jahre 2005. Johnson vermutet, dass die tatsächliche Zahl der Basen größer sei. Die amtlichen Unterlagen seien unvollständig.

Dieses Militärimperium wurde nicht von George W. Bush geschaffen und es wird auch nicht mit ihm verschwinden. Allenfalls wird sich die immer noch vom Kalten Krieg geprägte Struktur verändern. 2004 kündigte Bush in einer Rede vor Kriegsveteranen an, dass er mehr Truppen ins eigene Land verlagern wolle, damit sie schnell auf unerwartete Bedrohungen überall in der Welt reagieren könnten. Man brauche eine agilere, flexiblere Truppe, die in jedem Winkel des Universums vom Kampf bis zur Friedensstiftung alle notwendigen Aufgaben erledigen könne. Die angestrebten Veränderungen könnten allerdings während seiner Amtzeit nicht abgeschlossen werden.

Die Deutschen sollten sich also keiner Illusion hingeben: Amerika wird auch noch dem Ende der “Ära Bush” bedrohlicher für den Weltfrieden sein als der Iran. Dabei spielt es keine Rolle, ob dem wiedergeborenen Christen Bush ein liberaler Demokrat nachfolgt oder wieder ein Republikaner. Es ist auch unerheblich, ob der neue Präsident eine Frau ist oder ein Neger. Auch eine schwarze, lesbische Frau mit einem Buckel und abstehenden Ohren würde nichts an der Tatsache ändern, dass die Vereinigten Staaten von Amerika die Weltherrschaft anstreben und dass sie deswegen die größte Gefahr für den Weltfrieden darstellen.

Sind die Nukes noch scharf?

1964. Die Beatles sangen: “I want to hold your hand.” Bernd Spier meinte trotzig: “Das kannst du mir nicht verbieten.” Leonid Breshnew wurde Generalsekretär der KPdSU. Die Amerikaner begannen ein militärisches Abenteuer, das als “schmutziger Krieg” in die Geschichte eingehen und mit einer schmählichen Niederlage enden sollte. Am 7. August 1964 ermächtigte der amerikanische Kongress mit der Tonkin-Resolution den US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, zur Abwehr von Angriffen auf US- und verbündete Streitkräfte in Südostasien alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Das war der offizielle Start des Vietnamkriegs.

Der Name dieser Resolution bezieht sich auf den sog. Tonkin-Zwischenfall. Nordvietnamesische Schiffe hatten angeblich den US-Zerstörer USS Maddox attackiert. Heute wissen wir, dass dieser Angriff niemals stattfand. Noch nicht einmal der Präsident und sein Verteidigungsminister Robert McNamara glaubten damals daran. Es handelte sich um Kriegspropaganda.

1964. In Deutschland war das Leben friedlich. Südostasien war weit weg. Über die Leinwände der Republik flimmerte “Für eine Handvoll Dollars”. Sergio Leone begründete mit diesem Streifen das Genre des Italo-Westerns. Die Deutschen lehnten sich in die Kino-Sessel zurück und knabberten Popcorn.
Heinrich Lübke wurde zum Bundespräsidenten wiedergewählt. Was haben wir über seine Scherze gelacht! “Meine Damen und Herren, liebe Neger…”. Es war damals nicht ausgeschlossen, dass unser Lachen in einem Atomblitz verhallt wäre.

Am 13. November 1964 traf sich der amerikanische Verteidigungsminister McNamara mit seinem deutschen Kollegen Kai-Uwe von Hassel. In von Hassels Gefolge befanden sich der Generalinspekteur der Bundeswehr, Heinz Trettner und General Bernd Freitag von Loringhoven. Von Loringhoven war ein Zeuge der letzten Tage im Führerbunker.

Heinz Trettner bezweifelte, dass die strategische nukleare Abschreckung noch glaubwürdig sei. “Flexible Response”, die gestufte Abschreckung sei nunmehr erforderlich. Diese Einschätzung teilte er mit dem amerikanischen Verteidigungsminister und dessen frischgebackenem Stabschef General Earle G. Wheeler. Die massive Vergeltung solle einem nuklearen Überraschungsangriff oder einem totalen konventionellen Angriff des gesamten Warschauer Paktes vorbehalten bleiben.

Die deutsche Generalität hatte sich auch eine Alternative zum weltweiten atomaren Overkill ausgedacht. General von Loringhoven trug das Konzept vor: Im Falle eines Angriffs der Sowjets auf Westdeutschland sollten Heer und Luftwaffe mit konventionellen Mitteln zurückschlagen. Gleichzeitig aber sollten die atomaren Landminen, die bereits entlang der deutsch-deutschen Grenze deponiert worden waren, gezündet werden. Sobald NATO-Truppen in Gefahr stünden, zerstört zu werden, sollten zusätzliche taktische Atomwaffen eingesetzt werden. Eine weitere Eskalation könne vermieden werden, wenn die sowjetische Aggression auf dieser Stufe gehalten werden könne. Nach diesem deutschen Konzept sollten die Nuklearwaffen nur auf deutschem Boden und nicht gegen die sowjetischen Kommunikationslinien eingesetzt werden.

Waren dies militärische Sandkastenspiele? Oder sollte Deutschland wirklich auf dem atomaren Schlaftfeld geopfert werden. Mit Zustimmung der westdeutschen Führung, ja, sogar einem Konzept der westdeutschen Generalität folgend? Wer weiß.
Ron Chiste war als GI in Deutschland und diente in der 3. US-Panzerdivision. Im Mai 1972 erhielt er den Befehl, die taktischen Atomwaffen scharf zu machen. Was war geschehen? Präsident Richard Nixon hatte angeordnet, dass der nordvietnamesische Hafen von Haiphong bombardiert werden solle. Das Weiße Haus war sich nicht sicher, wie die Russen reagieren würden.

2007. Der Vietnamkrieg ist längst Geschichte. Heute führen die USA den Krieg gegen den Terror: in Irak, Afghanistan und anderswo. Schließlich hatte Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen. (Oder war das auch nur Kriegspropaganda wie einst der Angriff in der Bucht von Tonkin?) Damals befürchtete Nixon, dass in Deutschlang Vergeltung geübt werden könnte für die Bombardierung von Vietnam. Und heute?

***

Hintergrundfakten zum Kalten Krieg in Deutschland: Ingo Wolfgang Trauschweizer: CREATING DETERRENCE FOR LIMITED WAR: THE U.S. ARMY AND THE DEFENSE OF WEST GERMANY, 1953-1982 . Dissertation: University of Maryland, 2006

Anti-Islamismus angeboren?

Und also schrieb George Bush: “Mohammeds ganze Lebengeschichte macht deutlich, dass Fanatismus, Ehrgeiz und Lust seine dominanten Leidenschaften waren.” Der Religionsstifter sei nicht willens gewesen, seine korrupten Neigungen zu zügeln und habe für sie die vornehmen menschlichen Tugenden wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Freundschaft in Humanität unterdrückt.

Dies brachte Reverend George Bush zu Papier, ein Cousin des Großvaters von George W. Bush, dem gegenwärtigen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Information entstammt einem überaus lesenswerten Aufsatz von Michael Carmichael über psychologische Kriegsführung. George Bush (1796 - 1859) war der Autor eines höchstgradig islamfeindlichen Buches mit dem Titel: Das Leben Mohammeds: Stifter der Religion des Islams und des Reiches der Sarazenen.”

George W. Bush will offenbar nicht in die Fußstapfen seines rigorosen Vorfahren treten. Er sagt z. B.: “Islam is a vibrant faith. Millions of our fellow citizens are Muslim. We respect the faith. We honor its traditions. Our enemy does not. Our enemy doesn’t follow the great traditions of Islam. They’ve hijacked a great religion.”

Amerikas Feinde sind also gar keine Moslems, sondern - hmm, verwenden wir doch einfach jenes Wort, dass des Präsidenten Vorfahr so gern und nachdrücklich auf Mohammed anwandte, sie sind “Impostors”, also Betrüger, Gaukler, Hochstapler, Schwindler. Bush unterscheidet die guten Moslems von den bösen Mohammedanern.

Der Herr wird die Seinen schon erkennen. Wir Sterblichen können uns nur die Iraq Body Count Database anschauen und uns fragen, wie viele dieser Toten unschuldige gute moslemische Kolateralschäden oder böse Mohammedaner waren.

Selbstmord-Missionen

Ron Chiste war 1979 als GI in Deutschland. Er erinnert sich an ein sog. EDP-Briefung, also eine Lagebesprechung zur Einnahme der Kriegsposition. EDP bedeutet: Emergency Deployment Position. Das Briefing war streng geheim, die Fenster wurden abgedunkelt und Wachen standen vor den Türen. Am Ende der Lagebesprechung waren Fragen erlaubt. Chistie sagt, er müsse damals wohl noch sehr naiv gewesen sein. Er fragte nämlich, wie viel Zeit das Batallion denn habe, um in Stellung zu gehen. Die älteren Offiziere trauten ihren Ohren nicht. Der Instrukteur antwortete cool: “Sie werden keine Zelte mitnehmen, keine Feldküchen oder irgend etwas dergleichen. Die C- und B-Batterien werden über die Fulda rasen und die A-Batterie wird in Reserve gehalten. Wir rechnen nicht damit, dass C und B zurückkehren werden.”

Ron Chiste betitelte seinen Bericht mit der Überschrift: “The EDP Briefing or Suicide Mission at the Fulda Gap.” Die Geschützgruppen, die in Position gebracht werden sollten, waren nuklearfähig. Im Fulda-Gap erwartete man einen Angriff sowjetischer Panzerverbände. Im diesen abzuwehren, benötigte man offensichtlich Himmelfahrtskommandos.

Dass die amerikanischen Streitkräfte seit Gründung dieser glorreichen Nation immer schon todesmutige Soldaten in ihren Reihen hatten, will ich nicht bestreiten. Aber es ist doch etwas anderes, ob man fürs Vaterland in Tod riskiert, aber eine Überlebenschance besitzt, oder ob man beim Einsatz von taktischen Atomwaffen den eigenen, sicheren und womöglich qualvollen Tod in Kauf nimmt. Und so kann ich mir kaum vorstellen, dass die amerikanischen Streitkräfte genug geborene Selbstmord-Soldaten besaßen, um erfolgreich einen taktischen Nuklearkrieg in Deutschland zu führen.

Eher könnte ich mir vorstellen, dass normale Soldaten, gleich welcher Nation, in einer solchen Situation kaum in der Lage gewesen wären, diszipliniert ihre Aufgaben zu erfüllen, geschweige denn, kühlen Mutes in den sicheren, qualvollen Tod zu gehen.
Ob es wohl die regulären Truppen gewesen wären, die im Ernstfall die Codes und Zündschlüssel für die “tactical nukes” erhalten hätten - oder Spezialeinheiten, die in Deutschland für den Fall aller Fälle bereitstanden? Vielleicht gab es ja “Soldaten” mit einer speziellen Ausbildung für die suizidalen Einsätze des Atomkriegs.

Eine Spekulation über die Art dieser Ausbildung ist mein Roman “Ein Slave der Freiheit“.

Die Männer mit dem Koffer

Die 3. US-Panzerdivision (3rd Armored Division “Spearhead”) bewachte während des Kalten Krieges die deutsch-deutsche Grenze. Sie besaß natürlich auch ein beachtliches Waffenarsenal, um die sowjetischen Panzer im Falle eines Angriffs aufzuhalten. Zu diesen Waffen zählte ein Koffer. In diesem Koffer befand sich ein kleiner nuklearer Sprengsatz, eine sog. Special Atomic Demolition Munition (SADM) namens MK-54.

Arnold Dutcher war 1971 als Soldat der “Spearhead-Division” in Deutschland. Er schreibt in seinen Erinnerungen an diese Zeit: “Während meines Einsatzes in Deutschland trainierte ich hauptsächlich mit der MK-54 SADM. Sie war die leichteste und kompakteste der ADM-Waffen.” Die Mission seiner Einheit, des ADM-Platoons bestand darin, “Dinge in die Luft zu sprengen, die dann Hindernisse wurden, um die Armeen des Ostblocks auf ihrem Weg nach Westen zu stoppen.” Als Ziele kamen z. B. Autobahnen in Frage. Der Einsatz der Kofferbombe wurde beständig geübt. Ein häufiges Übungsgebiet war ein Autobahnabschnitt in der Nähe Hanaus. Die Einsatzgruppe hielt die Zufahrt zum Standort der Bombe frei, beseitigte Unterholz, entfernte Äste und andere Gegenstände, die das Fahrzeug der Truppe behindert hätten. Die letzten Meter mussten Sie den Koffer tragen, der insgesamt etwa 75 kg schwer war.

Die Bombe sollte durch eine internen Zeitschalter gezündet werden. Dutcher und seine Kameraden hatten allerdings den Befehl, in Sichtweite auf die Detonation zu warten. “Dies bedeutetete er erhebliches Risiko für das Team”, schreibt Dutcher, “aber wir wussten, wie wir in Deckung gehen und uns selbst schützen konnten.” (Dutchers Bericht findet sich hier.)

Über den Einsatz dieser und anderer Atombomben auf deutschem Boden entschied die USA allein. Die wenigsten Deutschen wussten, was ihnen drohte. Nur ein paar Politiker. Ob die wohl noch im Lande gewesen wären, wenn Dutcher oder andere US-Boys unsere Autobahnen mit Atombomben in die Luft geprengt hätten?

Zwiespältige Gefühle gegenüber Deutschland

Ich bin in der alten Bundesrepublik mit überaus zwiespältigen Gefühlen gegenüber Deutschland aufgewachsen. Das geistige National-Klima in meiner Jugend lässt sich auf die knappe Formel bringen: “Deutsche Vaterlandsliebe ist ein Gemisch aus glühender Liebe zu Amerika und dem Bekenntnis zu ewiger deutscher Schuld und Schande.” Doch keine Regel ohne Ausnahme: Ursprüngliche Vaterlandsliebe (also eine, die Deutschland galt) durfte bekundet werden, wenn sie mit einem fanatischen Antikommunismus und dem Vorwurf verbunden war, die Roten seien für Vertreibung und Teilung verantwortlich.

Als ich, Jahrgang 1951, so mit sechzehn oder siebzehn, politisch zu denken begann, waren mir sowohl die glühende Liebe zu Amerika als auch der Antikommunismus suspekt, und so blieben mir die Wege zum Patriotismus verschlossen. Andere als die gesellschaftlich anerkannten, politisch korrekten Formen der Vaterlandsliebe waren mir nicht bekannt. Allein Deutschlands Schuld und Schande empörte mich und ich sah, dass der Schoß, aus dem das kroch, in der Tat noch fruchtbar war. Und so war meine emotionale Beziehung zu Deutschland überwiegend geprägt von meinem Entsetzen übder den Horror des Dritten Reichs.

Patriotismus, gar Nationalismus, auf Deutsch: Vaterlandsliebe waren für mich untrennbar mit masochistischem Proamerikanismus oder mit dem Gestank des Rechtradikalismus, des Juden- und Fremdenhasses und des Antikommunismus verbunden. Zwar waren aus rechten Kreisen kritische Töne gegenüber Amerika zu hören, aber die Gründe für die monierten Misstände im Imperium wurden der “Ostküste”, lies: den Juden in die Schuhe geschoben. Man hatte den Eindruck, dass die Rechtsextremen ein ansonsten unverändertes Amerika ohne Juden aufgrund seiner antikommunistischen Streitbarkeit und seiner offenen Rassendiskriminierung uneingeschränkt bewundert hätten. Auch bei den Rechtsradikalen war die Vaterlandsliebe letztlich eine Mischung aus klammheimlichen Proamerikanismus und offenem Antikommunismus - nur das Bekenntnis zu deutscher Schuld und Schande fehlte.

Die Greuel des Vietnamkriegs und die Verbrechen des Hitlerismus erfüllten mich gleichermaßen mit heiligem Zorn - und so konnte keine der offiziellen Varianten der Vaterlandsliebe mein Herz entflammen. Auch auf die verpönte, aber geduldete Version in Form des antikommunistischen Neonazismus war mir zuwider. Und so wuchs ich auf wie ein Mensch ohne Vaterland. Und das spürte ich kaum. Denn um mich herum waren viele, denen es ähnlich erging. Und niemand fand etwas dabei. Das war kein Thema.
Ich brauchte lang, ich brauchte Jahrzehnte, um zu entdecken, dass deutscher Nationalismus ohne Fremden- und Judenhass, aber auch ohne proamerikanischen Masochismus möglich ist. Noch länger dauerte es, bis ich erkannte, dass ein Mensch ohne Fähigkeit zur Vaterlandsliebe nur eine deformierte Identität besitzt. Viele, viel zu viele in unserem Land haben eine so deformierte Identität. Doch dies scheint sich nun zu ändern, die Selbstheilungskräfte unseres Volkes beginnen sich zu entfalten.

Die Genesung nimmt mitunter skurile, ja tragikomische Formen an, wie z. B. während der letzten Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Aber, da bin ich sicher, sie lässt sich nicht mehr aufhalten. Der durch die Instrumente psychologischer Kriegsführung künstlich erzeugte Proamerikanismus, dieses Patriotismus-Surrogat wird ebenso verschwinden wie der ohnehin verstaubte Antikommunismus und das formelhafte Bekenntnis zu deutscher Schuld und Schande. Deutschland wird wieder normal. Und das ist gut so.

Die Strahlkraft des Krieges

Dr. Richard Meiling war ein Pionier-Mediziner des Nuklearzeitalters. Er war der Vorsitzende des “Armed Forces Medical Policy Council”, der führenden Beratergruppe des amerikanischen Verteidigungsministers zu Beginn des Kalten Krieges. Im Juni 1951 verfasste er ein sorgenvolles Memorandum für seinen Chef. “Die Furcht vor Strahlung”, heißt es dort, “ist beinahe allgegenwärtig unter den Uneingeweihten und bevor sie in den Streitkräften nicht überwunden wurde, könnte sie ein überaus ernstes Problem darstellen, sobald Nuklearwaffen eingesetzt werden.”

Er schlug vor, Soldaten nach einem Atombombentest in unmittelbarer Nähe des “Grund Zero” exerzieren zu lassen, um sie an den Einsatz von Nuklearwaffen zu gewöhnen. Er rannte mit seinem Vorschlag bei den Militärs offene Türen ein. In den folgenden Jahren waren mehr als 200.000 Menschen bei amerikanischen Atombombentests anwesend und einige Tausend nahmen an Manövern unter dem Atompilz teil. Man bemühte sich natürlich, die Übungen realitätsnah zu gestalten. Dies war jedoch nur sehr eingeschränkt möglich, und zwar nicht nur aus moralischen und juristischen Gründen. Schließlich bestand ja das Hauptziel der Manöver darin, die Angst vor Strahlung abzubauen. Tote und Schwerstkranke infolge der Tests wären da nicht gerade förderlich gewesen.

Und so exerzierten Soldaten unmittelbar nach dem Knall am Ort der Explosition oder sprangen über “Ground Zero” mit dem Fallschirm ab, aber die Strahlenexposition war dennoch verhältnismäßig gering. Über Langzeitschäden machte man sich damals kaum Gedanken. Es versteht sich von selbst, dass in einem realen Atomkrieg die in einem Manöver vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen nicht immer verwirklichen lassen. In einem Manöver kann man einen Atombombenabwurf z. B. bei Niederschlag und widerigen Winden abblasen, im Krieg nicht immer.

Wer tödlich verstrahlt wurde, stirbt entweder sofort oder er erholt sich wieder, für ein paar Tage, um dann besonders qualvoll zu verrecken. Wer dies weiß oder vielleicht sogar bei anderen beobachtet hat, wird sich u. U. lieber wegen Befehlsverweigerung erschließen lassen, statt einen Befehl mit garantiertem Strahlentod auszuführen. In einem Atomkrieg wären solche Himmelfahrtskommandos aber unvermeidlich.

Was tun? Zu Beginn der fünfziger Jahre beunruhigten Gerüchte Politiker und die Öffentlichkeit, dass die Kommunisten Gehirnwäschemethoden entwickelt hätten, mit denen man Menschen mental versklaven könnte. Da traf es sich gut, dass auch die CIA derartige Methoden erforschte. Ein einst streng geheimes, inzwischen aber freigegebenes Dokument beschreibt die Ziele dieses Forschungsprojekts:
“(1) Evaluation und Entwicklung jeder Methode, durch die wir Informationen von einer Person gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen erhalten können. (2) Wie können wir den oben genannten Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns angewendet werden? (3) Können wir ein Individuum bis zu einem Punkt kontrollieren, an dem es unsere Befehle gegen seinen Willen und sogar gegen so fundamentale Naturgesetze wie den Selbsterhaltungstrieb ausführt? (4) Wie können wir solchen Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns angewendet werden?”
(Die Fotokopien dieses Dokuments können hier heruntergeladen werden.)
750px-davycrockettbomb.jpgOb die CIA die Absicht hatte, Menschen mit Gehirnwäschemethoden für Himmelfahrtskommandos in Atomkriegen abzurichten, geht aus der Akte nicht hervor. Punkt (3) legt eine derartige Interpretation jedoch nahe. Auch andere Fakten sprechen dafür. So wurde z. B. die deutsch-deutsch Grenze in der heißesten Phase des Kalten Kriegs von einer “Atomic Battle Group” bewacht, die über eine nukleare Panzerfaust verfügte, das Waffensystem “Davy Crockett”. Es handelte sich dabei um eine taktische Nuklearwaffe, die anrückende sowjetische Truppen stoppen sollte. Die Mindesreichweite, die eingestellt werden konnte, betrug 1000 Feet, als etwa 300 Meter. Eine nukleare Panzerfaust auf ein Ziel in dieser Entfernung abzufeuern, wäre absolut tödlich - für die Getroffenen und für die Schützen.

Dies ist keine Verschwörungstheorie, keine Science Fiktion. Das war so. Hier in Deutschland. Und weiß Gott, die Welt stand in dieser Zeit mehr als einmal kurz vor einem Atomkrieg. Hurra, wir leben noch. Glück gehabt. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht.