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Februar 2007
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Archive für 26.2.2007

Bindung

Der Psychologe Gordon Neufeld und der Arzt Gabor Maté haben ein sensationelles Buch geschrieben, das ausschließlich auf Selbstverständlichkeiten beruht. Aufgrund der heutigen ideologischen Dauerberieselung mit turbokapitalistischen Indoktrinationen kommen die meisten Menschen nicht von allein auf diese Selbstverständlichkeiten; erst wenn sie ein Buch wie “Unsere Kinder brauchen uns!” der oben genannten Autoren lesen, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen.

Die steile These lautet: Kinder, vor allem kleine Kinder, können nicht zur gleichen Zeit zwei andersartige Bindungen aufbauen. Entweder sie binden sich an ihre Eltern (bzw. stellvertretende Erwachsene) - oder sie binden sich an Gleichaltrige. Wenn sie sich an Gleichaltrige binden, dann erziehen sie sich gegenseitig und nehmen nur noch ungern Lehre von ihren Eltern an. Kinder, vor allem kleine Kinder sind jedoch als Erzieher denkbar ungeeignet. Allgemein menschliche und gesellschaftliche Werte können sie nicht vermitteln, auch keine Maßstäbe für gesittetes Verhalten.

Diese These würde gar nicht als steil, sondern als höchst flach, höchst trivial empfunden, wenn uns nicht jedes natürliche Empfinden in dieser Frage wegtrainiert worden wäre. Wie auch immer: Die Folge dieser Gleichaltrigenorientierung sind, so behaupten Neufeld und Maté, im Grunde alle Schwierigkeiten, die wir heute mit Kindern haben: Die Probleme im sprachlichen Bereich, die Konflikte mit elterlicher Autorität, die Kinder-Suizide… man könnte diese Liste beliebig verlängern. All diese Probleme sind die Folge der unzulänglichen Bindung an die Eltern. Und diese unzulängliche Bindung ist das Resultat von Krippen, Kindergärten und des Niedergängs der häuslichen Erziehung von Kleinkindern. Diese wiederum wird begünstigt durch ökonomische Zwänge und die dazu gehörigen turbokapitalistische Ideologien, deren aggressivste der Feminismus (heute: “Gender Mainstreaming”) ist.

Ich bin kein Christ, obwohl katholisch getauft. Wenn ich ehrlich bin: Das Christentum geht mir gegen den Strich. Diese Unterwerfungsreligion ist nichts für mich. Und so bin ich immer wieder überrascht, aus christlichem Munde dennoch richtige Einsichten zu vernehmen. Dazu zählt Bischof Mixas Rede von den “Gebärmaschinen”. Mir ist nicht klar, ob der Bischof weiß, warum er recht hat, aber recht hat er schon, der Bischof. Wie bereits erwähnt, beruft er sich nur auf Selbstverständlichkeiten. Jede, oder doch fast jede Mutter, deren natürlicher Bindungsinstinkt noch nicht wegtrainiert wurde, möchte den Bindungsaufbau zu ihrem Kind nicht Krippenerzieherinnen oder, beinahe unvermeidlich, den gleichaltrigen Hosenscheißern in der Krippe überlassen.

Erzieherinnen mögen ein ausgezeichneter Mutterersatz sein, wenn sie die Zeit dazu haben. Doch solche Krippen mit ausreichend Zeit für jede Rotznase sind nicht finanzierbar. Auch das ist eine Selbstverständlichkeit, auch das wissen wir alle. Aber wir wollen es nicht wahrhaben. Das passt uns nicht in den Kram. Mutter muss ja Geld verdienen, Vaters Gehalt allein reicht nicht, und außerdem: Wer weiß, wie lange die Ehe hält mit dem Lebensabschnittspartner? Da muss Mutter dann für später schon Karriere machen, damit das Geld stimmt, wenn Vater nicht mehr zahlen muss.

Die Vielfalt der Zwangslagen verstehe ich gut und es liegt mir fern, über irgendwen den Stab zu brechen… Auch nicht über Bischof Mixa, dessen Kirche ich, auch aufgrund persönlicher, höchst schlechter Erfahrungen, nun wirklich nicht besonders schätze. Bischof Mixa mag ja ein fürchterlich reaktionäres Menschen- und Frauenbild haben. Doch das muss angesichts des hier verhandelten Problems nicht unbedingt auf die falsche Fährte führen. Denn hier geht es ja in erster Linie um die Instinkte von Kleinstkindern, und die sind uralt, viel älter als die reaktionärsten Menschen- und Frauenbilder. Darum mag das, was im Umgang mit Kindern sinnvoll ist, wie ein alter Hut von gestern erscheinen.

Natürlich dürfen wir wirtschaftliche Zwänge ebenso wenig ignorieren wie die berechtigten Interessen von Frauen und Müttern. Wenn wir aber die Instinkte, die natürlichen Entwicklungstendenzen und Reaktionsmuster von Kindern missachten, dann zerstören wir unsere Zukunft. Wo er recht hat, der Bischof, da hat er recht. Wir müssen uns entscheiden, was wichtiger ist: unsere momentanen Interessen oder die Grundlagen dafür, dass unsere Interessen auch in Zukunft befriedigt werden.

PS: Ich bezweifele nicht, dass es viele prächtige Menschen gibt, die unsere Welt in Krippen und Kindergärten kennengelernt haben. Die Menschen sind halt unterschiedlich. Manche vertragen ein hohes Mass an deformierenden Einflüssen, ohne verbogen zu werden, andere nicht.

Al-Masri, Kurnaz

Al-Masri, Kurnaz und kein Ende? Früher oder später werden diese Geschichten im Sande versickern, wenn den Medien der Stoff ausgeht. Es steht nicht zu erwarten, dass irgend eine neue, bahnbrechende Erkenntnis dem Zahn der Zeit Einhalt gebieten könnte - noch nicht einmal mit einem bescheidenen Minister-Rücktritt ist zu rechnen.

Was lernen wir daraus? Dass Bewohner Deutschlands sich auf ihre Regierung - ganz gleich, wer an der Macht ist - nicht verlassen können, wenn sie im Ausland in Schwierigkeiten geraten, sobald amerikanische Interessen im Spiel sind?

Mancher Deutsche mag sich damit trösten, dass die Opfer ja Moslems und keine oder “keine richtigen” Deutschen gewesen seien. Man abgesehen davon, dass es rassistisch ist, so zu denken: Wer glaubt denn, dass es die Amis interessiert, ob einer ein “richtiger Deutscher” ist oder “nur” ein Migrant bzw. Migrantenkind?

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