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Mixa, der Aufmischer

nachttopf.jpgVielleicht liegt’s ja am schlechten Gedächtnis, aber ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, dass jemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Vertreter der Politik und der Verbände so gleichsinnig über einen Kirchenmann, einen leibhaftigen katholischen Bischof gar, hergefallen wären wie jetzt über Walter Mixa. Der Mixa hat sie alle aufgemischt. Die Argumente seiner Kritiker sind eher nicht moderat und auch nicht besonders einfallsreich, sondern oft alte Klamotten aus der Kirchenfresserecke: Der Bischof habe es als Zölibatär gerade nötig, sich in die Angelegenheiten junger Familien einzumischen, er wolle die Frau wieder auf die durch Kinder, Küche und Kirche charakterisierte antiquierte Rolle festlegen und er gehöre einer Institution an, die Frauen schon seit zweitausend Jahren unterdrücke. Man empört sich darüber, dass Mixa die Frau als Gebärmaschine betrachte - obwohl er sie genau vor dieser Funktionalisierung in Schutz nehmen wollte. Christliche Politiker oder Kirchenvertreter äußerten sich in der Regel zwar etwas zurückhaltender, aber in der Tendenz kommt letztlich dasselbe dabei heraus.

Bischof Mixa hat also, wie die Reaktionen beweisen, den Finger in die Wunde gelegt. Die Wunde ist wieder einmal die eiternde Schwäre der Dummheit, die mit ihren Giften und fauligen Säften unsere Republik lähmt. Diese Dummheit ist nicht die Folge von Intelligenzmangel, sondern von Trägheit. Sie ist das unvermeidliche Resultat der hartnäckigen Weigerung, wenn Not tut auch einmal über Bande zu denken, die Komplexität von Problemen zur Kenntnis zu nehmen.
Da stellt man fest, dass die Deutschen immer weniger Kinder zeugen. Hilft Himmel! Wer soll denn dann unsere Rente bezahlen. Mehr Kinder müssen her. Gute Idee. Gute Idee? Wenn die heute gezeugten Kinder als Erwachsene in Arbeit und Brot kommen, schon. Sonst nicht. Sonst leben sie von staatlichen Transferzahlungen und können wohl kaum für die Rente ihrer älteren Mitbürger aufkommen. Nun führt aber der technische Fortschritt in Tateinheit mit neoliberaler Wirtschaftspolitik unausweichlich zu mehr Arbeitslosen.

Da stellt man fest, dass es in Deutschland einen Mangel an Krippenplätzen für Kleinstkinder gibt. Mütter, die arbeiten möchten, finden keinen Hort für die lieben Kleinen. Hilf Himmel! Diese Mütter werden dann vielleicht keine Kinder zur Welt bringen und verhüten oder abtreiben. Wer soll denn dann später einmal die Rente bezahlen? Mehr Krippenplätze müssen her. Es schickt sich schließlich für eine demokratische Gesellschaft, Eltern die Wahlfreiheit einzuräumen, ob sie ihre Kinder lieber in die Krippe geben oder zu Hause aufziehen. Gute Idee! Gute Idee? Eine immer größere Zahl von Eltern haben diese Wahl allerdings nur theoretisch, weil nämlich weder der Mann, noch die Frau genug Geld verdienen, um die Familie allein ernähren zu können. Sie haben nicht die Wahl zwischen Krippe und mütterlichem Do-it-yourself, sondern sie können sich entscheiden zwischen Kinderverzicht oder Hartz, weil kein Krippenplatz zur Verfügung steht. Daraus folgt logisch, dass die Erhöhung der Krippenplätze für diese Eltern nur dann die Wahlmöglichkeit vergrößern würde, wenn man Hartz als legitime Alternative zum Kinderverzicht einkalkuliert. Sonst würde für diese Zahl der armen Eltern die hausliche Betreuung der Kleinstkinder unweigerlich zur Abhängigkeit von Sozialleistungen führen.

Dass die Menschen immer weniger verdienen, ist nun auch eine Folge unserer neoliberalen Wirtschaftspolitik. Da man diese beibehalten will, scheint die Forderung nach mehr Krippenplätzen auf der Hand zu liegen: Man fördert die Gebärfreudigkeit, sichert die Rente, ohne dass man höhere Löhne bzw. Gehälter zahlen müsste.

Diese Rechnung geht nicht auf. Diese Rechnung geht schon allein darum nicht auf, weil mehr Kinder nicht automatisch Renten sichern. Und außerdem sind gute Krippenplätze teuer. Aus der einschlägigen Forschung wissen wir, dass die Resultate der Krippenbetreuung in entscheidendem Maße von der Qualität der Krippe abhängen. Die Frage lautet, ob man nicht eventuell Geld sparen würde, wenn man Mütter mit dem unnatürlichen Begehren, ihre Kleinstkinder selbst zu betreuen, von Staats wegen mit den dafür erforderlichen Mitteln ausstatten würde. Klar, Krippen können billiger sein. Weiß man doch: Massenproduktion ist immer kostengünstiger! Ist sie wirklich auch hier immer kostengünstiger?

Vor einigen Jahren, als wir uns noch nicht an die rechtsradikale Gewalt, vor allem in Ostdeutschland gewöhnt hatten, wurde öffentlich heftig über deren Ursachen nachgedacht. Prof. Christian Pfeiffer, der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen brachte die ostdeutsche Volksseele zum Kochen. Er schrieb:

“Ein Buch - ‘Kinder-Erziehung in der DDR’ und das schlug ich zu Hause auf und sah ein Bild, was mich irrtierte: lauter kleine Kinder im Alter von 12 Monaten sichtlich, 13, 14, 15 Monate, die alle gleichzeitig auf ihren Töpfen saßen unten drunter stand ‘Topfzeit’ und dann wurde erläutert: ‘Erst die Pflicht und dann das Vergnügen’ und dann wurde detailliert beschrieben für die Eltern, wie man Kinder dazu erziehen kann, dass sie im Alter von 12 Monaten so eine Leistung bringen.”

Pfeiffer meinte, dass dieser Gruppenzwang in den Krippen der DDR eine der Ursachen für ostdeutschen Rechtsradikalismus sei. Darüber mag man streiten. Worüber man nicht streiten kann: Je billiger die Horte sein sollen, desto weniger Zeit haben die Erzieherinnen, auf die Individualität der Kinder einzugehen, desto genormter wird ihr Vorgehen und desto härter wird der Gruppenzwang sein. Mir graust vor den Ergebnissen, auch wenn diese nicht in rechtsradikalen Gewalttätern bestehen sollten. Volkswirtschaftlich betrachtet sind Krippen vielleicht doch nicht in jedem Fall die kostengünstigere Lösung.
Es wundert mich nicht, dass Gregor Gysi von der Linkspartei Ursula von der Leyens Vorstoß verteidigt und dabei nicht unerwähnt lässt, dass die DDR durchaus in dem einen oder anderen Aspekt auch ein Vorbild für das heutige Deutschland sein könne. Das mag sein, doch die “Topfzeit” gehört mit Sicherheit nicht zu diesen vorbildlichen Aspekten.

Die Ergebnisse der Krippenforschung sind uneinheitlich. Einige Untersuchungen sprechen dafür, dass Kinder mit frühen Gruppenerfahrungen zwar hilfreicher und kooperativer, aber auch weniger höflich, streitsüchtiger und aggressiver seien als andere Kinder. Ich bezweifele nicht, dass kenntnisreiche Befürworter der gesundheitsministeriellen Krippenpolitik aus dem vorliegenden Forschungsbrei Rosinen herauspicken könnten, die obiger These widersprechen. Sie passt zwar hervorragend zur Pfeiffer-Logik, aber vermutlich ist die Sache doch komplexer. Wie auch immer: Aus meiner Sicht ist dies ohnehin in erster Linie keine empirische Frage, es geht vielmehr - und dies führt mich zu Bischof Mixa zurück - um das Menschenbild.

Wie soll das gesellschaftliche Leitbild aussehen: Soll es die traditionelle Familie sein? Mit dem Mann als Alleinverdiener und seiner Frau als Hausfrau und Mutter? Soll es die Doppelverdienerehe sein mit Krippenerziehung und einem aufs Wochenende reduzierten Familienleben? Oder gibt es Alternativen. Kibbuz? In Israel scheint sich der Kibbuz weg von seinen ursprünglichen Ideen zu einem ganz normalen Dorf mit ganz normalen Kleinfamilien zu entwickeln. Die Realität wird wohl in Zukunft in Doppelmodell hervorbringen, nämlich einerseits die Doppelverdienerfamilie und andererseits die Doppelarbeitslosenfamilie. Die klassische Familie, die dem Bischof Mixa wohl am Herzen liegt, hat vermutlich ausgedient. Das ist Fortschritt, das sind die modernen Zeiten.

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