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21.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Was ist Antiamerikanismus?
Es ist nicht so einfach, „Antiamerikanismus“ zu definieren. Fragt man die Kritiker, so erhält man in der Regel zur Antwort, was „Antiamerikanismus“ nicht sei. Natürlich sei „Antiamerikanismus“ keinesfalls mit Kritik an us-amerikanischer Regierungspolitik gleichzusetzen, diese sei legitim und könne durchaus Ausdruck freundschaftlicher Sorge um das Wohl dieses großartigen Landes sein. Selbstverständlich habe „Antiamerikanismus“ nichts mit dem üblichen Vorurteilen über pausenlos kaugummikauende, hemdsärmelige Cowboys zu tun. Diese seien das Ergebnis mangelnder Vertrautheit mit dem Lande, gegen die der zunehmende Amerika-Tourismus die beste Abhilfe darstelle.
Ja, aber was ist Antiamerikanismus dann? Nun liegt es nahe, richtige, waschechte Antiamerikaner zu fragen, wie sie ticken, was ihnen am Herzen liege. Dummerweise gibt niemand zu, Antiamerikaner zu sein. Zwar finden sich in unserem Lande viele Kritiker Amerikas, da muss man nicht lange suchen. In Bus und Bahn, in der Schlange an der Supermarktkasse, in der Kneipe beim Bier, beim Friseur, ja, vor allem beim Friseur warten die Menschen förmlich auf eine gute Gelegenheit, Amerikakritisches abzusondern. Den Vorwurf, antiamerikanisch zu sein, weisen sie allerdings empört zurück – und zwar ausnahmslos.
Es gibt keine bekennenden Antiamerikaner. Im Gegenteil: Die Amerikakritiker schwärmen von der Weite des Landes, von der Freundlichkeit seiner Menschen, von den Errungenschaften seiner Universitäten, von seinem Pioniergeist und Optimismus. Das ist ganz anders als bei anderen Anti-Leuten. Zwar existieren auch versteckte Antisemiten, Antikommunisten, Antifaschisten oder Anti was auch immer, aber es finden sich doch genug offene, glühende Anhänger ihrer Anti-Haltung, deren freudig bekundete Einstellungen eine Definition der jeweiligen Anti-Position erlauben.
Beim Antiamerikanismus ist das anders. Er wird nicht bekannt, er wird anderen zugeschrieben – jedoch nicht in Form eindeutiger Merkmale, sondern als dumpfe Anmutung. Bei den Kritikern des Antiamerikanismus, so hat man den Eindruck, gilt jener als antiamerikanisch, der sich angesichts des Füllhorns amerikanischer Segnungen und Wohltaten für die Menschheit allzu kleinlich zeigt - vor allem hinsichtlich angeblicher Rechtsverstöße im Kampf gegen den Terrorismus, den fundamentalistischen Islamismus und die Achse des Bösen.
Die Zunahme des Antiamerikanismus
Und diese dumpfe Anmutung überkommt die wackeren Streiter für die Achse des Guten zunehmend, wenn sie durch deutsche Lande streifen, mit Taxifahrern, Gymnasiallehrern und Politikern sprechen und nachher in ihren publizistischen Netzwerken darüber berichten. Die Deutschen sind so amerikakritisch wie nie zuvor. Und dies, obwohl ihnen die Amerikaner so viel Gutes getan haben. Manche vermuten sogar, die Deutschen seien antiamerikanisch, weil ihnen die Amerikaner so viel Gutes getan hätten. Dies bürde ihnen eine so große Last der Dankbarkeit auf, die sie nicht zu tragen vermöchten. Früher war das anders. Sicher, es gab ein paar unbelehrbare Nazis. Es gab ein paar Oberlehrer, die Amerika Kulturlosigkeit vorwarfen. Doch die überwiegende Mehrheit der Deutschen schätzte und bewunderte die Amerikaner. Sie galten als reich und mächtig, sie hatten uns nach dem Krieg geholfen, obwohl wir es nicht verdient hatten – und vor allem: Sie beschützten uns vor den Kommunisten.
Das gemeinsame Band
Der Antikommunismus war das gemeinsame Band. Zwar wurde der Antikommunismus in Europa geschürt u. a. durch ein geheimes Programm der amerikanischen Regierung, das mithilfe einer eigens zu diesem Zwecke gegründeten Organisation, des Kongresses für kulturelle Freiheit bis in die sechziger Jahre hinein den westlichen Kulturbetrieb infiltrierte. Doch diese Ausgaben verstärkten nur ein Phänomen, das ohnehin vorhanden, dass älter als der Kalte Krieg, ja, älter als der Kommunismus war. Schon im neunzehnten Jahrhundert wurde den Menschen eingehämmert, dass die Sozialisten vaterlandslose Gesellen seien. Doch mit dem Untergang des Kommunismus verschwand auch die Amerikaliebe. Das gemeinsame Band war verloren gegangen. Der Feind einer früheren Feindes wurde zu einem vergessenen Freund. Wer nun gehofft hatte, der Antiislamismus könne diese Freundschaft wiederbeleben, sah sich getäuscht.
Feindbild ohne Tradition
Der Antiislamismus hat in Deutschland, anders als der Antikommunismus keine Tradition. Freilich sind vielen Deutschen diese Leute mit ihren Bärten und Turbanen, mit ihren Kopftüchern und ihrem Achselschweiß irgendwie nicht ganz geheuer, aber trotz des fundamentalistischen Terrors fehlt den Moslems doch das grundbös Dämonische, das die Kommunisten auszeichnete. Man kann keine Dämonen in der Retorte züchten. Das dauert, muss natürlich wachsen.
Wir wissen nicht, ob es wieder ein geheimes amerikanisches Regierungsprogramm gibt, das den Antiislamismus schüren soll wie einst im Kalten Krieg den Antikommunismus. Aber selbst wenn jetzt bereits wieder Journalisten und Schriftsteller zu diesem Zwecke auf den Gehaltslisten der CIA oder ihrer Tarnorganisationen stünden, wäre mit schnellen Erfolgen nicht zu rechnen. Dies liegt nicht nur daran, dass man nicht auf eine gewachsene Tradition zurückgreifen kann. Die große Zahl der moslemischen Mitbürger in unserem Lande zwingt auch zur Rücksichtnahme. Über die kleine Zahl der Kommunisten in Deutschland während des Kalten Krieges konnte man leicht hinwegwalzen mit Parteiverbot und Radikalenerlass.
Doch von den Millionen Türken in unserem Lande kann man schlecht behaupten, dass sie dem Reiche des Bösen entstammten oder ihm dienstbar wären wie einst die Kommunisten. Wir haben schon genug Migrationsprobleme im Lande, die niemand durch einen allzu forschen antiislamistischen Kurs forcieren möchte. Alle halbwegs verantwortungsbewussten Politiker werden nicht müde zu betonen, dass Deutschland unseren muslimischen Mitbürgern jene Wertschätzung entgegen bringen müsse, die sie in aller Regel ja auch verdienten. Diese notwendige Differenzierung ist kein guter Nährboden für Dämonisierung – und so steht es schlecht um die Wiederbelebung der deutsch-amerikanischen „Freundschaft“.
Gefundenes Fressen für Rechtsradikale
Und dann erst der Rechtsradikalismus. Würden sich demokratische Parteien nun einen allzu forschen Antiislamismus auf ihre Fahnen schreiben, so hieße dies doch, den Rechtsradikalen im Nachhinein recht zu geben. Diese könnten sich doch darauf berufen, dass sie immer schon vor diesen „Kameltreibern“ gewarnt hätten. Damit würde man nur den Rechtsradikalismus stärken. Die Rechtsradikalen sind nun aber nicht gerade als Freunde Amerikas bekannt. So also würde man dem Anti-Antiamerikanismus einen Bärendienst erweisen.
Wir werden gebraucht, was tun?
Die Situation ist verzwickt. Zum Glück ist Deutschland kein Frontstaat mehr, dem ohne Antikommunismus und Proamerikanismus gleichsam die Geschäftsgrundlage entzogen worden wäre. Aber wir Deutschen werden doch immer noch gebraucht, wenn es gilt, die Weltmacht des Guten durchzusetzen. Wie sollen wir unsere Rolle in diesem Kampf erfüllen, wenn wir nicht vor Liebe zum Guten auf die Knie sinken? Die Vereinigten Staaten sind schön: Die unermessliche Weite des Landes… die Freundlichkeit, die Unkompliziertheit seiner Bewohner… Freiheit, Abenteuer…
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