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Archive für 19.2.2007

Der Tod der Familie

1972 erschien die deutsche Ausgabe eines Buchs, dessen Titel den damaligen Zeitgeist widerspiegelte: “Der Tod der Familie”. Der Autor war der britische “Anti-Psychiater” David Cooper. Er schrieb: “Die Macht der Familie liegt in ihrer sozialen Mittlerfunktion. Sie untermauert die effektive Macht der herrschenden Klasse in jeder Ausbeutungsgesellschaft, indem sie für jede gesellschaftliche Institution eine äußerst kontrollierbare paradigmaitsche Form liefert. So wiederholt sich die Familie ihrer Form nach in den Sozialstrukturen der Fabrik, der Gewerkschaft, der Volks- und Oberschule, der Universität, der Handelsgesellschaft, der Kirche, der politischen Parteien und des Regierungsapparates, der Streitkräfte, der Krankenhäuser im Allgemeinen und der Nervenkliniken im Besonderen.”

Damals, als junger Mann von 21 Jahren, verschlang ich dieses Buch mit wachsender Begeisterung. Klar, die Familie war die Ursache der emotionalen Verkrüppelung der Menschen und ihrer selbstzerstörerischen Neigung zur Unterwerfung. Sie musste sterben! Wer noch halbwegs bei Trost ist, erkennt natürlich, dass die Familie genau das Gegenteil ist, nämlich die Grundlage für jede Persönlichkeitsentwicklung zur emotionalen und mentalen Reife - aber welcher 21jährige ist halbwegs bei Trost in Zeiten ideologischer Raserei?

Natürlich: Jeder Wahnsinn hat einen rationalen Kern. Es stimmt schon, dass die familiären Beziehungen einen Menschen fürs Leben prägen können und dass sie ihn, falls sie kaputt sind, auch fürs Leben zerstören können. Die Familie abzuschaffen, hieße allerdings, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Alternative zu dysfunktionalen Familien lautet nicht, den Tod der Familie zu beschwören, sondern die Bedingungen für ein gesundes Familienleben zu schaffen.

Damals, als junger Mann, glaube ich noch an eine säuberliche Trennung in Gut und Böse und daran, dass Menschen, die Familie und Staat kritisierten, die Guten seien und dass es klug sei, deren Lied zu singen. Heute, mit Mitte 50, glaube ich dies nicht mehr so ohne weiteres und reagiere höchst empfindlich, wenn Leute zu unser aller Besten an der Familie herumbasteln.

Unsere Familienministerin Ursula von der Leyen - Karrierefrau und Mutter von sieben Kindern - hat sich dafür ausgesprochen, die Zahl der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren bis zum Jahr 2013 auf 750.000 zu verdreifachen. Kosten: drei Milliarden Euro. Vor allem führende CSU-Politiker warnen die CDU, die Förderung berufstätiger Mütter in den Mittelpunkt zu rücken. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass eine Frau, die sich nicht der Karriere, sondern hauptberuflich der Kindererziehung widme, ein Auslaufmodell des 19. Jahrhunderts sei.

Von der Leyen und ihre Mitstreiterinnen halten dieser Kritik entgegen, dass Eltern die Wahl zwischen Familienmodellen haben sollten. Das klingt natürlich gut und plausibel. Man sollte allerdings bedenken, dass mit dieser gesteigerten Wahlfreiheit in diesem Bereich die Wahlfreiheit in anderen Bereichen womöglich um drei Milliarden Euro vermindert wird. Denn schließlich ist der Vorstoß unserer Familienministerin nicht kostenneutral und man kann den Kuchen bekanntlich nur einmal verteilen.

Es mag bösartig klingen, aber - mit meiner Erinnerung an meine Lieblingslektüre aus den siebziger Jahren im Hinterkopf - kann ich es mir nicht verkneifen, an ein zweites Steckenpferd Ursula von der Leyens zu erinnern: Gender Mainstreaming. Ich könnte mir gut vorstellen, dass viele Bürger gar nicht wissen, was das ist. Um diesem Bildungsnotstand abzuhelfen, hat das Familienministerium eine schicke Web Site zu diesem Thema ins Netz gestellt.

Der Begriff “Gender Mainstreaming” bezeichnet den Versuch, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen. Das klingt gut. Es wäre allerdings nur dann wirklich gut, wenn die Geschlechter auch tatsächlich auf allen Ebenen gleich wären. Dies ist umstritten. Manche meinen, es gäbe biologisch verankerte Unterschiede zwischen den Geschlechtern und daher müsse sich auch das Aufgabenspektrum der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen unterscheiden. Andere sind davon überzeugt, dass diese Unterschiede das Produkt der Sozialisation, also auf Lernprozesse zurückzuführen seien.

Die Anhänger des “Gender Mainstreaming” glauben, dass - nicht in jedem Aspekt, aber doch im Wesentlichen - das Geschlecht eine soziale Konstruktion sei. Es liegt nun nahe, im Interesse des “Gender Mainstreaming” in die Sozialisationsprozesse einzugreifen. Es geht dabei um mehr also nur darum, kleinen Jungen beizubringen, im Sitzen zu pinkeln.

Sozialisationsprozesse finden gleichermaßen im privaten Raum der Familie und in gesellschaftlichen Institutionen wie Horten, Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen, Vereinen usw. statt. Die Prozesse in staatlichen oder staatlich finanzierten Einrichtungen kann der Staat selbstredend wesentlich leichter steuern als die Abläufe in der Familie - und so könnten natürlich interessierte Kreise auf die Idee kommen, sich den “Tod der Familie” zu wünschen, und wenn nicht gleich den Tod, so doch ein Herabsinken zur Bedeutungslosigkeit.

Die Damen und Herren der CSU, die Frau von der Leyens Pläne zur Betreuung von Kleinstkindern kritisieren, haben diesen mutmaßlichen Zusammenhang mit dem “Gender Mainstreaming” bisher noch nicht zur Sprache gebracht. Erkennen sie ihn nicht, oder trauen sie sich nicht? Die Hassprediger gegen die Familie in meiner Jugend gerierten sich überwiegend links. Linksradikalismus war damals “in”. Heute gibt es keine Hassprediger gegen die Familie mehr und die Linke ist gemäßigt geworden, keine Spur von Radikalismus. Die Angriffe gegen die Familie zum Zwecke der Menschheitsbeglückung und der Neugestaltung des Menschheitsgeschlechts sind heute schleichend, gut versteckt verbal gemäßigt. Die Umbrüche, die zu befürchten sind, sind umso radikaler.

Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, wie oft sich doch - trotz oberflächlicher Gegensätze - die politischen Konzepte der Rechten und der Linken einander ähneln. Dies liegt wohl daran, dass Leute, die dem Wahn der grenzenlosen Machbarkeit verfallen sind, in letzter Instanz die gleichen Lösungen bevorzugen. Ist wirklich alles machbar? Können wir sogar die Unterschiede zwischen den Geschlechtern planieren? Ist alles gut, wenn 50 Prozent der Mediziner Ärztinnen, 50 % der Ingenieure Frauen, 50 % der Feuerwehrmänner weiblichen Geschlechts sind? Ist das machbar und, wenn ja, soll das gemacht werden?

Oder können Frauen und Männer einander in wechselseitiger Wertschätzung begegnen, obwohl man sie sich so entwickeln lässt, wie sie nun einmal sind - auch wenn sie sich, aus biologischen und geschichtlichen Gründen, voneinander unterscheiden sollten? Es geht um mehr als um Betreuungsplätze für Kleinstkinder. Es geht um mehr als um die Wahlfreiheit für Eltern. Für uns Bürger geht es darum, wie groß die Bereiche sein sollen, die wir dem Zugriff des Staates öffnen. Sicher, wenn eine Frau sich beruflich weiterentwickeln und Kinder haben möchte, dann ist sind Betreuungsplätze für die lieben Kleinen sehr hilfreich, unter den bestehenden Bedingungen vielfach auch die einzige Lösung, um Beides unter einen Hut zu bringen.

Doch, verdammt nochmal, was sind denn das für Bedingungen, unter denen eine Frau, die Nachwuchs haben und Karriere machen will, ihre Kinder in zartestem Alter der Betreuung durch andere Hände anvertrauen muss. Was muten wir den Müttern, was muten wir da den Kindern zu? Was soll denn da noch alles planiert werden? Nur die Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Oder gleich alles, was der totalen Verwertbarkeit durch den globalisierten Kapitalismus widerstrebt? Heimat, Nation, Familie, Weiblichkeit und Männlichkeit - wird das alles kastriert, weil es die globalisierte Vernutzung menschlicher Kräfte und Ressourcen stört?

Es ist doch natürlich, dass Frauen Kinder bekommen und dass sie sich in der Gesellschaft nützlich machen und so im Beruf erfolgreich sein wollen. Es ist doch natürlich, dass Frauen ihre Kinder eigenhändig erziehen möchten. Das sind doch ganz natürliche Instinkte. Wenn das aber so ist, dann ist eine Gesellschaft zu fordern, die all dies ermöglicht, ohne Frauen und Kinder zu benachteiligen. Und die Männer würden sich mit Sicherheit auch wohler fühlen, wenn ihre Kindern in der sensibelsten Zeit ihrer Entwicklung ausschließlich von ihren Ehefrauen (und hin und wieder einmal von der Großmutter) erzogen werden, und nicht von fremden Leuten.

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