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17.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Ist Nationalstolz berechtigt? Diese Frage würde in den meisten Staaten der Welt wohl eher mit einem Kopfschütteln quittiert, in Deutschland vermag sie immer noch heiße Debatten zu entfachen. Meine Antwort: Es kommt darauf an, was man unter “Nationalstolz” versteht. Es gibt zwei Lesarten:
Ob der Nationalstolz im Sinne der zweiten Variante berechtigt ist, entzieht sich jeder vernünftigen Diskussion. Nur ein charakterlich völlig verrotteter Mensch könnte bestreiten, dass Deutschland, trotz der Untaten Hitlers und seiner Spießgesellen, viel Edles, Hilfreiches und Gutes hervorgebracht hat.
Schwieriger ist die Frage des Nationalstolzes hinsichtlich der ersten Variante zu beantworten. Der Begriff des Stolzes bezieht sich ja auf eine lobens- bzw. liebenswerte Tat, z. B. auf eine wissenschaftliche, künstlerische oder praktische Leistung. Wer also ein Recht zu haben glaubt, stolz darauf sein zu dürfen, dass er ein Deutscher sei, muss für sich die Teilhabe an den positiven Taten Deutschlands beanspruchen. Die passive Teilhabe allein genügt allerdings nicht. Sonst könnte einer ja behaupten, er sei zu recht stolz, ein Deutscher zu sein, weil mit seinen Steuergroschen z. B. irgendwo in der Welt ein Bewässerungsprojekt finanziert oder eine Polizeitruppe geschult worden sei. Diese Form des Stolzes würde nur durch eine freiwillige Leistung bzw. einen Verzicht gerechtfertigt. Und auch diese zusätzliche Bedingung reichte nicht aus für den Stolz in der Variante 1. Die freiwillige Leistung, der freiwillige Verzicht müsste auch noch im Namen oder im Geiste Deutschlands erbracht worden sein und nicht etwa (nur) aus christlicher Nächstenliebe oder aufgrund anderer, nicht-nationaler Glaubensbekenntnisse.
Bei genauerem Hinsehen entlarvt sich der Stolz in der Variante 1 nur zu oft als Überschätzung der eigenen Bedeutung angesichts der Geschichte und Größe unseres Volkes. Dies erklärt auch, warum sensible Menschen die PR-Kampagne mit dem Slogan “Du bist Deutschland” als vollends lächerlich empfunden haben. Dieser Gefahr entgeht der Nationalstolz in der zweiten Version. Sie rückt nicht das eigene Ego, das individuelle Selbstwertgefühl in den Mittelpunkt. Unproblematisch ist allerdings auch diese Variante nicht. Sicher, man kann stolz sein auf den großen Bruder, weil er das Abitur mit Auszeichnung bestanden hat. Man kann stolz sein auf einen Sportler, weil er höher gesprungen oder schneller gelaufen ist als andere. Doch kann man auch stolz sein auf ein Abstraktum, auf Deutschland? Wurden die edlen, hilfreichen und guten Taten, die zu Stolz berechtigen, tatsächlich von Deutschland begangen? Oder sind die Urheber heroische, geniale Menschen oder Eliten?
Manche patriotisch gestimmte Sportler bekunden, nachdem sie vom Siegertreppchen bestiegen sind, im Gespräch mit den Reportern, sie hätte ihren Sieg fürs Vaterland errungen. Manche räumen auch ein, dass ihre Leistung ohne die Unterstützung ihres Staates nicht möglich gewesen sei. Diese Äußerungen mögen ehrlich gemeint sein. In Gesellschaften, die dem Kult des Individualismus frönen, gewinnen Sieger im Allgemeinen jedoch für sich selbst und schreiben sich selbst die Gründe für ihren Erfolg zu. Ist es unter diesen Bedingungen nicht lächerlich, beispielsweise stolz auf Deutschland zu sein, weil unsere Fußballelf bei der Weltmeisterschaft gut abgeschnitten hat?
Stolz auf die eigene Nation ist eigentlich nur dann vernünftig begründbar, wenn das Vaterland als überindividuelle Dimension der eigenen Identität bzw. wenn das Ich als Identifizierung der nationalen Geschichte begriffen wird. Ein derartiger Nationalstolz wäre unabhängig von individuellen Zuschreibungen der Ursachen für Leistungen und Fehlleistungen. Er wäre freilich in einer Vernunft begründet, die den Raum der klassischen Logik verlässt und in der dialektischen Logik fußt. Dieser Nationalstolz wurzelt in einem Wirgefühl, das dem Ichbewusstsein vorausgeht.
Menschen anderer Völker schwimmen in diesem Nationalgefühl wie Fische im Wasser. Sie müssen darüber nicht nachdenken. Sie lieben ihr Vaterland, ohne über dieses Gefühl reflektieren zu müssen, um es in sich hervorzurufen.
In Deutschland ist dies nicht so einfach. Die Verbrechen des Hitlerismus - der weder national, noch sozialistisch, sondern rassistisch, räuberisch und elitär-größenwahnsinnig war - haben es den jungen Menschen, die nach dem Kriege in der Bundesrepublik aufwuchsen, schwer gemacht, Gefühle des Stolzes für ihr Vaterland zu entwickeln. Die Vaterlandsliebe degenerierte einerseits zu einer rechtsradikalen Perversität. Andererseits wurde das Triebschicksal der Vaterlandsliebe durch staatstragende konservative Tendenzen masochistisch geformt. Seinen edelsten Ausdruck, hieß es, fände die Liebe zu Deutschland in der Unterwerfung unter das Imperium. Das Imperium verwandelte unser Land in ein Lagerhaus für Atomwaffen und spielte mit dem Gedanken, den Atomkrieg gegen die Sowjetunion auf deutschem Boden zu gewinnen. Auch in der Deutschen Demokratischen Republik wurde die Vaterlandsliebe mit der Liebe zu einer fremden Macht identifiziert. Die Konsequenzen für das Seelenleben der Menschen waren in beiden Teilen Deutschlands verheerend.
Werfen wir das Ruder herum!
Geschrieben in Soziologie, Geschichte, Philosophie, Psychologie | Drucken | 1 Kommentar »