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14.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Mit zarten Glücksgefühlen beobachte ich den Niedergang des Christentums in den Städten und hoffe inständig, dass es auch auf dem Lande in diesen Sog hineingezogen werden möge. In meinen Ohren klingt es wie Hohn, wenn das Christentum Nächstenliebe predigt, der biblische Gott aber die mitleidslose Ausrottung von Feinden fordert. In meinen Augen ist es eine Ungeheuerlichkeit, wenn das Christentum Hass und Gewalt anprangert, wohingegen hochverehrte Lehrer des christlichen Glaubens, allen voran Luther, sich in den widerlichsten antijüdischen Hasstiraden ergingen. Der Gestank der Hölle steigt mir in die Nase, wenn ich in verstaubten Folianten die Bannflüche allerchristlichster Geister gegen Frauen und Homosexuelle lese. Der Atem stockt mir beim Gedanken daran, dass Kirchenlehrer die bedingungslose Unterwerfung unter den Willen Gottes und seiner Stellvertreter und Sachwalter auf Erden fordern.
Jeder Kirchenaustritt bringt mein Herz zum Klingen. Aber in diesen hellen, lustigen Klang mischt sich die bange Frage: Was kommt danach? Wo bleibt die Moral ohne ein Fundament im Glauben? Wer sich in früheren Zeiten ehrenamtlich für die Gemeinschaft einsetzte, ja, aufopferte, der berief sich auf “Gott und Vaterland”. Mag mag sich vor solch religiös-nationaler Inbrunst fürchten, man mag sie als Relikt vergangener Zeiten belächeln. Aber, aus welchen Motiven sollte sich ein Mensch unentgeltlich, ohne egoistische Motive für die größere Gemeinschaft einsetzen, wenn ich für Gotteslohn und aus patriotischer Leidenschaft?
Darauf gibt es, so denke ich, nur eine Antwort, die dem nachforschenden Gedanken standhält: Wir müssen glauben. Und, zum Glück, können wir auch gar nicht anders. Wir können das religiöse Bedürfnis zwar verdrängen und verleugnen; die Wiederkehr des Verdrängten ist jedoch unvermeidlich. Wir haben die Wahl zwischen religiöser Neurose als Folge der Abwehr spiritueller Bedürfnisse und einer rationalen Auseinandersetzung mit dem Unausweichlichen.
Unter modernen Christen und anderen Begeisterten werden heutzutage Brainscans herumgereicht, die angeblich Gott im Gehirn verorten. Ich glaube kaum, dass es erforderlich ist, nach Hirnzentren oder neurophysiologischen Prozessen zu fahnden, um zu beweisen, dass uns ein religiöses Bedürfnis angeboren sei. Dieses ergibt sich zwangsläufig aus der “Conditio Humana”, aus unserer existenziellen Situation. Es ergibt sich aus der Dialektik zwischen der raum-zeitlichen Begrenzheit unseres physischen Körpers und der Ungegrenztheit unseres Vorstellungsvermögens.
Und das ist gut so. Wir brauchen einen guten Glauben, um gut zu handeln. Die meisten Menschen spüren dies, manche wissen es auch; aber immer weniger sind bereit, sich diesen Glauben von oben verordnen zu lassen. Sie stricken sich ihren Glauben selbst. Davor warnen Amtskirchen ebenso wie Skeptikervereine und staatliche Autoritäten. Sie sprechen von Esoterik, warnen vor Ausbeute und Gehirnwäsche. Doch: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werden.
Fraglos gibt es unter den esoterischen Glaubensangeboten höchst zweifelhafte Gebilde. Es hat sich ein milliardenschwerer Markt entwickelt, der neben manchen Perlen auch viel Schrott feilbietet. Manches Produkt, dass auf diesem Basar der Weltanschauungen angeboten wird, ist auch gefährlich, ohne dass man dies auf den ersten Blick erkennen könnte. Dennoch, trotz aller Gefahren, trotz allem Widersinn, entspricht dieser Markt, wie jeder Markt, der Natur des Menschen, befriedigt ursprüngliche Bedürfnisse.
Es ist gut, dass es diesen Markt gibt. Es ist gut, dass die alten monotheistischen Unterwerfungsreligionen Konkurrenz bekommen. Vielfalt gewährt Freiheit. Jeder kann sich hier die passenden spirituellen Kleider aussuchen, um den Stürmen zu trotzen. Man nehme… man nehme z. B. den Glauben an die Wiedergeburt, damit wir dem Erdball und dem Universum verbunden bleiben. Dies hebt die Umwelt-Moral. Man nehme den Glauben an magische Kräfte. Dies fördert das Einfühlungsvermögen in die Natur menschlicher und außermenschlicher Beziehungen. Man nehme z. B. den Glauben an die Erneuerungskräfte des Vaterlandes. Dies stärkt das Gemeinschaftsgefühl.
Es gibt viel zu glauben. Packen wir’s an.
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