Infos

Sie befinden sich aktuell in den Blaue Augen Blog-Archiven für den folgenden Tag 5.2.2007.

Februar 2007
M D M D F S S
« Jan   Mrz »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728  

Archive für 5.2.2007

Konvertiten

islam.jpgNach einer Studie des Islam-Archivs in Soest sind in der Bundesrepublik zwischen Juli 2004 und Juni 2005 rund 4000 Menschen zum Islam konvertiert - und damit viermal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Noch vor wenigen Jahren traten jährlich nur ca. 300 Deutsche zum Islam über.
Diese drastische Steigerung ist zwar bemerkenswert und harrt einer Erklärung, dennoch ist die absolute Zahl der deutschen Moslems natürlich sehr klein. Früher konvertierten vor allem Frauen, die einen Ausländer moslemischen Glaubens heiraten wollten; heute spielen Sinnsuche und Unzufriedenheit mit den christlichen Kirchen eine größere Rolle.

Wenn christliche Kirchen, die unter notorischem Mitgliederschwund leiden, diese Entwicklung als besorgniserregend empfinden, so ist dies nicht weiter erstaunlich. Bezeichnet jedoch unser Bundesinnenminister diese Tendenz als bedrohlich, dann ist diese Reaktion schon eher erklärungsbedürftig. In einem Interview mit der Berliner Morgenpost (5. Februar 2007) sagte Wolfgang Schäuble nämlich:

Auch hat die wachsende Zahl von Menschen, die bei uns - oder in Belgien und anderen europäischen Ländern - zum Islam konvertieren, durchaus etwas Bedrohliches. Ich sage natürlich nicht, dass jeder Konvertit ein potenzieller Terrorist ist. Aber man muss sehen, es wächst bei uns das Phänomen des home-grown terrorism, des Terrorismus, der gewissermaßen auf unserem eigenen Mist gewachsen ist.“

Auf seiner Web Site nennt der Journalist Daniel Pipes eine Handvoll von Konvertiten zum Terrorismus, davon auch einen Deutschen - aber ob diese Fälle dazu berechtigen, von einem “home-grown-terrorism” zu sprechen, wage ich zu bezweifeln. Schäubles Einschätzung könnte so interpretiert werden, als erhöhe der Übertritt zum Islam die Wahrscheinlichkeit terroristischer Gewalttaten, auch wenn die Korrelation nicht hundertprozentig sei (”nicht jeder Konvertit ein potenzieller Terrorist”). Es bleibt zu hoffen, dass der Innenminister dies nicht suggerieren wollte. Mit Grausen denke ich in die Gesinnungsschnüffelei im Kalten Krieg zurück, die zu so grotesken Auswüchsen führte wie einem Brufsverbotsverfahren gegen einen strammen christdemokratischen Lehrer, weil dieser, ohne sich viel dabei zu denken, im den Fluren seiner Schule die Internationale gepfiffen hatte. Und es gab Schlimmeres.

Wollen wir denn, dass harmlose Bürger ihre Gebetsteppiche, die sie als Andenken von ihrem Urlaub in Marokko mitgebracht haben, bei Nacht und Nebel auf den Müll werfen müssen? Wollen wir denn, dass deutsche Frauen, die bei Nässe ihre frische Dauerwelle durch ein Kopftuch schützen, von den Scharfschützen der Anti-Terror-Spezialkräfte ins Visier genommen werden?

Doch Spaß beiseite: Wenn Sympathien für den Islam oder auch nur eine wohlwollende Haltung gleichsam von Staats wegen mit Terrorismusverdacht verknüpft werden, dann ist nicht nur die Religionsfreiheit bedroht. Alle Bemühungen, dass Misstrauen gegenüber islamischen Mitbürgern abzubauen, werden konterkariert. In einer demokratischen Konsellschaft sollten Konversionen gleich welcher Art nicht als Bedrohung oder gar als Staatsgefährdung, sondern als Bereicherung erlebt werden.

|