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2.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Strammstehen unterm Atompilz
Man mag es kaum glauben, aber es stimmt: Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts mussten amerikanische Soldaten an Manövern teilnehmen, während über ihren Köpfen Atombomben gezündet wurden. Das amerikanische Verteidigungsministerium wollte u. a. wissen, wie die Soldaten auf die Explosion reagieren und man wollte ihnen die damals (wie heute) weit verbreitete Furcht vor radiaktiver Strahlung nehmen.
Einer der Teilnehmer, der Gefreite Bill Bires, hat eine Web Site ins Netz gestellt, die diese makabren Atombombenversuche mit atemberaubenden Fotos dokumentiert. Der frühere Präsident Bill Clinton hat sich zwar bei den Opfern dieser Experimente des Pentagons entschuldigt; aber mich beschleichen Zweifel, ob der Geist, der dahinter stand, nicht doch immer noch lebendig ist und bei passender Gelegenheit auszubrechen droht.
Unausweichliche Logik des Kalten Kriegs
Das Schauerlichste sind nicht diese Manöver unterm Atompilz an sich. Zum Verzweifeln finde ich die Tatsache, dass sie, der Logik des Kalten Krieges entsprechend, sinnvoll, ja, zwingend notwendig waren. Mit Soldaten, die aus Furcht vor Radioaktivität in Panik gerieten, war kein Krieg zu gewinnen. Die Amerikaner mussten sich also Maßnahmen überlegen, um die “combat readiness” auch im atomaren Zeitalter aufrecht zu erhalten.
Dies war allerdings nicht so einfach, wie die pragmatisch zupackenden US-Militärs und Politiker zunächst geglaubt hatten. Obwohl sie die Soldaten und die Zivilbevölkerung mit einer Sturzflut von Broschüren, Vorträgen, Filmen und Zeitungsberichten von der Harmlosigkeit der Strahlen überzeugen wollten, blieben die meisten amerikanischen Bürger skeptisch.
Man mag sich fragen, welche haarsträubenden Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Kampfbereitschaft sich die Amerikaner zudem ausgedacht haben, die bisher noch nicht aus dem Dunkel der Geheimhaltung aufgetaucht sind. Mir jedenfalls gehen mitunter die Augen über, wenn ich freigegebene Akten zu den Gehirnwäscheprojekten der CIA und anderer amerikanischer Behörden lese. Ein CIA-Dossier vom 25. Januar 1952 beschreibt z. B. die Ziele des Gehirnwäsche-Projekts Artischocke wie folgt:
(1) Evaluation und Entwicklung jeder Methode, durch die wir Informationen von einer Person gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen erhalten können.
(2) Wie können wir den oben genannten Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns angewendet werden?
(3) Können wir ein Individuum bis zu einem Punkt kontrollieren, an dem es
unsere Befehle gegen seinen Willen und sogar gegen so fundamentale
Naturgesetze wie den Selbsterhaltungstrieb ausführt?
(4) Wie können wir solchen Maßnahmen begegnen, wenn sie gegen uns angewendet werden?”
(Memorandum for: Chief, Medical Staff, Subject: Project Artichoke, Evaluation of ISSO role, 25 January 1952, MORI ID 144686)
An der Front des Kalten Kriegs
Können wir ein Individuum bis zu einem Punkt kontrollieren, an dem es unsere Befehle gegen seinen Willen und sogar gegen so fundamentale Naturgesetze wie den Selbsterhaltungstrieb ausführt? fragten sich die Oberen der CIA und probierten alles aus, was die Arsenale der Psychiatrie, Psychologie und Pharmakologie zu bieten hatten: Drogen, Elektroschocks, Hypnose, sensorische Deprivation und auch Maßnahmen, die sie vornehm mit dem Begriff “physical duress” zu umschreiben pflegten (der im Klartext wohl “Abu Ghraib” bedeutet).
Nach gängiger Auffassung der Militärstrategen während des Kalten Kriegs wäre eine atomare Konfrontation zwischen dem Osten und dem Westen höchstwahrscheinlich in Deutschland ausgebrochen. Es läge eigentlich auf der Hand, dass Soldaten und Zivilbevölkerung auch in unserem Lande mit amerikanischen Methoden auf einen zukünftigen Atomkrieg vorbereitet wurden. Es läge eigentlich auf dem Hand, wenn nicht, ja wenn nicht… in Deutschland tut man so etwas nicht und in Deutschland beugt man sich keiner Logik, und sei es auch die des Kalten Kriegs.
Geschrieben in Mind Control, Geschichte, Psychopharmaka, Psychologie, Politik, Psychiatrie | Drucken | 1 Kommentar »