Sie befinden sich aktuell in den Archiven des Blogs Baue Augen für Februar, 2007.
27.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Christian Klar sitzt seit 1982 im Gefängnis. Er ist ein vielfacher Mörder. Nun erwägt der Bundespräsident seine Begnadigung. Im Januar wandte sich Klar mit einer Erklärung an die Rosa-Luxemburg-Konferenz. Der Stil dieser Erklärung ist ungenießbar, er erzeugt Magengrimmen. Die Substanz dieses Statements lässt sich wie folgt zusammenfassen:
Im “Stern” kommentiert der Journalist Niels Kruse Klars Erklärung: Diese “verwirrten Ausführungen über den bösen Kapitalismus” zeigten eigentlich nur, wie “erschreckend debil der Ex-RAF-Terrorist” geworden sei. Der bayerische Innenminister und baldige Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein meinte, der “aggressive Ton” und die “ideologische Botschaft” der Stellungnahme Klars machten deutlich, dass es sich bei ihm um einen “unverbesserlichen terroristischen Verbrecher” handele. CSU-Generalsekretär Markus Söder forderte, Klar müsse bis ans Ende seines Lebens hinter Gitter bleiben. Auch der liberale Parteichef Guido Westerwelle lehnt eine Begnadigung des Ex-Terroristen strikt ab. “Wer Gnade vor Recht erbittet, aber unsere Grundordnung nicht anerkennt, hat keine Gnade verdient”, sagte Westerwelle.
Auf Deutsch: Wer Hugo Chávez gut findet, wer die Kriegspolitik der Vereinigten Staaten und ihrer europäischen Verbündeten ablehnt, wer Hartz-IV-Empfänger gegen Rechts beeinflussen und für eine bessere Zukunft für unsere Kinder kämpfen will, der verdient keine Gnade, der soll im Knast verrecken.
Es gibt gute Gründe, Christian Klar nicht zu begnadigen. Sein Offener Brief an die Rosa-Luxemburg-Konferenz gehört sicher nicht dazu. Man muss nur dessen Kern vom fauligen Fruchtfleisch befreien, um dies zu erkennen. Hier ringt ein vom Knast zermürbter Mann verbal um seine persönliche Identität, die ihm vollends abhanden zu kommen droht - seine Inhalte unterscheiden sich kaum von linken Mainstream-Positionen - zumindest jene nicht, die er in seinem Statement präsentiert. Allein seine Sprache erinnert in leisen Anklängen an die Tiraden der RAF. Das blecherne Getöse verhallt schal in den leeren, kalten Räumen der nützlichen Idiotie, die das Konzept und die Taten der Stadtguerilla immer schon kennzeichnete.
Manche meinen, dass Klar keine Reue zeige, beweise die Tatsache, dass er immer noch den Kapitalismus und “imperialistische Bündnisse” geißele. Als ob Reue wegen terroristischer Morde und eine linke Geisteshaltung unvereinbar seien!
Und vor allem müsste jedes fühlende Wesen eigentlich empfinden, dass dieser Mann, Christian Klar offenbar sein Ringen um persönliche Identität nur in verstaubten politischen Formulierungen auszudrücken vermag. Freiheit, sagte Rosa Luxemburg, sei immer die Freiheit des Andersdenkenden. Wer will diesen Aphorismus umdrehen. Sollen nur noch die Konformisten “frei” sein?
Geschrieben in Recht, Sprache, Politik | Drucken | 1 Kommentar »
26.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Der Psychologe Gordon Neufeld und der Arzt Gabor Maté haben ein sensationelles Buch geschrieben, das ausschließlich auf Selbstverständlichkeiten beruht. Aufgrund der heutigen ideologischen Dauerberieselung mit turbokapitalistischen Indoktrinationen kommen die meisten Menschen nicht von allein auf diese Selbstverständlichkeiten; erst wenn sie ein Buch wie “Unsere Kinder brauchen uns!” der oben genannten Autoren lesen, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen.
Die steile These lautet: Kinder, vor allem kleine Kinder, können nicht zur gleichen Zeit zwei andersartige Bindungen aufbauen. Entweder sie binden sich an ihre Eltern (bzw. stellvertretende Erwachsene) - oder sie binden sich an Gleichaltrige. Wenn sie sich an Gleichaltrige binden, dann erziehen sie sich gegenseitig und nehmen nur noch ungern Lehre von ihren Eltern an. Kinder, vor allem kleine Kinder sind jedoch als Erzieher denkbar ungeeignet. Allgemein menschliche und gesellschaftliche Werte können sie nicht vermitteln, auch keine Maßstäbe für gesittetes Verhalten.
Diese These würde gar nicht als steil, sondern als höchst flach, höchst trivial empfunden, wenn uns nicht jedes natürliche Empfinden in dieser Frage wegtrainiert worden wäre. Wie auch immer: Die Folge dieser Gleichaltrigenorientierung sind, so behaupten Neufeld und Maté, im Grunde alle Schwierigkeiten, die wir heute mit Kindern haben: Die Probleme im sprachlichen Bereich, die Konflikte mit elterlicher Autorität, die Kinder-Suizide… man könnte diese Liste beliebig verlängern. All diese Probleme sind die Folge der unzulänglichen Bindung an die Eltern. Und diese unzulängliche Bindung ist das Resultat von Krippen, Kindergärten und des Niedergängs der häuslichen Erziehung von Kleinkindern. Diese wiederum wird begünstigt durch ökonomische Zwänge und die dazu gehörigen turbokapitalistische Ideologien, deren aggressivste der Feminismus (heute: “Gender Mainstreaming”) ist.
Ich bin kein Christ, obwohl katholisch getauft. Wenn ich ehrlich bin: Das Christentum geht mir gegen den Strich. Diese Unterwerfungsreligion ist nichts für mich. Und so bin ich immer wieder überrascht, aus christlichem Munde dennoch richtige Einsichten zu vernehmen. Dazu zählt Bischof Mixas Rede von den “Gebärmaschinen”. Mir ist nicht klar, ob der Bischof weiß, warum er recht hat, aber recht hat er schon, der Bischof. Wie bereits erwähnt, beruft er sich nur auf Selbstverständlichkeiten. Jede, oder doch fast jede Mutter, deren natürlicher Bindungsinstinkt noch nicht wegtrainiert wurde, möchte den Bindungsaufbau zu ihrem Kind nicht Krippenerzieherinnen oder, beinahe unvermeidlich, den gleichaltrigen Hosenscheißern in der Krippe überlassen.
Erzieherinnen mögen ein ausgezeichneter Mutterersatz sein, wenn sie die Zeit dazu haben. Doch solche Krippen mit ausreichend Zeit für jede Rotznase sind nicht finanzierbar. Auch das ist eine Selbstverständlichkeit, auch das wissen wir alle. Aber wir wollen es nicht wahrhaben. Das passt uns nicht in den Kram. Mutter muss ja Geld verdienen, Vaters Gehalt allein reicht nicht, und außerdem: Wer weiß, wie lange die Ehe hält mit dem Lebensabschnittspartner? Da muss Mutter dann für später schon Karriere machen, damit das Geld stimmt, wenn Vater nicht mehr zahlen muss.
Die Vielfalt der Zwangslagen verstehe ich gut und es liegt mir fern, über irgendwen den Stab zu brechen… Auch nicht über Bischof Mixa, dessen Kirche ich, auch aufgrund persönlicher, höchst schlechter Erfahrungen, nun wirklich nicht besonders schätze. Bischof Mixa mag ja ein fürchterlich reaktionäres Menschen- und Frauenbild haben. Doch das muss angesichts des hier verhandelten Problems nicht unbedingt auf die falsche Fährte führen. Denn hier geht es ja in erster Linie um die Instinkte von Kleinstkindern, und die sind uralt, viel älter als die reaktionärsten Menschen- und Frauenbilder. Darum mag das, was im Umgang mit Kindern sinnvoll ist, wie ein alter Hut von gestern erscheinen.
Natürlich dürfen wir wirtschaftliche Zwänge ebenso wenig ignorieren wie die berechtigten Interessen von Frauen und Müttern. Wenn wir aber die Instinkte, die natürlichen Entwicklungstendenzen und Reaktionsmuster von Kindern missachten, dann zerstören wir unsere Zukunft. Wo er recht hat, der Bischof, da hat er recht. Wir müssen uns entscheiden, was wichtiger ist: unsere momentanen Interessen oder die Grundlagen dafür, dass unsere Interessen auch in Zukunft befriedigt werden.
PS: Ich bezweifele nicht, dass es viele prächtige Menschen gibt, die unsere Welt in Krippen und Kindergärten kennengelernt haben. Die Menschen sind halt unterschiedlich. Manche vertragen ein hohes Mass an deformierenden Einflüssen, ohne verbogen zu werden, andere nicht.
Geschrieben in Religion, Psychologie, Politik, Psychiatrie | Drucken | 1 Kommentar »
26.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Al-Masri, Kurnaz und kein Ende? Früher oder später werden diese Geschichten im Sande versickern, wenn den Medien der Stoff ausgeht. Es steht nicht zu erwarten, dass irgend eine neue, bahnbrechende Erkenntnis dem Zahn der Zeit Einhalt gebieten könnte - noch nicht einmal mit einem bescheidenen Minister-Rücktritt ist zu rechnen.
Was lernen wir daraus? Dass Bewohner Deutschlands sich auf ihre Regierung - ganz gleich, wer an der Macht ist - nicht verlassen können, wenn sie im Ausland in Schwierigkeiten geraten, sobald amerikanische Interessen im Spiel sind?
Mancher Deutsche mag sich damit trösten, dass die Opfer ja Moslems und keine oder “keine richtigen” Deutschen gewesen seien. Man abgesehen davon, dass es rassistisch ist, so zu denken: Wer glaubt denn, dass es die Amis interessiert, ob einer ein “richtiger Deutscher” ist oder “nur” ein Migrant bzw. Migrantenkind?
Geschrieben in Politik | Drucken | Keine Kommentare »
24.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Vielleicht liegt’s ja am schlechten Gedächtnis, aber ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, dass jemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Vertreter der Politik und der Verbände so gleichsinnig über einen Kirchenmann, einen leibhaftigen katholischen Bischof gar, hergefallen wären wie jetzt über Walter Mixa. Der Mixa hat sie alle aufgemischt. Die Argumente seiner Kritiker sind eher nicht moderat und auch nicht besonders einfallsreich, sondern oft alte Klamotten aus der Kirchenfresserecke: Der Bischof habe es als Zölibatär gerade nötig, sich in die Angelegenheiten junger Familien einzumischen, er wolle die Frau wieder auf die durch Kinder, Küche und Kirche charakterisierte antiquierte Rolle festlegen und er gehöre einer Institution an, die Frauen schon seit zweitausend Jahren unterdrücke. Man empört sich darüber, dass Mixa die Frau als Gebärmaschine betrachte - obwohl er sie genau vor dieser Funktionalisierung in Schutz nehmen wollte. Christliche Politiker oder Kirchenvertreter äußerten sich in der Regel zwar etwas zurückhaltender, aber in der Tendenz kommt letztlich dasselbe dabei heraus.
Bischof Mixa hat also, wie die Reaktionen beweisen, den Finger in die Wunde gelegt. Die Wunde ist wieder einmal die eiternde Schwäre der Dummheit, die mit ihren Giften und fauligen Säften unsere Republik lähmt. Diese Dummheit ist nicht die Folge von Intelligenzmangel, sondern von Trägheit. Sie ist das unvermeidliche Resultat der hartnäckigen Weigerung, wenn Not tut auch einmal über Bande zu denken, die Komplexität von Problemen zur Kenntnis zu nehmen.
Da stellt man fest, dass die Deutschen immer weniger Kinder zeugen. Hilft Himmel! Wer soll denn dann unsere Rente bezahlen. Mehr Kinder müssen her. Gute Idee. Gute Idee? Wenn die heute gezeugten Kinder als Erwachsene in Arbeit und Brot kommen, schon. Sonst nicht. Sonst leben sie von staatlichen Transferzahlungen und können wohl kaum für die Rente ihrer älteren Mitbürger aufkommen. Nun führt aber der technische Fortschritt in Tateinheit mit neoliberaler Wirtschaftspolitik unausweichlich zu mehr Arbeitslosen.
Da stellt man fest, dass es in Deutschland einen Mangel an Krippenplätzen für Kleinstkinder gibt. Mütter, die arbeiten möchten, finden keinen Hort für die lieben Kleinen. Hilf Himmel! Diese Mütter werden dann vielleicht keine Kinder zur Welt bringen und verhüten oder abtreiben. Wer soll denn dann später einmal die Rente bezahlen? Mehr Krippenplätze müssen her. Es schickt sich schließlich für eine demokratische Gesellschaft, Eltern die Wahlfreiheit einzuräumen, ob sie ihre Kinder lieber in die Krippe geben oder zu Hause aufziehen. Gute Idee! Gute Idee? Eine immer größere Zahl von Eltern haben diese Wahl allerdings nur theoretisch, weil nämlich weder der Mann, noch die Frau genug Geld verdienen, um die Familie allein ernähren zu können. Sie haben nicht die Wahl zwischen Krippe und mütterlichem Do-it-yourself, sondern sie können sich entscheiden zwischen Kinderverzicht oder Hartz, weil kein Krippenplatz zur Verfügung steht. Daraus folgt logisch, dass die Erhöhung der Krippenplätze für diese Eltern nur dann die Wahlmöglichkeit vergrößern würde, wenn man Hartz als legitime Alternative zum Kinderverzicht einkalkuliert. Sonst würde für diese Zahl der armen Eltern die hausliche Betreuung der Kleinstkinder unweigerlich zur Abhängigkeit von Sozialleistungen führen.
Dass die Menschen immer weniger verdienen, ist nun auch eine Folge unserer neoliberalen Wirtschaftspolitik. Da man diese beibehalten will, scheint die Forderung nach mehr Krippenplätzen auf der Hand zu liegen: Man fördert die Gebärfreudigkeit, sichert die Rente, ohne dass man höhere Löhne bzw. Gehälter zahlen müsste.
Diese Rechnung geht nicht auf. Diese Rechnung geht schon allein darum nicht auf, weil mehr Kinder nicht automatisch Renten sichern. Und außerdem sind gute Krippenplätze teuer. Aus der einschlägigen Forschung wissen wir, dass die Resultate der Krippenbetreuung in entscheidendem Maße von der Qualität der Krippe abhängen. Die Frage lautet, ob man nicht eventuell Geld sparen würde, wenn man Mütter mit dem unnatürlichen Begehren, ihre Kleinstkinder selbst zu betreuen, von Staats wegen mit den dafür erforderlichen Mitteln ausstatten würde. Klar, Krippen können billiger sein. Weiß man doch: Massenproduktion ist immer kostengünstiger! Ist sie wirklich auch hier immer kostengünstiger?
Vor einigen Jahren, als wir uns noch nicht an die rechtsradikale Gewalt, vor allem in Ostdeutschland gewöhnt hatten, wurde öffentlich heftig über deren Ursachen nachgedacht. Prof. Christian Pfeiffer, der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen brachte die ostdeutsche Volksseele zum Kochen. Er schrieb:
“Ein Buch - ‘Kinder-Erziehung in der DDR’ und das schlug ich zu Hause auf und sah ein Bild, was mich irrtierte: lauter kleine Kinder im Alter von 12 Monaten sichtlich, 13, 14, 15 Monate, die alle gleichzeitig auf ihren Töpfen saßen unten drunter stand ‘Topfzeit’ und dann wurde erläutert: ‘Erst die Pflicht und dann das Vergnügen’ und dann wurde detailliert beschrieben für die Eltern, wie man Kinder dazu erziehen kann, dass sie im Alter von 12 Monaten so eine Leistung bringen.”
Pfeiffer meinte, dass dieser Gruppenzwang in den Krippen der DDR eine der Ursachen für ostdeutschen Rechtsradikalismus sei. Darüber mag man streiten. Worüber man nicht streiten kann: Je billiger die Horte sein sollen, desto weniger Zeit haben die Erzieherinnen, auf die Individualität der Kinder einzugehen, desto genormter wird ihr Vorgehen und desto härter wird der Gruppenzwang sein. Mir graust vor den Ergebnissen, auch wenn diese nicht in rechtsradikalen Gewalttätern bestehen sollten. Volkswirtschaftlich betrachtet sind Krippen vielleicht doch nicht in jedem Fall die kostengünstigere Lösung.
Es wundert mich nicht, dass Gregor Gysi von der Linkspartei Ursula von der Leyens Vorstoß verteidigt und dabei nicht unerwähnt lässt, dass die DDR durchaus in dem einen oder anderen Aspekt auch ein Vorbild für das heutige Deutschland sein könne. Das mag sein, doch die “Topfzeit” gehört mit Sicherheit nicht zu diesen vorbildlichen Aspekten.
Die Ergebnisse der Krippenforschung sind uneinheitlich. Einige Untersuchungen sprechen dafür, dass Kinder mit frühen Gruppenerfahrungen zwar hilfreicher und kooperativer, aber auch weniger höflich, streitsüchtiger und aggressiver seien als andere Kinder. Ich bezweifele nicht, dass kenntnisreiche Befürworter der gesundheitsministeriellen Krippenpolitik aus dem vorliegenden Forschungsbrei Rosinen herauspicken könnten, die obiger These widersprechen. Sie passt zwar hervorragend zur Pfeiffer-Logik, aber vermutlich ist die Sache doch komplexer. Wie auch immer: Aus meiner Sicht ist dies ohnehin in erster Linie keine empirische Frage, es geht vielmehr - und dies führt mich zu Bischof Mixa zurück - um das Menschenbild.
Wie soll das gesellschaftliche Leitbild aussehen: Soll es die traditionelle Familie sein? Mit dem Mann als Alleinverdiener und seiner Frau als Hausfrau und Mutter? Soll es die Doppelverdienerehe sein mit Krippenerziehung und einem aufs Wochenende reduzierten Familienleben? Oder gibt es Alternativen. Kibbuz? In Israel scheint sich der Kibbuz weg von seinen ursprünglichen Ideen zu einem ganz normalen Dorf mit ganz normalen Kleinfamilien zu entwickeln. Die Realität wird wohl in Zukunft in Doppelmodell hervorbringen, nämlich einerseits die Doppelverdienerfamilie und andererseits die Doppelarbeitslosenfamilie. Die klassische Familie, die dem Bischof Mixa wohl am Herzen liegt, hat vermutlich ausgedient. Das ist Fortschritt, das sind die modernen Zeiten.
Geschrieben in Religion, Psychologie, Politik | Drucken | 1 Kommentar »
22.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Der katholische Bischof Walter Mixa zog vom Leder: Der Absicht der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die Kleinstkinderbetreuung aufwändig auszubauen, degradiere die Frauen zu Gebämaschinen. Diese Politik sei „vorrangig darauf ausgerichtet, junge Frauen als Arbeitskräfte-Reserve für die Industrie zu rekrutieren“. Es ginge gar nicht um das Kindeswohl und um Familienförderung, sondern darum, die “Doppelverdiener-Familie” zum “ideologischen Fetisch” zu erheben.
Ursula von der Leyen selbst scheint jedoch der beste Beweis dafür zu sein, dass sich Kinder und Familie durchaus mit einer anspruchsvollen beruflichen Karriere der Mutter vereinbaren lassen. Straft ihr Beispiel den Bischof Lügen?
Überdies ist sie ja nicht die einzige Mutter, die Kinder und Karriere unter einen Hut gebracht hat. Widerlegen diese Frauen und ihr wohlgeratener Nachwuchs nicht Mixas Behauptung, die Politik der Bundesfamilienministerin sei schädlich für Kinder und Familien.
Nach Meinung von Experten kommt heute bereits ein Drittel der Kinder mit erheblichen Defiziten, vor allem im sprachlichen Bereich in die Schule. Wäre es da nicht sinnvoll, wenn die Erziehung dieser Kinder möglichst früh in professionelle Hände gelegt wird? Oder ist umgekehrt die dem Zeitgeist entsprechende Entwertung des Mutterseins mitverantwortlich für die durch mangelnde oder falsche Erziehung bedingten Defizite vieler Kinder?
Die Frage würde sich erübrigen, wenn zwischen der Zeit, die eine Mutter ihren Kindern widmet, um dem Erziehungsergebnis ein eindeutiger, quantitativer Zusammenhang bestünde. Für eine derartige Korrelation gibt es in der einschlägigen Forschung keinerlei Anzeichen. Frauen, die ihre Kinder wie eine Glucke intensiv behüten, pflegen und umsorgen, sind keineswegs die besseren Mütter als die jene angeblichen “Rabenmütter”, die auf der Karriereleiter aufsteigend sich nicht zwangsläufig über die Interessen ihrer Kinder hinwegsetzen müssen.
Was sind das für Frauen, die Kinder und Karriere miteinander vereinbaren können? Powerfrauen? Beweise für die natürliche Überlegenheit des weiblichen Geschlechts? Hilft diesen Frauen das neuerdings viel gerühmte weibliche Talent, viele Dinge zur gleichen Zeit tun zu können? Neuere Studien lassen allerdings Zweifel an diesem Talent aufkommen. Frauen z. B., die während des Telefonierens mit dem Handy in einem Fahrsimulator fahren, können immer noch ganz passabel das Fahrzeug lenken - allerdings nur auf dem Niveau von mittelschwer Betrunkenen.
Man kann dieses Experiment wohl sinngemäß auch auf die Kindererziehung übertragen. Wenn Frauen Karrieren und Erziehung gleichermaßen und synchron meistern, dann sind dafür wohl eher nicht irgend welche übernatürlich anmutenden Fähigkeiten verantwortlich. Um dieses Phänomen zu erklären, dürfte ein Beispiel aus der Geschichte hilfreich sein:
Alexei Grigorjewitsch Stachanow förderte am 31. August 1935 in einer Kohlegrube als Hauer im Donbass in einer Schicht 102 Tonnen Kohle. Er übertraf damit die gültige Arbeitsnorm um das 13fache. Stachanow wurde von der sowjetischen Propaganda zum Helden erklärt und anderen Arbeitern als Vorbild vorbehalten. Was die Propaganda allerdings verschwieg: Stachanow hatte sieben Zuarbeiter an seiner Seite.
Mit sieben Zuarbeiterinnen und Zuarbeitern an ihrer Seite kann eine Powersuperfrau selbstverständlich auch sieben und noch viel mehr supergut geratenen Prachtkindern den Weg ins Leben ebnen. Doch allein: Wer kann sich das leisten? Wer sich das nicht leisten kann, läuft Gefahr, dass die Karriere der Mutter Stück für Stück zu Lasten des Wohls der Kinder geht - oder umgekehrt. Da möge sich niemand etwas vormachen.
Nun könnte man auf die Idee kommen, dass dann staatlich finanzierte Krippen für Kleinstkinder doch auch weniger gut betuchten Müttern helfen würden, im Beruf den Anschluss nicht zu verlieren. Nun ja: Auch die Arbeiter in der Sowjetunion, die sich der Stachanow-Bewegung anschlossen, mussten feststellen, dass ihnen die Staat keineswegs die sieben Helferlein des Helden der Arbeit zur Seite stellte. Das ganze war eine Mogelpackung.
Und so steht zu erwarten, dass die massenhaften Kinderkrippen für die ganz Kleinen bestenfalls schlechter Ersatz für mütterliche Zuwendung und schlimmstenfalls Experimente zur Umkrempelung von gerade entstehenden Kinderseelen im Sinne der jeweils herrschenden Ideologien sein werden. Die solide mit Staatsknete unterfütterte “Jungenarbeit” z. B. zeigt, wo’s langgeht.
Geschrieben in Sozialwissenschaften, Wirtschaft, Psychologie, Politik | Drucken | 1 Kommentar »
21.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Was ist Antiamerikanismus?
Es ist nicht so einfach, „Antiamerikanismus“ zu definieren. Fragt man die Kritiker, so erhält man in der Regel zur Antwort, was „Antiamerikanismus“ nicht sei. Natürlich sei „Antiamerikanismus“ keinesfalls mit Kritik an us-amerikanischer Regierungspolitik gleichzusetzen, diese sei legitim und könne durchaus Ausdruck freundschaftlicher Sorge um das Wohl dieses großartigen Landes sein. Selbstverständlich habe „Antiamerikanismus“ nichts mit dem üblichen Vorurteilen über pausenlos kaugummikauende, hemdsärmelige Cowboys zu tun. Diese seien das Ergebnis mangelnder Vertrautheit mit dem Lande, gegen die der zunehmende Amerika-Tourismus die beste Abhilfe darstelle.
Ja, aber was ist Antiamerikanismus dann? Nun liegt es nahe, richtige, waschechte Antiamerikaner zu fragen, wie sie ticken, was ihnen am Herzen liege. Dummerweise gibt niemand zu, Antiamerikaner zu sein. Zwar finden sich in unserem Lande viele Kritiker Amerikas, da muss man nicht lange suchen. In Bus und Bahn, in der Schlange an der Supermarktkasse, in der Kneipe beim Bier, beim Friseur, ja, vor allem beim Friseur warten die Menschen förmlich auf eine gute Gelegenheit, Amerikakritisches abzusondern. Den Vorwurf, antiamerikanisch zu sein, weisen sie allerdings empört zurück – und zwar ausnahmslos.
Es gibt keine bekennenden Antiamerikaner. Im Gegenteil: Die Amerikakritiker schwärmen von der Weite des Landes, von der Freundlichkeit seiner Menschen, von den Errungenschaften seiner Universitäten, von seinem Pioniergeist und Optimismus. Das ist ganz anders als bei anderen Anti-Leuten. Zwar existieren auch versteckte Antisemiten, Antikommunisten, Antifaschisten oder Anti was auch immer, aber es finden sich doch genug offene, glühende Anhänger ihrer Anti-Haltung, deren freudig bekundete Einstellungen eine Definition der jeweiligen Anti-Position erlauben.
Beim Antiamerikanismus ist das anders. Er wird nicht bekannt, er wird anderen zugeschrieben – jedoch nicht in Form eindeutiger Merkmale, sondern als dumpfe Anmutung. Bei den Kritikern des Antiamerikanismus, so hat man den Eindruck, gilt jener als antiamerikanisch, der sich angesichts des Füllhorns amerikanischer Segnungen und Wohltaten für die Menschheit allzu kleinlich zeigt - vor allem hinsichtlich angeblicher Rechtsverstöße im Kampf gegen den Terrorismus, den fundamentalistischen Islamismus und die Achse des Bösen.
Die Zunahme des Antiamerikanismus
Und diese dumpfe Anmutung überkommt die wackeren Streiter für die Achse des Guten zunehmend, wenn sie durch deutsche Lande streifen, mit Taxifahrern, Gymnasiallehrern und Politikern sprechen und nachher in ihren publizistischen Netzwerken darüber berichten. Die Deutschen sind so amerikakritisch wie nie zuvor. Und dies, obwohl ihnen die Amerikaner so viel Gutes getan haben. Manche vermuten sogar, die Deutschen seien antiamerikanisch, weil ihnen die Amerikaner so viel Gutes getan hätten. Dies bürde ihnen eine so große Last der Dankbarkeit auf, die sie nicht zu tragen vermöchten. Früher war das anders. Sicher, es gab ein paar unbelehrbare Nazis. Es gab ein paar Oberlehrer, die Amerika Kulturlosigkeit vorwarfen. Doch die überwiegende Mehrheit der Deutschen schätzte und bewunderte die Amerikaner. Sie galten als reich und mächtig, sie hatten uns nach dem Krieg geholfen, obwohl wir es nicht verdient hatten – und vor allem: Sie beschützten uns vor den Kommunisten.
Das gemeinsame Band
Der Antikommunismus war das gemeinsame Band. Zwar wurde der Antikommunismus in Europa geschürt u. a. durch ein geheimes Programm der amerikanischen Regierung, das mithilfe einer eigens zu diesem Zwecke gegründeten Organisation, des Kongresses für kulturelle Freiheit bis in die sechziger Jahre hinein den westlichen Kulturbetrieb infiltrierte. Doch diese Ausgaben verstärkten nur ein Phänomen, das ohnehin vorhanden, dass älter als der Kalte Krieg, ja, älter als der Kommunismus war. Schon im neunzehnten Jahrhundert wurde den Menschen eingehämmert, dass die Sozialisten vaterlandslose Gesellen seien. Doch mit dem Untergang des Kommunismus verschwand auch die Amerikaliebe. Das gemeinsame Band war verloren gegangen. Der Feind einer früheren Feindes wurde zu einem vergessenen Freund. Wer nun gehofft hatte, der Antiislamismus könne diese Freundschaft wiederbeleben, sah sich getäuscht.
Feindbild ohne Tradition
Der Antiislamismus hat in Deutschland, anders als der Antikommunismus keine Tradition. Freilich sind vielen Deutschen diese Leute mit ihren Bärten und Turbanen, mit ihren Kopftüchern und ihrem Achselschweiß irgendwie nicht ganz geheuer, aber trotz des fundamentalistischen Terrors fehlt den Moslems doch das grundbös Dämonische, das die Kommunisten auszeichnete. Man kann keine Dämonen in der Retorte züchten. Das dauert, muss natürlich wachsen.
Wir wissen nicht, ob es wieder ein geheimes amerikanisches Regierungsprogramm gibt, das den Antiislamismus schüren soll wie einst im Kalten Krieg den Antikommunismus. Aber selbst wenn jetzt bereits wieder Journalisten und Schriftsteller zu diesem Zwecke auf den Gehaltslisten der CIA oder ihrer Tarnorganisationen stünden, wäre mit schnellen Erfolgen nicht zu rechnen. Dies liegt nicht nur daran, dass man nicht auf eine gewachsene Tradition zurückgreifen kann. Die große Zahl der moslemischen Mitbürger in unserem Lande zwingt auch zur Rücksichtnahme. Über die kleine Zahl der Kommunisten in Deutschland während des Kalten Krieges konnte man leicht hinwegwalzen mit Parteiverbot und Radikalenerlass.
Doch von den Millionen Türken in unserem Lande kann man schlecht behaupten, dass sie dem Reiche des Bösen entstammten oder ihm dienstbar wären wie einst die Kommunisten. Wir haben schon genug Migrationsprobleme im Lande, die niemand durch einen allzu forschen antiislamistischen Kurs forcieren möchte. Alle halbwegs verantwortungsbewussten Politiker werden nicht müde zu betonen, dass Deutschland unseren muslimischen Mitbürgern jene Wertschätzung entgegen bringen müsse, die sie in aller Regel ja auch verdienten. Diese notwendige Differenzierung ist kein guter Nährboden für Dämonisierung – und so steht es schlecht um die Wiederbelebung der deutsch-amerikanischen „Freundschaft“.
Gefundenes Fressen für Rechtsradikale
Und dann erst der Rechtsradikalismus. Würden sich demokratische Parteien nun einen allzu forschen Antiislamismus auf ihre Fahnen schreiben, so hieße dies doch, den Rechtsradikalen im Nachhinein recht zu geben. Diese könnten sich doch darauf berufen, dass sie immer schon vor diesen „Kameltreibern“ gewarnt hätten. Damit würde man nur den Rechtsradikalismus stärken. Die Rechtsradikalen sind nun aber nicht gerade als Freunde Amerikas bekannt. So also würde man dem Anti-Antiamerikanismus einen Bärendienst erweisen.
Wir werden gebraucht, was tun?
Die Situation ist verzwickt. Zum Glück ist Deutschland kein Frontstaat mehr, dem ohne Antikommunismus und Proamerikanismus gleichsam die Geschäftsgrundlage entzogen worden wäre. Aber wir Deutschen werden doch immer noch gebraucht, wenn es gilt, die Weltmacht des Guten durchzusetzen. Wie sollen wir unsere Rolle in diesem Kampf erfüllen, wenn wir nicht vor Liebe zum Guten auf die Knie sinken? Die Vereinigten Staaten sind schön: Die unermessliche Weite des Landes… die Freundlichkeit, die Unkompliziertheit seiner Bewohner… Freiheit, Abenteuer…
Geschrieben in Geschichte, Politik | Drucken | 2 Kommentare »
19.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
1972 erschien die deutsche Ausgabe eines Buchs, dessen Titel den damaligen Zeitgeist widerspiegelte: “Der Tod der Familie”. Der Autor war der britische “Anti-Psychiater” David Cooper. Er schrieb: “Die Macht der Familie liegt in ihrer sozialen Mittlerfunktion. Sie untermauert die effektive Macht der herrschenden Klasse in jeder Ausbeutungsgesellschaft, indem sie für jede gesellschaftliche Institution eine äußerst kontrollierbare paradigmaitsche Form liefert. So wiederholt sich die Familie ihrer Form nach in den Sozialstrukturen der Fabrik, der Gewerkschaft, der Volks- und Oberschule, der Universität, der Handelsgesellschaft, der Kirche, der politischen Parteien und des Regierungsapparates, der Streitkräfte, der Krankenhäuser im Allgemeinen und der Nervenkliniken im Besonderen.”
Damals, als junger Mann von 21 Jahren, verschlang ich dieses Buch mit wachsender Begeisterung. Klar, die Familie war die Ursache der emotionalen Verkrüppelung der Menschen und ihrer selbstzerstörerischen Neigung zur Unterwerfung. Sie musste sterben! Wer noch halbwegs bei Trost ist, erkennt natürlich, dass die Familie genau das Gegenteil ist, nämlich die Grundlage für jede Persönlichkeitsentwicklung zur emotionalen und mentalen Reife - aber welcher 21jährige ist halbwegs bei Trost in Zeiten ideologischer Raserei?
Natürlich: Jeder Wahnsinn hat einen rationalen Kern. Es stimmt schon, dass die familiären Beziehungen einen Menschen fürs Leben prägen können und dass sie ihn, falls sie kaputt sind, auch fürs Leben zerstören können. Die Familie abzuschaffen, hieße allerdings, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Alternative zu dysfunktionalen Familien lautet nicht, den Tod der Familie zu beschwören, sondern die Bedingungen für ein gesundes Familienleben zu schaffen.
Damals, als junger Mann, glaube ich noch an eine säuberliche Trennung in Gut und Böse und daran, dass Menschen, die Familie und Staat kritisierten, die Guten seien und dass es klug sei, deren Lied zu singen. Heute, mit Mitte 50, glaube ich dies nicht mehr so ohne weiteres und reagiere höchst empfindlich, wenn Leute zu unser aller Besten an der Familie herumbasteln.
Unsere Familienministerin Ursula von der Leyen - Karrierefrau und Mutter von sieben Kindern - hat sich dafür ausgesprochen, die Zahl der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren bis zum Jahr 2013 auf 750.000 zu verdreifachen. Kosten: drei Milliarden Euro. Vor allem führende CSU-Politiker warnen die CDU, die Förderung berufstätiger Mütter in den Mittelpunkt zu rücken. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass eine Frau, die sich nicht der Karriere, sondern hauptberuflich der Kindererziehung widme, ein Auslaufmodell des 19. Jahrhunderts sei.
Von der Leyen und ihre Mitstreiterinnen halten dieser Kritik entgegen, dass Eltern die Wahl zwischen Familienmodellen haben sollten. Das klingt natürlich gut und plausibel. Man sollte allerdings bedenken, dass mit dieser gesteigerten Wahlfreiheit in diesem Bereich die Wahlfreiheit in anderen Bereichen womöglich um drei Milliarden Euro vermindert wird. Denn schließlich ist der Vorstoß unserer Familienministerin nicht kostenneutral und man kann den Kuchen bekanntlich nur einmal verteilen.
Es mag bösartig klingen, aber - mit meiner Erinnerung an meine Lieblingslektüre aus den siebziger Jahren im Hinterkopf - kann ich es mir nicht verkneifen, an ein zweites Steckenpferd Ursula von der Leyens zu erinnern: Gender Mainstreaming. Ich könnte mir gut vorstellen, dass viele Bürger gar nicht wissen, was das ist. Um diesem Bildungsnotstand abzuhelfen, hat das Familienministerium eine schicke Web Site zu diesem Thema ins Netz gestellt.
Der Begriff “Gender Mainstreaming” bezeichnet den Versuch, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen. Das klingt gut. Es wäre allerdings nur dann wirklich gut, wenn die Geschlechter auch tatsächlich auf allen Ebenen gleich wären. Dies ist umstritten. Manche meinen, es gäbe biologisch verankerte Unterschiede zwischen den Geschlechtern und daher müsse sich auch das Aufgabenspektrum der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen unterscheiden. Andere sind davon überzeugt, dass diese Unterschiede das Produkt der Sozialisation, also auf Lernprozesse zurückzuführen seien.
Die Anhänger des “Gender Mainstreaming” glauben, dass - nicht in jedem Aspekt, aber doch im Wesentlichen - das Geschlecht eine soziale Konstruktion sei. Es liegt nun nahe, im Interesse des “Gender Mainstreaming” in die Sozialisationsprozesse einzugreifen. Es geht dabei um mehr also nur darum, kleinen Jungen beizubringen, im Sitzen zu pinkeln.
Sozialisationsprozesse finden gleichermaßen im privaten Raum der Familie und in gesellschaftlichen Institutionen wie Horten, Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen, Vereinen usw. statt. Die Prozesse in staatlichen oder staatlich finanzierten Einrichtungen kann der Staat selbstredend wesentlich leichter steuern als die Abläufe in der Familie - und so könnten natürlich interessierte Kreise auf die Idee kommen, sich den “Tod der Familie” zu wünschen, und wenn nicht gleich den Tod, so doch ein Herabsinken zur Bedeutungslosigkeit.
Die Damen und Herren der CSU, die Frau von der Leyens Pläne zur Betreuung von Kleinstkindern kritisieren, haben diesen mutmaßlichen Zusammenhang mit dem “Gender Mainstreaming” bisher noch nicht zur Sprache gebracht. Erkennen sie ihn nicht, oder trauen sie sich nicht? Die Hassprediger gegen die Familie in meiner Jugend gerierten sich überwiegend links. Linksradikalismus war damals “in”. Heute gibt es keine Hassprediger gegen die Familie mehr und die Linke ist gemäßigt geworden, keine Spur von Radikalismus. Die Angriffe gegen die Familie zum Zwecke der Menschheitsbeglückung und der Neugestaltung des Menschheitsgeschlechts sind heute schleichend, gut versteckt verbal gemäßigt. Die Umbrüche, die zu befürchten sind, sind umso radikaler.
Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, wie oft sich doch - trotz oberflächlicher Gegensätze - die politischen Konzepte der Rechten und der Linken einander ähneln. Dies liegt wohl daran, dass Leute, die dem Wahn der grenzenlosen Machbarkeit verfallen sind, in letzter Instanz die gleichen Lösungen bevorzugen. Ist wirklich alles machbar? Können wir sogar die Unterschiede zwischen den Geschlechtern planieren? Ist alles gut, wenn 50 Prozent der Mediziner Ärztinnen, 50 % der Ingenieure Frauen, 50 % der Feuerwehrmänner weiblichen Geschlechts sind? Ist das machbar und, wenn ja, soll das gemacht werden?
Oder können Frauen und Männer einander in wechselseitiger Wertschätzung begegnen, obwohl man sie sich so entwickeln lässt, wie sie nun einmal sind - auch wenn sie sich, aus biologischen und geschichtlichen Gründen, voneinander unterscheiden sollten? Es geht um mehr als um Betreuungsplätze für Kleinstkinder. Es geht um mehr als um die Wahlfreiheit für Eltern. Für uns Bürger geht es darum, wie groß die Bereiche sein sollen, die wir dem Zugriff des Staates öffnen. Sicher, wenn eine Frau sich beruflich weiterentwickeln und Kinder haben möchte, dann ist sind Betreuungsplätze für die lieben Kleinen sehr hilfreich, unter den bestehenden Bedingungen vielfach auch die einzige Lösung, um Beides unter einen Hut zu bringen.
Doch, verdammt nochmal, was sind denn das für Bedingungen, unter denen eine Frau, die Nachwuchs haben und Karriere machen will, ihre Kinder in zartestem Alter der Betreuung durch andere Hände anvertrauen muss. Was muten wir den Müttern, was muten wir da den Kindern zu? Was soll denn da noch alles planiert werden? Nur die Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Oder gleich alles, was der totalen Verwertbarkeit durch den globalisierten Kapitalismus widerstrebt? Heimat, Nation, Familie, Weiblichkeit und Männlichkeit - wird das alles kastriert, weil es die globalisierte Vernutzung menschlicher Kräfte und Ressourcen stört?
Es ist doch natürlich, dass Frauen Kinder bekommen und dass sie sich in der Gesellschaft nützlich machen und so im Beruf erfolgreich sein wollen. Es ist doch natürlich, dass Frauen ihre Kinder eigenhändig erziehen möchten. Das sind doch ganz natürliche Instinkte. Wenn das aber so ist, dann ist eine Gesellschaft zu fordern, die all dies ermöglicht, ohne Frauen und Kinder zu benachteiligen. Und die Männer würden sich mit Sicherheit auch wohler fühlen, wenn ihre Kindern in der sensibelsten Zeit ihrer Entwicklung ausschließlich von ihren Ehefrauen (und hin und wieder einmal von der Großmutter) erzogen werden, und nicht von fremden Leuten.
Geschrieben in Sozialwissenschaften, Psychologie, Politik | Drucken | 3 Kommentare »
17.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Ist Nationalstolz berechtigt? Diese Frage würde in den meisten Staaten der Welt wohl eher mit einem Kopfschütteln quittiert, in Deutschland vermag sie immer noch heiße Debatten zu entfachen. Meine Antwort: Es kommt darauf an, was man unter “Nationalstolz” versteht. Es gibt zwei Lesarten:
Ob der Nationalstolz im Sinne der zweiten Variante berechtigt ist, entzieht sich jeder vernünftigen Diskussion. Nur ein charakterlich völlig verrotteter Mensch könnte bestreiten, dass Deutschland, trotz der Untaten Hitlers und seiner Spießgesellen, viel Edles, Hilfreiches und Gutes hervorgebracht hat.
Schwieriger ist die Frage des Nationalstolzes hinsichtlich der ersten Variante zu beantworten. Der Begriff des Stolzes bezieht sich ja auf eine lobens- bzw. liebenswerte Tat, z. B. auf eine wissenschaftliche, künstlerische oder praktische Leistung. Wer also ein Recht zu haben glaubt, stolz darauf sein zu dürfen, dass er ein Deutscher sei, muss für sich die Teilhabe an den positiven Taten Deutschlands beanspruchen. Die passive Teilhabe allein genügt allerdings nicht. Sonst könnte einer ja behaupten, er sei zu recht stolz, ein Deutscher zu sein, weil mit seinen Steuergroschen z. B. irgendwo in der Welt ein Bewässerungsprojekt finanziert oder eine Polizeitruppe geschult worden sei. Diese Form des Stolzes würde nur durch eine freiwillige Leistung bzw. einen Verzicht gerechtfertigt. Und auch diese zusätzliche Bedingung reichte nicht aus für den Stolz in der Variante 1. Die freiwillige Leistung, der freiwillige Verzicht müsste auch noch im Namen oder im Geiste Deutschlands erbracht worden sein und nicht etwa (nur) aus christlicher Nächstenliebe oder aufgrund anderer, nicht-nationaler Glaubensbekenntnisse.
Bei genauerem Hinsehen entlarvt sich der Stolz in der Variante 1 nur zu oft als Überschätzung der eigenen Bedeutung angesichts der Geschichte und Größe unseres Volkes. Dies erklärt auch, warum sensible Menschen die PR-Kampagne mit dem Slogan “Du bist Deutschland” als vollends lächerlich empfunden haben. Dieser Gefahr entgeht der Nationalstolz in der zweiten Version. Sie rückt nicht das eigene Ego, das individuelle Selbstwertgefühl in den Mittelpunkt. Unproblematisch ist allerdings auch diese Variante nicht. Sicher, man kann stolz sein auf den großen Bruder, weil er das Abitur mit Auszeichnung bestanden hat. Man kann stolz sein auf einen Sportler, weil er höher gesprungen oder schneller gelaufen ist als andere. Doch kann man auch stolz sein auf ein Abstraktum, auf Deutschland? Wurden die edlen, hilfreichen und guten Taten, die zu Stolz berechtigen, tatsächlich von Deutschland begangen? Oder sind die Urheber heroische, geniale Menschen oder Eliten?
Manche patriotisch gestimmte Sportler bekunden, nachdem sie vom Siegertreppchen bestiegen sind, im Gespräch mit den Reportern, sie hätte ihren Sieg fürs Vaterland errungen. Manche räumen auch ein, dass ihre Leistung ohne die Unterstützung ihres Staates nicht möglich gewesen sei. Diese Äußerungen mögen ehrlich gemeint sein. In Gesellschaften, die dem Kult des Individualismus frönen, gewinnen Sieger im Allgemeinen jedoch für sich selbst und schreiben sich selbst die Gründe für ihren Erfolg zu. Ist es unter diesen Bedingungen nicht lächerlich, beispielsweise stolz auf Deutschland zu sein, weil unsere Fußballelf bei der Weltmeisterschaft gut abgeschnitten hat?
Stolz auf die eigene Nation ist eigentlich nur dann vernünftig begründbar, wenn das Vaterland als überindividuelle Dimension der eigenen Identität bzw. wenn das Ich als Identifizierung der nationalen Geschichte begriffen wird. Ein derartiger Nationalstolz wäre unabhängig von individuellen Zuschreibungen der Ursachen für Leistungen und Fehlleistungen. Er wäre freilich in einer Vernunft begründet, die den Raum der klassischen Logik verlässt und in der dialektischen Logik fußt. Dieser Nationalstolz wurzelt in einem Wirgefühl, das dem Ichbewusstsein vorausgeht.
Menschen anderer Völker schwimmen in diesem Nationalgefühl wie Fische im Wasser. Sie müssen darüber nicht nachdenken. Sie lieben ihr Vaterland, ohne über dieses Gefühl reflektieren zu müssen, um es in sich hervorzurufen.
In Deutschland ist dies nicht so einfach. Die Verbrechen des Hitlerismus - der weder national, noch sozialistisch, sondern rassistisch, räuberisch und elitär-größenwahnsinnig war - haben es den jungen Menschen, die nach dem Kriege in der Bundesrepublik aufwuchsen, schwer gemacht, Gefühle des Stolzes für ihr Vaterland zu entwickeln. Die Vaterlandsliebe degenerierte einerseits zu einer rechtsradikalen Perversität. Andererseits wurde das Triebschicksal der Vaterlandsliebe durch staatstragende konservative Tendenzen masochistisch geformt. Seinen edelsten Ausdruck, hieß es, fände die Liebe zu Deutschland in der Unterwerfung unter das Imperium. Das Imperium verwandelte unser Land in ein Lagerhaus für Atomwaffen und spielte mit dem Gedanken, den Atomkrieg gegen die Sowjetunion auf deutschem Boden zu gewinnen. Auch in der Deutschen Demokratischen Republik wurde die Vaterlandsliebe mit der Liebe zu einer fremden Macht identifiziert. Die Konsequenzen für das Seelenleben der Menschen waren in beiden Teilen Deutschlands verheerend.
Werfen wir das Ruder herum!
Geschrieben in Soziologie, Geschichte, Philosophie, Psychologie | Drucken | 1 Kommentar »
16.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Nun brüllen sie wieder. Sie brüllen laut, lauter, am lautesten und sie sind braun, brauner, am braunsten. Sie reklamieren für sich, was sie als erstes abschaffen würden, wenn sie an die Macht kämen. Sie fordern: Freiheit für Zündel.
Der 67jährige Ernst Zündel wurde unlängst vom Landgericht Darmstadt zur Höchststrafe von fünf Jahren verurteilt, weil er auf seiner Homepage in 14 Fällen den Völkermord an den Juden systematisch geleugnet und durch antisemitische Hetze zum Hass gegen die jüdische Bevölkerung aufgestachelt habe.
Die Leugnung des Holocausts wird in Deutschland nicht durch die grundgesetzlich geschützte Meinungsfreiheit gedeckt, weil - so entschied das Bundesverfassungsgericht - die Holocaust-Leugnung
eine Tatsachenbehauptung sei, die nach ungezählten Augenzeugenberichten und Dokumenten, den Feststellungen der Gerichte in zahlreichen Strafverfahren und den Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft erwiesen unwahr sei (Az. 1 BvR 23/94, veröffentlicht in BVerfGE 90, 241).
Die Holocaust-Leugner behaupten natürlich, die Augenzeugen seien Lügner oder litten an “falschen Erinnerungen”, die Dokumente seien gefälscht, die Urteile der Gerichte Ausdruck von Siegerjustiz und die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft bestätigten nur die alte Weisheit, dass die Geschichtsschreibung immer die Geschichtsschreibung der Sieger sei.
Die Holocaust-Leugnung ist außer in der Bundesrepublik auch noch in einer Handvoll anderer Staaten eine Straftat, in der übrigen Welt jedoch nicht. Dies gibt den Holocaust-Leugnern Auftrieb: Es sei nicht plausibel, dass beispielsweise ein Däne straflos die Vergasung von Juden bezweifeln dürfe, ein Deutscher aber nicht.
Wer in einer kapitalistischen Massengesellschaft Produkte verkaufen oder politisch Einfluss gewinnen will, muss “auf Teufel komm raus” auf sich aufmerksam machen. Leider gelingt es zunehmend leichter mit Geschmacklosigkeiten und Monstrositäten, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Und auch das Volk findet offenbar Gefallen daran. Der weitverbreiteten Sensationsgier kann nichts pervers genug sein. Und so liegt es nahe, mit der Holocaust-Leugnung zumindest zu kokettieren, wenn man mit anderen Mitteln das gewünschte Interesse nicht zu erregen vermag. Diese Koketterie ist beinahe zu einem Gesellschaftsspiel geworden. Manche gefallen sich bereits in Spekulationen darüber, wie weit man von den “sechs Millionen” (nach unten oder vielleicht auch nach oben) abweichen dürfe, ohne einen Prozess zu riskieren.
Und wer sich nicht zur Holocaust-Leugnung versteigen will, kann durch ein paar sorgfältig kalkulierte, abfällige Bemerkungen über Juden hart am Rande der Volksverhetzung vorbeischrammen und sich des Interesses der Medien sicher sein. Gern nimmt man echte oder angebliche Verfehlungen von Juden zum Anlass, um die entsprechenden Vorurteile zu bedienen. Man muss dann auch nicht lange warten, bis die zuständigen Interessengruppen mit der angemessenen Empörung das Medieninteresse weiter anheizen. Nicht nur die Koketterie mit Holocaust-Leugnung und antijüdischen Vorurteilen, sondern das damit unweigerlich verbundene öffentliche Gezerre und Gezeter hat einen widerwärtigen antisemitischen Touch.
Es fragt sich, ob die einschlägige deutsche Gesetzgebung tatsächlich einen Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus leistet oder eher das Gegenteil. Meines Wissens gibt es in Deutschland jedenfalls nicht weniger Antisemiten als in Staaten, in denen die Holocaust-Leugnung und andere antisemitische Volksverhetzungen nicht unter Strafe stehen. Sicher: Es gibt ein gewichtiges moralisches Argument: Andere Staaten haben ja auch keinen systematischen Massenmord an Juden betrieben. Das waren die Deutschen. Daher, so könnte man argumentieren, muss in Deutschland in jedem Fall verboten sein, was anderswo erlaubt sein mag.
Doch dieses Argument, so sympathisch es mir auch ist, hat meines Erachtens keinen juristischen Tiefgang. Gesetze müssen aus meiner Sicht an erster Stelle so sehr als möglich Bürger vor Unrecht schützen. Schützt das Verbot der Holocaust-Leugnung tatsächlich jüdische Mitbürger vor Unrecht? Oder gibt es notorischen Antisemiten vielmehr die willkommene Gelegenheit, ihresgleichen als Märtyrer, als Kämpfer für Meinungsfreiheit und wissenschaftliche Wahrheit zu stilisieren?
Geschrieben in Recht, Geschichte, Wirtschaft, Politik | Drucken | 1 Kommentar »
15.2.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Fußball, angeblich die schönste Nebensache der Welt, ist knallharte Politik. In den Vereinen und Verbänden finden wir regelmäßig in Schlüsselpositionen Leute mit allerbesten Polit-Connections. Manche der Funktionäre sind selbst (ehemalige) Politiker. Mitunter übertreiben diese Politik-Fans ihren Enthusiasmus und kommen wegen Bestechung und/oder Bestechlichkeit mit dem Gesetz in Konflikt.
Bei wichtigen Spielen lassen es sich Minister und sogar Regierungschefs nicht nehmen, der Mannschaft vor und nach dem Spiel in der Kabine beizustehen. Gern geben sie vor laufender Kamera den Bundestrainern Ratschläge zur Spielgestaltung und wetteifern mit den Sportreportern in der hohen Kunst des Fußballkommentars. Hier dürfen sie so reden, dass sie - was sie sonst tunlichst vermeiden - von den Zuschauern auch wirklich verstanden werden.
Für manche Zeitgenossen ist die Politik ohnehin eine Grauzone, in der die Unterschiede zwischen den Ämtern des Bundestrainers und des Bundeskanzlers zu verschwimmen scheinen - und ob der erste Teamchef nach dem Weltkrieg Sepp Adenauer oder Konrad Herberger hieß, muss man nun wirklich nicht so genau wissen. Gespielt wird auf dem Platz.
Was ist schon eine schnöde Kneipenschlägerei verglichen mit dem Krieg im Stadion? Wer in der Fußballarena in die Schlacht zieht, kann sicher sein, dass die Kameras blitzen und surren. Und dies nicht nur bei Spitzenspielen. Ist die Randale frech und blutig genug, dann schweben die Geier der Medien auch über den Kampfbahnen der Dorfvereine.
Unter den gegebenen Bedingungen ist es nicht weiter erstaunlich, dass Politiker am lautesten tönen mit Vorschlägen, wie der Gewalt in den Stadien zu begegnen sei. Spiele sollten ohne Zuschauer stattfinden, und wenn das nicht genüge, müsse man Spiele halt verbieten, fordern sie. Die Funktionäre und Muftis der Fanprojekte stimmen diese Vorschläge skeptisch und geben zu bedenken, ob nicht noch mehr Staatsknete für ihre menschenfreundliche Sozialarbeit die effektivere Lösung sei.
Natürlich verstehe ich gut, dass man angesichts der widerlichen Exzesse dieser kriminellen Hooligans einschneidende Maßnahmen fordert. Aber leider ist es ein Irrglaube, dass viel viel hilft. Das ist nicht nur bei Medikamenten so, sondern auch bei der Gewaltvorbeugung. Wie bei Medikamenten muss man sich langsam von unten am die optimale Dosis herantasten.
Als erste Maßnahme schlage ich vor: Kameraverbot für Politiker in Sachen Fußball. Wenn dies nicht reicht: Stadionverbot. Die nächste Stufe der Eskalation bestünde darin, Fernsehübertragungen zu verbieten. Spätestens dann, so vermute ich, werden die meisten Hooligans, vor allem die gut durchgebräunten, das Interesse an ihren Kleinkriegen in Fußballarenen verlieren. In Italien geht man leider den falschen Weg. Man sperrt die Zuschauer aus und überträgt die Spiele im TV. Umgekehrt wird ein Schuh draus.
Sperrt man die Zuschauer aus, so suggeriert man fälschlicherweise, dass die Gefahr von diesen ausgehe. In Wirklichkeit ist aber die überwiegende Mehrheit der Fußballfans friedlich. Die Gefahr wird durch die Publizität erzeugt. Das ist genauso wie beim Terrorismus. Terroristen legen auch den allergrößten Wert darauf, dass ihre Schandtaten weltweit ausgestrahlt werden, am besten mit Enthauptungsvideo.
Mancher mag einwenden, dass es bei den Spitzenspielen, die im Fernsehen kommen, meist verhältnismäßig ruhig bleibe; wohingegen die Ausschreitungen in der Fußballprovinz stattfinden. Dieses Argument sticht nicht, denn erstens sichert die Gewalt den Spielen nachträgliches Medieninteresse und zweitens verleiht das Medieninteresse, ganz gleich bei welchen Spielen, dem Fußball erst jene (politische) Bedeutung, die ihn interessant macht für Gewalttäter - und nicht nur für braune.
Je präsenter eine Sportart in den Medien ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit gewalttätiger Auseinandersetzungen. Diese Erfahrungstatsache kann man nicht ernsthaft bestreiten, und daher ist mein Lösungsvorschlag auch nicht von der Hand zu weisen. Er hat aber dennoch keine Durchsetzungschance, weil Politiker einfach nicht davon ablassen können, beim Fußball ihre Fratzen in die Kameras zu halten. Wer Wertsachen öffentlich herumliegen lässt, darf sich über Diebstahl nicht wundern. Wer Fußball im Fernsehen zelebriert, lockt Hooligans an wie eine offene Limonade die Wespen.
Geschrieben in Sport, Sozialwissenschaften, Politik | Drucken | 1 Kommentar »