Infos

Sie befinden sich aktuell in den Blaue Augen Blog-Archiven für den folgenden Tag 19.1.2007.

Januar 2007
M D M D F S S
« Dez   Feb »
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031  

Archive für 19.1.2007

Die Unersetzlichen

Warum kleben Politiker an ihren Posten? Um an die Macht zu kommen und sich dort zu halten, müssen sie dem Wahlvolk, vor allem aber ihren Spießgesellen suggerieren, sie seien einzigartig und daher unersetzlich. Wer dies auf Dauer überzeugend rüberbringen will, kommt nicht umhin, mit der Zeit selbst daran zu glauben.

Ein übersteigertes Selbstwertgefühl ist also eine Berufskrankheit von Politikern. Dieses grandiose Selbstbild führt dann zu Verhaltensweisen, die absurd anmaßend erscheinen müssten, wenn dieses Selbstbild als unangemessen, als maßlos übersteigert durchschaut würde. Der Politiker, der sich die narzisstische Berufskrankheit seiner Zunft zugezogen hat, muss sein grandioses Selbstbild also mit Klauen und Zähnen verteidigen. Er muss sich magische Kräfte zuschreiben.
In seinem Unbewussten nagt jedoch die Furcht, dass nach seinem Abgang die Dinge nicht schlechter, vielleicht sogar besser laufen würden als unter seiner Führung. Da Zeichen von Furcht jedoch mit seinem magischen Selbstbild unverträglich wären, muss er sie verdrängen und kann sie demzufolge auch nicht reflektieren. Er ist also in einem mentalen Teufelskreis gefangen. Darum klammern sich die Unersetzlichen an ihre Ämter.

Warum aber durchschauen sie dieses Spiel nicht? Warum verdrängen sie die Realität? Sie haben den Ablauf doch schon oft genug bei anderen studiert. Die Vorgänge sind schließlich so offensichtlich, dass man davor die Augen nicht verschließen kann. Sobald sie sich selbst von ihrer Einzigkeit und ihrer magischen Macht überzeugt haben, glauben sie fest daran, dass es bei ihnen anders sei, dass jene, die in einer jämmerlichen Posse untergingen, sich nur eingebildet hätten, unersetzlich zu sein.

Gibt es ein Gegengift? Ja. Politiker, die zugleich mit einem Mangel an Eitelkeit und einem Übermaß an Pflichtbewusstsein gesegnet sind, schaffen häufig einen geordneten Rückzug, wenn die Zeit gekommen ist. Doch diese Politiker sind selten. Noch seltener ist es, dass sie in Spitzenpositionen gewählt werden. Sie sind dann meistens Verlegenheitslösungen. Sie gelangen an die Macht, weil alle anderen aussichtsreichen Kandidaten sich gegenseitig lahmgelegt haben.

Warum will das Volk Politiker in Spitzenämtern, die sich selbst für einzigartig und unersetzlich halten? Einzeln befragt, würde jeder Wähler selbstverständlich einräumen, dass die politischen Führer keineswegs Übermenschen seien. Doch beim Gang zur Urne vermassen diese Einzelnen; die kollektive Sehnsucht nach einem mythischen Helden erfüllt sie - und sie wählen bevorzugt jene, die diesem Urbild am besten entsprechen.

Das Ganze ist also ein Schwindel, vom Anfang bis zum Ende. Und dann geht es wieder von vorne los.

|