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14.1.2007 von Hans Ulrich Gresch.
Ein Süchtiger ist ein Mensch, der zu viel säuft, raucht, Heroin spritzt oder anderen Lust erzeugenden Verhaltensweisen im Übermaß frönt. Früher nannte man diese Menschen charakterlos oder sah sie gar mit dem (Sauf-)Teufel im Bunde. Heute jedoch ist sich die Fachwelt einig, dass Süchtige krank seien. Deshalb nennt man sie nunmehr Abhängigkeitskranke.
Weniger einig ist man sich allerdings hinsichtlich der Ursachen. Die einen meinen, der Süchtige leide an einem Sozialisationsdefizit. Daher sei sein Gewissen nicht stark genug entwickelt. Andere behaupten, die Sucht sei die Folge frühkindlicher Traumatisierung. Wieder andere führen die Abhängigkeit auf einen Defekt im Gehirn zurück.
Keine dieser Theorien ist empirisch bewiesen, was jedoch ihre Anhänger nicht davon abhält, inbrünstig an sie zu glauben. Die Wahrheit dieser Theorien ist allerdings auch ohne Belang. Denn erstens haben die angeblich aus diesen Theorien abgeleiteten Behandlungsmethoden keinerlei Einfluss auf den ohnehin eher mäßigen Erfolg. Und zweitens werden die Süchtigen, unabhängig von den Theorien, immer noch so behandelt, als seien sie charakterlos und/oder vom Saufteufel besessen.
Im Grunde verfolgen alle Suchttherapien ein Ziel: Bekehrung. Methodisch orientiert man sich dabei an jenen Spezialisten, die mit Bekehrung die meiste Erfahrung haben, nämlich die Pfaffen. Das geht so: Zunächst macht man den zu Bekehrenden ein fürchterlich schlechtes Gewissen wegen ihres bisherigen verwerflichen Lebenswandels. Meist bedient man sich dabei eines bewährten Mittels, das schon in den frühchristlichen Gemeinden seine Wirkung nicht verfehlte: Gruppendruck. So erzeugt man extremen Stress. Extremer Stress macht bekanntlich suggestibel. In diesem Zustand wird der zu Bekehrende mit der Frohen Botschaft überflutet.
Die moderne Suchttherapie verzichtet bei diesem Bekehrungsprozess auf das religiöse Beiwerk und bietet “Gehirnwäsche pur”. Zur Rechtfertigung der mitunter doch recht brutalen Behandlung müssen pseudo-psychologische Theorien herhalten. Zeitweilig waren auch humanistische Ansätze beliebt, die zwecks Verklärung Räucherstäbchen abfackelten, geheimnisvollen Mantras murmelten und allerlei anderen fernöstlichen Firlefanz zelebrierten.
Nunmehr zeichnet sich jedoch ein neuer Trend ab: Suchteinrichtungen christlicher Träger unterbreiten den Süchtigen spirituelle Angebote. Diese heißen “spirituell”, damit nicht jeder gleich merkt, dass es sich um den alten Wein in neuen Schläuchen handelt. Diese Behandlungen werden selbstverständlich als medizinische Rehabilitation Suchtkranker bezeichnet und von den Rentenversicherungsträgern bzw. den Krankenkassen oder Sozialhilfeträgern bezahlt. Man muss halt nur den Arztkittel über die Soutane ziehen…
Man mag dies für verwerflich halten und die Leistungsträger tadeln, weil sie christliche Mission als medizinische Leistung finanzieren. Doch dies wäre aus meiner Sicht zu streng geurteilt: Die sog. Suchttherapie war schon immer Bekehrung nach christlichem Vorbild, trotz psychotherapeutischer Fassade. Es ändert sich also nicht allzu viel, wenn die Süchtigen nun zusätzlich noch ein bisschen mit Weihwasser besprüht werden.
Doch ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Eine große Zahl von Drogenabhängigen sind ja nicht freiwillig in diesen Einrichtungen. Ein Richter hat sie vor die Alternative gestellt: Therapie oder Strafe. Und nun kommen diese Leute in die Suchteinrichtung, werden, wie üblich, zusammen geschissen wegen ihres verwerflichen Lebenswandels und wenn sie dann ganz am Boden und zerknirscht sind, hörten sie ein zartes Stimmchen. Es ruft: Hosiannah! So etwas hat dann schon das Odium der zwangsweisen Bekehrung von Heiden.
Geschrieben in Magie, Psychotherapie, Psychologie, Psychiatrie | Drucken | 1 Kommentar »