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30.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Der Neid hat ein verdammt schlechtes Image. Eigentlich bedeutet “Neid” ja nur, dass einer gern hätte, was andere, er aber nicht besitzen. Meist jedoch verbindet sich der Vorwurf des Neides mit dem Beiklang der Missgunst. Dies gilt besonders für den Begriff der Neidgesellschaft. Dieser Begriff wurde als Munition in einer konservativen Abwehrschlacht in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts populär. Linke Studenten hatten mit ihrem heißen ideologischen Dampf gewaltige Luftballons aufgeblasen, die Aufschriften wie “Antiautoritärer Kommunismus”, “Räterepublik” und “sozialistische Revolution” zierten. Der Begriff der Neidgesellschaft sollte nun als Stecknadel dienen, um diese Phantasien zum Platzen zu bringen.
Ungeachtet der Nadelstiche fanden diese Happenings, bei denen die Studenten ihre Ballons aufsteigen ließen, das ungeteilte Interesse der Medien und mobilisierten die (meist studentischen) Massen. Viele von denen, die damals besonderes Geschick im Polit-Marketing unter Beweis stellten, sitzen heute in Ministerien, in Vorstandsetagen und lösen nun selbst Neidgefühle bei den Zukurzgekommenen aus. Damals jedoch nahm man dieses Kasperletheater auf der Linken wie auf der Rechten blutig ernst. Selbstverständlich wiesen die Salonkommunisten die Unterstellung, sie seien vom Neid getrieben und appellierten an das gelbe Gefühl, an die niedrigsten Instinkte der Massen, weit von sich. Linken wie Rechten galt der Neid als etwas Unappetitliches, als Ausdruck dumpfer egoistischer Gefühle - die im krassen Gegensatz standen zu den hehren Idealen, von denen man sich angeblich leiten ließ.
Heute hat sich die Situation ideologisch entkrampft. Die Aushöhlung des Sozialstaats löste allenfalls ein lasches Aufbegehren aus. Nicht einmal die Verunglimpfung aller Arbeitslosen als faul konnte Reaktionen des Stolzes provozieren. Die Masse kann nicht verlieren, was sie nicht besitzt: ein Gesicht. Diese Bedingungen inspirieren mich, eine Ehrenrettung des Neides zu versuchen.
Warum lässt sich das Volk jede Schändlichkeit klaglos gefallen? Etwa, weil Politiker es mit rationalen Argumenten und nachweisbaren Fakten von der Notwendigkeit überzeugt hätten, den Gürtel enger zu schnallen? Wohl kaum. Niemals zuvor wurden Politiker als weniger glaubwürdig erachtet als heutzutage. Der wahre Grund für die Passivität des Volks besteht darin, dass es sich nicht mehr zu starken Gefühlen aufschwingen mag. Wahrscheinlich wurde es durch die täglichen Horrormeldungen im Fernsehen desensibilisiert.
Wie soll aber unter diesen Umständen der geforderte Ruck durch Deutschland gehen. Schließlich gibt es ohne starke Gefühle keine kraftvollen Motive und ohne antreibende Motive stellen sich auch keine konsequenten, beharrlichen Handlungen ein. Das Volk ist emotional verflacht. Daher herrscht Friedhoftsruhe trotz rasender Fahrt in den Abgrund.
Und so ist kaum damit zu rechnen, das Luftballons mit revolutionären Aufschriften wie einst Tausende auf die Straße bringen oder auch nur einen Schreiberling zu mehr als einem Dreizeiler inspirieren könnten. Man muss schon an elementarere Strukturen appellieren. Das Urbild des Neides ist der Futterneid. Was könnte archaischer sein?
Es lebe der Neid. Lernen wir von den Raubtieren.
Geschrieben in Psychologie, Politik | Drucken | 1 Kommentar »