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28.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Es gibt im Prinzip nur zwei Sichtweisen, um historische bzw. gesellschaftliche Prozesse zu betrachten, nämlich die personale und die strukturelle. Aus struktureller Perspektive wird die Gesellschaft von ökonomischen oder politischen Systemen determiniert, wie z. B. dem Kapitalismus oder dem Parlamentarismus. Aus personaler Sicht aber wird die Geschichte von großen Männern bestimmt. Beide Sichtweisen sind unvereinbar. Und dies nicht aus logischen Gründen, denn man könnte sich durchaus eine gedanklich stimmige Synthese beider Sichtweisen vorstellen. Sie schließen einander aus, weil die personale Position eine romantische, die strukturelle eine rationalistische Sichtweise ist. Romantik und Rationalismus sind aber wie Feuer und Wasser. Sie sind psychologisch unvereinbar.
Es versteht sich von selbst, dass in den zentralen Fragen der geschichtlichen Entwicklung und des gesellschaftlichen Lebens heftiger Streit zwischen diesen beiden Positionen entbrennen muss. Geistiger Streit gebiert stets charakteristische Kampfbegriffe… und einer der aussagekräftigsten in der Auseinandersetzung zwischen Romantikern und Rationalisten ist der Begriff der “Verschwörungstheorie”.
Die romantische Position ist ohne Verschwörungstheorien nicht denkbar. Die großen Männer grenzen sich nun einmal von den Massen ab, über die sie sich erhaben fühlen, sie bilden elitäre Zirkel, in denen sie sich zu geschichtsmächtigem Treiben verabreden. Dem Rationalisten stehen angesichts derartiger Theorien die Haare zu Berge. Zwar bestreitet er nicht, dass der Geschichtsprozess auf individuellen Entscheidungen beruht. Die Systeme aber absorbieren aus dieser Sicht die Einzelentscheidungen und wandeln sie ihrer inneren Logik entsprechend um. So gewinnen die Systeme eine von den Individuen losgelöste Eigendynamik und ordnen sich sogar die Willenskraft großer Männer unter.
Es ist unmöglich, mit empirischen Methoden festzustellen, welche der beiden Positionen die überlegene, welche wahr und welche falsch sei. Mit der Geschichte kann man schließlich ebenso wenig experimentieren wie mit der Gesellschaft. Daher sind die rationalistische nicht minder als die romantische Perspektive Glaubensbekenntnisse - was ihre Verfechter allerdings in aller Regel nicht davon abhält, sie mit großer Inbrunst für wissenschaftlich wahr zu halten.
In Deutschland verläuft die Trennungslinie zwischen Romantikern und Rationalisten ziemlich genau parallel zum Rechts-Links-Kontinuum. Dies führt zu bezeichnenden Verzerrungen der politischen Weltbilder. So haben z. B. auch ansonsten kritische und konsequent denkende Geister auf der Linken bemerkenswerte blinde Flecken in Sachen “Geheimdienste”. Sie setzen sich allenfalls mit Bespitzelung und politischer Verfolgung durch Geheimdienste auseinander - vor allem, sofern sie selbst davon betroffen sind. Mit der sehr viel weiter reichenden gesamtgesellschaftlichen Bedeutung von Geheimdiensten und anderen verdeckt operierenden Organisationen beschäftigen sie sich so gut wie überhaupt nicht, reagieren auf diese Thematik sogar mit einer latenten Feindseligkeit. Und sehr schnell vergegenständlicht sich das Unbehagen holzhammerartig zum Kampfbegriff “Verschwörungstheorie”.
Auf der anderen Seite tun sich die Romantiker schwer, ihre Geheimgesellschaften im realen Leben, also in den tatsächlich existierenden sozio-ökonomischen Systemen zu verorten. Lieber sehen sie die “Illuminaten” als kaschierte Außerirdische denn als Charaktermasken kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Repression und Ausbeutung werden als Ausdruck finsterer Pläne und Machenschaften gedeutet; dass diese die unausweichliche Folge bestimmter Eigentumsverhältnisse sein könnten, kommt den Romantikern nicht in den Sinn.
Das Leben sei, schrieb einst Lenin, allemal schlauer als die klügsten Theoretiker. Und so schafft es auch immer wieder Synthesen zwischen strukturellen und personalen Prozessen, die, mehr oder weniger offensichtlich, die Konfrontation zwischen Romantikern und Rationalisten Lügen strafen. Ein schlagendes Beispiel dafür ist der Komplex Gladio / Propaganda Due. Die geheime Partisanenorganisation “Gladio” ist als unausweichlicher Bestandteil der NATO-Strategie während des Kalten Krieges eindeutig strukturell zu erklären. Der maurerische Geheimbund “Propaganda Due” aber scheint wie aus dem Lehrbuch der Verschwörungstheorie entsprungen. Dennoch sind beide Elemente historisch untrennbar miteinander verbunden.
Bisher hat sich noch kein kühner Geist gefunden, der in der Lage gewesen wäre, die psychologischen Barrieren zu überwinden und die reale Synthese gedanklich nachzuvollziehen. Dieser Nachvollzug könnte paradigmatisch sein für andere Bereiche und Phänomene, die nicht so offensichtlich sind.
Geschrieben in Soziologie, Geschichte | Drucken | 1 Kommentar »