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27.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Menschen, die psychologisches Wissen professionell anwenden, stecken in einem Dilemma: Sie müssen mit gefälschten Karten spielen, wenn sie ihre Kunden nicht betrügen wollen. Dieses Dilemma ist die Konsequenz eines Widerspruchs zwischen Selbst- und Fremdbild und der damit verbundenen Erwartungen.
Die Psycho-Experten (Psychiater, Psychotherapeuten, Trainer, Berater aller Arten) fühlen sich jedoch ihrer Wissenschaft verpflichtet. Sie sind stolz darauf, auf wissenschaftlicher, auf empirischer Grundlage zu arbeiten. Je ernster sie ihre Wissenschaft nehmen, je besser sie diese verstehen, desto deutlicher sehen sie aber auch, dass ihnen ihre Wissenschaft keine Gewissheiten zu bieten vermag. Diese entströmt noch nicht einmal dem Füllhorn der viel reiferen strengen Naturwissenschaften wie der Physik oder der Chemie. Noch viel weniger jedoch vermag die Psychologie zu garantieren, dass auf ihrer Grundlage entwickelte Maßnahmen zur Veränderung menschlichen Verhaltens und Erlebens tatsächlich greifen.
Die Crux besteht darin, dass diese Maßnahmen, gleich welcher Art, nur dann halbwegs realistische Erfolgsaussichten besitzen, wenn gleichermaßen Psycho-Experten und Kunden daran glauben. Die Maßnahmen zur Steuerung menschlichen Verhaltens und Erlebens sind schließlich keine mechanischen Eingriffe ins Räderwerk lebloser Maschinen. Sie sind vielmehr ein System von Impulsen, von Anregungen, die von Psycho-Experten und Kunden aufgegriffen werden müssen.
Es ist offensichtlich, dass ohne einen starken Glauben an die gewählten Maßnahmen kein nennenswerter Effekt zu erwarten ist. Die Wissenschaft sagt unmissverständlich, dass die Validität psychologischer Erkenntnisse fast immer höchst fraglich ist. Je näher ein psychologisches Experiment dem Ideal naturwissenschaftlicher Erkenntnis kommt, desto weniger lässt es sich auf das reale Leben übertragen. Je lebensnäher eine Studie jedoch ist, desto schwieriger ist es, aus ihr logisch zwingend allgemein gültige Erkenntnisse abzuleiten.
Die Folge dieses Dilemmas ist eine professionelle Dissoziation, eine Bewusstseinsspaltung. Ein Psycho-Experte, der sein Fach ernst nimmt, muss in der Praxis agieren, als besäße er die absolute Gewissheit, muss Vertrauenswürdigkeit ausstrahlen - in der Theorie aber muss er sich dem unausweichlichen methodischen Zweifel unterwerfen, darf Hypothesen nicht mit Beweisen verwechseln.
Manche Menschen meistern diesen Spagat dank eines elastischen Naturells mühelos; andere müssen sich jeden Tag aufs Neue überwinden. Manche flüchten aus dem Dilemma, indem sie sich aus der Praxis oder aus der Wissenschaft zurückziehen. Wir finden dann auf der einen Seite Professoren, die sich in mathematischen Modellen verlieren und hinterher gequält und lustlos nach empirischen Anwendungen für ihre Formeln und Zahlenwerke suchen. Auf der anderen Seite treiben Gurus und Zaubermänner ihr Wesen auf Grundlage uralter, esoterischer Weisheit.
Wer die Psychologie wirklich liebt und kennt, leidet mitunter arge Gewissensqualen, weil er natürlich Theorie und Praxis gleichermaßen gerecht werden möchte und zwangsläufig daran scheitert. Kann es ihn trösten, dass jenseits seiner Schädeldecke kaum jemand Notiz nimmt von seinen Problemen? Die meisten Menschen kennen nach wie vor noch nicht einmal den Unterschied zwischen Psychologen, Psychiatern, Psychotherapeuten oder Neurologen. Manche halten Vertreter dieser Professionen ausnahmslos für windige Gesellen; andere finden unter ihnen immer wieder heilige Männer und Wundertäter, die Sie mit Liebe und Verehrung überfluten.
Menschen, die professionell psychologisches Wissen anwenden, stecken in einem Dilemma: Was auch immer sie tun - sie haben Grund, es zu bereuen. Doch: Wer will sich von habituell Zerknirschten schon helfen lassen? Das die Zerknirschung jedoch auf struktureller Grundlage beruht, bleibt nur eins: den Gordischen Knoten zu zerhauen.
Geschrieben in Psychotherapie, Psychologie, Psychiatrie, Wissenschaft | Drucken | 1 Kommentar »