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19.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Früher, damals, du weißt schon, als die Welt noch im Lot war, in den alten Zeiten gab es keine depressiven Männer. Gut, ein paar gab es schon. Sie hatten die Aufgabe, als Ausnahme die Regel zu bestätigen. Sie fielen nicht weiter auf, hielten sich zurück, denn depressiv zu sein galt als unmännlich - und damals wollte sich niemand als schwul outen.
Wer früher das Zeug zur Depression hatte und ein Mann war, ließ sich nichts anmerken. Er machte sich zwar nach Kräften bemerkbar, aber so, dass keiner etwas merkte. Es fing meist damit an, dass sich eine dumpf im Innern brodelnde Unzufriedenheit als verschärfte Kritik an anderen und den von diesen verursachten Zuständen Luft machte. Die Kritik wurde im Lauf der Zeit immer aggressiver geäußert - die Worte wurden schärfer und unter Umständen flogen auch schon einmal die Fäuste. Und dies vor allem dann, wenn die tief im Innern brodelnde Unzufriedenheit durstig machte - wenn also der Mann mit dem Zeug zur Depression öfter mal zu tief ins Glas schaute, um zu beweisen, dass er ein echter Mann war, der den Rausch kennt.
So ging das Leben dahin - und eigentlich hätte alles so bleiben können, wie es war. Doch dann… ja dann wurde der Mann, also, nicht dieser oder jener Mann, sondern der Mann schlechthin, der Mann an sich mit allerlei Zumutungen konfrontiert und brach zusammen. Jeder Mann hat nun einmal seinen Bruchpunkt. Die Frau, nicht diese, nicht jene Frau, die Frau an sich hatte gelernt, wie sie den Mann über seinen Bruchpunkt hinaustreiben kann - nämlich mit widersprüchlichen Botschaften: Männlich seien Männer, so hieß es plötzlich in auffordernden, nötigenden Tonfall, männlich seien Männer, die schon als Knaben geweint hätten, die nicht versuchen, Frauen zu verführen, die, ja lese und staune, im Sitzen pinkeln.
Als all das anfing, waren die meisten Männer geneigt, die so tönenden (oder eher in hohem Ton sirrenden) Frauen zu ignorieren, wie sie es immer getan hatten. Doch ach, so einfach war das nicht mehr… denn die Damen schützten keine Migräne mehr vor, wenn sie Lust auf Sex-Erpressung hatten - sie behaupteten vielmehr ganz unverblümt, der Mann dürfe nicht ran, weil er zu unsensibel sei. Er müsse erst sensibler werden, und dazu gehöre letzendlich auch, im Sitzen zu pinkeln.
Und so saßen sie da, die gestürzten Herren der Schöpfung, hörten es plumpsen und plätschern, und wurden depressiv. Sie hätten keine Lust zu gar nichts mehr, sie seien abgrundtief verzweifelt, nicht einmal das Bier schmecke ihnen.
John Wayne war niemals depressiv. Der haute drauf und soff sich einen.
Geschrieben in Psychotherapie, Psychopharmaka, Psychologie | Drucken | 1 Kommentar »