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13.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Eigentlich, ginge es in unserem Lande mit rechten Dingen zu, eigentlich, also, wenn unten noch unten, oben noch oben wäre, dann müsste die SPD heute eine Splitterpartei sein. Ihre traditionelle Wählerschaft - die Arbeiter und kleinen Angestellten - hat sie nach Strich und Faden verraten und verkauft. Den anderen, den Besserverdienenden, den Ellenbogen-Nahkämpfern, den satten Spießern, Eigenheimbesitzern und erst recht den Aktienjongleuren und Unternehmern hat sie nichts zu bieten, was ihnen CDU, CSU und FDP nicht mundgerechter offerieren könnten.
Wären die Arbeiter und die kleinen Angestellten nicht von allen guten Geistern verlassen, dann müssten sie eigentlich, mangels einer besseren Alternative, die Linkspartei wählen. Dass sie dies mehrheitlich nicht tun, liegt nicht an der PDS-SED-Vergangenheit allein. Man muss ja nicht höherer politischer Weisheit teilhaftig geworden sein, um zu erkennen, dass Honecker heute politisch keine Rolle mehr spielt. Arbeiter und kleine Angestellte wählen heute nicht etwa SPD oder gar CDU/CSU, weil sie die Linkspartei für kommunistisch halten… sie wählen neoliberal, weil ihnen auch der letzte Hauch ihres nie besonders ausgeprägten Klassenbewusstseins abhanden gekommen ist. Immer mehr Menschen sind vom sozialen Absturz bedroht und noch nie war die Perspektivlosigkeit größer als zur Zeit. Eigentlich müssten sich die Menschen unter diesen Bedingungen auf ihr Klassenbewusstsein besinnen. Psychologisch betrachtet bedeutet Klassenbewusstsein nämlich nichts weiter als Stolz auf die eigene Leistung und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Leistung und Fähigkeiten eines Arbeiters durfte früher kein System in Frage stellen, wenn es nicht den Klassenkampf anstacheln wollte.
Doch heute, heute schämen sich die Arbeitslosen, die von Deklassierung Bedrohten. Kein Stolz, kein heiliger Zorn regt sich mehr in ihnen. Sie wählen jene, die sie offen oder verklausuliert als faul und unfähig bezeichnen. Sie meinen sogar, der Wirtschaft würde es besser gehen, wenn man sie als faul und unfähig behandele und sie zur Arbeit prügele.
SPD, CDU, CSU - alle sind heute sozialdemokratisch. Kein Wunder: bei diesem Zuspruch möchte doch jeder sozialdemokratisch sein. Man nimmt den Leuten die Butter vom Brot und erntet sogar noch Dank in Form von einträglichen Wählerstimmen.
Wie kommt das? Wer ist verantwortlich? Die Propaganda der Medien? PISA? Die Demoralisierung durch einen Konsumismus ohne echte Freude und Selbstverwirklichung?
All diese Faktoren mögen eine Rolle spielen. Doch das betrifft nicht den Kern der Sache. Die Demoralisierung der kleinen Leute ist die Folge des Verlusts eines lebendigen, verwurzelten Gemeinschaftsgefühls. Die Fußballweltmeisterschaft hat ein Strohfeuer entfacht und gezeigt, wie sehr die Menschen nach diesem nationalen, aber nicht chauvinistischen, sondern weltoffenen, weltfreundlichen Gemeinschaftsgefühl dürsten. Doch es war nur eine Euphorie.
Warum? Ich weiß es nicht. Doch mitunter neige ich zu düsteren Spekulationen: Die sozialen Grundlagen für eine dauerhafte Atmosphäre der Solidarität wurden in Deutschland zerstört. Sie wurden während des Kalten Kriegs demontiert. Im Falle einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sollte Deutschland geopfert werden - eindringende sowjetische Panzerverbände wären atomar gestoppt worden. Kein Stein wäre mehr auf dem anderen geblieben in Deutschland im Falle eines Dritten Weltkrieges. Da mag sich mancher Stratege gedacht haben, dass ein Volk, das unter diesem Damoklesschwert lebt, besser nicht durch allzu starkes Gemeinschaftsgefühl belastet werden sollte.
Wie auch immer: Ohne Erstarken eines nationalen Gemeinschaftsgefühls werden wir hierzulande den Karren nicht aus dem Dreck ziehen. Das ist völlig unmöglich. Politiker, Unternehmer allein schaffen keine Arbeitsplätze. Auch sich selbst kastrierende Gewerkschaften schaffen keine Arbeitsplätze. Alle müssen an einem Strick ziehen. Nur dann kann es gelingen. Das Volk muss sich auf seine eigene Kraft besinnen.
Doch das ist ein Traum. Real ist das sozialdemokratische Mirakel.
Geschrieben in Psychologie, Politik | Drucken | Keine Kommentare »