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31.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Saddam ist tot. Er war ein arger Schlächter. Die Freude der Überlebenden seiner Gräueltaten lässt auch mein Herz höher schlagen. War seine Hinrichtung also ein Akt der Gerechtigkeit? Es scheint so - bei oberflächlicher Betrachtung. Sieht man jedoch genauer hin, dann drängen sich Fragen auf: Hat Saddams Politik der harten Hand vielleicht einen Bürgerkrieg im Irak verhindert und damit wesentlich mehr Menschenleben gerettet als vernichtet? War Saddams Kampf gegen das Imperium gar ein menschheitsgeschichtlich notwendiger, für andere Völker beispielgebender Akt des Ungehorsams?
Gerechtigkeit? Dient die Todesstrafe der Gerechtigkeit, Strafen überhaupt? Man mag dies bezweifeln - zumal die Frage, ob der Mensch überhaupt einen freien Willen besitze und schuldig werden könne, philosophisch und biologisch umstritten ist.
Ich bin kein grundsätzlicher Gegner der Tötung von Staatsverbrechern. Menschen, die im Namen und unter dem Schutz eines Staates Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen, haben ihr Leben verwirkt. Dies gilt nicht nur für Saddam, sondern für zahllose Despoten und deren Handlanger, auch für Amerikaner und deren Helfershelfer.
Es geht dabei nicht um Gerechtigkeit. Auch nicht um Abschreckung. Diese Verbrecher sollen auch nicht aus symbolischen Gründen sterben. Es geht darum, Tatsachen zu schaffen. Ihr Tod soll so real sein wie das Leiden ihrer Opfer. Mehr nicht. Das war’s.
Die Todesstrafe lehne ich ab. Ein gewöhnlicher Verbrecher bricht das Gesetz, aber er stellt sich nicht über das Gesetz. Er soll deswegen auch nach dem Gesetz gerichtet werden. In unserem Land wurde die Todesstrafe aus guten Gründen abgeschafft. Ein Verbrecher, der sich Verbrechen unter staatlichem Schutz begeht, stellt sich jedoch über das Gesetz. Er soll daher auch nach überstaatlichen, übergesetzlichen Maßstäben behandelt werden, er soll, wenn dies die Schwere seiner Tat gebietet, sterben. Seine Hinrichtung ist nicht Vollzug der Todesstrafe, sondern Notwehr des Volkes: eine Mini-Revolution, blutig und schön.
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30.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Der Neid hat ein verdammt schlechtes Image. Eigentlich bedeutet “Neid” ja nur, dass einer gern hätte, was andere, er aber nicht besitzen. Meist jedoch verbindet sich der Vorwurf des Neides mit dem Beiklang der Missgunst. Dies gilt besonders für den Begriff der Neidgesellschaft. Dieser Begriff wurde als Munition in einer konservativen Abwehrschlacht in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts populär. Linke Studenten hatten mit ihrem heißen ideologischen Dampf gewaltige Luftballons aufgeblasen, die Aufschriften wie “Antiautoritärer Kommunismus”, “Räterepublik” und “sozialistische Revolution” zierten. Der Begriff der Neidgesellschaft sollte nun als Stecknadel dienen, um diese Phantasien zum Platzen zu bringen.
Ungeachtet der Nadelstiche fanden diese Happenings, bei denen die Studenten ihre Ballons aufsteigen ließen, das ungeteilte Interesse der Medien und mobilisierten die (meist studentischen) Massen. Viele von denen, die damals besonderes Geschick im Polit-Marketing unter Beweis stellten, sitzen heute in Ministerien, in Vorstandsetagen und lösen nun selbst Neidgefühle bei den Zukurzgekommenen aus. Damals jedoch nahm man dieses Kasperletheater auf der Linken wie auf der Rechten blutig ernst. Selbstverständlich wiesen die Salonkommunisten die Unterstellung, sie seien vom Neid getrieben und appellierten an das gelbe Gefühl, an die niedrigsten Instinkte der Massen, weit von sich. Linken wie Rechten galt der Neid als etwas Unappetitliches, als Ausdruck dumpfer egoistischer Gefühle - die im krassen Gegensatz standen zu den hehren Idealen, von denen man sich angeblich leiten ließ.
Heute hat sich die Situation ideologisch entkrampft. Die Aushöhlung des Sozialstaats löste allenfalls ein lasches Aufbegehren aus. Nicht einmal die Verunglimpfung aller Arbeitslosen als faul konnte Reaktionen des Stolzes provozieren. Die Masse kann nicht verlieren, was sie nicht besitzt: ein Gesicht. Diese Bedingungen inspirieren mich, eine Ehrenrettung des Neides zu versuchen.
Warum lässt sich das Volk jede Schändlichkeit klaglos gefallen? Etwa, weil Politiker es mit rationalen Argumenten und nachweisbaren Fakten von der Notwendigkeit überzeugt hätten, den Gürtel enger zu schnallen? Wohl kaum. Niemals zuvor wurden Politiker als weniger glaubwürdig erachtet als heutzutage. Der wahre Grund für die Passivität des Volks besteht darin, dass es sich nicht mehr zu starken Gefühlen aufschwingen mag. Wahrscheinlich wurde es durch die täglichen Horrormeldungen im Fernsehen desensibilisiert.
Wie soll aber unter diesen Umständen der geforderte Ruck durch Deutschland gehen. Schließlich gibt es ohne starke Gefühle keine kraftvollen Motive und ohne antreibende Motive stellen sich auch keine konsequenten, beharrlichen Handlungen ein. Das Volk ist emotional verflacht. Daher herrscht Friedhoftsruhe trotz rasender Fahrt in den Abgrund.
Und so ist kaum damit zu rechnen, das Luftballons mit revolutionären Aufschriften wie einst Tausende auf die Straße bringen oder auch nur einen Schreiberling zu mehr als einem Dreizeiler inspirieren könnten. Man muss schon an elementarere Strukturen appellieren. Das Urbild des Neides ist der Futterneid. Was könnte archaischer sein?
Es lebe der Neid. Lernen wir von den Raubtieren.
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28.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Es gibt im Prinzip nur zwei Sichtweisen, um historische bzw. gesellschaftliche Prozesse zu betrachten, nämlich die personale und die strukturelle. Aus struktureller Perspektive wird die Gesellschaft von ökonomischen oder politischen Systemen determiniert, wie z. B. dem Kapitalismus oder dem Parlamentarismus. Aus personaler Sicht aber wird die Geschichte von großen Männern bestimmt. Beide Sichtweisen sind unvereinbar. Und dies nicht aus logischen Gründen, denn man könnte sich durchaus eine gedanklich stimmige Synthese beider Sichtweisen vorstellen. Sie schließen einander aus, weil die personale Position eine romantische, die strukturelle eine rationalistische Sichtweise ist. Romantik und Rationalismus sind aber wie Feuer und Wasser. Sie sind psychologisch unvereinbar.
Es versteht sich von selbst, dass in den zentralen Fragen der geschichtlichen Entwicklung und des gesellschaftlichen Lebens heftiger Streit zwischen diesen beiden Positionen entbrennen muss. Geistiger Streit gebiert stets charakteristische Kampfbegriffe… und einer der aussagekräftigsten in der Auseinandersetzung zwischen Romantikern und Rationalisten ist der Begriff der “Verschwörungstheorie”.
Die romantische Position ist ohne Verschwörungstheorien nicht denkbar. Die großen Männer grenzen sich nun einmal von den Massen ab, über die sie sich erhaben fühlen, sie bilden elitäre Zirkel, in denen sie sich zu geschichtsmächtigem Treiben verabreden. Dem Rationalisten stehen angesichts derartiger Theorien die Haare zu Berge. Zwar bestreitet er nicht, dass der Geschichtsprozess auf individuellen Entscheidungen beruht. Die Systeme aber absorbieren aus dieser Sicht die Einzelentscheidungen und wandeln sie ihrer inneren Logik entsprechend um. So gewinnen die Systeme eine von den Individuen losgelöste Eigendynamik und ordnen sich sogar die Willenskraft großer Männer unter.
Es ist unmöglich, mit empirischen Methoden festzustellen, welche der beiden Positionen die überlegene, welche wahr und welche falsch sei. Mit der Geschichte kann man schließlich ebenso wenig experimentieren wie mit der Gesellschaft. Daher sind die rationalistische nicht minder als die romantische Perspektive Glaubensbekenntnisse - was ihre Verfechter allerdings in aller Regel nicht davon abhält, sie mit großer Inbrunst für wissenschaftlich wahr zu halten.
In Deutschland verläuft die Trennungslinie zwischen Romantikern und Rationalisten ziemlich genau parallel zum Rechts-Links-Kontinuum. Dies führt zu bezeichnenden Verzerrungen der politischen Weltbilder. So haben z. B. auch ansonsten kritische und konsequent denkende Geister auf der Linken bemerkenswerte blinde Flecken in Sachen “Geheimdienste”. Sie setzen sich allenfalls mit Bespitzelung und politischer Verfolgung durch Geheimdienste auseinander - vor allem, sofern sie selbst davon betroffen sind. Mit der sehr viel weiter reichenden gesamtgesellschaftlichen Bedeutung von Geheimdiensten und anderen verdeckt operierenden Organisationen beschäftigen sie sich so gut wie überhaupt nicht, reagieren auf diese Thematik sogar mit einer latenten Feindseligkeit. Und sehr schnell vergegenständlicht sich das Unbehagen holzhammerartig zum Kampfbegriff “Verschwörungstheorie”.
Auf der anderen Seite tun sich die Romantiker schwer, ihre Geheimgesellschaften im realen Leben, also in den tatsächlich existierenden sozio-ökonomischen Systemen zu verorten. Lieber sehen sie die “Illuminaten” als kaschierte Außerirdische denn als Charaktermasken kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Repression und Ausbeutung werden als Ausdruck finsterer Pläne und Machenschaften gedeutet; dass diese die unausweichliche Folge bestimmter Eigentumsverhältnisse sein könnten, kommt den Romantikern nicht in den Sinn.
Das Leben sei, schrieb einst Lenin, allemal schlauer als die klügsten Theoretiker. Und so schafft es auch immer wieder Synthesen zwischen strukturellen und personalen Prozessen, die, mehr oder weniger offensichtlich, die Konfrontation zwischen Romantikern und Rationalisten Lügen strafen. Ein schlagendes Beispiel dafür ist der Komplex Gladio / Propaganda Due. Die geheime Partisanenorganisation “Gladio” ist als unausweichlicher Bestandteil der NATO-Strategie während des Kalten Krieges eindeutig strukturell zu erklären. Der maurerische Geheimbund “Propaganda Due” aber scheint wie aus dem Lehrbuch der Verschwörungstheorie entsprungen. Dennoch sind beide Elemente historisch untrennbar miteinander verbunden.
Bisher hat sich noch kein kühner Geist gefunden, der in der Lage gewesen wäre, die psychologischen Barrieren zu überwinden und die reale Synthese gedanklich nachzuvollziehen. Dieser Nachvollzug könnte paradigmatisch sein für andere Bereiche und Phänomene, die nicht so offensichtlich sind.
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27.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Menschen, die psychologisches Wissen professionell anwenden, stecken in einem Dilemma: Sie müssen mit gefälschten Karten spielen, wenn sie ihre Kunden nicht betrügen wollen. Dieses Dilemma ist die Konsequenz eines Widerspruchs zwischen Selbst- und Fremdbild und der damit verbundenen Erwartungen.
Die Psycho-Experten (Psychiater, Psychotherapeuten, Trainer, Berater aller Arten) fühlen sich jedoch ihrer Wissenschaft verpflichtet. Sie sind stolz darauf, auf wissenschaftlicher, auf empirischer Grundlage zu arbeiten. Je ernster sie ihre Wissenschaft nehmen, je besser sie diese verstehen, desto deutlicher sehen sie aber auch, dass ihnen ihre Wissenschaft keine Gewissheiten zu bieten vermag. Diese entströmt noch nicht einmal dem Füllhorn der viel reiferen strengen Naturwissenschaften wie der Physik oder der Chemie. Noch viel weniger jedoch vermag die Psychologie zu garantieren, dass auf ihrer Grundlage entwickelte Maßnahmen zur Veränderung menschlichen Verhaltens und Erlebens tatsächlich greifen.
Die Crux besteht darin, dass diese Maßnahmen, gleich welcher Art, nur dann halbwegs realistische Erfolgsaussichten besitzen, wenn gleichermaßen Psycho-Experten und Kunden daran glauben. Die Maßnahmen zur Steuerung menschlichen Verhaltens und Erlebens sind schließlich keine mechanischen Eingriffe ins Räderwerk lebloser Maschinen. Sie sind vielmehr ein System von Impulsen, von Anregungen, die von Psycho-Experten und Kunden aufgegriffen werden müssen.
Es ist offensichtlich, dass ohne einen starken Glauben an die gewählten Maßnahmen kein nennenswerter Effekt zu erwarten ist. Die Wissenschaft sagt unmissverständlich, dass die Validität psychologischer Erkenntnisse fast immer höchst fraglich ist. Je näher ein psychologisches Experiment dem Ideal naturwissenschaftlicher Erkenntnis kommt, desto weniger lässt es sich auf das reale Leben übertragen. Je lebensnäher eine Studie jedoch ist, desto schwieriger ist es, aus ihr logisch zwingend allgemein gültige Erkenntnisse abzuleiten.
Die Folge dieses Dilemmas ist eine professionelle Dissoziation, eine Bewusstseinsspaltung. Ein Psycho-Experte, der sein Fach ernst nimmt, muss in der Praxis agieren, als besäße er die absolute Gewissheit, muss Vertrauenswürdigkeit ausstrahlen - in der Theorie aber muss er sich dem unausweichlichen methodischen Zweifel unterwerfen, darf Hypothesen nicht mit Beweisen verwechseln.
Manche Menschen meistern diesen Spagat dank eines elastischen Naturells mühelos; andere müssen sich jeden Tag aufs Neue überwinden. Manche flüchten aus dem Dilemma, indem sie sich aus der Praxis oder aus der Wissenschaft zurückziehen. Wir finden dann auf der einen Seite Professoren, die sich in mathematischen Modellen verlieren und hinterher gequält und lustlos nach empirischen Anwendungen für ihre Formeln und Zahlenwerke suchen. Auf der anderen Seite treiben Gurus und Zaubermänner ihr Wesen auf Grundlage uralter, esoterischer Weisheit.
Wer die Psychologie wirklich liebt und kennt, leidet mitunter arge Gewissensqualen, weil er natürlich Theorie und Praxis gleichermaßen gerecht werden möchte und zwangsläufig daran scheitert. Kann es ihn trösten, dass jenseits seiner Schädeldecke kaum jemand Notiz nimmt von seinen Problemen? Die meisten Menschen kennen nach wie vor noch nicht einmal den Unterschied zwischen Psychologen, Psychiatern, Psychotherapeuten oder Neurologen. Manche halten Vertreter dieser Professionen ausnahmslos für windige Gesellen; andere finden unter ihnen immer wieder heilige Männer und Wundertäter, die Sie mit Liebe und Verehrung überfluten.
Menschen, die professionell psychologisches Wissen anwenden, stecken in einem Dilemma: Was auch immer sie tun - sie haben Grund, es zu bereuen. Doch: Wer will sich von habituell Zerknirschten schon helfen lassen? Das die Zerknirschung jedoch auf struktureller Grundlage beruht, bleibt nur eins: den Gordischen Knoten zu zerhauen.
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24.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
In Amerika ist es inzwischen verpönt, Kunden oder Mitarbeitern “Merry Christmas” zu wünschen. Auch aus den Werbekampagnen sind die Weihnachtswünsche verschwunden. Ersatzweise heißt es: “Seasons Greetings” oder “Happy Holidays”. Schließlich möchte man die amerikanischen Moslems, Buddhisten, Hinduisten, Anhänger sonstiger Glaubensgemeinschaften sowie natürlich auch die Freidenker und Atheisten nicht kränken. Meinungsumfragen haben zwar ergeben, dass 95 Prozent der Amerikaner Weihnachten feiern - und zwar unabhängig vom Glaubens- oder Unglaubensbekenntnis - aber wer meint, “political correctness” habe etwas mit realer Diskriminierung zu tun, der hat die ganze Chose nicht verstanden.
Weihnachten ist weltweit kein ausschließlich christliches Fest mehr. Es ist noch nicht einmal ein religiöses Fest. Das ist auch den Kirchen nicht verborgen geblieben. Sie beklagen die zunehmende Kommerzialisierung. Eigentlich könnte also jeder wissen, dass Weihnachten nur noch eine Minderheit in erster Linie die Geburt Jesu feiert. Und so ist es auch rational nicht nachvollziehbar, warum “Frohe Weihnachten” diskriminierend sein soll.
Die Weihnachtsideal besteht heute darin, im Familienkreis zusammenzukommen, sich zu beschenken, gut zu essen und zu trinken, alte Freundschaften zu pflegen. Zuvor muss man sich heftig abrackern, damit man dann, wenn der Stress nach der Bescherung nachlässt, mit besonderem Genuss ein paar Tage die Seele baumeln lassen kann. Mit Religion hat dieses Ideal erkennbar nichts zu tun. Natürlich kann, wer mag, Religiöses mit Weihnachten verbinden - wer nicht mag, muss deswegen aber auf Weihnachten nicht verzichten. Das ist hier in Deutschland so und in Amerika nicht anders.
Was stößt mir hier so böse, so sauer auf an dieser “political correctness”? Es geht offenbar nicht um die Menschen. Es geht offenbar nicht um den Schutz von Minderheiten. Es geht offenbar nicht um die Achtung von Gefühlen. Es geht um die Dressur von Menschen um der Dressur willen. Die Menschen sollen sich in immer weiteren Bereichen ihres Lebens willig abrichten lassen, ohne nach dem Sinn zu fragen. Früher wurden solche Dressuren religiös legitimiert oder auch nationalistisch. Ein guter Christ (Jude, Moslem etc.) oder ein guter Deutscher (Amerikaner, Brite etc.) tat dieses oder jenes nicht. Doch heute, in der multikulturellen Gesellschaft, geht die Allgemeinverbindlichkeit der religiösen und nationalen Imperative zunehmend verloren. Daher braucht man die “politische Korrektheit” als verbindliche Leerformel zur Abrichtung menschlicher Tanzbären.
Nun gut, ich räume ein, dass manche politisch korrekten Formulierungen tatsächlich Kränkungen vermeiden. Manche Neger beispielsweise fühlen sich wirklich von diesem alten deutschen Wort beleidigt, obwohl es nicht anders bedeutet als Schwarzer. Und manche Frauen sind indigniert, wenn man statt LehrerIn einfach nur Lehrer schreibt, um sich auf den Berufsstand insgesamt zu beziehen.
Doch wenn man sich die Natur dieser Kränkungen genauer anschaut, dann springt deren Künstlichkeit ins Auge. Sage ich zu einem anderen in kränkender Absicht: “Du Schwein”!, dann muss der sein Gekränktsein nicht aus einem Wust von Ideologien ableiten - er weiß spontan, dass ich ihn kränken wollte. Das spontane Wissen stammt erstens aus der sprachlichen Tradition, denn “Schwein” wird im Deutschen seit altersher als Schimpfwort gebraucht; und zweitens ergibt es sich aus dem Kontext unserer Kommunikation.
Fühlt sich eine Frau aber missachtet, weil ich Lehrer, statt LehrerIn schreibe, dann kann sie dieses Gefühl weder aus der sprachlichen Tradition ableiten oder aus dem Kontext. Dasselbe gilt für “Neger” und für “Frohe Weihnachten”. Dies bedeutet nicht, dass unserer Kultur die Diskriminierung von Farbigen, Frauen und Andersgläubigen fremd wäre, keineswegs. Doch diese Diskriminierung haust nicht in den Wörtern oder Phrasen, sondern in der handfesten Realität. Das Sein aber ändert man nicht im Zeichen. An der Lage eines Lehrlings ändert sich nichts dadurch, dass man ihn Azubi nennt.
Also, liebe LehrerInnen, liebe NegerInnen (ich weiß, dass ist nicht ganz korrekt, aber hier stoße ich an Grenzen, SchwarzeInnen, geht das?), euch besonders, aber auch allen anderen wünsche ich von Herzen frohe Weihnachten.
PS: Puuh, mein Gott, zum Glück ist “Herz” sächlich.
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20.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Zum Jahreswechsel haben viele Menschen besonders viel Zeit zum Fernsehen. Dies scheint eine harmlose, mehr oder weniger vergnügliche Beschäftigung zu sein. Der einzig erkennbare Nachteil besteht scheinbar darin, dass man seine Zeit auch mit sinnvolleren Tätigkeiten ausfüllen könnte. Aber hat man nicht, bei all der Hetze, dem Stress und den Sorgen des zurückliegenden Jahres ein Recht auf harmlose Unterhaltung ohne Nutzeffekt?
Ja, wenn es denn so harmlos wäre. Einige Merkmale des Fernsehens sollten uns stutzig machen:
Die Wirkung ist eine Mischung aus säuglingshafter Entspannung (die häufig auch durch Alkohol und Naschwerk noch unterstützt wird) und extremem emotionalen Stress (an den man sich nicht gewöhnen kann, weil Mord, Totschlag etc. uralte, genetisch programmierte Angriff-Flucht-Schemata in unserem Unbewussten aktivieren). Die tranceartige Bewusstseinslage, der medial gesteuerte Tagtraum verhindern, dass uns die archaischen Impulse aktivieren.
Der Fernsehzuschauer ist in diesem Zustand höchstgradig suggestibel. Er ist fast völlig wehrlos gegenüber den Botschaften des Fernsehens, auch wenn er sich ihnen gegenüber erhaben wähnt. Die Botschaften dringen tief in sein Unbewusstes ein und setzen sich dort fest. Und so werden sie zu Selbstverständlichkeiten, die unser Denken, Fühlen und Verhalten steuern wie Realitäten. Und da dies die Mehrheit der Bevölkerung betrifft, werden sie zu unserer gemeinsamen Realität.
Wer mir dies nicht glaubt, kann sich durch ein Experiment selbst davon überzeugen. Verzichten Sie für ein paar Monate konsequent aufs TV. Sie werden feststellen, dass Sie sich in dieser Zeit von Bekannten und Arbeitskollegen, von Nachbarn und anderen Mitmenschen entfremden werden - und zwar in einem erschreckenden Ausmaß. Sie werden beginnen, sich wie ein Marsmensch zu fühlen.
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19.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Früher, damals, du weißt schon, als die Welt noch im Lot war, in den alten Zeiten gab es keine depressiven Männer. Gut, ein paar gab es schon. Sie hatten die Aufgabe, als Ausnahme die Regel zu bestätigen. Sie fielen nicht weiter auf, hielten sich zurück, denn depressiv zu sein galt als unmännlich - und damals wollte sich niemand als schwul outen.
Wer früher das Zeug zur Depression hatte und ein Mann war, ließ sich nichts anmerken. Er machte sich zwar nach Kräften bemerkbar, aber so, dass keiner etwas merkte. Es fing meist damit an, dass sich eine dumpf im Innern brodelnde Unzufriedenheit als verschärfte Kritik an anderen und den von diesen verursachten Zuständen Luft machte. Die Kritik wurde im Lauf der Zeit immer aggressiver geäußert - die Worte wurden schärfer und unter Umständen flogen auch schon einmal die Fäuste. Und dies vor allem dann, wenn die tief im Innern brodelnde Unzufriedenheit durstig machte - wenn also der Mann mit dem Zeug zur Depression öfter mal zu tief ins Glas schaute, um zu beweisen, dass er ein echter Mann war, der den Rausch kennt.
So ging das Leben dahin - und eigentlich hätte alles so bleiben können, wie es war. Doch dann… ja dann wurde der Mann, also, nicht dieser oder jener Mann, sondern der Mann schlechthin, der Mann an sich mit allerlei Zumutungen konfrontiert und brach zusammen. Jeder Mann hat nun einmal seinen Bruchpunkt. Die Frau, nicht diese, nicht jene Frau, die Frau an sich hatte gelernt, wie sie den Mann über seinen Bruchpunkt hinaustreiben kann - nämlich mit widersprüchlichen Botschaften: Männlich seien Männer, so hieß es plötzlich in auffordernden, nötigenden Tonfall, männlich seien Männer, die schon als Knaben geweint hätten, die nicht versuchen, Frauen zu verführen, die, ja lese und staune, im Sitzen pinkeln.
Als all das anfing, waren die meisten Männer geneigt, die so tönenden (oder eher in hohem Ton sirrenden) Frauen zu ignorieren, wie sie es immer getan hatten. Doch ach, so einfach war das nicht mehr… denn die Damen schützten keine Migräne mehr vor, wenn sie Lust auf Sex-Erpressung hatten - sie behaupteten vielmehr ganz unverblümt, der Mann dürfe nicht ran, weil er zu unsensibel sei. Er müsse erst sensibler werden, und dazu gehöre letzendlich auch, im Sitzen zu pinkeln.
Und so saßen sie da, die gestürzten Herren der Schöpfung, hörten es plumpsen und plätschern, und wurden depressiv. Sie hätten keine Lust zu gar nichts mehr, sie seien abgrundtief verzweifelt, nicht einmal das Bier schmecke ihnen.
John Wayne war niemals depressiv. Der haute drauf und soff sich einen.
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17.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Angesichts der Arbeitslosenfrage ist der deutsche Stammtisch tief gespalten. Galt es früher als ausgemacht, dass Arbeitslose nur zu faul zum Arbeiten seien, melden sich heute nachdrücklich Stimmen zu Wort, die allen Ernstes behaupten, dass manche eigentlich fleißige Menschen arbeitslos seien, weil es keine freien Stellen gäbe.
Dies war früher freilich nicht anders, spielte an Stammtischen aber zum Glück keine Rolle. Dies ist umso besorgniserregender, als auch das wohltätige Bier das Gift des Nachdenkens nicht zu neutralisieren vermag… Selbst zu vorgerückter Stunde lallen manche, es gäbe gar keine faulen Arbeitslosen, sondern nur unfähige Politiker und treulose Unternehmer.
Frieden und Eintracht an deutschen Stammtischen sind in Gefahr, weil subversive Elemente die klaren Fronten verwischen: hier die fleißigen Arbeitsplatzbesitzer, dort die faulen Arbeitslosen. Diese saubere Trennung stimmte zwar noch nie, das war aber früher an Stammtischen ohne Bedeutung. Schon immer gab es faule Arbeitsplatzbesitzer, die andere für sich arbeiten ließen und die Folgen ihres Müßiggangs Schwächeren in die Schuhe schoben. Auch an Stammtischen gehörte es zum guten Brauch, den Arbeitseifer unserer Beamten, besonders der Lehrer anzuzweifeln. Aber, bei Gott, kam die Rede auf die Arbeitslosenfrage, dann durften derartige Randerscheinungen nicht als Argument herhalten und vom Wesentlichen ablenken.
Heute ist das anders. Die Stammtischbrüder neigen sogar dazu, das Thema “Arbeitslosigkeit” zu meiden, um die bierselige Eintracht nicht zu gefährden. Der deutsche Stammtisch schwächelt. Manche fragen sich sogar, ob sie sich das Bier in der Kneipe überhaupt noch leisten können.
Zum Glück ist die Arbeitslosigkeit die einzige einstige Gewissheit, die dem Zweifel anheimgefallen ist. Bisher. Wie lange noch? Was wäre, wenn plötzlich der Islam, die Moslems… nicht auszudenken.
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16.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Die Wirtschaft, heißt es, habe sich globalisiert. Daher seien Nationen nicht mehr so wichtig wie einst. Bedeutet dies, das wir nicht mehr ein paar Kilometer von unserer Wohnung entfernt arbeiten und um die Ecke einkaufen wie früher, sondern um den Globus jetten und heute hier, morgen dort schaffen, essen, trinken, lieben und schlafen?
Die kleinen Leute wurden nicht globalisiert, auch wenn sie zweimal im Jahr die Düse machen und an fernen Stränden in der Sonne grillen. Für die kleinen Leute sind nach wie vor das Finanz- und das Arbeitsamt vor Ort zuständig. Sie legen vor Ort Hand an, schlagen sich vor Ort den Bauch voll und für sie sind die örtlichen Behörden zuständig.
Globalisiert hat sich nicht die Wirtschaft, sondern die Bourgeoisie. Die Besitzer der Fabrik, in der wir unsere Brötchen verdienen, wohnen nicht mehr am Hang vor der Stadt in einer Villa, sondern irgendwo in der Welt - und sie wechseln immer häufiger. Globalisiert haben sich die Besitzverhältnisse. Und darum hat die Nation auch nicht generell ihre Bedeutung verloren. Die Nation ist nicht mehr so wichtig nur für die Besitzenden, deren Kapital über den Globus vagabundiert. Für die kleinen Leute ist die Nation so wichtig wie nie zuvor.
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16.12.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Einem 55jährigen Mann wird eine Substanz injiziert. Sie gelangt nicht, wie vorgesehen, in eine Vene, sondern ins Gewebe. Der Mann stirbt. Der Todeskampf zieht sich über 34 Minuten hin. Menschen schauen dabei zu. Niemand versucht, ihm zu helfen.
Der Schauplatz: Florida, USA.
Der Mann war 27 Jahre zuvor zum Tode verurteilt worden. Er hatte eine Stripbar-Angestellte ermordet.
Niemand versuchte, ihm zu helfen - obwohl die amerikanische Verfassung grausame und ungewöhnliche Strafen verbietet. Dies war aber offensichtlich ein grausamer und ungewöhnlicher Vorgang. Menschen schauten zu. Niemand kam auf die Idee, ihm ein Gegengift zu injizieren. Die Leute saßen da und schauten zu, wie ein Mensch offenbar qualvoll mit dem Tode rang.
Tatort: Florida, USA. Wie es das Gesetz befiehlt…
Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Ich bin stolz, in einem Lande zu leben, in dem die Todesstrafe abgeschafft wurde, in dem ein unbedingtes Folterverbot gilt.
Warum stolz? Stolz, weil diese Errungenschaften der Humanität nicht vom Himmel gefallen sind. Sie sind das Ergebnis eines jahrhundertelangen Kampfes, der hier im alten Europa gegen den Geist der Barbarei geführt wurde. Ich bin stolz auf mein Land, weil es nach der grauenvollen Erfahrung des Nationalsozialismus einen gewaltigen Schritt in die richtige Richtung getan hat.
Ich weiß: Viele meinen, dass während des Kalten Kriegs und auch später noch viele schreckliche Dinge geschahen, auch in Deutschland. Mag sein. Doch woher kamen die Impulse dazu? Wo steckten die Hintermänner?
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