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25.11.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Als Kinder spielten wir Räuber und Gendarm oder Cowboy und Indianer. Unsere Phantasien dazu stammten aus Wildwest-Filmen oder aus Groschenheftchen. Wir schossen mit Holzgewehren oder stachen mit Plastikmessern aufeinander ein. Das war in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Unsere Eltern ließen uns meist gewähren, auch die Lehrer. Manchmal erhoben sich mahnende Stimmen: Man richte nicht eine Waffe auf andere, selbst im Spaß nicht.
“Aber das ist doch nicht echt, ist doch nur Spiel!” sagten wir.
Und so war es auch. Mitunter gab es Streit, mitunter prügelten wir uns, warfen mit Steinen aufeinander. Das konnte schon ernstere Konsequenzen haben, vor allem, wenn es auf dem Schulhof oder in der Nähe der Schule geschah. Diese Kämpfe wurden mit kindlichem Ernst geführt, waren kein Spiel - hatten auch nichts zu tun mit unseren Indianerschlachten. Dies war uns sehr wohl bewusst, wir kannten den Unterschied.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es heute anders ist. Trotz High Tech und hyper-realer Video-Präsentationen wissen die Kinder sehr genau, wo in Sachen Gewalt die Grenzen zwischen Realität und Phantasie, zwischen Spiel und Ernst liegen. Die Kinder wissen das. Sehr genau. Die Kinder?
Nein, nicht alle, ich muss mich korrigieren. Eins unter Zehntausenden weiß es nicht. Es steigert sich in eine Welt hinein, in der die Gewaltphantasien früher oder später verwirklicht werden. Killerspiele können diesen Prozess intensivieren. Diese Kinder sind nicht etwa “psychotisch”, ihr Denken ist nicht auffällig verwirkt, ihre Anpassung ist nicht unübersehbar gestört. Sie bewegen sich unter Umständen an der Grenze, aber immer noch im Rahmen - von außen betrachtet.
Doch ihre Innenwelt sieht anders aus. Sie ist in zwei Bewusstseinsströme geteilt. Der eine Strom steht unter der Kontrolle der Außenwelt: Eltern, Lehrer, die Häuptlinge der Peer Groups geben die Richtung vor. Doch der andere Strom unterliegt einer organisierenden Kraft aus den Tiefen der Seele - die Gewalt wird zum Konstruktionsprinzip der Wirklichkeitserfahrung.
Diese Kinder würden sich auch ohne Killerspiele so entwickeln. Sie nutzen einen seelischen Mechanismus zur Abwehr einer für sie unerträglichen Realität: die Spaltung, die Dissoziation. Doch diese Spaltung ist zerbrechlich, denn die Anderen, die Sachwalter dieser bedrohlichen, kränkenden Wirklichkeit (Lehrer, Eltern, Mitschüler) sind mächtig. Und dann, in einem kritischen Augenblick, ist nur noch der Ausbruch brutaler Gewalt geeignet, die Spaltung aufrecht zu erhalten - bis in den Tod.
Killerspiele verbieten? Diese Menschen können eine Vielzahl von Hilfsmitteln benutzen, um sich in ihrer gewalttätigen Phantasiewelt zu entfalten. Killerspiele zu verbieten würde uns allenfalls eine trügerische Sicherheit vermitteln.
Geschrieben in Psychologie, Politik | Drucken | 1 Kommentar »