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22.11.2006 von Hans Ulrich Gresch.
Computerspiele verbieten? Erzeugen die “Ego-Shooters” durchgeknallte Killer? Oder senken sie die Schwelle, machen sie Taten wie in Emsdetten wahrscheinlicher?
Die bisherige empirische Forschung kann keine klaren Antworten geben. Das ist auch nicht weiter erstaunlich, denn man kann in diesem Bereich aus pragmatischen und ethischen Gründen nur in engen Grenzen experimentieren.
Also kann nur die Intuition weiterhelfen. Meine Intuition sagt mir: Schlüssel und Schloss. Wenn so ein Killerspiel auf eine bestimmte mentale Struktur trifft, wird es gefährlich. Es gibt offenbar Typen, die diese Spiele benutzen, um sich selbst zum Killer abzurichten. Sie sind gleichsam das mentale Training für das Blutbad. Es handelt sich um Rollenspiele. Entsprechenden Typen helfen sie, eine Killer-Role zu übernehmen und sich in ihr zu entfalten - bis es knallt.
Der Schulschütze Sebastian Bosse hatte für das Spiel Counter-Strike seine Schule als virtuell begehbaren Raum nachgebaut - ein Trainingsfeld für die spätere Tat. Es ist also Unsinn zu behaupten, das Spiel habe ihn zur Tat animiert - vielmehr hat er es für die Tat animiert.
Medienberichten zufolge soll Sebastian B. die Planung seiner Tat in einem Tagebuch akribisch aufgezeichnet haben, in kühler, klarer Sprache ohne Anzeichen psychotischer Verworrenheit. War er ein Selbstmord-Attentäter in eigenem Auftrag? Er hatte offenbar eine Mission, die ihn antrieb und einen Glauben, von dem er durchdrungen war. Dies geht aus seinem Abschiedsbrief (ungekürzt) hervor.
Bastian B., der Ego-Shooter liebte Counter Strike, ein Strategie-Spiel. Die US-Armee liebt es auch, so sehr sogar, dass sie eine Variante dieses Killerspiels kostenlos im Netz anbietet: America’s Armee. Es soll der Rekrutierung von Soldaten dienen. Die Armee hat ähnliche Spiele auch zur Ausbildung von Frontkämpfern entwickelt.
In diesem Spiel bekämpfen Einheiten der US-Armee Aufständische oder Terroristen. Bevor man daran als aktiver Kämpfer teilnehmen kann, muss man zunächst eine Grundausbildung durchlaufen. Infos finden sich bei Wikipedia.
Die US-Armee bezeichnet diese Counter-Strike-Nachahmung als “cost-effektive recruitment tool” - als kosteneffektives Werkzeug zur Rekrutierung. Das US-Militär nutzt heute den Videospiele-Markt ebenso intensiv wie seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Filmindustrie. Hollywood und das Pentagon sind ein eingespieltes Team - und beide Seiten haben etwas davon: Hollywood satte Filmförderungsgelder und die Militärs dürfen sich über massenwirksame Propaganda freuen.
Es ist sicher problematisch, wenn Gewalt in Videospielen, im Film oder in Medien allgemein glorifiziert wird. Noch problematischer ist eine Schwarz-Weiß-Glorifizierung, eine selektive Verherrlichung der Gewalt, verbunden mit einer Unterteilung in die “good guys” und die “bad guys” - in Freiheitshelden und Terroristen. Am schlimmsten ist die selektive Glorifizierung bei gleichzeitiger Erfahrung der Austauschbarkeit: Aus den Freiheitskämpfern von gestern werden heute Terroristen und umgekehrt, in Abhängigkeit von den Interessen des Imperiums, das unsere Welt beherrscht. Das ist eine Heroisierung und Dämonisierung ohne Moral, die allein auf machtpolitischem Kalkül basiert.
Bastian B. sah sich als Freiheitsheld, als Revolutionär in einer Revolution der Ausgestoßenen. Die Bösen waren in seiner Welt alle anderen Menschen, die Ausgrenzer: Lehrer, angepaßte Mitschüler. In seiner Phantasie hat Bastian B. seine Pflicht getan, so wie die virtuellen Soldaten auf seinem Bildschirm, mit denen er - Kamerad unter Kameraden - für das Gute und gegen das Böse kämpfte. Er hatte Gewissensbisse gegenüber den Menschen, denen er wehtun musste. Aber er konnte nicht anders. Er war ein selbstprogrammierter Killer.
Geschrieben in Psychologie, Politik, Psychiatrie, Wissenschaft | Drucken | 3 Kommentare »