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Archive für 11.11.2006

Jenseits des Mittelalters: Psychologie der Folter

folter.jpgViele Zeitgenossen hielten die Folter bisher für ein Überbleibsel aus dem Mittelalter. Sie werden heute durch Zeitungen und Fernsehen eines Schlechteren belehrt. Die Folter ist keineswegs ein Relikt vergangener Tage, sondern nach wie vor ein elementarer Bestandteil militärischer, geheimdienstlicher und polizeilicher Strategien. Viele Staaten auf diesem Planeten lassen foltern, seltener offen, meist im Geheimen.

Viele Zeitgenossen meinen, Sinn der Folter sei im wesentlichen das Erpressen von Geständnissen. Doch dies ist in Wirklichkeit nur ein untergeordnetes Ziel. Die Folter eignet sich nämlich zu diesem Zweck nicht besonders gut. Da man Menschen durch die Folter zu allem Erdenklichen zwingen kann, sind sie auch, einen versierten und brutalen Folterer vorausgesetzt, dazu bereit, alles Erdenkliche höchst überzeugend zu gestehen, um weiterer Folter zu entgehen. Dabei muss es sich selbstverständlich nicht unbedingt um die Wahrheit handeln.

Die Folterer wissen dies natürlich. Sie verfolgen in der Regel andere Ziele. Ein wichtiges Ziel der Folter besteht darin, die Identität des Gefolterten zu zerstören. Dies bedeutet, dass ihm buchstäblich jeder Eigensinn genommen werden soll. Er soll keinen Gedanken, kein Gefühl, keine Wahrnehmung mehr haben, die er noch als sein eigen empfinden könnte. Er soll nicht mehr in der Lage sein, sich selbst zu spüren, in seinem Lebensgefühl zu schwimmen wie ein normaler Mensch.

Auf wissenschaftlicher Basis wurden Methoden der Identitätszerstörung entwickelt und perfektioniert. Die Folterforschung ist finanziell bestens ausgestattet. Psychologische, psychotherapeutische, psychiatrische und neurophysiologische Erkenntnisse wurden zusammengetragen, bestialische Verfahren der Manipulation wurden mit wissenschaftlicher Akribie experimentell erforscht.
Doch die Zerstörung der Identität ist nicht das Endziel, sondern die Voraussetzung für weitaus ehrgeizigere Absichten. Es geht darum, den seines Eigensinns beraubten Menschen mental zu versklaven. Man nennt das “Umdrehen”. Im Extremfall werden die Opfer abgerichtet wie Hunde, die auf Pfiff Befehle ausführen - und dabei u. U. auch bedenkenlos ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen.

Experten vermuten, dass manche Attentäter, auch Selbstmordattentäter zuvor Opfer dieser ausgefeilten und wissenschaftlich untermauerten Form der Gehirnwäsche wurden.
Folter ist also oft mehr als nur das Zufügen extremer Schmerzen. Sie ist oft auch nicht das Werk moralisch verlotterter Sadisten. Sie ist vielfach eine schwarze Kunst, die von wissenschaftlich ausgebildeten und psychiatrisch oder psychotherapeutisch geschulten Experten ausgeübt wird - im Namen des Staates.

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Man hätte nur richtig hinschauen müssen

Im Jahre 2003 schrieb ich einen Leserbrief zur 33. Ausgabe des Nachrichtenmagazins “Der Spiegel”:

“Telefax
An: Spiegel, Leserbriefredaktion
Von: Dr. Hans Ulrich Gresch
Leserbrief zum Artikel „Ein Fußball für die Taliban“, Spiegel, 33/2003

Das Bild auf Seite 98 („Häftlinge im Camp X-Ray“) sollte man sich genauer anschauen – am besten mit einer Lupe. Man erkennt, dass die Gefangenen schwarze Brillen, Mundschutz, Ohrenschützer und dicke Handschuhe tragen. Dies lässt nur einen Schluss zu: Die Gefangenen werden der „sensorischen Deprivation“ unterworfen. Der systematische Reizentzug führt schon nach wenigen Stunden zu einer Destabilisierung der Psyche, später dann zu psychotischen Störungen und zu einer in Extrem gesteigerten Suggestibilität. Dies ist eindeutig eine folterartige Form der Gehirnwäsche. Die Belohnung willfähriger Häftlinge ist daher keine humanitäre Hafterleichterung, sondern ein Bestandteil dieser Strategie zur „Bewusstseinskontrolle“, die von der CIA während des Kalten Kriegs entwickelt und perfektioniert wurde.

Dr. Hans Ulrich Gresch”

Leider wurde dieser Leserbrief nicht veröffentlicht. Heute dürfte den meisten Menschen klar sein, dass ich recht hatte. Man hätte es damals schon wissen können. Man hätte nur richtig hinschauen müssen…

Ein böser Traum vom Kalten Krieg

Heut’ Nacht hatte ich einen bösen Traum. Ich träumte, zu Beginn des Kalten Kriegs habe das Pentagon beschlossen, in Europa eine geheime Partisanenarmee aufzubauen. Herzstück dieser Partisanenarmee sollte eine Spezialeinheit sein, die aus mentalen Sklaven bestand. Zur mentalen Versklavung sollte eine Methode eingesetzt werden, die im neunzehnten Jahrhundert von Geheimgesellschaften entwickelt und von den Nazis in einigen KZs verfeinert worden war. Sie bestand darin, durch Drogen, Hypnose, Folter, sensorische Deprivation und Elektroschocks Kinder in künstliche multiple Persönlichkeiten zu verwandeln und die entstehenden Persönlichkeitsfragmente zu dressieren. Diese dressierten Kinder sollten dann schon als Halbwüchsige für Attentate eingesetzt werden, falls die Sowjets in Europa einmarschieren sollten. Die Kinder wurden ihres freien Willens beraubt und abgerichtet, wie Roboter Befehle auszuführen, sobald sie vorher vereinbarte Parolen hörten.

Auch in Deutschland, so erfuhr ich in meinem Traum, wurden solche Kinder ausgewählt und abgerichtet. Die Eltern waren erpressbar, zum Beispiel weil sie durch Verbrechen in der Nazi-Zeit belastet waren, von denen das Pentagon und seine geheimdienstlichen Krakenarme wussten. Am Ende des Kalten Krieges sei dieses Projekt eingestellt worden. Heute würden hunderte herrenlose Sklaven in Deutschland herumgeistern - psychische Wracks, verängstigt, verstört, halb wahnsinnig und womöglich sehr, sehr gefährlich…

Und ich träumte, dass einige dieser mentalen Sklaven über ihre wiederkehrenden Erinnerungen zu sprechen begannen und daraufhin Besuch von unfreundlichen Herren erhielten. Diese sagten: “Wenn Du nicht schweigst, werden wir Dich vernichten. Wir sorgen dafür, dass Du Deinen Job verlierst, wir zerstören Deine Familie, wir bringen Dich im Ernstfall auch um. Und niemand wird Dir helfen, denn hinter uns steht der Staat!”

Dann erwachte ich schweißgebadet…

Den wissenschaftlichen Hintergrund derartiger Alpträume habe ich in meinem eBook “Unsichtbare Ketten” ausgearbeitet.

Eine nachdenkliche Randbemerkung zum bösen Traum vom Kalten Krieg:

Am 15. und 19. Oktober 1958 testeten die Amerikaner nachweislich zum erstenmal Mini-Atombomben - und zwar zwei “Mini-Nukes” mit dem W-54-Davy-Crockett-Sprengkopf. Die Testgeräte wogen nur 16 kg und maßen 28 mal 30 cm. Aus einem CIA-Dokument geht hervor, dass die militärische Führung der USA damals erwog, Partisanen mit diesen Bomben auszurüsten.

Zu welchem anderen Zweck braucht denn Mini-Nukes, wenn nicht für Partisanen oder Terroristen? Der Zündung einer solchen Bombe wäre für die Zündenden mit aller größter Wahrscheinlichkeit tödlich gewesen. Sie war also nur für Himmelfahrtskommandos geeignet (Weitere Infos). Die logische Konsequenz: Wer eine solche Waffe einsetzen will, braucht “Suicide Bombers”. Was liegt näher, als “mentale Roboter” für diese Aufgabe zu kreieren?

Neuer Stoff für böse Träume. Manche werden vielleicht träumen, sie seien selbst “mentale Sklaven”. Manche werden sich vielleicht unter Qualen an die Gehirnwäsche erinnern, an Folter, Drogen, Hypnose, Elektroschocks, militärisches Training, Abrichtung zu Attentaten… Doch zum Glück gibt es die Theorie der falschen Erinnerungen, das “False Memory Syndrome”. Wir können beruhigt weiterschlafen…

Die lange Schlange

ewag.jpgIm Supermarkt. Ich warte in einer langen Schlange. Vor mir steht eine flüchtige Bekannte. Ein paar Worte liegen hinter uns. ”

Lange Schlangen haben auch Vorteile!”, sage ich.

“Wieso?”

“Nun, lange Schlangen sind meist nicht giftig”.

Der Hauch eines Lächelns huscht über das hagere Gesicht einer Blonden um die 40 vor uns. Die Kassiererin hämmert in die Tastatur. Im Kassenbereich hängt von der Decke ein Kabel herab. Am Ende des Kabels befindet sich ein Knopf.

Auf einer Tafel darüber steht: “Drücken Sie bitte hier, wenn wir eine neue Kasse öffnen sollen!”

Ich bewege mich in die Richtung des Knopfs.

Meine Bekannte sagt: “Das nützt nichts. Die haben das abgeschaltet.”

Aus Augenwinkeln schaut die Kassiererin kurz auf. Ihr Gesicht ist eine Spur heller. Doch es verdüstert sich wieder.

“Die sind knapp mit dem Personal”, erklärt die Blonde. “Daher!”

“Ich glaub’s einfach nicht”, sage ich, drücke den Knopf - und in der Tat. Kein Laut. Kein: “Vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir öffnen sofort eine weitere Kasse für Sie.”

Als ich mich wieder in die Schlange einreihe, funkelt mich die Kassiererin böse an, schweigt aber.

“Vielleicht ist das Ding ja auch nur kaputt!” meint ein Dicker im Hintergrund.

“Ach was”, keift eine Kundin, “die schieben ‘ne ruhige Kugel da hinten in ihrem Kabuff! Aber zahlen sollen wir die Preise schon. Und seit dem Euro wird alles teurer” 

Plötzlich eilt eine Verkäuferin herbei und öffnet eine zweite Kasse. Einer Eingebung folgend betätige ich den Knopf noch einmal. Und tatsächlich, er funktioniert wieder.

“Sehr merkwürdig!” murmele ich.

“Keineswegs”, sagte ein junger Mann, der gerade seine Ware auf das Laufband legt. “Schauen Sie dort!”

Er weist auf ein Plakat der Supermarktkette mit der Aufschrift: “Rufen Sie mich an. Ihre Kundenberaterin.” 

Nun bin ich an der Reihe. Die Kassiererin scant die Ware mit düsterem Blick.

Plötzlich blickt sie kurz mit einem blitzgescheiten Blick von schräg unten zu mir auf und murmelt: “Wir können nichts dafür.”

Dann arbeitet sie weiter, als sei nichts geschehen.  Die lange Schlange löst sich auf. Ein Glück: Lange Schlangen sind meist nicht giftig - und wenn, dann nur vorübergehend. 

Paradies, Satan, Gewissen

In der Straßenbahn. Es ist ein trüber, düsterer Tag. Und ich fahre zu einem unangenehmen Treffen. Meine Laune ist mies.

Die Tram rattert wie Presslufthämmer.

Ein Mann unbestimmten Alters setzt sich neben mich. Er trägt eine eigentümliche Kappe und hat einen Rauschebart. Seine Kleidung ist grau und wirkt zerschlissen. Ich schaue gelangweilt aus dem Fenster.

“Dort draußen ist das Paradies!” sagt der Mann, als sei er ein vertrauter Begleiter.

“Das Paradies stelle ich mir anders vor!”

“Doch”, wiederholt er, “dort draußen ist das Paradies!”

Wir schweigen einige Minuten. Doch dann: “Sie sehen es nur nicht, das Paradies.”

Der Kerl ist offenbar hartnäckig. Um die Sache abzukürzen, sage ich: “Mit Jesus müssen Sie mir nicht kommen. Dagegen bin ich immun.”

“Doch, Jesus steckt Ihnen in den Knochen. Sie wissen es nur nicht.”

“Das ist mir neu!” erwidere ich amüsiert.

“Sie sagen doch selbst, dass Sie das Paradies nicht sehen. Und das ist der Grund: die Jesus-Seuche!”

Das Gespräch hat eine seltsame Wendung genommen, mit der ich nicht gerechnet hatte. Und so schaue ich mir den Menschen genauer an. Er sieht aus wie ein Penner. Aber er stinkt nicht - nicht nach Alkohol, auch nicht nach Schweiß.

“Sie sehen es wohl, das Paradies?” frage ich.

“Bei Satan, ja!”

“Sind Sie etwa Satanist?” lache ich. “Und es sind wohl satanische Kräfte, durch die Sie das Paradies sehen können.”

“Nein, das Paradies zu sehen, ist der Normalzustand. Sie sehen das Paradies nicht, weil sie eine zerstörerische Kraft daran hindert.”

Die Fahrgäste um uns herum sitzen wie erstarrt auf ihren Bänken,und ich spüre, wie sie innerlich von uns abrücken. Für Sekunden spiele ich mit dem Gedanken, an der nächsten Haltestelle auszusteigen, um diesem Irren zu entkommen.

Doch dann will ich es wissen:”Und welche Kraft soll das sein?”

“Es ist das Gewissen!”

Die Straßenbahn hält. Der Mann steigt kurz nickend wortlos aus und verschwindet im Gedränge.

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